Author Topic: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller  (Read 255840 times)

Offline sandhofer

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Siebtes Stück

Die Idee der Gerechtigkeit als Princip einer Gesetzgebung betrachtet.

Eine Diskussion der Platonischen Staatsphilosophie? Allerdings scheint mir der Umstand, dass der Autor (J. B. Erhard) dem alten Griechen eine "Republik" zuschreibt, doch verdächtig. Erhard will nicht so recht Position fassen, aber mir scheint, dass er die Gerechtigkeit als freiwilliges Unterwerfen unter ein höheres Prinzip des Staates ansieht. Gerechtfertigt durch die Lehren Christi. Aber dann auch wieder Kant und die Aufklärung.

Überhaupt wundere ich mich mal wieder, wie politisch letzten Endes die angeblich unpolitischen Horen doch immer wieder sind. Da führte 1795 wohl auch kein Weg dran vorbei.
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline sandhofer

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Und auch A. W. Schlegel fährt weiter. Wie immer ein Muster der literarischen Kritik: Persönliches, Allgmeines, Zeitgebundenes und Zeitübergreifendes mischend; immer sich dessen bewusst, welche Position er gerade wo einnimmt.
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Offline Gontscharow

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Siebtes Stück

Die Idee der Gerechtigkeit als Princip einer Gesetzgebung betrachtet.

Eine Diskussion der Platonischen Staatsphilosophie? Allerdings scheint mir der Umstand, dass der Autor (J. B. Erhard) dem alten Griechen eine "Republik" zuschreibt, doch verdächtig.

Überhaupt wundere ich mich mal wieder, wie politisch letzten Endes die angeblich unpolitischen Horen doch immer wieder sind. Da führte 1795 wohl auch kein Weg dran vorbei.

Die Wahl des Begriffs Republik scheint mir kein politisches Statement zu sein, es war wohl für Erhard einfach nur der adäquate Ausdruck für πολιτεία (politeía). Im Lateinischen wird politeia mit res publica übersetzt:

Res publica is a Latin phrase, loosely meaning "public affair". ... Latin translation of politeia; the modern name of Plato's The Republic comes from this usage.(wiki)

Auch Kant sprach von Platons Republik:

Die platonische Republik ist, als ein vermeintlich auffallendes Beispiel von erträumter Vollkommenheit.. ( Kant:Kritik der reinen Vernunft)

Ich weiß nicht, seit wann man bei uns von Platons „Staat“ spricht, im Englischen jedenfalls heißt es nach wie vor Plato’s The Republic



Offline sandhofer

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Die Engländer kennen aber auch keinen Staat, bloss ein Kuddelmuddel ...  >:D

Wenn ich mich nicht irre, wird Schleiermacher schon kurze Zeit später vom "Staat" reden, bzw. übersetzen. Kant war ja auch einmal fast so etwas wie ein aufrührerischer Aufklärer...  >:D
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Offline sandhofer

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Im Ernst: Johann Benjamin Erhard hat im gleichen Jahr wie diesen Artikel sein Buch "Über das Recht des Volkes zu einer Revolution" veröffentlicht. Das Buch wurde in diversen deutschen Staaten verboten. Ich vermute, dass sich Erhard schon etwas gedacht hat bei der Verwendung von "Republik" statt "Staat".
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Offline Gontscharow

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Quote from: Autor: sandhofer
 am: Gestern um 16:15 und  um 17:07
Wenn ich mich nicht irre, wird Schleiermacher schon kurze Zeit später vom "Staat" reden, bzw. übersetzen. Kant war ja auch einmal fast so etwas wie ein aufrührerischer Aufklärer...
   
Ich vermute, dass sich Erhard schon etwas gedacht hat bei der Verwendung von "Republik" statt "Staat".


Interessante Abwege, auf die wir durch die Horen wieder einmal geraten.
A..also, die erste deutsche Übersetzung der politeia in Auszügen stammt von G. Lauterbeck und trägt den Titel »Summa der Platonischen Lere, von den Gesetzen und Regierung des gemeinen Nutzes« in: G. Lauterbeck, Regentenbuch, Leipzig 1572, die erste vollständige deutsche Übersetzung von 1780(!) ist von Johann Friedrich Kleuker, ihr Titel : »Die Republik oder ein Gespräch über das Gerechte« in: Werke, 2. Band, Lemgo 1780. (Hervorhebungen von mir)
Dem folgen wohl Kant in der Kritik der reinen Vernunft (1781) und Erhard im Horenartikel von 1795. Schleiermachers Übersetzung von 1804 heißt übrigens auch noch nicht Der Staat, sondern - wohl eingedenk der Zweideutigkeit und der Brisanz des Begriffs Republik -  unverfänglich Politeia. Der Staat ist, soweit ich sehe, erst der Titel der Übersetzung von Wilhelm Siegmund Teuffel und Wilhelm Wiegand von 1855/56.

Quote from:  sandhoferam: Gestern um 17:07
Im Ernst: Johann Benjamin Erhard hat im gleichen Jahr wie diesen Artikel sein Buch "Über das Recht des Volkes zu einer Revolution" veröffentlicht. Das Buch wurde in diversen deutschen Staaten verboten.

Interessant! Interessant auch, wie Schiller väterlich gravitätisch auf dieses 1794 in Jena erschiene Werk seines Freundes (wie er aus einfachen Verhältnissen und ebenfalls Mediziner) in einem Brief vom 25.5.1794  reagiert:

Vor allem folgen Sie meinem Rat, und lassen Sie vorderhand die arme, unwürdige und unreife Menschheit für sich selbst sorgen. Bleiben Sie in der heitern und stillen Region der Ideen, und überlassen Sie es der Zeit, sie ins praktische Leben einzuführen. Und wenn es Sie je kitzelt, außer sich zu wirken, so machen Sie den Anfang mit dem physischen, und kurieren die Körper von der Gicht und vom Fieber, deren Seelen inkurabel sind. ( zitiert nach:Haasis, S. 217)

Ist das nicht eine Vorwegnahme in Kürzestform der in der Ästhetischen Erziehung entwickelten Gedanken?

Es zeugt doch von einer gewissen Toleranz, dass Schiller Erhard trotz dessen unliebsamer politischer Ansichten in den Horen zu Wort kommen lässt.

Offline Gontscharow

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Ich erlaube mir, aus einem Brief Schillers zu zitieren, den er am 5. Mai 1795 aus Anlass des zu veröffentlichenden Horenbeitrags Die Idee der Gerechtigkeit... an J.B.Erhard geschrieben hat. Der Brief gewährt einen Blick in die Werkstatt der Horen, in die Giftküche des Idealismus...:

Mich freut es sehr mein Lieber, dass Ihre Denkungsart sich auf den gemäßigten und ruhigfesten Ton gestimmt hat, [nach den revolutionären Tönen in Erhards: Über das Recht des Volkes zu einer Revolution. Anmkg. von mir], den ihre neuesten Arbeiten unverkennbar zeigen. Nach und nach denke ich mir, sollen Sie sich ganz und gar von dem Feld des praktischen Kosmopolitism zurückziehen, um mit Ihrem Herzen sich in den engeren Kreis der Ihnen zunächst liegenden Menschheit einzuschließen, indem Sie mit Ihrem Geist in der Welt des Ideals leben. Glühend für die Idee der Menschheit, gütig und menschlich gegen den einzelnen Menschen, und gleichgültig  gegen das ganze Geschlecht wie es wirklich vorhanden ist - das ist mein Wahlspruch.
Wenn Sie mir erlauben,…in Ihren Briefen über Plato’s Republik … noch hie und da einen Ausdruck zu ändern, der für die Leser der Horen fremd sein könnte, so kann ich ihren Beitrag ganz gut für die Horen gebrauchen…
..auch wünschte ich, dass Ihnen der Vortheil des größeren Honorars
[E. war zu der Zeit pekuniär sehr klamm]  nicht entzogen würde. Ich kann Ihnen für alle Ihre Aufsätze, sobald solche nur für unser Publikum popular genug sind, 5 Louisd’ors pr Bogen auszahlen.

(zitiert nach: Denkwürdigkeiten des Philosophen und Arztes Johann Benjamin Erhard, herausgegeben von R.A. Varnhagen von Ense, 1830)
« Last Edit: 11. Juli 2013, 11.43 Uhr by Gontscharow »

Offline sandhofer

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Danke für Deine Recherchen. Tatsächlich sehr interessant.
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Offline Gontscharow

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In  Die Idee der Gerechtigkeit als Princip einer Gesetzgebung betrachtet vergleicht Erhard Platos Gerechtigkeitsbegriff mit dem Kantischen. Um dem Beitrag gerecht zu werden und etwas  Vernüftiges darüber sagen zu können, müsste man eigentlich in Platos Staat und besonders Kants Ethik bewandert sein. Das ist bei mir leider nicht der Fall. Schade, dass aus der hier vor einiger Zeit anvisierten Kantleserunde nichts geworden ist! Sie wäre die ideale Begleitung für die Horenlektüre (oder viceversa), wo es an allen Ecken und Enden kantelt.

Erhard, der mit Kant persönlich bekannt war und von diesem sehr geschätzt wurde, nennt in seinem Horenbeitrag Kants Philosophie eine sichere Leiterinn in den wichtigsten Angelegenheiten der Menschheit (S. 23) Und so lässt er sich von ihr leiten bei seiner "Beweisführung", dass Platos Begriff der Gerechtigkeit unvollkommen sei und seine "Republik" daher kein Ideal der besten Gesetzgebung sein könne. Kants Begrifflichkeit allüberall, das merke selbst ich mit meinen rudimentären Kantkenntnissen, wenn Erhard etwa von Materie und Form einer Handlung spricht oder feststellt, Plato untersuche lediglich, was die Gerechtigkeit für den Menschen und nicht was sie im Menschen sei. Und  besonders, wenn er zu dem Schluss kommt, dass die Theorie der Gesetzgebung nicht (wie bei Plato) zu erklären habe, wie die Menschen glücklich werden, sondern ”wie sich  durch das Bedürfniss veranlasste Vorschriften mit den unabhängigen selbst bestimmten und frey anerkannten Gesetzen freyer Wesen vertragen können” ... Oder ist das eine Fortführung Kantischen Denkens?

Offline Gontscharow

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Mit dem zweiten Beitrag des siebten Stücks kommt der Leser in den Genuss einer weiteren Kostprobe Schlegelscher Übersetzungs - und Kommentierungskunst.
Es beginnt - vielleicht nicht besonders geschickt portioniert - mit einem nachgereichten Kommentar zu der “Teufelshetze", die bereits im vierten Stück der Horen Thema war. Schlegel stellt poetologische Überlegungen an zu der Darstellung des Unsittlichen, Häßlichen, Niederen… interessant in einem Journal, das die Darstellung des Erhabenen, des sittlich Edlen propagiert! Er bemerkt, dass Dante keine Scheu vor wie auch immer gearteten Gegenständen hatte, sie mochten noch so niedrig sein, dass oder weil ihm nicht bewusst war, dass er ein Epos schrieb (Dante argwöhnte nicht, dass er eine Epopöe schriebe... S.31) was daran erkennbar sei, dass er sein Werk Komödie genannt habe… Überhaupt kommt Schlegel zu dem Schluss - und da schlägt er die klassizistisch idealistische Poetik quasi mit ihren eigenen Mitteln - dass nichts der menschlichen Einbildungskraft entspringe, was nicht auch der inneren Natur des Menschen entspreche, denn man könne keine Empfindung eines guten oder bösen Engels erfinden, dessen ein Mensch nicht ebenfalls fähig wäre.

Es folgt ein Beispiel für frühe Komparatistik, ein Vergleich der Dantesken Teufel mit denen Miltons, Goethes etc.
 
Dass Schlegel wunderbar übersetzt, wurde schon gesagt. In diesem Beitrag gefiel mir besonders sein trockener Humor. Beispiele: Im Zusammenhang mit der babylonischen Sprachverwirrung zitiert er einen Nonsens-Vers mit erfundenen Worten, die den Klang des Hebräischen imitieren sollen, und schließt an: Indessen hat auch dieser Vers seine Ausleger gefunden(S.48). Oder: Er referiert, dass Dante und Vergil von einem Riesen ergriffen und irgendwo niedergesetzt werden, obgleich Dante unterwegs eine andere Art zu reisen wohl vorgezogen hätte(S.49).

Offline sandhofer

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In diesem Beitrag gefiel mir besonders sein trockener Humor. Beispiele: Im Zusammenhang mit der babylonischen Sprachverwirrung zitiert er einen Nonsens-Vers mit erfundenen Worten, die den Klang des Hebräischen imitieren sollen, und schließt an: Indessen hat auch dieser Vers seine Ausleger gefunden(S.48).

Danke für die Erinnerung. Dazu wollte ich auch noch etwas sagen. Nämlich: Stellen wie diese zeigen, wie artifiziell letzten Endes Epochen-Begrenzungen halt doch sind. So eine Bemerkung könnte auch von Wieland stammen. Der nun seinerseits stärker in der Aufklärung genannten Zeit wurzelt als seine Klassiker-Kollegen Schiller und Goethe. Und die Romantik ist zwar in vielem Gegenspiel der Aufklärung, in Bezug auf die Ironie aber treffen sich Aufklärung (Wieland), Sturm und Drang (Hamann) und Romantik (A. W. Schlegel) wieder. Bruder Friedrich und Novalis haben versucht, die Ironie neu zu erfinden, wenn ich mich recht erinnere. Aber das führt weit über Die Horen hinaus und erinnert mich daran, dass ich deren Fragmente im Anschluss an Hamann lesen wollte. Mit Weiterführung zu Kierkegaard ...
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Offline sandhofer

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Um dem Beitrag gerecht zu werden und etwas  Vernüftiges darüber sagen zu können, müsste man eigentlich in Platos Staat und besonders Kants Ethik bewandert sein.

Auch dazu wollte ich noch etwas sagen ...  ;)

Du hast natürlich Recht, ohne Kant lief zu jener Zeit bei den Intellektuellen, die etwas auf sich hielten, nichts. Platon und Kant lohnen sicher eine Lektüre; ob dieser Artikel so wichtig ist, dass man deswegen eine Unkenntnis der beiden bedauern soll, wage ich allerdings zu bezweifeln.  ;)
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Offline sandhofer

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Die Unterhaltungen

Ich bin auch der Meinung des Hausfreunds, dass es eine moralische Erzählung getan hätte. Und wenn ich nun Goethes Prosa-Stil so unmittelbar vor, während und nach dem Wielands zur Kenntnis nehme, verstärkt sich meine Widerborstigkeit noch ...  >:(
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Offline Gontscharow

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Die Unterhaltungen

Ich bin auch der Meinung des Hausfreunds, dass es eine moralische Erzählung getan hätte.
;D
Aber die Baronesse kannn ja nicht genug kriegen. Ich liebe mir sehr Parallelgeschichten, sagt sie, eine deutet auf die andere hin und erklärt ihren Sinn … Klingt gut und überzeugt wohl auch den Hausfreund. Aber trifft das auf die beiden „moralischen“ Erzählungen zu? Ich finde kaum.
Dies ist die erste  Erzählung innerhalb der Unterhaltungen ohne literarische Vorlage. Die  Luise der Rahmenhandlung bedingt sich heimische Schauplätze und ein Familiengemälde aus. Der Alte will ihr darin willfahren und kündigt als weitere Neuheit eine „genaue Darstellung dessen, was in den Gemütern vorgeht,“ an. Eine psychologische Geschichte also. Ich würde sagen, es ist eine Charakternovelle. Wir sehen einen jungen Mann schuldig werden und sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. Keine äußeren Anlässe oder Zufälle, die den Wendepunkt herbeiführen, aber auch keine plausibel gemachten inneren Motive, außer vielleicht die jeweiligen Erbteile von Vater und Mutter (übrigens spiegelverkehrt wie die bei Goethe selbst in DichtunguWahrheit), die jeweils Oberhand gewinnen. Die Geschichte plätschert trotz eigentlich dramatischer Vorgänge seltsam lau daher. Es gibt auch kein schönes Pathos bei der Erkenntnis der Heilung aus eigener Kraft oder des „ guten und mächtigen Ich“ wie im Prokurator.
Allerdings endet der Beitrag, bevor die Geschichte zu Ende erzählt ist. Und er beginnt mit einem Nachtrag zur Prokurator- Geschichte. Sollen das Cliffhänger sein?   

Offline sandhofer

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Allerdings endet der Beitrag, bevor die Geschichte zu Ende erzählt ist. Und er beginnt mit einem Nachtrag zur Prokurator- Geschichte. Sollen das Cliffhänger sein?   

Ich tippe auf mittelmässige Redaktion. Ob von Seiten des Autors oder des Herausgebers sei dahingestellt.  :angel:
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