Author Topic: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller  (Read 255775 times)

Offline Gontscharow

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Nach dem schwer verdaulichen plat de resistance gleich zu Anfang und anschließender leichterer Kost,  einem fein gewürzten zweiten und faden dritten Gang, können wir uns nun endlich über die Voss- Woltmannschen Dessertcreationen hermachen. Ich beginne mal mit der Dichtkunst von Johann Heinrich Voss.
Abgesehen davon, dass ich Gedichte über Dichtung so wenig mag wie Romane über Roman-Schreiben, ist dieses Stück Gedankenlyrik ohnehin für mich ungenießbar: hölzern, gedrechselt , unfreiwillig komisch:
Wer weckte Wälsch’ und Franken/Und Angeln zu Gedanken?/Des Liedes Mus’ allein.
Gewiefter Versifikant? Ich weiß nicht.  Der empfindsam-klassizistische Gedankengang des Gedichts: Dichtung zivilisiert, rüttelt auf (Deutschland erwache? vgl.Strophe3), hilft gegen Stände- und Klassenherrschaft etc passt natürlich hervorragend in die Horen, den Erscheinungsort der Ästhetischen Erziehung. Erziehung ja, aber ästhetisch? Ich würde gern wissen, was Goethe und Schiller von dem Gedicht (wirklich) hielten. Wir wissen ja nun, dass nicht alles, was in den Horen erschien, dem Redakteur auch zusagte… Eigentlich müssten sie doch gemerkt haben, dass das ein zutiefst… plattes Gedicht ist. ;D

Offline Gontscharow

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K.L. Woltmann: Der Dorfkirchhof:
Einen Dorfkirchhof zum Thema  eines Gedichts zu machen, ist ja eigentlich keine so schlechte Idee. Nur hat Woltmann (wär er doch bei seiner Geschichtsschreibung geblieben!) des Guten zuviel getan und das Gedicht mit verschiedenen Motiven hoffnungslos überladen. Was soll es nun eigentlich sein: Ein Stimmungsbild, Naturbeschreibung, Schilderung übernatürlichen, feenhaften Treibens auf den Gräbern, Darstellung der Vielfalt  menschlicher Schicksale und Todesarten, wehmütige Klage eines Städters über naives Landleben, christliche Auferstehungsverkündung? Der thematischen Überfrachtung entspicht der schwülstige Stil.
Wie das vorangegangene hinterlässt dieses Gedicht ein Gefühl der Peinlichkeit.
Übrigens, einige seiner Motive sind durchaus „schon“ romantisch.

Offline Gontscharow

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Karl Ludwig Woltmann: Lethe

Eben wollte ich schreiben, dass Woltmann als Poet wohl zurecht vergessen ist und vermutlich auch seine Zeitgenossen nicht sonderlich überzeugte, als mir zufällig folgende Stelle aus einem Brief von Friedrich Schleiermacher an den Hof-und Domprediger Friedrich Samuel Gottfried Sack in die Hände fiel:

Sie lesen doch die Horen? Und besonders wird Ihnen darin das Gedicht Lethe aufgefallen sein; es ist das schönste, was ich in dieser Gattung kenne.
(Brief vom 24. November 1795)

So verschieden können Geschmäcker sein! Welche Gattung Schleiermacher meint, weiß ich nicht. Gedankenlyrik? Wie auch immer, ich finde das Gedicht schwülstig und hochtrabend. Der Gedankengang: Das lyrische Ich will und braucht kein seliges Vergessen, denn sein Elysium trägt es im Busen, es kann sich den Anforderungen der Wirklichkeit stellen: mit Anmuth & Würde. In Schillers Horen passt das.

Ein Licht auf Schleiermachers Geschmack werfen die Sätze, die dem bereits Zitierten vorausgehen:

Goethe treibt jetzt die deutsche Prosa zu einem Grade der Vollkommenheit, auf dem sie besonders in der erzählenden Gattung noch nie gestanden hat. Der Agathon sticht dagegen ab, wie ein Blondel’sches Palais gegen ein edles griechisches Gebäude.
>:D

Offline sandhofer

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Nun ja - einen bekannten Namen zu haben, bedeutet nicht automatisch, einen guten (literarischen) Geschmack zu haben. Ich vermute zudem, dass Schleiermacher von der einsetzenden Goethe-Verehrung der Romantiker geblendet war.
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline Gontscharow

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Quote from:  sandhofer« am: Heute um 10:44
Nun ja - einen bekannten Namen zu haben, bedeutet nicht automatisch, einen guten (literarischen) Geschmack zu haben.

Wahrlich nicht. ;D

Quote from: sandhofer« am: Heute um 10:44
Ich vermute zudem, dass Schleiermacher von der einsetzenden Goethe-Verehrung der Romantiker geblendet war.
 

Ja, hab ich auch gedacht. Er bezieht sich ja auch auf Wilhelm Meister. Und bei seinem Urteil über Woltmanns Gedicht blendet ihn wahrscheinlich die Schiller- Verehrung! Denn er hält Lethe natürlich für ein Werk Schillers. Mit dem Namen Woltmann im Kopf habe ich das  betriebsblind übersehen (wie das Semikolon zwischen der Erwähnung Schillers und dem Gedicht Lethe!) Schleiermacher weiß ja nicht, dass es von W. ist , das Lethe-Motiv kommt in  Schillers damals sehr bekanntem Gedicht Hektors Abschied (zuerst in den Räubern als Hektors Lied auftauchend , später überarbeitet) vor und Anmuth und Würde erschien mWs 1794!
Für den heutigen Leser, der viel mehr von Schiller kennt als Schleiermacher, wäre eine Verwechslung mMn nicht möglich. Das ästhetizistisch Dekorative in Woltmanns Erguss ist einfach nicht Schillers Handschrift.

Hier nochmal der Brieftext im Zusammenhang:
Von Wilhelm Meister bin ich den dritten Teil noch nicht habhaft geworden und schon der erste hat mich entzückt. Goethe treibt jetzt die deutsche Prosa zu einem Grade der Vollkommenheit, auf dem sie besonders in der erzählenden Gattung noch nie gestanden hat. Der Agathon sticht dagegen ab, wie ein Blondel’sches Palais gegen ein edles griechisches Gebäude. So tut Schiller der Poesie;
Sie lesen doch die Horen? und besonders wird Ihnen darin das Gedicht Lethe aufgefallen sein
; es ist das schönste, was ich in dieser Gattung kenne.

 

Offline sandhofer

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 ;D

Danke fürs Heraussuchen. Ich denke, Deinen Ausführungen, Gontscharow, ist wenig hinzuzufügen. Alle drei Gedichte sind belanglose Fingerübungen.
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Offline sandhofer

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Saladin und der Sklave ist dann im Grunde genommen wieder ein politisches Gedicht. Ein plumpes politisches Gedicht. Ein plumpes Gedicht.

Die beiden Vertonungen von Voß' Gedichten fehlen in meinem Reprint. Waren wohl Beilagen, die in dem als Vorlage dienenden Exemplar verloren gegangen sind.
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Offline sandhofer

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Cotta hat den Herausgeber Schiller mehrfach aufgefordert, doch auch Lichtenberg ins Boot der Beiträger der Horen zu nehmen. Schiller verspricht es immer wieder, erwähnt auch in Briefen gegenüber Körner seine feste Absicht hierzu - und tut es dann doch nicht. Nun, Lichtenberg hat zu der Zeit (1795) verschiedene solche Einladungen erhalten, aber bei keiner zugesagt. Schillers Einladung wäre wohl ähnlich ins Leere gelaufen wie alle andern.
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Offline Gontscharow

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Gottlieb Konrad Pfeffel: Saladin und der Sklave

Quote from: sandhofer« am: Gestern um 16:14
Saladin und der Sklave ist dann im Grunde genommen wieder ein politisches Gedicht.

Und wie! Wenn das keine Anspielung auf die Französische Revolution ist:

Verachtest du die Freyheit? Nein;
Doch lieber will ich stets sie missen,
Als frei mit Bösewichtern seyn,
Die sie nicht zu gebrauchen wissen.


Ganz  Schiller’scher Defätismus der 95 er !

Wie anders klang das noch in Pfeffels berühmtem Erzählgedicht von 1789 Der Tanzbär (das Heinrich Heine zu seinem wunderbaren Atta Troll inspirierte):

Ihr Zwingherrn, bebt! Es kommt der Tag,
An dem der Sklave seine Ketten
Zerbrechen wird, und dann vermag
Euch nichts vor seiner Wut zu retten.


Quote from: sandhofer« am: Gestern um 16:14
Ein plumpes politisches Gedicht. Ein plumpes Gedicht.

Mir gefällt übrigens das Balladeske, fast Moritatenhafte und pseudo-naiv Ironische von Pfeffel (schon der Tanzbär war mMn ironisch) besser als der hochgestochene Krampf von Woltmann oder die bierernste Biederkeit eines Voss.


Offline Anna

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Hallo!

Konrad Pfeffel? Von dem sind mir nur die folgenden heiteren Zeilen bekannt:

Am Grab der Gattin sprach zum trauernden Geleite
der Leichenredner viel vom Wiedersehn;
beim Heimweg sprach der Mann zum Pastor: „Scherz beiseite,
wird meine Frau denn wirklich auferstehn?“


Entschuldigt den kleinen, nicht zur Sache gehörenden Einwurf, der Euch immerhin zeigt, dass ich hier getreulich mitlese. Melde mich gehorsamst, wenn auch zögerlich zurück (viel Zeit habe ich im Sommer nicht, und überhaupt - diese Temperaturen… >:D).

Gruß
Anna
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Offline sandhofer

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Hallo Anna!

Schön, Dich zu lesen.

Grüsse

sandhofer
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Offline Gontscharow

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...
beim Heimweg sprach der Mann zum Pastor: „Scherz beiseite,
wird meine Frau denn wirklich auferstehn?“



Köstlich! Wenn das mal nicht Johann Peter Hebel zu seiner Erzählung über die geschäftstüchtigen Gauner, die  angeblich Tote zum Leben erwecken können, inspiriert hat! Hebel, wie Pfeffel Alemanne mit satirisch schnurrigem Humor, kannnte und schätzte den 26 Jahre Älteren…

Ich komme zu dem Schluss, dass Schiller mit Bedacht Pfeffels humoristische Ballade ans Ende des siebten Stücks der Horen gesetzt hat, als Digestif sozusagen, um im Bild der Speisenfolge zu bleiben…

Offline sandhofer

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Johann Peter Hebel zu seiner Erzählung über die geschäftstüchtigen Gauner, die  angeblich Tote zum Leben erwecken können,

Hast Du mir den Titel der Geschichte? Deine kleine Zusammenfassung sagt mir im Moment gar nichts; und ich glaubte bisher, eigentlich alle Hebel-Geschichten zu kennen....

Ich komme zu dem Schluss, dass Schiller mit Bedacht Pfeffels humoristische Ballade ans Ende des siebten Stücks der Horen gesetzt hat, als Digestif sozusagen, um im Bild der Speisenfolge zu bleiben…

Humoristisch? Ballade? Über letzteres will ich nicht streiten, obwohl mir der getragenere Ton einer Ballade fehlt. Aber als humoristisch habe ich dieses obrigkeitsverherrlichende Werk nicht gerade empfunden.
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Offline Gontscharow

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Quote from:  sandhofer: Heute um 10:32
Hast Du mir den Titel der Geschichte?

Wenn ich ihn gehabt hätte, hätt ich ihn geschrieben. Im Ernst, habe verzweifelt gesucht und bin weder im Projekt Gutenberg noch in meinen staubigen Büchern fündig geworden. Leider besitze ich von Johann Peter Hebel nur die Kalendergeschichten ausgewählt von Ernst Bloch mit seinem wundervollen Nachwort. Darunter ist die Erzählung nicht. Bin aber ganz sicher, dass es sie gibt und dass sie von Hebel ist. Oder? :o Bitte um etwas Geduld…


Quote from:  sandhofer: Heute um 10:32
Humoristisch? Ballade? ….als humoristisch habe ich dieses obrigkeitsverherrlichende Werk nicht gerade empfunden.

Mit obrigkeitsverherrlichend hast du natürlich leider recht. Ähnliches hatte auch ich ja angemerkt. Ich meinte, wie gesagt, auch eher den  naiven moritatenhaften Ton der Verserzählung, der an den (durchaus fortschrittlichen) Tanzbären und andere Humoresken anknüpft. Wieder so ein Janusgesicht. Auf Ballade besteh ich nicht, war für mich lediglich Synonym für Erzählung in Versen.

Offline sandhofer

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Klingt für mich eher nach Boccaccio oder einer mittelalterlichen Schwankerzählung.
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