Author Topic: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller  (Read 255828 times)

Offline Sir Thomas

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Genie ist für ihn gleichbedeutend mit naiv. ... zum Naiven gehören schlafwandlerische Sicherheit und Unbeirrbarkeit, ich möchte fast sagen Chuzpe (innere Notwendigkeit würde Schiller sagen), mit der die Künstler ihr fiktives Universum in die Welt setzen und ihr zumuten…

Irgendetwas in mir weigert sich, dem Deutschen Idealismus darin zu folgen.

Folgende Briefstelle scheint mir in diesem Zusammenhang interessant:

Schiller an Goethe (Jena, 27. März 1801): […] Erst vor einigen Tagen habe ich Schelling den Krieg gemacht wegen einer Behauptung in seiner Transcendental-Philosophie, daß "in der Natur von dem Bewußtlosen angefangen werde um es zum Bewußten zu erheben, in der Kunst hingegen man vom Bewußtsein ausgehe zum Bewußtlosen." Ihm ist zwar hier nur um den Gegensatz zwischen dem Natur- und dem Kunstproduct zu thun, und in so fern hat er ganz recht. Ich fürchte aber, daß diese Herren Idealisten ihrer Ideen wegen allzuwenig Notiz von der Erfahrung nehmen, und in der Erfahrung fängt auch der Dichter nur mit dem Bewußtlosen an, ja er hat sich glücklich zu schätzen, wenn er durch das klarste Bewußtsein seiner Operationen nur so weit kommt, um die erste dunkle Totalidee seines Werks in der vollendeten Arbeit ungeschwächt wieder zu finden. Ohne eine solche dunkle, aber mächtige Totalidee die allem technischen vorhergeht, kann kein poetisches Werk entstehen, und die Poesie, däucht mir, besteht eben darin, jenes Bewußtlose aussprechen und mittheilen zu können, d. h. es in ein Object überzutragen. Der Nichtpoet kann so gut als der Dichter von einer poetischen Idee gerührt sein, aber er kann sie in kein Object legen, er kann sie nicht mit einem Anspruch auf Nothwendigkeit darstellen. Eben so kann der Nichtpoet so gut als der Dichter ein Product mit Bewußtsein und mit Nothwendigkeit hervorbringen, aber ein solches Werk fängt nicht aus dem Bewußtlosen an, und endigt nicht in demselben. Es bleibt nur ein Werk der Besonnenheit. Das Bewußtlose mit dem Besonnenen vereinigt macht den poetischen Künstler aus. [...]

Offline Gontscharow

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Danke, Sir Thomas, für das Zitat. Hoffentlich verstärkt noch mehr geballter Schiller Sandhofers Verweigerungshaltung nicht noch. ;D
Zum Glück :angel: ist ja das nicht Schillers letztes Wort in der Sache und einiges rückt sich vielleicht durch den Fortsetzungsteil noch zurecht.
 
Ich kann nur sagen, die kurze Abhandlung Über das Naive ist das beste, was ich von Schiller bislang in den Horen gelesen habe. Inwiefern, steht in meinem post vom 26.11.2013.  Anschaulichkeit und Konkretheit haben nicht unerheblichen Anteil daran. In der Ästhetischen Erziehung gibt es mMn weit mehr "Etikettenschwindel" und Schiller nimmt ja auch, wie wir gesehen haben, einiges zurück.

Offline Sir Thomas

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So, I have done my homework. :angel: How about you?

Erledigt. :angel: (Mal am Rande: In diesem Forum gibt es definitiv zu wenig coole Smileys!!!)

Schöne Zusammenfassung der Schlegel-Briefe, Gontscharow. Zu ergänzen habe ich nichts. Die erwähnte Herder-Schrift kenne ich leider nicht. Lohnt das?

Ob das Schlegelsche Opus nun Frühromantik oder was auch immer ist, finde ich nicht wichtig. Nicht nur Wackenroders "Ergießungen ..." erscheint in den nächsten Jahren, auch Friedrich Schlegels "Athenäum" - die Postille der Frühromantik - steht vor der Tür. Novalis wird bald Goethes "Wilhelm Meister" verreißen und selbst Kostproben seines Könnens abliefern (Hymnen ..., H.v. Ofterdingen). Schelling und Hegel zerbrechen sich in Kürze den Kopf über den "transzendentalen Idealismus" und den "Weltgeist" (der Hegel eines Tages tatsächlich in der Gestalt Napoleons erscheint - zu Pferd in Jena). Es ist also bald einiges los - um es salopp zu formulieren.   

Hängen Schiller und Goethe deshalb einem vergangenen Zeitgeist an? Oder gar einem Ideal, das es zwar in Winckelmanns und Lessings Schriften, in der Realität aber nie gegeben hat? Nüchtern betrachtet ist es wohl so. Aber wer möchte schon dauerhaft nüchtern (im Sinne von pragmatisch-realistisch) sein?

Ich erinnere mich dunkel, dass die Fortsetzung der "Naiven und sentimentalischen ..." genau diesen Aspekt aufgreifen wird und gehe deshalb nahtlos zur Dezember-Ausgabe über.           

Offline sandhofer

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A. W. Schlegel Frühromantik? Natürlich. Die Frühromantik war eine Bewegung Intellektueller, die sich gegen die Gefühlsseligkeit der Empfindsamen einerseits, die kalte Vernunft der Aufklärer andererseits wendeten - mit Hilfe gefühlsseliger Vernunft.  :angel:

(A propos Smileys: Bringt doch Vorschläge ...  :hi: Seit unsere weibliche Moderatorin abhanden kam, hat niemand mehr Wünsche geäussert.)
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline sandhofer

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Ich bin auch so ein kleiner Schiller, und mir kommt vieles unterm Schreiben in den Sinn. So stehen nun halt im Blog zum Eilften Stück Dinge, die ich hier nicht erwähnt habe, weil sie mir hier nicht in den Sinn gekommen sind ... 8)
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Offline Gontscharow

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Ich bin auch so ein kleiner Schiller [...]

Na also, doch noch eine recht schöne Zusammenfassung  des Eilften im blog! Schön wiederzufinden, was im thread unbestätigt und unkommentiert geblieben war. Gut auch, dass die beiden Herderschen Gedichte am Schluss, auf die im thread nicht eingegangen wurde, Erwähnung finden! Ich habe ehrlich gesagt in Herders Vierzeiler Die Horen folgende Zeilen nicht verstanden: 

   […]                                                                         die Erste,
   Die mich gebohren einst hat, segn’ und begrabe mich sanft
.

Seit wann sind die Ordnungshüterinnnen für Geburt und Tod zuständig? Herder als Sohn der Horen? Horensohn?  Nie gehört, ich kenn nur … Sollte ihn sein doofer Wortwitz bei Erscheinen der Römischen Elegien hier eingeholt haben?

Offline Sir Thomas

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So stehen nun halt im Blog zum Eilften Stück Dinge, die ich hier nicht erwähnt habe, weil sie mir hier nicht in den Sinn gekommen sind ... 8)

Ein Häppchen hier, ein Häppchen dort ... So langsam wird es lästig, ständig zwischen Blog und Forum hin- und herzuwandern - zumal man im Blog nur antworten kann, wenn man registriert ist, wozu ich absolut keine Lust habe (zu viel Bildungsexhibitionismus schadet mir).  ;D


Offline sandhofer

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Na also, doch noch eine recht schöne Zusammenfassung  des Eilften im blog!

Ein Häppchen hier, ein Häppchen dort ... So langsam wird es lästig, ständig zwischen Blog und Forum hin- und herzuwandern [...]

Sorry, ich war krank und konnte mich zeitweise wenig konzentrieren. Aber da Blog und Forum zusammen diese Seite ausmachen, müsst Ihr halt schon ein wenig hin- und herwandern. Im übrigen spricht nichts dagegen, Blog-Beiträge hier zu kommentieren.  :angel:
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Offline Sir Thomas

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... da Blog und Forum zusammen diese Seite ausmachen, müsst Ihr halt schon ein wenig hin- und herwandern.

Für einen "kleinen Schiller" ist uns natürlich kein Weg zu weit - ehrlich! Siehst Du, hier fehlt jetzt eindeutig das Anbet- und Niederknie-Smiley ... 

Offline sandhofer

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Ich werde die Smilies mal zusammen mit dem Update anschauen, aber so was mache ich nur, wenn die Hotline meines Providers besetzt ist ...  :-\
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Offline orzifar

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Hallo,

ich hab das System jetzt durchschaut. Bräuchte nur noch eine Liste der Smileys bzw. die Sicherheit, dass diese nicht geschützt sind.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline Gontscharow

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Gut auch, dass die beiden Herderschen Gedichte am Schluss, auf die im thread nicht eingegangen wurde, Erwähnung finden!
Ich habe ehrlich gesagt in Herders Vierzeiler Die Horen folgende Zeilen nicht verstanden: 

   […]                                                                         die Erste,
   Die mich gebohren einst hat, segn’ und begrabe mich sanft
.

Seit wann sind die Ordnungshüterinnnen für Geburt und Tod zuständig? Herder als Sohn der Horen? ...


Das war eine echte Frage bzw. Bitte um Meinungsäußerung zu dieser Gedichtstelle! Schließlich geht es um jene Gottheiten, die dem Magazin, mit dem wir uns seit einem Jahr beschäftigen, Namen und Programm(!) geben …
Ich zitiere mal aus Schillers Vorrede zu den Horen:

Wohlanständigkeit und Ordnung, Gerechtigkeit und Friede werden also der Geist und die Regel dieser Zeitschrift sein; die drey schwesterlichen Horen Eunomia, Dice und Irene werden sie regieren. In diesen Göttergestalten verehrte der Grieche die welterhaltende Ordnung, aus der alles Gute fließt, und die in dem gleichförmigen Rhythmus des Sonnenlaufs ihr treffendstes Sinnbild findet. Die Fabel macht sie zu Töchtern der Themis und des Zeus, des Gesetzes und der Macht; des nehmlichen Gesetzes, das in der Körperwelt über den Wechsel der Jahrszeiten waltet, und die Harmonie in der Geisterwelt erhält.
[…]
In leichten Tänzen umkreisen diese Göttinnen die Welt, öffnen und schliessen den Olymp, und schirren die Sonnenpferde an, das belebende Licht durch die Schöpfung zu versenden. Man sieht sie im Gefolge der Huldgöttinnen und in dem Dienst der Königin des Himmels, weil Anmuth und Ordnung, Wohlanständigkeit und Würde unzertrennlich sind.


Hm, und jetzt kommt Herder daher und spricht ihnen (oder der Ersten) ganz andere Funktionen zu. Ist das Herders „Privatmythologie“oder mit der traditionell verbürgten Mythologie doch irgendwie vereinbar? Dass Mythologiekenner und -verehrer Herder unverbindlich beliebig herumfaselt kann ich mir eigentlich nicht vorstellen.

Offline sandhofer

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Seit wann sind die Ordnungshüterinnnen für Geburt und Tod zuständig? Herder als Sohn der Horen? ...

Das war eine echte Frage bzw. Bitte um Meinungsäußerung zu dieser Gedichtstelle!

War mir schon klar. Aber so einfach aus dem Ärmel schüttelt sich das nicht. Ich tendiere dazu, im "Ich" des Gedichts nicht Herder zu sehen, sondern das Gedicht selber. Oder er nimmt die Horen als Stunden, wünscht also, dass z.B. die Morgenstunde der Geburt auch die Stunde des Todes sein soll.
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Offline Gontscharow

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Ich tendiere dazu, im "Ich" des Gedichts nicht Herder zu sehen, sondern das Gedicht selber. Oder er ...

Nun ja, dass  das lyrische Ich ≠ Verfasser ist, ist ja nun Allgemeingut und ich sehe nicht, inwiefern uns das in diesem Fall einer Lösung näherbringen könnte.

Oder er nimmt die Horen als Stunden, wünscht also, dass z.B. die Morgenstunde der Geburt auch die Stunde des Todes sein soll.

Hm, schon eher.

Offline sandhofer

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Nun ja, dass  das lyrische Ich ≠ Verfasser ist, ist ja nun Allgemeingut und ich sehe nicht, inwiefern uns das in diesem Fall einer Lösung näherbringen könnte.

Ich hätte wohl schreiben sollen: Kein Mensch, sondern eher das Gedicht oder die Zeitschrift selber. Im übrigen suggeriert "Lösung", dass da ein Rätsel gemeint sein könnte. Vielleicht hat Herder aber einfach auch gereimt?  :angel:
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