Das klingt so, als wenn du den Cellini doch wieder liest bzw. weiterliest.
Ich versuch's ja in jeder Horen-Nummer wieder. Aber nach einer Seite oder zwei gebe ich auf. Zu viel vom Gleichen. Und dann Goethes Kurialstil...

1. ganz allgemein die Frage, was Goethe an Cellini interessiert und speziell warum er sich mit einem Manieristen beschäftigt, wo er doch in der Italienischen Reise den Manierismus noch vehement ablehnt
Die Frage ist gut, aber ich fürchte, der Cellini gibt keine Antwort...
2. die abenteuerliche exzentrische Figur des „Renaissancemenschen“ Cellini , dessen Durchsetzungs- und Behauptungswillen bis an die Grenzen des Kriminellen und darüber hinaus gehen., eines „Künstler-Verbrechers“ ähnlich wie Caravaggio.
Heinses
Ardinghello hatte den Typ geprägt; hier findet Goethe ein reales Gegenbild. Aber ob das alleine die Faszination erklärt?
3. Cellinis Homo- oder Bisexualität und Goethes Haltung dazu vor dem Hintergrund eigener souveräner Darstellungen gleichgeschlechtlicher Liebe in seinem Werk und der toleranten solidarischen Haltung, die er im Falle Winckelmanns einnimmt und die er und Schiller ganz im Gegensatz zu den (hämischen)Romantikerkollegen in der Hartenberg-Affäre Johannes von Müller gegenüber an den Tag legen.
Diese liberale Haltung ist es ja, die Goethe und Schiller auch zu den letzten der Aufklärung gehören lässt. Umso mehr staune ich jedesmal, dass man in dern
Horen einen Mann wie Pfeffel seine nur schlecht versteckten Invektiven gegen die Aufklärung loslassen lässt.
Die Autobiographie liest sich wie ein Schelmenroman: Händel um Nichtigkeiten, Konkurrenzkämpfe, Tricksereien, viel Technik und Handwerkliches, schlau-dreister Umgang mit den Herrschenden (Papst, Könige, Fürsten)
Ja. Aber zu viel von immer wieder demselben...
Das ganze in einem ziemlich kruden Stil.
Ich hätte ja nun Goethes Stil nicht als krude bezeichnet...

Ich glaube , es entsteht ein schiefes Bild wenn man den Cellini außen vor lässt. Wie oft fanden wir den Inhalt einzelner Folgen brav, bieder, moralinsauer, ja spießig. Da schafft doch ein Renaissance-Tausendsassa wie Cellini ein willkommenes Gegengewicht …
Würde er vielleicht schaffen, wenn er nicht im spiessigsten Kurialstil daher geschritten käme, dessen Goethe mächtig ist. In Jahnns
Fluss ohne Ufer, das ich gerade lese, haben wir ja auch so eine Diskrepanz, indem die Protagonisten allesamt (inkl. einfache Matrosen) so reden, als ob sie Gymnasiallehrer aus dem Ende des 19. Jahrhunderts wären. Aber bei Jahnn trägt das zur gespenstischen Atmosphäre bei, die auf dem
Holzschiff herrscht - eine mächtige Inkongruenz, wohin man schaut. Beim
Cellini habe ich einfach den Eindruck, Goethe konnte oder wollte nicht anders. (Bzs.: dass er anders wollen kann, hat er ja im Märchen gezeigt...)