Author Topic: Theodor Gomperz: Griechische Denker  (Read 36688 times)

Offline sandhofer

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Re: Theodor Gomperz: Griechische Denker
« Reply #30 on: 09. Mai 2013, 08.49 Uhr »
Was mich ebenfalls immer wieder irritiert, ist Gomperz' Manie, Welterklärungsmodelle der alten Griechen mit physikalischen seiner Zeit in Verbindung zu bringen, bzw. die zeitgenössischen Modelle zur Illustration des antiken Denkens verwendet. Wenn er dann das griechische Vakuum zugunsten des Äthers verwirft, wird's für uns Heutige nachgerade grotesk ...
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Re: Theodor Gomperz: Griechische Denker
« Reply #31 on: 09. Mai 2013, 18.35 Uhr »
Wenn er dann das griechische Vakuum zugunsten des Äthers verwirft, wird's für uns Heutige nachgerade grotesk ...

Womit er unabsichtlich den Nagel auf den Kopf trifft. Aus genau diesem Grunde sind solche Sachen immer ein Unding. Zu Gomperz' Zeiten waren diese "retrospektive Erkenntnissbetrachtung" gang und gäbe, während man das mittlerweile seltener antrifft. Aber immer noch häufig genug. (Umgekehrt gibt's das auch: Dass man aus Utopien Prophetisches herausliest. Allerdings selten, weil die Autoren meist so falsch liegen, dass selbst der wohlmeinendste Interpret dem Autor keine seherischen Fähigkeiten zusprechen wird.)

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Offline sandhofer

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Re: Theodor Gomperz: Griechische Denker
« Reply #32 on: 10. Mai 2013, 07.37 Uhr »
Ich denke auch, dass das Zielpublikum ein anderes war als bei Zeller. Zeller schreibt für seinesgleichen; Gomperz zwar auch, aber mindestens genauso für ein breites Publikum von interessierten Bildungsbürgern. Und denen versucht er z.B. die Sophisten näher zu bringen, indem er sie nicht nur mit den Aufklärern sondern auch mit den Universalgelehrten der Renaissance vergleicht.
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Offline sandhofer

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Re: Theodor Gomperz: Griechische Denker
« Reply #33 on: 22. Mai 2013, 20.19 Uhr »
Ich muss mal schauen, dass ich meine Gedanken zum ersten Band mal hier sammeln kann, bevor ich sie im Blog präsentieren, denn mittlerweile bin ich wirklich damit durch ...  :angel:
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Re: Theodor Gomperz: Griechische Denker
« Reply #34 on: 09. Juni 2013, 07.57 Uhr »
Ich muss mal schauen, dass ich meine Gedanken zum ersten Band mal hier sammeln kann, bevor ich sie im Blog präsentieren, [...]

Upsi, zu spät. Jetzt ist schon was im Blog ...  ^-^
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Offline orzifar

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Re: Theodor Gomperz: Griechische Denker
« Reply #35 on: 11. Juni 2013, 09.37 Uhr »
Hallo!

Habe nun das zweite Buch begonnen (Xenophanes und Parmenides). Hier gelingt es Gomperz nicht ganz so gut wie bei Pythagoras, die Motivationen der Denker herauszustellen. Wenngleich die Kapitel trotzdem sehr lesbar sind.

Bei Parmenides fällt auf, dass dessen bedeutende und bemerkenswerte Einsicht über die Widerspruchsfreiheit von Theorien nicht erwähnt wird. Mittlerweile wird das für die größte Leisung dieses Denkers gehalten - aber vor 100 Jahren dürfte die Wichtigkeit solcher rein logischer Überlegungen geringer gewesen sein. Aber es wäre für Gomperz eine Gelegenheit gewesen, eine tatsächlich die Jahrtausende überdauernde Leistung herauszustellen. (Hingegen werden die beiden für Popper so bedeutende Zitate von Xenophanes herausgestrichen, die Relativität des Wissens war auch vor 100 Jahren - naja, seit Hume, eine wichtige Einsicht.)

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Re: Theodor Gomperz: Griechische Denker
« Reply #36 on: 22. Juni 2013, 04.27 Uhr »
Hallo!

Habe nun das zweite Buch beendet und bin doch ein wenig enttäuscht. Über die Vorsokratiker, insbesondere Xenophanes, Parmenides und Empedokles ansprechend und spannend zu schreiben, scheint eine große Herausforderungen zu sein. Einzig das Kapitel über Hekataios und Herodot hat ein wenig entschädigt, ansonsten war das viel Faktenhuberei, ohne aber einen roten Faden erkennen zu lassen (wie es etwa Gomperz bei Pythagoras so gut gelungen ist).

Ich bin nun bereit gespannt, wie sich Zeller dieser Aufgabe entledigt, habe außerdem noch vor, das entsprechende Kapitel im Chatelet zu lesen (von Jean Bernhardt, der mir kein Begriff ist).

lg

orzifar

Nach dem 3. Buch Gomperz' werde ich den Zeller lesen. Ich glaube aber, dass dieser für den gleichen Zeitraum den vierfachen Umfang benötigt. Wird also ein wenig dauern ...
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Re: Theodor Gomperz: Griechische Denker
« Reply #37 on: 22. Juni 2013, 07.57 Uhr »
Hallo!

Das 3. Buch wird wieder besser.  8)

Grüsse

sandhofer
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Re: Theodor Gomperz: Griechische Denker
« Reply #38 on: 24. August 2013, 07.57 Uhr »
Band 2 begonnen. Habe ich mich nur an Gomperz' Stil gewöhnt, oder wird er tatsächlich besser, weniger blumicht? Der zweite Band beginnt mit einer schon beinahe soziologischen Analyse der griechischen Verhältnissse zu Sokrates' Zeit. Und mit den drei grossen Tragödien-Schreibern. Offenbar traut Gomperz dem Theater eine Beschreibung der Situation besser zu als den Philosophen...  :angel:
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Re: Theodor Gomperz: Griechische Denker
« Reply #39 on: 24. August 2013, 14.11 Uhr »
Zugegeben: Inhaltlich neigt Gomperz nach wie vor zur Hyperbole. So, wenn er im 2. Kapitel eine förmliche Liebeserklärung ans alte Athen verfasst. Und dann kann es geschehen, dass der überschwängliche Inhalt in eine überschwängliche Sprache mündet...
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Re: Theodor Gomperz: Griechische Denker
« Reply #40 on: 25. August 2013, 20.52 Uhr »
Gomperz neigt zur Dramatisierung - im wahrsten Sinn des Wortes. Dennoch ist, was er über Sokrates schreibt, präzise und einleuchtend. Er schlägt sich weniger mit Fachmeinungen anderer herum, was seine Darstellung lesbarer macht als die von Zeller. Inhaltlich scheinen mir relativ wenige, und wenn dann kleinere, Differenzen vorzuliegen.
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Re: Theodor Gomperz: Griechische Denker
« Reply #41 on: 26. August 2013, 20.07 Uhr »
Gomperz' Bemerkungen zur Homosexualität (der "Knabenliebe") der alten Griechen sind - in Anbetracht von Zeit und Ort der Niederschrift - sehr liberal. Der erste, der die antike Homosexualität nicht verschweigt, sondern als wichtigen Bestandteil ihres Lebens und a fortiori ihrer Philosophie betrachtet. Chapeau!
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Re: Theodor Gomperz: Griechische Denker
« Reply #42 on: 27. August 2013, 01.03 Uhr »
Hallo!

Es hat gedauert, bis ich den Gomperz wieder zur Hand genommen habe. Drittes Buch - erstes Kapitel: Die Ärzte. Eine Auswahl aus den hippokratischen Schriften wird besprochen (diese Schriften sind ein sehr uneinheitlicher Textkorpus, der von vielen verschiedenen Autoren zu verschiedenen Zeiten verfasst wurde), auf ihre Heterogenität wird hingewiesen, vor allem aber auf den von den meisten dieser Texte unternommenen Versuch, die Medizin von allerlei Obskurantismus zu befreien (womit Aktualität hergestellt wird: In keinem anderen Bereich hat esoterisches Brimborium besser überlebt).

Interessant ist vor allem, was Gomperz in diesem Zusammenhang über Hypothesen schreibt: Hier nimmt er eine ausnehmend moderne Haltung ein, zitiert auch den von Popper in Anspruch genommenen Xenophanes, der auf die Fehlbarkeit des Verstandes und das Vorläufige der Wahrheit hinwies, daneben Herodot (der ähnlich wie der Vorsokratiker und im Sinne des Fallibilismus Hypothesen zurückweist, die nicht falsifizierbar sind) und unterscheidet zwischen unwissenschaftlicher und unrichtiger Theorie. Gerade die Ärzte hatten sich gegen die metaphysischen Auslassungen eines Empedokles und seiner Schüler gewandt, die da vorgaben, über die Entstehung der Welt oder des Menschen gesichertes Wissen zu besitzen. Insofern wurde ihnen eine ähnliche Rolle zuteil wie der Physik der Neuzeit: Sie konzentrierten sich auf das Mögliche und Machbare, weigerten sich hingegen, jene auf das "Ganze" zielenden Fragen zu beantworten, weil sie dadurch auf reine Spekulation verwiesen werden würden.

Nun weiter zu den Atomisten, die sicher ganz nach Gomperz' Geschmack sind.

lg

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Re: Theodor Gomperz: Griechische Denker
« Reply #43 on: 27. August 2013, 21.20 Uhr »
Nun weiter zu den Atomisten, die sicher ganz nach Gomperz' Geschmack sind.

Wenn ich mich recht erinnere, spinnt er da Fäden auch zu Locke und Hobbes - von der zeitgenössischen Physik ganz zu schweigen. Das ist das einzige, was mich wirklich stört, denn sogar den blumichten Stil verzeihe ich ihm, zumal er im zweiten Band bedeutend zurückhaltender wird: seine fortwährenden Vergleiche mit Späteren. Die Absicht ist sicher edel, weil pädagogisch, aber mir hilft sie nicht ...
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Re: Theodor Gomperz: Griechische Denker
« Reply #44 on: 28. August 2013, 10.56 Uhr »
Bei Platon interpretiert er nun quasi Dialog für Dialog, im dessen Entwicklung - v.a. in Bezug auf die Ideenlehre - aufzuzeigen. Macht so richtig Lust, den einen oder andern Dialog wieder einmal nachzulesen.

Dimmi quando, sag mir wann...
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