Author Topic: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller  (Read 255775 times)

Offline Gontscharow

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Quote from:  sandhofer im blog
Er hat seine theoretischen Schriften […] untergebracht und auch von Goethe und andern Beiträgern das eine oder andere nicht Üble erhalten.[...]
Das erste Jahr hätte […] einen fulminanteren Schluss verdient.

Was die literarische Relevanz des ersten Jahrgangs betrifft, so ist vielleicht zu erwähnen, dass es immerhin zwei Werke aus dem ersten Jahr der Horen in Reich Ranickis Best-of-Sammlungen geschafft haben!
 
Die besten deutschen Erzählungen/Gedichte. Ausgewählt von Marcel Reich-Ranicki wurden mir zu Weihnachten verehrt. Ich hätte sie mir nicht unbedingt zugelegt, in bezug auf Buch-Geschenke empfinde ich ähnlich wie Gronauer im Klassikerforum...  ;D
Trotz aller gegebener Einschränkungen schätze ich Reich-Ranickis literarisches Urteilsvermögen  und halte seine Auswahl für nicht unerheblich.

Nun gut, welches sind nun besagte Werke?
Im Bereich Erzählungen: Die Sängerin Antonelli aus Goethes Unterhaltungen nebst Gebrabbel des Geistlichen über Wahrheit, Wahrscheinlichkeit bzw. Glaubwürdigkeit des Erzählens. Die Erzählung fand ich ja auch ganz beachtlich. Von Goethe gibt es nur zwei Erzählungen. Das Mährchen ist nicht darunter.
Im Bereich Gedichte ist es… tara!: Schillers Die Theilung der Erde. Schiller ist mit nur drei Gedichten vertreten. Die beiden anderen sind die Balladen Kraniche und Polykrates. Na ja, das Gedicht Theilung fand ich doof. Es ist sowas von im negativen Sinne sentimentalisch: Der krampfhafte und selbstverleugnende Versuch, naiv zu sein...

Ich warte übrigens, lieber Sir Thomas, immer noch darauf, dass Du Dein positves Diktum von Schiller als hervorragendem Lyriker mal einlöst und bei den vielen schillerschen Gedichten in den Horen mal ein Exempel nennst, das dir uneingeschränkt gefällt…
Neues Jahr, neue Gelegenheit… ;)
« Last Edit: 03. Januar 2014, 11.02 Uhr by Gontscharow »

Offline Sir Thomas

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Ich warte übrigens, lieber Sir Thomas, immer noch darauf, dass Du Dein positives Diktum von Schiller als hervorragendem Lyriker mal einlöst und bei den vielen schillerschen Gedichten in den Horen mal ein Exempel nennst, das dir uneingeschränkt gefällt…

Das ist bereits erledigt. Ich erinnere mich dunkel, dass ich sowohl das "Verschleierte Bild ..." als auch "Das Reich der Schatten" (beide in der September-Ausgabe) hinreichend positiv gewürdigt habe. Insofern braucht es nicht das neue Jahr mit neuen Gelegenheiten ...  ;D

Offline sandhofer

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Das Inhaltsverzeichnis des ersten Bands des zweiten Jahrgangs ist schon mal weniger abschreckend als auch schon. Allerdings so richtig motivierend leider auch nicht ...  :(
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Offline Sir Thomas

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Ich erlaube mir, die Chronologie des ersten Stücks zu verlassen und mich zunächst Schillers Beschluss der Abhandlung über naive und sentimentalische Dichter zu widmen.

Im dritten Teil dieser Abhandlung wird es grundsätzlich. Schiller baut sich und dem Leser allerdings zunächst einmal eine Rampe, die damit anhebt, dass der naive und der sentimentalische Dichter noch einmal frontal gegenübergestellt werden. Erstgenannter wirkt als ungeteilte Einheit, während Letzterer immerhin noch über die Macht und den Trieb verfügt, die verlorene Einheit aus sich selbst wieder herzustellen. Beide geben der menschlichen Natur ihren vollständigen Ausdruck, wobei der naive Dichter dem sentimentalischen die sinnliche Realität voraus hat, während der sentimentalische Dichter dem Trieb nach Ganzheit eine größere Tragweite verleihen kann. Die Wirklichkeit des Naiven bleibt für Schiller dann aber doch hinter dem Ideal zurück, weil das sinnlich Existierende Einschränkungen unterworfen ist, die die Freiheit der Ideenwelt nicht kennt. Das sentimentalische Genie verlässt die Wirklichkeit, um zu Ideen aufzusteigen.   

Schiller diskutiert dann zwei Grundsätze, die den Zweck der Poesie definieren sollen, wobei sie sich seiner Meinung nach gegenseitig ausschließen: zum einen Dichtung als Erholung (verstanden als Rückkehr zu einem natürlichen Zustand nach den Mühen des Alltags), zum anderen als Veredlung. Erholung in Form erschlaffenden Genusses stößt zwar auf Schillers Verständnis (der Körper fordert schließlich noch vor dem Geist seine Rechte!), ist aber als Glück der Mittelmäßigkeit Gift für das Empfinden des wahren Schönen und das Formulieren richtiger ästhetischer Urteile. Aber auch das Ideal der Veredlung birgt Gefahren. Sie zielt auf die unendliche Welt schrankenloser Ideen und Gedanken und kann deshalb zu form- und gehaltlosen Überspannungen und Schwärmereien führen. Die Lösung ist für Schiller die Vereinigung des naiven mit dem sentimentalischen Charakter zu einem Ideal schöner Menschlichkeit.

Der Weg dahin ist allerdings ein sehr weiter. Schiller sieht die Menschheit durch zwei miteinander unvereinbare Lebens- und Denkweisen entzweit. Der psychologische Antagonismus unter den Menschen in einem sich kultivierenden Jahrhundert bildet sich (analog zu den Begriffen naiv und sentimentalisch) durch die Seinsweisen des Realismus und Idealismus. Der Realist praktiziert eine resignierte Unterwerfung unter die Notwendigkeit der Natur, der Idealist unter die Notwendigkeit der Vernunft. Der Realist wird fragen, wozu eine Sache gut sei und die Dinge nach dem, was sie wert sind, taxieren. Der Idealist wird fragen, ob eine Sache generell gut sei und sie nach dem taxieren, was sie würdig ist. Was der Realist liebt, wird er zu beglücken, der Idealist wird es zu veredeln suchen. Der Realist bezweckt Wohlstand, der Idealist Freiheit. Der Realist wähnt sich im Besitz der Erde, kümmert sich nicht um Dinge, von denen er keine Ahnung und an die er keinen Glauben hat. Der Idealist hat lange kein so gutes Schicksal. Er denkt von den Menschen so groß, dass er darüber in Gefahr kommt, die Menschen zu verachten, während der Realist sich als Menschenfreund beweist, ohne einen hohen Begriff von der Menschheit zu haben. Der Realist handelt würdiger als er denkt, der Idealist denkt erhabener als er handelt. Der Realist beweist durch seine Haltung die Selbständigkeit der menschlichen Natur, der Idealist deren Bedürftigkeit.       

Dann diese wunderschöne Metapher: Die Welt, wie der Realist sie um sich herum bildet, ist ein wohl angelegter Garten, worin alles nützt und, was nicht Früchte trägt, verbannt ist. Die Welt unter den Händen der Idealisten ist eine weniger benutzte, aber in einem größeren Charakter ausgeführte Natur.

Zur Einordnung dieses Traktats in das Schillersche Denken haben wir oben schon einiges zusammengetragen. Wenn ich die Zeit finde, werde ich noch einige Zeilen zur kürzlich wieder gelesenen Poetik des Aristoteles nachtragen. Auch wenn Schiller sich darauf mit größter Wahrscheinlichkeit in den Naiven ... nicht bezieht, gibt es imho Zusammenhänge mit den Ästhetischen Briefen aus dem Frühjahr 1795. 

Offline sandhofer

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Ich erlaube mir, am vordern Ende zu beginnen.  :) - Wir werden uns schon noch treffen.

Da ist zuerst Herders "Iduna, oder der Apfel der Verjüngung". Ganz eindeutig an Lessings "Ernst und Falk. Gespräche für Freimaurer" orientiert, diskutieren hier Alfred und Frey über eine eventuelle Benutzung der alt-germanischen Mythologie in der modernen Dichtung. Am Schluss wird ein Kompromiss gefunden, der Art, dass dem Dichter erlaubt sein solle, was er wünsche und brauche.

Ein Epigramm Herders über das Epigramm.

Einige Elegien von Properz in der Übersetzung von Karl Ludwig von Knebels. Knebel war seinerzeit ein renommierter Übersetzer, v.a. von Lukrez. Ich empfinde diesen Properz hier als brav, aber nicht mehr.

Eine kurze Auslassung von Herder zu Homer.

A. W. Schlegels "Ueber Poesie, Sylbenmaaß und Sprache" in der Fortsetzung. Schlegel weiss viel, aber er will mir etwas langatmig erscheinen. Von ihm gab es in den "Horen" sicher schon Besseres.

"Der Dichter an seine Kunstrichterin": ein geradezu neckischer Schiller. So frech kennen wir ihn eigentlich gar nicht...

Und nun werde ich mich an den grossen Text dieser Nummer setzen. Bis später.  :hi:
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Offline sandhofer

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Ich erlaube mir, die Chronologie des ersten Stücks zu verlassen und mich zunächst Schillers Beschluss der Abhandlung über naive und sentimentalische Dichter zu widmen.

Ich bin mittlerweile auch damit durch. Deiner Zusammenfassung, Sir Thomas, kann ich nichts mehr beifügen.

Schiller sieht die Menschheit durch zwei miteinander unvereinbare Lebens- und Denkweisen entzweit.

Leider, wie ich finde, verlässt Schiller hier die Poetik und die Literaturkritik. Seine Psychologie, seine Einteilung in Realismus und Idealismus ist grösstenteils eine Folge des in der Nachahmung Kants eingerissenen Kategorisierens. Es wäre interessanter gewesen, mehr Poetik zu lesen.
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Offline sandhofer

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Den ersten Band des neuen Jahres (1796) habe ich nun auch "verbloggt".
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Offline sandhofer

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1796/2

Herr Lorenz Stark

Ein Vierteljahr seit dem ersten Teil. Worum ging's denn schon wieder? Ach ja ... der abartige Sohn. Bzw. der abartige Vater. Wie schon im ersten Teil: Die Dialoge sind so übel nicht geraten.

Aber es soll noch einmal eine Fortsetzung geben ...  lvw
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Offline sandhofer

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Versuch über die Dichtungen

Ein gar nicht so übles Stück Literaturkritik. Sicher, die Einteilung in Allegorie, historische Dichtung und wahrscheinliche Dichtung ist abriträr und riecht nach plattester Aufklärung, indem das Utile weit vor das Dulce gestellt wird. In Bezug auf den historischen Roman aber sind Mme Staël und ich uns einig  ;) . Und sie kennt einige grosse Stücke der Weltliteratur.

Und nebenbei ist dies erst der zweite Aufsatz in den Horen, wo das Anonymat schon gleich beim Artikel gebrochen wird. Ein klein bisschen Werbung damit, dass man nun international geworden ist?
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Offline sandhofer

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Fortsetzung der Briefe über Poesie, Sylbenmaaß und Sprache

A. W. Schlegel schreibt hier mehr als Sprachhistoriker denn als Literaturtheoretiker. In seiner Theorie der Entstehung der Sprache nimmt er ein bisschen Herder und mischt das mit ein bisschen Rousseau. Wissenschaftsgeschichtlich wohl spannender als sprachgeschichtlich oder philosophiegeschichtlich.
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Offline sandhofer

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Ich habe der Zwei vom Jahr 1796 gegenüber recht gemischte Gefühle. Die beiden Prosa-Erzählungen sind m.M.n. überflüssig. Schlegels Aufsatz ist ebenfalls langatmig geraten, unnötig langatmig. Der Essay von Mme de Staël schliesslich ist interessant - gerade weil er mit einem völlig unsinnigen Ansatz beginnt. Mme de Staël ist eine echte französische Intellektuelle.
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Offline Sir Thomas

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Versuch über die Dichtungen
... Mme Staël ... kennt einige grosse Stücke der Weltliteratur.

"Königin des Geistes" lautet der Titel eines Radiofeatures über diese Dame:

http://www.ardmediathek.de/bayern-2/radiowissen-bayern-2?documentId=19974038

Offline sandhofer

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Danke für den Hinweis!

Ich habe mir übrigens eine nette Fehlleistung geleistet. Da steht:

Schön war sie nicht, aber über mangelnde Verehrer musste Germaine de Staël nicht klagen.

Gelesen habe ich: mangelnden Verkehr. (Na ja. Es war - wenn ich mich nicht irre - zumindest A. W. Schlegel tatsächlich impotent.)
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Offline Gontscharow

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Ich habe der Zwei vom Jahr 1796 gegenüber recht gemischte Gefühle. 

Leicht und locker und völlig unbelastet von etwaiger Kritik liest sich für mich deine Zusammenfassung des zweiten Stückes 1796, denn ich habe selbst keinen dieser Texte gelesen. Schön, mal nicht selbst lesen zu müssen, sondern lesen zu lassen!  ;) Das soll sich aber jetzt wieder ändern.

Deshalb beginne ich mal mit dem ersten Beitrag des dritten Stückes, mit den Elegien des Properz in der Übersetzung von Carl Ludwig Knebel. Sie setzen die Reihe aus der Januarfolge fort. Sind diese (im ganzen) 18 Elegien nun lediglich Füllsel und Lückenbüßer in den Horen, Zugeständnisse an Goethes „Urfreud“ Knebel, dem für seine Übersetzungsversuche redaktioneller Platz gewährt wird? Ich glaube nicht, denn es handelt sich um nichts geringeres als um  Proben der ersten metrischen Übersetzung der  Properz’schen Elegien, die 1798 dann überarbeitet in einer vom Göscher Verlag Leipzig herausgegebenen Buchausgabe erschienen. Goethe begleitete Knebels Arbeit an den Properz-Übertragungen, was dem Briefwechsel zu entnehmen ist, und steuerte auch das eine oder andere bei. In Über naive und sentimentalische Dichtung nennt Schiller Goethe den „deutschen Properz“. In der Tat war Goethe von Properz beeinflusst, besonders auch in den Römischen Elegien, die das Vorbild der augusteischen Liebeslyrik nicht verleugnen.
Vor Knebel gab es lediglich eine recht unvollständige Prosaübersetzung des in Deutschland doch eher unbekannten und als unsittlich eingestuften römischen Dichters...
Die Veröffentlichung seiner Elegien in den Horen also doch eher eine dem Anspruch des Periodikums angemessene literarische Pioniertat?

Offline sandhofer

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Die Veröffentlichung seiner Elegien in den Horen also doch eher eine dem Anspruch des Periodikums angemessene literarische Pioniertat?

Ich denke schon. Allerdings kommen die Horen nun in eine Phase, wo Übersetzungen dominieren: Schlegel gibt Proben seines Shakespeare, Goethe breitet seinen Cellini aus.
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