Während Herder sich moquierte, dass dass "o" im Titel der Zeitschrift nun in ein "u" abgeändert werden müsste. Wobei ich vermute, dass bei Herder da eine doppelte Eifersucht eine Rolle spielte...
Ja, schade, offenbar versäumte es Herder, die Goethisch-Schillersche Freundschaftsformel zu beherzigen und entschied sich angesichts
der großen Vorzüge des anderen statt für Liebe für Neid und Eifersucht. Herders Kritik an den Elegien ist, soviel ich weiß, nur durch Böttiger kolportiert, dem zufolge Herder wohl doch nicht umhinkam, den poetischen Wert der Elegien anzuerkennen, was jedoch vom
Huren- Diktum übertönt wurde. In die Klage über mangelnde Dezenz stimmten viele (auch Karl August, auch Frau von Stein natürlich) mit ein, es gab einen veritablen Eklat, was die Verkaufszahlen vermutlich emporschnellen ließ. Ein gewisser Schulz (ja, der Theologe und Schauspieler) beklagt sich jedenfalls in einem Brief an Böttiger vom 13.9.1795, er habe die Elegien, um die in Weimar soviel Wind gemacht werde, noch nicht lesen können, weil in ganz Mitau(!) (Hauptstandt von Kurland) kein Exemplar der Horen aufzutreiben sei. Es wurden sogar Wetten abgeschlossen über die skandalöse Autorschaft:
Man rät allgemein auf Goethe. Aber ich begreife nicht, wie man das kann. Ich habe mich auf mehrere Wetten eingelassen.( K. Reinhard an Klamer Schmidt, 1795)
Dabei hatte Goethe seine
Erotica Romana, geschrieben zwischen1788-90, kurz nach seiner Italienreise und zu Beginn der Beziehung zu Christiane (
im ersten Rausch mit der Vulpiussen (Böttiger)), doch schon von allzu „rüstigen" Stellen gesäubert und von 24 auf 2o Elegien gekürzt. Ich lese die E. nicht zum ersten Mal. Die „Apokryphen“ hatten mich nie interessiert. Jetzt, die Horen lesend, finde ich es sehr spannend zu sehen, was Goethe dem Horen-Publikum meinte nicht zumuten zu dürfen: Er streicht zwei relativ „harmlose“ Elegien (die ursprünglich zweite und sechzehnte). Die eine besingt die Einfachheit seiner Geliebten, ihre Herkunft aus kleinen Verhältnissen und endet:
Uns ergetzen die Freuden des echten, nacketen Amors/ und des geschaukelten Bettes lieblicher knarrender Ton. Schade um die Verse! Die andere, zugegeben etwas düster, handelt von (der Angst vor) Geschlechtskrankheiten… Gute Güte, auch Ovid ließ in seinen
Amores Unappetitlichkeiten der Liebe nicht aus. Aber vor allem verbannt Goethe Priapus, den römischen Fruchtbarkeitsgott mit dem enormen Phallus, aus den Elegien. Im Prolog der
Erotica wird der Gartengott, der aus Holz geschnitzt und rot angemalt die altrömischen Gärten bewachte und als Vogelscheuche diente, gebeten den Garten des Dichters zu bewachen und zwar nicht vor Dieben, die dürften sich bedienen, sondern: …
bemerke die Heuchler ... also die, von denen G. weiß, dass er sie durch die
Elegien auf den Plan rufen wird. Und in gut altrömischer Tradition schließt er:
Nahet sich einer…./… so straf ihn von hinten/ mit dem Pfahle, der rot dir… Und Priapus hat in den
Erotica das letzte Wort: Im Epilog dankt er dem Dichter, dass er ihm, dem Hässlichen und Grotesken, eine gewisse Schönheit verliehen habe und verspricht ihm als Dank Potenz (deftiger ausgedrückt- lest selbst) und (jeweils) Durchhaltevermögen…
bis ihr die dutzend Figuren/Durchgenossen, wie sie künstlich Philänis erfand. Ja, von alll dem sind die
Elegien gereinigt - versteckt in der kanonischen Elegie XI wird Priaps dennoch

, wenn auch nicht namentlich, erwähnt - und trotzdem dieser Sturm der Entrüstung.
Goethe hat mit seinen Elegien Neuland betreten, sich auf vermintes Terrain vorgewagt. Es war mutig, die Elegien zu veröffentlichen. Schiller, der schon von der Ursprungsfassung begeistert war und sie als „Startkapital“ für die Horen betrachtete, hat, nachdem sie gedruckt sind, Angst vor der eigenen Courage und nähert sich seinem Gönner in Defensivhaltung:
Nicht ohne Verlegenheit wage ich es, Ew. Herzogl.Durchlaucht das sechste Stück der Horen zu überreichen.
Die Elegien, welche es enthält, sind vielleicht in einem zu freien Tone geschrieben, und vielleicht hätte der Gegenstand, den sie behandeln, sie von den Horen ausschließen sollen. Aber die hohe poetische Schönheit, mit der sie geschrieben sind, riss mich hin, und dann gestehe ich, dass ich zwar eine konventionelle, aber nicht die wahre und natürliche Dezenz dadurch verletzt glaube. Ich werde in einem künftigen Stücke des Journals mir die Freiheit nehmen, mein Glaubensbekenntnis über das, was dem Dichter in Rücksicht auf das Anständige erlaubt und nicht erlaubt ist, ausführlich abzulegen. ( Schiller an Herzog Friedrich Christian von Augustenburg, 5.7.1795)
Mit der Unterscheidung von konventioneller und natürlicher Dezenz hat er ja - typisch Schiller - noch mal die Kurve gekriegt … Hat er sein Versprechen bezüglich Anständigkeit wahr gemacht?