Hallo!
Die letzten Seiten des ersten Buches: Wenn Gomperz zu Recht den missverständlichen Gebrauch der Kopula "ist" bei Gorgias anprangert, hat er natürlich Recht. Allerdings wurde damit für die Zukunft nichts bewirkt: Denn genau denselben Unsinn hat einige Jahre später Heidegger verbrochen*. Müsste man vielen Philosophen ins Stammbuch schreiben: Eine Kopula ist keine Existenzbehauptung. Was die Möglichkeit von Erkenntnis betrifft, so scheint mir Gomperz eine grundlegende Ursache für diese Schwierigkeit zu vergessen: Dass nämlich Erkenntnis immer als sicher gedacht wurde. Erst durch die Anerkenntnis des Hypothetischen verschwindet diese Problematik. Mit der dritten These (Unmöglichkeit einer intersubjektiven Vermittlung des Erkannten über die Sprache) wird die Aktualität des griechischen Denkens sichtbar: Genau dasselbe Problem hat den Wiener Kreis, die Analytiker, aber auch die Kritischen Rationalisten umgetrieben, um irgendwann feststellen zu müssen, dass auch in diesem Zusammenhang der Gewissheitsbegriff aufzugeben ist. Interessant und auch amüsant scheint mir das Faktum, dass sich die erkenntnistheoretischen Probleme in zweieinhalb Tausend Jahren nicht wirklich geändert haben, geschweige denn, dass sie gelöst worden wären. Man nimmt hingegen immer stärker auf das Sokratische Nichtwissen Bezug.
Zum Schluss eine Hommage an Thukydides - und eine Gegenüberstellung seines Werkes mit dem von Herodot. Hier wieder lese ich Gomperz mit großem Vergnügen, keine mühsamen Deduzierungen aus Fragmenten, sondern angenehm kluge Beschreibungen. Thukydides sieht sich als kritischen Geschichtsschreiber, ihm ist das Fabulieren, Extrapolieren eines Hekataios fremd, er versucht nicht wie Herodot die wahrscheinlichste Variante zu rekonstruieren, sondern orientiert sich - weitghend - an Fakten. "Zweifelnde Zurückhaltung" nennt Gomperz das Verfahren des Thukydides - und er trifft es damit gut. Auch wenn die häufige Wiedergabe der direkten Rede einer kritischen Geschichtsschreibung nicht entspricht (allerdings ist Thukydides etwa sämtlichen Historiker marxistischer Provenienz in seiner Unvoreingenommenheit bei weitem überlegen), so ist das Bemühen um Objektivität immer spürbar. (Ich hätte nicht übel Lust, Thukydides mal wieder zur Hand zu nehmen.)
lg
orzifar
*) Ein Vergleich illustriert die Ähnlichkeit. Bei Gorgias (nach Gomperz) heißt es: Nichtsein ist Nichtsein. Daraus wird geschlossen, dass das Nichtssein nicht nichts ist, weil es offenbar doch etwas ist. Wodurch auch der Unterschied zwischen Sein und Nichtsein nichtig ist.
Und nun Heidegger: "Erforscht werden soll nur das Seiende und sonst - nichts, das Seiende allein und weiter - nichts; das Seiende einzig und darüber hinaus - nichts. Wie steht es nun um dieses Nichts?" Während bei Gorgias das "ist" einmal als Kopula, dann als Zeichen für Existenz missbraucht wird, wird bei Heidegger aus einem Umstandswort plötzlich eine Hypostasierung, eine Gegenstandsbezeichnung. Das sind billige Sprachtäuschungen, die den Schein von Tiefgang erzeugen sollen - und sonst nichts.