Ich erlaube mir, die Chronologie des ersten Stücks zu verlassen und mich zunächst Schillers Beschluss der Abhandlung über naive und sentimentalische Dichter zu widmen.
Im dritten Teil dieser Abhandlung wird es grundsätzlich. Schiller baut sich und dem Leser allerdings zunächst einmal eine Rampe, die damit anhebt, dass der naive und der sentimentalische Dichter noch einmal frontal gegenübergestellt werden. Erstgenannter wirkt als ungeteilte Einheit, während Letzterer immerhin noch über die Macht und den Trieb verfügt, die verlorene Einheit aus sich selbst wieder herzustellen. Beide geben der menschlichen Natur ihren vollständigen Ausdruck, wobei der naive Dichter dem sentimentalischen die sinnliche Realität voraus hat, während der sentimentalische Dichter dem Trieb nach Ganzheit eine größere Tragweite verleihen kann. Die Wirklichkeit des Naiven bleibt für Schiller dann aber doch hinter dem Ideal zurück, weil das sinnlich Existierende Einschränkungen unterworfen ist, die die Freiheit der Ideenwelt nicht kennt. Das sentimentalische Genie verlässt die Wirklichkeit, um zu Ideen aufzusteigen.
Schiller diskutiert dann zwei Grundsätze, die den Zweck der Poesie definieren sollen, wobei sie sich seiner Meinung nach gegenseitig ausschließen: zum einen Dichtung als Erholung (verstanden als Rückkehr zu einem natürlichen Zustand nach den Mühen des Alltags), zum anderen als Veredlung. Erholung in Form erschlaffenden Genusses stößt zwar auf Schillers Verständnis (der Körper fordert schließlich noch vor dem Geist seine Rechte!), ist aber als Glück der Mittelmäßigkeit Gift für das Empfinden des wahren Schönen und das Formulieren richtiger ästhetischer Urteile. Aber auch das Ideal der Veredlung birgt Gefahren. Sie zielt auf die unendliche Welt schrankenloser Ideen und Gedanken und kann deshalb zu form- und gehaltlosen Überspannungen und Schwärmereien führen. Die Lösung ist für Schiller die Vereinigung des naiven mit dem sentimentalischen Charakter zu einem Ideal schöner Menschlichkeit.
Der Weg dahin ist allerdings ein sehr weiter. Schiller sieht die Menschheit durch zwei miteinander unvereinbare Lebens- und Denkweisen entzweit. Der psychologische Antagonismus unter den Menschen in einem sich kultivierenden Jahrhundert bildet sich (analog zu den Begriffen naiv und sentimentalisch) durch die Seinsweisen des Realismus und Idealismus. Der Realist praktiziert eine resignierte Unterwerfung unter die Notwendigkeit der Natur, der Idealist unter die Notwendigkeit der Vernunft. Der Realist wird fragen, wozu eine Sache gut sei und die Dinge nach dem, was sie wert sind, taxieren. Der Idealist wird fragen, ob eine Sache generell gut sei und sie nach dem taxieren, was sie würdig ist. Was der Realist liebt, wird er zu beglücken, der Idealist wird es zu veredeln suchen. Der Realist bezweckt Wohlstand, der Idealist Freiheit. Der Realist wähnt sich im Besitz der Erde, kümmert sich nicht um Dinge, von denen er keine Ahnung und an die er keinen Glauben hat. Der Idealist hat lange kein so gutes Schicksal. Er denkt von den Menschen so groß, dass er darüber in Gefahr kommt, die Menschen zu verachten, während der Realist sich als Menschenfreund beweist, ohne einen hohen Begriff von der Menschheit zu haben. Der Realist handelt würdiger als er denkt, der Idealist denkt erhabener als er handelt. Der Realist beweist durch seine Haltung die Selbständigkeit der menschlichen Natur, der Idealist deren Bedürftigkeit.
Dann diese wunderschöne Metapher: Die Welt, wie der Realist sie um sich herum bildet, ist ein wohl angelegter Garten, worin alles nützt und, was nicht Früchte trägt, verbannt ist. Die Welt unter den Händen der Idealisten ist eine weniger benutzte, aber in einem größeren Charakter ausgeführte Natur.
Zur Einordnung dieses Traktats in das Schillersche Denken haben wir oben schon einiges zusammengetragen. Wenn ich die Zeit finde, werde ich noch einige Zeilen zur kürzlich wieder gelesenen Poetik des Aristoteles nachtragen. Auch wenn Schiller sich darauf mit größter Wahrscheinlichkeit in den Naiven ... nicht bezieht, gibt es imho Zusammenhänge mit den Ästhetischen Briefen aus dem Frühjahr 1795.