Nachdem ich mir die Juli-Ausgabe aufgrund akuten Zeitmangels geschenkt habe, liegt nun das (verfrüht zugestellte) August-Heft vor. Es beginnt mit einem kleinen Paukenschlag: Friedrich Heinrich Jacobi, der empfindsam-religiöse Sensualist, Erfinder der „schönen Seele“ (wenn ich mich recht entsinne) sowie der erklärte Gegner Spinozas, Kants und Fichtes darf sich in Schillers „Horen“ verbreiten!
Die „Zufälligen Ergießungen eines einsamen Denkers …“ warten mit einer nicht ganz unpolitischen Überraschung auf: Der Briefautor, dessen Ansichten vermutlich diejenigen Jacobis sind, vergleicht das reale französische Königsdrama um die Hinrichtung Ludwigs XVI. mit Shakespeares Lear – wahrscheinlich um zu zeigen, wie ungerecht das über den Monarchen verhängte Urteil war. Auch Sophokles‘ König Ödipus wird in die Ahnengalerie des geköpften Bourbonen eingereiht – und zwar in Form einer Nacherzählung, ausführliche Zitate inbegriffen. Warum er diese Geschichte in aller Ausführlichkeit ausbreitet, ist mir ein Rätsel, denn ich gehe davon aus, dass das Ödipus-Drama den gebildeten Deutschen seiner Zeit bekannt war.
Schiller umgeht erneut sein eigenes Politikverbot, indem er Kritik an der Revolution hinter Shakespeare/Lear- bzw. Sophokles/Ödipus-Gedanken und –Paraphrasen verstecken lässt. Was haltet Ihr davon?
An den zweiten Brief habe ich mich noch nicht herangetraut. Ich fürchte Schlimmes …