Hallo!
Es hat gedauert, bis ich den Gomperz wieder zur Hand genommen habe. Drittes Buch - erstes Kapitel: Die Ärzte. Eine Auswahl aus den hippokratischen Schriften wird besprochen (diese Schriften sind ein sehr uneinheitlicher Textkorpus, der von vielen verschiedenen Autoren zu verschiedenen Zeiten verfasst wurde), auf ihre Heterogenität wird hingewiesen, vor allem aber auf den von den meisten dieser Texte unternommenen Versuch, die Medizin von allerlei Obskurantismus zu befreien (womit Aktualität hergestellt wird: In keinem anderen Bereich hat esoterisches Brimborium besser überlebt).
Interessant ist vor allem, was Gomperz in diesem Zusammenhang über Hypothesen schreibt: Hier nimmt er eine ausnehmend moderne Haltung ein, zitiert auch den von Popper in Anspruch genommenen Xenophanes, der auf die Fehlbarkeit des Verstandes und das Vorläufige der Wahrheit hinwies, daneben Herodot (der ähnlich wie der Vorsokratiker und im Sinne des Fallibilismus Hypothesen zurückweist, die nicht falsifizierbar sind) und unterscheidet zwischen unwissenschaftlicher und unrichtiger Theorie. Gerade die Ärzte hatten sich gegen die metaphysischen Auslassungen eines Empedokles und seiner Schüler gewandt, die da vorgaben, über die Entstehung der Welt oder des Menschen gesichertes Wissen zu besitzen. Insofern wurde ihnen eine ähnliche Rolle zuteil wie der Physik der Neuzeit: Sie konzentrierten sich auf das Mögliche und Machbare, weigerten sich hingegen, jene auf das "Ganze" zielenden Fragen zu beantworten, weil sie dadurch auf reine Spekulation verwiesen werden würden.
Nun weiter zu den Atomisten, die sicher ganz nach Gomperz' Geschmack sind.
lg
orzifar