Author Topic: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller  (Read 255752 times)

Offline Sir Thomas

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Nachdem ich mir die Juli-Ausgabe aufgrund akuten Zeitmangels geschenkt habe, liegt nun das (verfrüht zugestellte) August-Heft vor. Es beginnt mit einem kleinen Paukenschlag: Friedrich Heinrich Jacobi, der empfindsam-religiöse Sensualist, Erfinder der „schönen Seele“ (wenn ich mich recht entsinne) sowie der erklärte Gegner Spinozas, Kants und Fichtes darf sich in Schillers „Horen“ verbreiten!

Die „Zufälligen Ergießungen eines einsamen Denkers …“ warten mit einer nicht ganz unpolitischen Überraschung auf: Der Briefautor, dessen Ansichten vermutlich diejenigen Jacobis sind, vergleicht das reale französische Königsdrama um die Hinrichtung Ludwigs XVI. mit Shakespeares Lear – wahrscheinlich um zu zeigen, wie ungerecht das über den Monarchen verhängte Urteil war. Auch Sophokles‘ König Ödipus wird in die Ahnengalerie des geköpften Bourbonen eingereiht – und zwar in Form einer Nacherzählung, ausführliche Zitate inbegriffen. Warum er diese Geschichte in aller Ausführlichkeit ausbreitet, ist mir ein Rätsel, denn ich gehe davon aus, dass das Ödipus-Drama den gebildeten Deutschen seiner Zeit bekannt war.

Schiller umgeht erneut sein eigenes Politikverbot, indem er Kritik an der Revolution hinter Shakespeare/Lear- bzw. Sophokles/Ödipus-Gedanken und –Paraphrasen verstecken lässt. Was haltet Ihr davon? 

An den zweiten Brief habe ich mich noch nicht herangetraut. Ich fürchte Schlimmes …   

Offline sandhofer

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Bei mir wurde noch nichts ausgeliefert. Aber ich glaube, diese Päckchen kommen jeweils mit DHL. Das dauert dann jeweils ...  >:D
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Offline Sir Thomas

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Bei mir wurde noch nichts ausgeliefert. Aber ich glaube, diese Päckchen kommen jeweils mit DHL. Das dauert dann jeweils ...  >:D

Wie ich hörte, ist auch die Paketzustellung in der Schweiz ein den Grundsätzen der Gemütlichkeit gehorchendes Phänomen ...  :yodel:

Offline sandhofer

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Oh ... die Schweizer Post ist rasch, präzise und effizient.

DHL ist eine Tochter der Deutschen Post.  :angel:
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Offline Gontscharow

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Bin mal für einige Tage verreist. Macht ruhig schon mal weiter. :hi:

Offline sandhofer

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Ich sehe gerade, dass auch Zeller bei Platos Schriften noch immer von der "Republik" spricht. Scheint sich also doch länger gehalten zu haben, der Begriff, als ich dachte...
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Offline orzifar

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Konrad Pfeffel? Von dem sind mir nur die folgenden heiteren Zeilen bekannt:

Am Grab der Gattin sprach zum trauernden Geleite
der Leichenredner viel vom Wiedersehn;
beim Heimweg sprach der Mann zum Pastor: „Scherz beiseite,
wird meine Frau denn wirklich auferstehn?“


Entschuldigt den kleinen, nicht zur Sache gehörenden Einwurf, der Euch immerhin zeigt, dass ich hier getreulich mitlese. Melde mich gehorsamst, wenn auch zögerlich zurück (viel Zeit habe ich im Sommer nicht, und überhaupt - diese Temperaturen… >:D).


Es wurde ja schon angemahnt: Viel zu selten lässt du von dir hören (nicht nur hier ;)). Die Temperaturen (heute hierorts 39,1) werden nur bedingt als Ausrede anerkannt. Aber immerhin erspare ich mir so die schon geplante Vermisstenanzeige.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline Gontscharow

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Ich sehe gerade, dass auch Zeller bei Platos Schriften noch immer von der "Republik" spricht. Scheint sich also doch länger gehalten zu haben, der Begriff, als ich dachte...

Da die „richtige Übersetzung“ für Platons Πολιτεία(Politeia) uns noch umzutreiben scheint, der Kuriosität halber hier noch einiges zum Thema aus meinen persönlichen Notizen 8) : Demnach scheinen mindestens 2/3 der gebildeten Welt bei res publica geblieben zu sein. Jedenfalls alle romanisch- und englischsprachigen Länder:

La Repubblica (in greco Πολιτεία, Politéia) è un'opera di filosofia e teoria politica scritta approssimativamente tra il 390 e il 360 a.C. dal filosofo greco Platone

Selon Cicéron, la République de Platon est le premier livre de philosophie politique grecque

La República (en griego, Πολιτεία Politeia, de polis, que significa 'ciudad-estado') es la más conocida e influyente obra de Platón,

The Republic (Greek: Πολιτεία, Politeia) is a Socratic dialogue, written by Plato around 380 BC

A República (em grego: Πολιτεία, transl. Politeía) é um diálogo socrático escrito por Platão,

Während Osteuropa, die Niederlande und Skandinavien (einschließlich Finnland: valtio= Staat) dem "deutschen Weg" zu folgen scheinen:

«Госуда́рство» (греч. Πολιτεία) — диалог Платона, посвящённый проблеме идеального государства.

Państwo – dzieło filozoficzno-polityczne filozofa greckiego Platona powstałe ok. 360 roku p.n.e., napisane w formie dialogu

De Staat[1] (Oud-Grieks: Πολιτεία Politeia) is een van de bekendste en meest invloedrijke dialogen van de Griekse filosoof Plato, geschreven omstreeks 380 v.Chr

Staten (Polit'eia) är ett av Platons huvudarbeten och behandlar idealstatens utformning i en analogi med den rättfärdiga människan.

Staten (græsk: πολιτεία, politeia; latin: res publica) er Platons længste og mest indflydelsesrige dialog og har form af en sokratisk dialog

Valtio (kreikaksi Politeia) on Platonin kenties tunnetuin ja tärkein dialogimuotoinen teos.

Sehr gespannt war ich auf die chinesische Version:
 
So sieht Πολιτεία auf Chinesisch aus: 理想國   ^-^ Bedeutung (laut chinesisch/deutschem Wörterbuch) : Utopia…

Offline sandhofer

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Eine interessante Zusammenstellung, danke!
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Offline Gontscharow

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Kleiner Nachtrag:
Wie übersetzt die alte Achsenmacht Japan politeia? Natürlich mit 国家 - Bedeutung : Staat, Land, Reich, Volk

Offline sandhofer

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Danke!

Bevor ich mich nun an das neue Heft mache (DHL hat es doch noch geliefert...  8) ), habe ich noch ein paar Bemerkungen zum Siebenten im Blog hinterlassen.
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Offline sandhofer

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So, unterdessen den Jacobi gelesen.

Friedrich Heinrich Jacobi, der empfindsam-religiöse Sensualist, Erfinder der „schönen Seele“ (wenn ich mich recht entsinne) sowie der erklärte Gegner Spinozas, Kants und Fichtes darf sich in Schillers „Horen“ verbreiten!

Ich vermute einen Fall von "In der Not frisst der Teufel Fliegen"...

Die „Zufälligen Ergießungen eines einsamen Denkers …“ warten mit einer nicht ganz unpolitischen Überraschung auf: Der Briefautor, dessen Ansichten vermutlich diejenigen Jacobis sind, vergleicht das reale französische Königsdrama um die Hinrichtung Ludwigs XVI. mit Shakespeares Lear – wahrscheinlich um zu zeigen, wie ungerecht das über den Monarchen verhängte Urteil war. Auch Sophokles‘ König Ödipus wird in die Ahnengalerie des geköpften Bourbonen eingereiht – und zwar in Form einer Nacherzählung, ausführliche Zitate inbegriffen. Warum er diese Geschichte in aller Ausführlichkeit ausbreitet, ist mir ein Rätsel, denn ich gehe davon aus, dass das Ödipus-Drama den gebildeten Deutschen seiner Zeit bekannt war.

Ja, das Ganze macht auf mich einen recht wirren Eindruck. Jacobi vergleicht zuerst den geköpften Ludwig mit Lear und dem zweifachen Ödipus, um dann den Lear zusammenzufassen und Teile daraus zu zitieren (wäre noch interessant: nach welcher Übersetzung?), und dann dasselbe mit Ödipus zu machen. Dabei geht ihm allerdings Ludwig völlig verloren und vergessen.

Schiller umgeht erneut sein eigenes Politikverbot, indem er Kritik an der Revolution hinter Shakespeare/Lear- bzw. Sophokles/Ödipus-Gedanken und –Paraphrasen verstecken lässt. Was haltet Ihr davon? 

Schillers einzige Konsequenz scheint seine Inkonsequenz zu sein: Er will anonym publizieren, und outet dann doch seine Autoren; er will nicht politisieren und tut es am Laufmeter. Übrigens verlässt Jacobi dann seine Dramen, um über Religion zu schreiben, kommt von der Religion auf die Wahrheit und von dort auf die Meynung. Alles ohne Tiefgang. Wahrlich Zufällige Ergießungen eines einsamen Denkers. Na ja - Denkers?

Kleines Detail am Rande, und weil ich das neulich gerade noch Stifter und Fontane zugeschrieben habe: Auf S. 29 bin ich über den Satz gestolpert: Ich muß abbrechen, liebe Ernestine, ganz abbrechen, ein Ende machen, denn ein zu weites Feld der Betrachtung eröffnet sich hier.
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Offline sandhofer

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A. W. Schlegel: Letzter Teil zur Dante'schen Hölle. Im Grunde genommen ein Essay im Essay, zum Schicksal von Ugolino, dessen reales Leben Schlegel kurz umreisst, bevor der Dantes Schilderung von Ugolino und Ruggieri in der Hölle übersetzt. Schlegel kann sich dann der Bemerkung nicht enthalten, dass im Grunde genommen die beiden an einer ganz falschen Stelle der Hölle eingefügt worden sind, was er dann mit ästhetisch-dichterischen Forderungen begründet, denen Dante Genüge tun wollte. Über Satan, der die drei Erzverräter verspeist, geht er dann nur ganz kurz hinweg; Schlegel findet die Gruppe vor allem komisch und die Zusammenstellung Judas, Brutus und Cassius im Grunde genommen seltsam inkongruent. Damit ist Schlegels Aufsatz nun beendet. Eigentlich schade, auch wenn er mich hier mit seinem historischen Abriss ein bisschen gelangweilt hat.
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Offline Sir Thomas

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... auch wenn er mich hier mit seinem historischen Abriss ein bisschen gelangweilt hat.

Mich hat diese Langeweile vom ersten Aufsatz an befallen. Das ist - sorry! - uninspiriertes Gequatsche, das klug daherkommen möchte, im Grunde aber nur eine Übersetzungsleistung mit einigen Anmerkungen ist. Ich kann auch nicht sagen, dass ich die Übertragung sonderlich gelungen finde, aber das mag Geschmacksache sein.

Es gibt gute Gründe, warum die Gebrüder Schlegel heute weitgehend vergessen sind und allenfalls Germanistikstudenten behelligen dürfen. August Wilhelm hat immerhin einige Verdienste als Übersetzer, aber Bruder Friedrich (den Schiller gar nicht erst für die Horen in Betracht zog!) und dessen unsägliche Zeitschrift "Athenäum" sind nicht mehr als eine historische Fußnote.

Offline sandhofer

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Es gibt gute Gründe, warum die Gebrüder Schlegel heute weitgehend vergessen sind und allenfalls Germanistikstudenten behelligen dürfen.

Vergiss die Philosophie-Studenten nicht! Aber so schlimm habe ich die Schlegels nicht in Erinnerung ...  ;)
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