Author Topic: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller  (Read 255778 times)

Offline Sir Thomas

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Das Publikum liebte die Übersetzung und Kommentierungen Dantes, Goethes Römische Elegien, Lorenz Stark, das Mährchen und nicht die manipulativen pädagogischen Erzeugnisse Schillers.

Interessant! Woher stammen diese Informationen?

Offline Gontscharow

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Woher stammen diese Informationen?

Vor allem aus den Briefwechseln. Größtenteils aus Schillers eigner Feder.

Offline Gontscharow

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Da ich gerade in den Briefwechseln schmökere, eine kleine Korrektur dessen, was ich über die Gunst des Publikums sagte: Schillers lyrische Produktion scheint doch nicht so schlecht beim Publikum anzukommen. Zumindest die volkstümelnd naiv- humoristische Variante, hinter der man allerdings ihn als Autor auch nicht vermutet:

Goethe den Empfang des Honorars für die Horen bestätigend, schreibt im Dezember 1795 an Schiller:

Es scheint, da wir Dichter bei der Theilung der Erde zu kurz gekommen sind, uns ein wichtiges Privilegium geschenkt zu sein, daß uns nämlich unsere Thorheiten bezahlt werden.
Das Gedicht, worauf ich hier anspiele, findet großen Beifall, und die Leute sind höchst neugierig wer es wohl gemacht habe?


Und Schiller schreibt noch im alten Jahr, die Autoren sind noch nicht bekanntgegeben:

Das Glück, welches das kleine Gedicht die Theilung der Erde zu machen scheint, kommt mit auf Ihre Rechnung, denn schon von vielen höre ich, daß man es Ihnen zuschreibt. Hingegen ist mir von andern der literarische Sanscülottism zugeschrieben worden.

Auch meine Äußerungen über den Schiller’schen Rigorismus französischer "libertärer" Literatur gegenüber muss ich etwas revidieren; immerhin erwägt er eine Übersetzung u. Veröffentlichung der Diderot’schen Religieuse* in den Horen:

Könnten wir nicht durch diesen Prinzen [August] Vergünstigung erhalten, die Diderot’sche Erzählung La Religieuse, die sich in dem geschriebenen Journale befindet und, so viel ich weiß, noch nicht übersetzt ist, für die Horen zu übersetzen?( Dez. 1795)

Leider kommt es nicht dazu. Herder, den Goethe u Schiller als Übersetzer vorsehen, lehnt ab.
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*Vielleicht nicht ganz uninteressant angesichts der Tatsache, dass dieses Werk gerade mit großem Pomp verfilmt wurde und in den Kinos anläuft.

Offline sandhofer

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Na ja - dass ausgerechnet Herder Diderot übersetzen sollte ... Wieland, Knebel, Merck (wenn er noch gelebt hätte): ja. Aber Herder?!?
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline Gontscharow

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Na ja - dass ausgerechnet Herder Diderot übersetzen sollte ... Wieland, Knebel, Merck (wenn er noch gelebt hätte): ja. Aber Herder?!?

Ich war auch erstaunt. Allerdings soll Herder Diderot geschätzt haben. Wie Goethe, der Le neveu de Rameau übersetzte. Im folgenden die Briefzitate, die La Religieuse betreffen:

Der Brief des Prinzen August hat mich unterhalten. Er hat, für einen Prinzen besonders, viel guten Humor.
Könnten wir nicht durch diesen Prinzen Vergünstigung erhalten, die Diderot’sche Erzählung La Religieuse, die sich in dem geschriebenen Journale befindet und, so viel ich weiß, noch nicht übersetzt ist, für die Horen zu übersetzen? Aus demselben ist auch Jaques le Fataliste gezogen, und in Berlin bei Unger übersetzt herausgekommen.

(Schiller, 29. November 1795)

Es wäre sehr gut, wenn man von der Religieuse für die Horen Gebrauch machen könnte. Sie könnten dazu die Erlaubniß durch Herdern am besten erhalten; ich mag nicht gerne darüber anfragen, weil mir bei dieser Gelegenheit die Travestirung der Clairon’schen Gedichte könnte zu Gemüthe geführt werden.
(Goethe, 15. Dezember 1795)

Herdern will ich zu disponiren suchen, daß er die Religieuse übersetzt. Den Stael’schen Aufsatz bringe ich nicht später als im Februar. Eine Übersetzung gleich im ersten Stück, wo schon eine poetische sich findet, würden uns die Herren auch aufgemutzt haben.
(Schiller, 17. Dezember 1795)

Mit der Religieuse von Diderot weist mich Herder an Sie zurück; auch meint er, daß sie entweder schon übersetzt sey, oder mit andern Erzählungen von Diderot künftige Ostern erscheinen werde. Es scheint demnach für uns keine sichere Entreprise zu seyn.
(Schiller, 23. Dezember 1795)

Danach war - soweit ich sehe - erstmal nicht mehr die Rede von der Nonne. :angel:

Offline Gontscharow

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XI,V Theophanie

Ist der Zweizeiler Theophanie in irgend einer Weise interessant oder von Belang, außer dass er ein Schulbeispiel für einen Chiasmus abgibt? Rhetorisch hatte Schiller was drauf.

Offline Gontscharow

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XI,VI Einem jungen Freund als er sich der Weltweißheit widmete
 
Die Thematik des Verschleierten Bildes zu Sais klingt an, wie dort wird gewarnt vor dem hohen Preis der Erkenntnis. Das Gedicht spricht ein Du an und ist dadurch viel lebendiger und (im wahrsten Sinne des Wortes) anspechender als die bisher gelesenen Schiller-Gedichte.. .Ich glaube, der angesprochene junge Freund ist Hölderlin. Hat jemand von Euch das irgendwo bestätigt gefunden?
Schiller machte sich Sorgen um Hölderlin, der sich gerne in geistigen Höhen bewegte und für keinen Dienst auf Erden zu taugen schien. Er hielt ihn für hochgradig gefährdet. Hölderlin verehrte Schiller glühend, fühlte sich ihm aber hoffnungslos unterlegen und durch ihn blockiert. Auf Schillers Veranlassung hin hatte er 1794/5 eine Hauslehrerstelle bei Frau von Kalb angenommen, hielt es dort aber nicht lange aus und kam nach Jena, um Fichte zu hören und Schiller nahe zu sein. Schiller vermittelte ihm eine Übersetzungsarbeit (Phaidron nach Ovid, ausgerechnet!), dann aber verschwand der junge Freund aus Jena, ohne die Arbeit abzuschließen….
Dieses Gedicht hebt sich  für mich vom kalten Schwulst der anderen Ideengedichte  positiv ab, die beiden letzten Verse sind sogar von ungewohnt schlichter Schönheit und Eleganz und auch noch prophetisch:

Manche giengen nach Licht, und stürzten in tiefere Nacht nur;
Sicher im Dämmerschein wandelt die Kindheit dahin.


Offline Sir Thomas

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XI,VI Einem jungen Freund als er sich der Weltweißheit widmete
 
Ich glaube, der angesprochene junge Freund ist Hölderlin. Hat jemand von Euch das irgendwo bestätigt gefunden?

Eine Bestätigung kann ich nicht liefern, aber wer sollte es sonst sein? Schiller stand seinem jungen "Landsmann" sehr positiv gegenüber, hat ihn wohl auch "durchschaut" - und dokumentiert dies in seinem Gedicht. Die beiden letzten Zeilen sind in der Tat sehr prophetisch.

Offline sandhofer

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Meine Schiller-Werkausgabe hüllt sich auch in Schweigen...
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline Gontscharow

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Eine Bestätigung kann ich nicht liefern
Meine Schiller-Werkausgabe hüllt sich auch in Schweigen...

Schade!

XI, IIX  Über das Naive

Nun also der erste Teil  des berühmten Über naive und sentimentalische Dichtung ….Ich muss hier nicht referieren, was Sch. unter dem Naiven und dem Sentimentalischen und speziell unter naiver im Gegensatz zu sentimentalischer Dichtung verstand. Das ist hinlänglich bekannt, in die Kunst-Betrachtungstradition eingegangen und bestimmt unsere Art Kunst und Literatur zu betrachten bis heute. Wobei Schiller, wie er selbst betont, etwas auf den Punkt bringt, was ansatzweise schon in der Antike gedacht wurde.
Wie dem auch sei, wir haben es hier mit einem der grundlegenden Texte der Moderne zu tun, man denke nur an das der Schrift zugrundliegende dialektische Dreischritt-Konzept, das später noch philosophisch Schule machen wird...
Wenn man nach der quälenden Lektüre seiner lyrischen Erzeugnisse das wieder liest, fällt auf, was für ein wortgewaltiger, kluger und klarer Theoretiker und Analytiker Schiller ist. Wie tief und weit er geht, mit welchem psychologischen Gespür er sich an die wunden Punkte der Moderne, den „Urschmerz“ des modernen Bewußtseins, das Gefühl des verlorenen Unbefangenheit, herantastet . Und nach der trockenen Langeweile seiner Lyrik: wie anschaulich er sein kann, z. B  wenn er Schlüsselstellen der Literatur gegenüberstellt und vergleicht …


Offline Sir Thomas

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Wobei Schiller, wie er selbst betont, etwas auf den Punkt bringt, was ansatzweise schon in der Antike gedacht wurde.

Ich habe mich gefragt, wo der antike Anknüpfungspunkt sein könnte und bin auf Aristoteles gestoßen. Das aber nur so aus dem Bauch heraus. Hältst Du das für korrekt?

Ganz nebenbei: Seit einigen Wochen lese ich gelegentlich in Werken von Shakespeare und Sidney. Letztgenannter hat gegen 1580 einen Essay mit dem Titel The Defense of Poesy geschrieben, der posthum in den 1590er Jahren veröffentlicht wurde. Sidney bezieht sich darin auf Aristoteles (konkret: auf den Mimesis-Begriff der Poetik), weshalb mir auch bei Schiller ein ähnlicher Gedanke kam. Das führt mich zu einer weiteren Frage: Den Renaissance-Essay wird Schiller vermutlich nicht gekannt haben, oder?

Wer sich für Sidney's Schrift interessiert: http://en.wikisource.org/wiki/The_Defense_of_Poesy

Eine deutsche Übersetzung gibt es mWn. nicht.

Offline Gontscharow

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Wobei Schiller, wie er selbst betont, etwas auf den Punkt bringt, was ansatzweise schon in der Antike gedacht wurde.

Ich habe mich gefragt, wo der antike Anknüpfungspunkt sein könnte und bin auf Aristoteles gestoßen. Das aber nur so aus dem Bauch heraus. Hältst Du das für korrekt?

Ich bezog mich auf diese Stelle im Beitrag:
Aber die Empfindung des Naiven und das Interesse an demselben ist natürlicherweise viel älter, und datirt sich schon von dem Anfang der moralischen und ästhetischen Verderbniß. Diese Veränderung in der Empfindungsweise ist zum Beyspiel schon äusserst auffallend im Euripides, wenn man diesen mit seinen Vorgängern besonders dem Äschylus vergleicht, und doch war jener Dichter der Günstling seiner Zeit. Die nehmliche Revolution läßt sich auch unter den alten Historikern nachweisen. Horatz, der Dichter eines kultivirten und verdorbenen Weltalters preißt die ruhige Glückseligkeit in seinem Tibur, und ihn könnte man als den wahren Stifter dieser sentimentalischen Dichtungsart nennen, so wie er auch in derselben ein noch nicht übertroffenes Muster ist. Auch im Properz, Virgil u. a. findet man Spuren dieser Empfindungsweise…

Also mehr empfunden als gedacht...

Offline Sir Thomas

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Also mehr empfunden als gedacht...

Du hast mich falsch verstanden. Die Aufzählung antiker Autoren in Schillers Aufsatz liefert keine Hinweise auf evtl. rezipierte antike Poetiken.   

Offline Gontscharow

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Du hast mich falsch verstanden. Die Aufzählung antiker Autoren in Schillers Aufsatz liefert keine Hinweise auf evtl. rezipierte antike Poetiken.   

Hattest du denn danach gefragt? Ich hatte es so verstanden,  dass du nach antiken Vorläufern von Schillers Theorie des Naiven und Sentimentalischen fragtest:

Wobei Schiller, wie er selbst betont, etwas auf den Punkt bringt, was ansatzweise schon in der Antike gedacht wurde.

Ich habe mich gefragt, wo der antike Anknüpfungspunkt sein könnte und bin auf Aristoteles gestoßen.

Da Schiller selbst seine Vorläufer nennt, habe ich die entsprechende Stelle zitiert. Übrigens könnte man die Liste fortsetzen, die Theorie des 'Naiven und Sentimentalischen' zieht sich unter anderen Namen durch die Kulturgeschichte.

Quote from: Sir Thomas Gestern um 19:44 »
Sidney bezieht sich darin auf Aristoteles (konkret: auf den Mimesis-Begriff der Poetik), weshalb mir auch bei Schiller ein ähnlicher Gedanke kam.

Der Mimesis- Begriff "greift"  mMn bei der Einschätzung des Schillerschen Theorie nicht, denn er umschreibt etwas Grundlegenderes und Umfassenderes als die speziellen Phänomene, um die es bei Sch. geht.

 
Quote from: Sir Thomas« am: Gestern um 19:44
Das führt mich zu einer weiteren Frage: Den Renaissance-Essay wird Schiller vermutlich nicht gekannt haben, oder?

Warum nicht? Er war sehr belesen.

Apropos: Essay sagst du? Das Ding hat 300 bis 400 Seiten! Ich habe es mir jetzt mal auf Italienisch bestellt. Übrigens ist der integrale Text auch online zu lesen: http://www.letteraturaitaliana.net/pdf/Volume_4/t84.pdf

Hab ich nun alles zufriedenstellend beantwortet?
« Last Edit: 27. November 2013, 15.01 Uhr by Gontscharow »

Offline Sir Thomas

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Apropos: Essay sagst du? Das Ding hat 300 bis 400 Seiten! Ich habe es mir jetzt mal auf Italienisch bestellt.

Du bist a bissl durcheinander, gell? Mit "Essay" war "The Defense of Poesy" gemeint; es ist offensichtlich nicht auf Italienisch geschrieben und hat auch nicht 300 bis 400 Seiten, sondern deutlich weniger. Den von mir herausgesuchten Link anzuklicken, hilft in diesem Fall ganz enorm weiter.

Hab ich nun alles zufriedenstellend beantwortet?

Das hast Du sehr schön gemacht. Vielen Dank!