Author Topic: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller  (Read 255844 times)

Offline Gontscharow

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Mit "Essay" war "The Defense of Poesy" gemeint; es ist offensichtlich nicht auf Italienisch geschrieben ...

Oh pardon, ich dachte du meintest  Il libro del cortegiano. ::) Aber wenn ich’s mir recht überlege …wenn Ihr den Castiglione auf englisch lest, kann ich den Sidney auch auf italienisch lesen, oder?

Offline Sir Thomas

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…wenn Ihr den Castiglione auf englisch lest, kann ich den Sidney auch auf italienisch lesen, oder?

Wenn Du eine Übersetzung findest ...

Auf Deutsch ist er nicht erhältlich. Nebenbei: Ob Sidney sooo wichtig ist, kann ich gar nicht sagen. Er wird halt gern zitiert, wenn es um Poetiken der Renaissance geht. Höhepunkt der Sidney-Rezeption war das 17. Jahrhundert. Shakespeare hat ihn bspw. gekannt - und von ihm abgeschrieben. Aber wo hat er eigentlich nicht "geklaut"? Was übrigens der Qualität seiner Stücke keinen Abbruch tut.

Offline sandhofer

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Hallo zusammen!

Ich wollte eigentlich in meinem Urlaub diese Woche mich verschärft mit den Horen auseinandersetzen, v.a. mit Schillers Aufsatz. Eine Erkältung und der daraus resultierende dumpfe Schädel hindern mich aber daran, tut mir leid. Ich bin so nicht in der Lage, Schillers Argumenten folgen zu können. Aber ich lese fleissig Eure Posts!

Grüsse

sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline Gontscharow

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…wenn Ihr den Castiglione auf englisch lest, kann ich den Sidney auch auf italienisch lesen, oder?
Wenn Du eine Übersetzung findest ...

Das mit dem Auf-italienisch -lesen war natürlich nicht ernst gemeint. . Nun reicht’s  für ’ne Weile mit den Missverständnissen, non è vero? ;D

Habe heute Kleists enigmatischen Essay Über das Marionettentheater von 1810 nochmal gelesen, der nach Schillers Über naive und sentimentalische Dichtung gar nicht mehr so enigmatisch ist und ohne ihn wohl nicht möglich gewesen wäre…

Offline Sir Thomas

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Habe heute Kleists enigmatischen Essay Über das Marionettentheater von 1810 nochmal gelesen, der nach Schillers Über naive und sentimentalische Dichtung gar nicht mehr so enigmatisch ist und ohne ihn wohl nicht möglich gewesen wäre…

Kleists Essay verstehe ich nicht als Replik auf Schillers naive und sentimentalische Dichter, sondern auf den älteren Aufsatz "Über Anmut und Würde" (Thalia 1793).

Offline Gontscharow

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Sowohl als auch, okay?

Offline Sir Thomas

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Sowohl als auch, okay?

Na gut. Aber nur, weil Du es bist!  ;D

Offline Gontscharow

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XI,IX. Briefe über Poesie, Silbenmaaß und Sprache

August Wilhelm Schlegel lässt sich aus über Metrik und ihre Bedeutung für die Poesie. Einmal mehr geschieht dies im zeittypischen Gewand fiktiver Briefe, deren erste beiden wir hier, die zwei übrigen, wenn ich es richtig sehe, dann im Januarheft 96 finden werden. Adressatin ist eine junge Dame namens Amalie, die dem Briefschreiber den Gefallen tut, Metrik für  überflüssig und überhaupt den Poeten für einen gottbegnadeten Inspirationsempfänger zu halten, der sich um solche Äußerlichkeiten nicht zu scheren braucht. Mit diesem von diversen Versifexen(vgl.  Schillers Theilung der Erde)  genährten Mythos kann A.W. Schlegel nun aufräumen:  Dieser Dichter ist selbst nur ein Geschöpf der dichtenden Phantasie,sagt er, ganz im Gegenteil müsse er im Schweiße seines Angesichts Silben zählen, Gedanken in Form bringen und unter Schmerzen Gedichte gebären. Genie also = "zu 99 %  Transpiration und zu 1% Inspiration" ?
In gewissem Gegensatz dazu vertritt er im folgenden die Auffassung, dass  der Ursprung der Dichtung mit der Entstehung der Sprache zusammenfalle, Dichtung ursprünglich immer auch Musik und Tanz gewesen sei und das Silbenmaaß, die gemessene Bewegung, die Metrik somit originärer integraler Bestandteil der Dichtung, quasi organisch mit ihr verwoben sei.
Wie es  dazu kam, dass der freye Sohn der Natur darauf [verfiel]  dem Ungestüm seiner Phantasie und seiner Gefühle[…] einen Zügel ](in Form der Metrik) anzulegen, damit will A.W. uns in der Januarfolge beglücken.
Das ganze erinnert u.a. sehr an Herders Abhandlung über den Ursprung der Sprache , die ich seinerzeit nicht ungern gelesen habe. Auch den Text von Schlegel finde ich nicht uninteressant. Ist das nun ein Text der Frühromantik? Wir stehen vor dem Jahreswechsel 95/96. 1796 erscheinen Wackenroders Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders!

So, I have done my homework. :angel: How about you?

Offline sandhofer

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So, I have done my homework. :angel: How about you?

Krankheitshalber Schiller'scher Total-Blackout, wie gesagt. Ich hoffe, im Laufe der nächsten Woche das 11. Stück bearbeiten zu können.  :hi:
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Offline sandhofer

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Also mehr empfunden als gedacht...

Ich denke, das eine ist es, eine Poetik oder Ästhetik zu liefern, wo gedacht wird, also Theorie gehubert, das andere, gefühls- oder empfindungsmässig sich dem Naiven anzunähern. Insofern sind Horaz, Properz, Virgil wohl eher Beispiele naiven Vorgehens, nicht Beispiele naiver Dichtungstheorie. Aristoteles hat Schiller sicher gekannt, Sidney wage ich zu bezweifeln. Kant war da für Schiller bedeutend wichtiger und interessanter.

Schiller ging es in seiner Poetik, wenn ich das richtig sehe, vor allem um die Art, wie der Dichter an seinen Stoff herangeht und ihn in Dichtung verwandelt - quasi eine Digestionstheorie des Homo Poeta. Kannte er darin Vorgänger? Mir will gerade keiner in den Sinn kommen.
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Offline Gontscharow

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Insofern sind Horaz, Properz, Virgil wohl eher Beispiele naiven Vorgehens, nicht Beispiele naiver Dichtungstheorie.

Ich fürchte, hier liegt ein Missverständnis vor. Schiller nennt Euripides, Horaz, Properz, Virgil als Beispiele  sentimentalischer Dichter. Da sie in Zeiten ästhetischer und moralischer Verderbnis den Verlust des Naiven reflektieren bzw. beklagen. Wie ja nur der sentimentalische Mensch über das Naive nachdenkt, der Naive es einfach nur ist und seiner Naivität verlustig geht, wenn er drüber nachdenkt.
Horatz, der Dichter eines kultivirten und verdorbenen Weltalters preißt die ruhige Glückseligkeit in seinem Tibur, und ihn könnte man als den wahren Stifter dieser sentimentalischen Dichtungsart nennen…. (Schiller über das Naive)

Offline Sir Thomas

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Aristoteles hat Schiller sicher gekannt ....

Wie ich jetzt zufällig gelesen habe, stand Aristoteles auf Schillers Liste während der Arbeit an der "Weimarer Dramaturgie" (gemeinsam mit Goethe, ab 1797). Was nicht heißt, dass er 1795 im Horen-Aufsatz noch keine Notiz davon genommen hatte.

Schiller ging es in seiner Poetik, wenn ich das richtig sehe, vor allem um die Art, wie der Dichter an seinen Stoff herangeht und ihn in Dichtung verwandelt ...

Ja. Der Dichter ist entweder selbst Teil der Natur; dann produziert er (naive) Göttersprüche aus Kindesmund. Oder er strebt sentimentalisch (gefühlsmäßig) nach der Natur.

Kannte er darin Vorgänger? Mir will gerade keiner in den Sinn kommen.

Das Ganze scheint auch mir ohne Vorgänger oder Vorbild zu sein.

Ich fürchte, hier liegt ein Missverständnis vor. Schiller nennt Euripides, Horaz, Properz, Virgil als Beispiele  sentimentalischer Dichter.

So habe ich es auch verstanden.


 

Offline sandhofer

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Ich fürchte, hier liegt ein Missverständnis vor. Schiller nennt Euripides, Horaz, Properz, Virgil als Beispiele  sentimentalischer Dichter.

So habe ich es auch verstanden.

Stimmt. Die Naiven sind früher im Text, wenn ich das richtig verstehe, was Schiller über Sophokles, Archimedes, Hippokrates, Ariost, Dante, Tasso, Raphael, Albrecht-Komma-Dürer, Cervantes, Shakespeare, Fielding, Sterne sagt. Obwohl: Sterne naiv?
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Offline Gontscharow

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Die Naiven sind früher im Text, wenn ich das richtig verstehe, was Schiller über Sophokles, Archimedes, Hippokrates, Ariost, Dante, Tasso, Raphael, Albrecht-Komma-Dürer, Cervantes, Shakespeare, Fielding, Sterne sagt.
;D

Schiller nennt die oben angeführten Dichter Genies. Genie ist für ihn gleichbedeutend mit naiv. Ariost allerdings wird später im Text als sentimentalischer Dichter dem Erz-Naiven Homer gegenübergestellt. Der Textvergleich ist, wie ich finde, sehr anschaulich und aufs vorzüglichste dazu angetan, Schillers Theorie vom Naiven und Sentimentalischen zu verdeutlichen!

Obwohl: Sterne naiv?

Jaha. Schiller würde selbst Kafka zum Naiven erklärt haben ;D,wenn er ihn gekannt hätte. Denn zum Naiven gehören schlafwandlerische Sicherheit und Unbeirrbarkeit, ich möchte fast sagen Chuzpe (innere Notwendigkeit würde Schiller sagen), mit der die Künstler ihr fiktives Universum in die Welt setzen und ihr zumuten…

Offline sandhofer

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Mit dieser Umwertung von Begriffen aus der Alltagssprache habe ich mich schon bei Kant immer schwer getan. Und Schiller, hierin ein echter Schüler Kants, fährt damit weiter. Irgendetwas in mir weigert sich, dem Deutschen Idealismus darin zu folgen.
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