Author Topic: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller  (Read 255810 times)

Offline sandhofer

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Die ästhetische Erziehung ...

Schiller stellt die schmelzende Schönheit dar. Im Grunde genommen will er ja ganz einfach behaupten, dass nur ein Mittelmass zwischen reinem Affekt und reiner Vernunft zu einem anständigen Leben führt, oder?

Komisch wird Schiller dort, wo er von der tötenden Scheide eines Schwertes spricht. Er hat wohl selber nie etwas anderes als Galanteriedegen gesehen oder getragen.

Ich muss Schiller aber zu Gute halten, dass er offenbar wenig vom edlen Wilden eines Rousseau hält. In echter aufklärerischer Manier ist für ihn der menschliche Frühzustand keineswegs ideal, sondern ein von den Einwirkungen der Aussenwelt gesteuerter, von der Aussenwelt abhängiger.
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline Sir Thomas

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Die ästhetische Erziehung ...

Schiller stellt die schmelzende Schönheit dar. Im Grunde genommen will er ja ganz einfach behaupten, dass nur ein Mittelmass zwischen reinem Affekt und reiner Vernunft zu einem anständigen Leben führt, oder?

Ja. In Schillers Worten: Der ästhetische Zustand ist erreicht, wenn weder der Sinn- noch der Formtrieb (= Vernunft) dominant ist. Damit ist ein Zustand realer und aktiver Bestimmbarkeit sowie "erfüllter Unendlichkeit" verwirklicht. Dem Menschen ist damit die Freiheit, zu sein, was er sein soll, vollkommen zurückgegeben (Brief 21). Das ist in Kurzform der klassische Gedanke des gemäßigten Denkens, Handelns und Lebens.

In echter aufklärerischer Manier ist für ihn der menschliche Frühzustand keineswegs ideal, sondern ein von den Einwirkungen der Aussenwelt gesteuerter, von der Aussenwelt abhängiger.

Schiller als Repräsentant der Spätaufklärung? Warum nicht. Ich überlege immer noch, ob der sog. deutsche Idealismus zu den aufklärerischen Strömungen des späten 18. Jahrhunderts zählen sollte oder ob er nicht schon Frühromantik ist. Wie siehst Du das?

Offline sandhofer

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In echter aufklärerischer Manier ist für ihn der menschliche Frühzustand keineswegs ideal, sondern ein von den Einwirkungen der Aussenwelt gesteuerter, von der Aussenwelt abhängiger.

Schiller als Repräsentant der Spätaufklärung? Warum nicht. Ich überlege immer noch, ob der sog. deutsche Idealismus zu den aufklärerischen Strömungen des späten 18. Jahrhunderts zählen sollte oder ob er nicht schon Frühromantik ist. Wie siehst Du das?

Schiller knüpft expressis verbis an Kant an. Auch wenn er bereits den dialektischen Dreischritt kennt... Persönlich halte ich die Deutsche Klassik (cum grano salis) für ein letztes Aufbäumen der Aufklärung, eine Bewegung einzelner weg vom Weg in die Romantik, der bereits (z.T. auch durch diese einzelnen, nämlich v.a. Goethe und Schiller) vom Sturm und Drang eingeschlagen worden war.
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Offline Gontscharow

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Och  ne, jetzt seid ihr schon beim Pferdeschwanz des Centaurs ( Ausdruck von Goethe: da meine Elegien einen seltsamen Contrast mit seiner Philosophie machen), während ich noch beim Menschenkopf bin.

Quote from:  sandhofer
« am: Heute um 17:43 »
Komisch wird Schiller dort, wo er von der tötenden Scheide eines Schwertes spricht. Er hat wohl selber nie etwas anderes als Galanteriedegen gesehen oder getragen.

Im 27 Brief? S. 118 ? Das ist wohl ein Druckfehler. Schiller meint nätürlich Schneide! Seltsamerweise fehlt ein Verzeichnis der Druckfehler zum 6. Stück (fehlt sonst zu keinem ). Schneide steht aber natürlich an entsprechender Stelle in meiner anderen Ausgabe der ÄE, die in „originaler Orthographie und Interpunktion wiedergegeben [ist] nach der ersten Buchausgabe im Rahmen von Schillers Kleinen prosaischen Schriften, Bd3, 1801.
Die wenigen Unterschiede zur Horenfassung sind minutiös aufgelistet. Scheide ist nicht dabei.

Todbringende Scheiden soll es aber auch geben, man denke nur an die vagina dentata  ;D



Offline Sir Thomas

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Persönlich halte ich die Deutsche Klassik (cum grano salis) für ein letztes Aufbäumen der Aufklärung, eine Bewegung einzelner weg vom Weg in die Romantik, der bereits (z.T. auch durch diese einzelnen, nämlich v.a. Goethe und Schiller) vom Sturm und Drang eingeschlagen worden war.

Ist die Einteilung unserer Literatur in Sturm und Drang - Klassik - Romantik etc. noch zeitgemäß? Mir kommen immer mehr Zweifel. Vielleicht sollte man bei Lessing, Wieland, Goethe und Co. einfach vom gesellschaftlich notwendig gewordenen Beginn der gehobenen bürgerlichen Literatur sprechen, die den Prozess individueller Entwicklung, Entfaltung und Entfremdung in der sich stark verändernden Umwelt ästhetisiert und reflektiert. Das hat die Romantik fortgesetzt, nur in einem anderen Bezugsrahmen bzw. mit einem anderen Referenzmodell (Mittelalter statt Antike).

Damit einher geht die Evolution eines kapitalistisch organisierten Buch- und Zeitungsmarkts. Beide Prozesse - Entstehung der bürgerlichen Hochliteratur und des publizistischen Wettbewerbs - sind historisch durchaus "folgerichtig", auch wenn man vorsichtig sein sollte, in geschichtlichem Geschehen so etwas wie eine zwingende "Logik" zu sehen.

Offline Sir Thomas

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Och  ne, jetzt seid ihr schon beim Pferdeschwanz des Centaurs ( Ausdruck von Goethe: da meine Elegien einen seltsamen Contrast mit seiner Philosophie machen), während ich noch beim Menschenkopf bin.

Du hast doch selbst festgestellt, dass die Elegien bis in das letzte Komma ausgedeutet seien. Und wo Du recht hast ...  ;D

Offline sandhofer

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Ist die Einteilung unserer Literatur in Sturm und Drang - Klassik - Romantik etc. noch zeitgemäß?

Ich glaube, dass sie es nie war. Und m.W. auch ausserhalb des deutschen Sprachraums immer angezweifelt. Dort hat man diese drei Perioden m.W. gern als "Romantik" zusammengefasst.

Vielleicht sollte man bei Lessing, Wieland, Goethe und Co. einfach vom gesellschaftlich notwendig gewordenen Beginn der gehobenen bürgerlichen Literatur sprechen, die den Prozess individueller Entwicklung, Entfaltung und Entfremdung in der sich stark verändernden Umwelt ästhetisiert und reflektiert.

"Gesellschaftlich notwendig" gefällt mir nicht. Ansonsten ein interessanter Ansatz.
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Offline Sir Thomas

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Vielleicht sollte man bei Lessing, Wieland, Goethe und Co. einfach vom gesellschaftlich notwendig gewordenen Beginn der gehobenen bürgerlichen Literatur sprechen, die den Prozess individueller Entwicklung, Entfaltung und Entfremdung in der sich stark verändernden Umwelt ästhetisiert und reflektiert.

"Gesellschaftlich notwendig" gefällt mir nicht. Ansonsten ein interessanter Ansatz.

Naja, "notwendig" drückt nur unvollkommen aus, warum zu einem bestimmten Zeitpunkt bestimmte Entwicklungen ihren Ausgang nehmen. Vielleicht sollte ich noch einmal über das Phänomen der "Emergenz" in diesem Zusammenhang nachdenken. Das trifft es eventuell besser.

Offline Gontscharow

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Während Herder sich moquierte, dass dass "o" im Titel der Zeitschrift nun in ein "u" abgeändert werden müsste. Wobei ich vermute, dass bei Herder da eine doppelte Eifersucht eine Rolle spielte...

Ja, schade, offenbar versäumte es Herder, die Goethisch-Schillersche Freundschaftsformel zu beherzigen und entschied sich angesichts der großen Vorzüge des anderen statt für Liebe für Neid und Eifersucht. Herders Kritik an den Elegien ist, soviel ich weiß, nur durch Böttiger kolportiert, dem zufolge Herder wohl doch nicht umhinkam, den  poetischen Wert der Elegien anzuerkennen, was jedoch vom Huren- Diktum übertönt wurde. In die Klage über mangelnde Dezenz stimmten viele (auch Karl August, auch Frau von Stein natürlich) mit ein, es gab einen veritablen Eklat, was die Verkaufszahlen vermutlich emporschnellen ließ. Ein gewisser Schulz (ja, der Theologe und Schauspieler) beklagt sich jedenfalls in einem Brief an Böttiger vom 13.9.1795, er habe die Elegien, um die in Weimar soviel Wind gemacht werde, noch nicht lesen können, weil in ganz Mitau(!) (Hauptstandt von Kurland) kein Exemplar der Horen aufzutreiben sei. Es wurden sogar Wetten abgeschlossen über die  skandalöse Autorschaft: Man rät allgemein auf Goethe. Aber ich begreife nicht, wie man das kann. Ich habe mich auf mehrere Wetten eingelassen.( K. Reinhard an Klamer Schmidt, 1795)
Dabei hatte Goethe seine Erotica Romana, geschrieben zwischen1788-90, kurz nach seiner Italienreise und zu Beginn der Beziehung zu Christiane (im ersten Rausch mit der Vulpiussen (Böttiger)), doch schon von allzu „rüstigen"  Stellen gesäubert und von 24 auf 2o Elegien gekürzt. Ich lese die E. nicht zum ersten Mal. Die „Apokryphen“ hatten mich nie interessiert. Jetzt, die Horen lesend, finde ich es sehr spannend zu sehen, was  Goethe dem Horen-Publikum meinte nicht zumuten zu dürfen: Er streicht zwei relativ „harmlose“ Elegien (die ursprünglich zweite und sechzehnte). Die eine besingt die Einfachheit seiner Geliebten, ihre Herkunft aus kleinen Verhältnissen und endet:  Uns ergetzen die Freuden des echten, nacketen Amors/ und des geschaukelten Bettes lieblicher knarrender Ton. Schade um die Verse! Die andere, zugegeben etwas düster, handelt von (der Angst vor) Geschlechtskrankheiten… Gute Güte, auch Ovid ließ in seinen Amores Unappetitlichkeiten der Liebe nicht aus. Aber vor allem verbannt Goethe Priapus, den  römischen Fruchtbarkeitsgott mit dem enormen Phallus, aus den Elegien. Im Prolog der Erotica wird der Gartengott, der aus Holz geschnitzt und rot angemalt die altrömischen Gärten bewachte und als Vogelscheuche diente, gebeten den Garten des Dichters zu bewachen und zwar nicht vor Dieben, die dürften sich bedienen, sondern: … bemerke die Heuchler ... also  die, von denen G. weiß, dass er sie  durch die Elegien auf den Plan rufen wird. Und in gut altrömischer Tradition schließt er: Nahet sich einer…./… so straf ihn von hinten/ mit dem Pfahle, der rot dir…  Und Priapus hat in den Erotica das letzte Wort: Im Epilog dankt er dem Dichter, dass er ihm, dem Hässlichen und Grotesken, eine gewisse Schönheit verliehen habe und verspricht ihm als Dank  Potenz (deftiger ausgedrückt- lest selbst) und (jeweils) Durchhaltevermögen…  bis ihr die dutzend Figuren/Durchgenossen, wie sie künstlich Philänis erfand. Ja, von alll dem sind die  Elegien gereinigt - versteckt in der kanonischen Elegie XI wird Priaps dennoch >:D, wenn auch nicht namentlich, erwähnt - und trotzdem dieser Sturm der Entrüstung.
Goethe hat mit seinen Elegien Neuland betreten, sich auf vermintes Terrain vorgewagt. Es war mutig, die Elegien zu veröffentlichen. Schiller, der schon von der Ursprungsfassung begeistert war und sie als „Startkapital“ für die Horen betrachtete, hat, nachdem sie gedruckt sind, Angst vor der eigenen Courage und nähert sich seinem Gönner in Defensivhaltung:

Nicht ohne Verlegenheit wage ich es, Ew. Herzogl.Durchlaucht das sechste Stück der Horen zu überreichen.
Die Elegien, welche es enthält, sind vielleicht in einem zu freien Tone geschrieben, und vielleicht hätte der Gegenstand, den sie behandeln, sie von den Horen ausschließen sollen. Aber die hohe poetische Schönheit, mit der sie geschrieben sind, riss mich hin, und dann gestehe ich, dass ich zwar eine konventionelle, aber nicht die wahre und natürliche Dezenz dadurch verletzt glaube. Ich werde in einem künftigen Stücke des Journals mir die Freiheit nehmen, mein Glaubensbekenntnis über das, was dem Dichter in Rücksicht auf das Anständige erlaubt und nicht erlaubt ist, ausführlich abzulegen.

( Schiller an Herzog Friedrich Christian von Augustenburg, 5.7.1795)

Mit der Unterscheidung von konventioneller und natürlicher Dezenz hat er ja - typisch Schiller -  noch mal die Kurve gekriegt … Hat er sein Versprechen bezüglich Anständigkeit wahr gemacht?

 

Offline Gontscharow

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Bevor die Schillersche Philosophische Bude hier endgültig dicht macht, einige Bemerkungen meinerseits noch zur der Ästhetischen Erziehung. Immerhin ist sie das philosophisch theoretische  Herz- und Filetstück der Horen, so etwas wie die Programm- und Kampfschrift der Weimarer Klassik. Sie beinhaltet Zivilisationskritik, Kritik an der Aufklärung, ästhetische Theorie. Aber vor allem ist die ÄE ein politisch pädagogisches Werk, das die Konsequenzen aus der geschichtlichen Lektion der Französischen Revolution zu ziehen versucht. Schiller nennt sie zwar im ganzen Werk nicht beim Namen, genauso wenig wie Begriffe wie  Feudalstaat, Fürstenherrschaft o.ä fallen. Alles bleibt abstrakt und allgemein. Es ist aber eindeutig, dass Schiller Ziele bzw gewisse Errungenschaften der Revolution bejaht, eine Staatsform , in der die Vernunft regiert, wo der Mensch in das „Majestätsrecht seiner Person“ eingesetzt wird, Freiheit und Selbstbestimmung herrschen etc. Nicht nur bejaht, es scheint für ihn außer Frage zu stehen, dass das kommen wird, kommen muss, sich die Geschichte darauf zu bewegt, Frankreich bereits der politsche Schauplatz ist, wo das große Schicksal der Menschheit verhandelt wird. Im Laufe der Revolution hat sich seiner Meinung nach jedoch gezeigt: die Freiheit wird pervertiert, schlimme menschliche Eigenschaften werden freigesetzt, die Menschen sind moralisch noch nicht reif für die Freiheit. (Im Grunde antizipiert Schiller diesen Gedanken in seinen Dramen, in denen man  gegen das Bestehende revoltiert, es mit der Befreiung aber nie klappt. Sicher, das System schlägt zurück, aber auch der Freiheitsheld selbst hat seinen Anteil am Scheitern: Ferdinand und Posa z. B. führen das Befreiungspathos eigentlich nur im Munde; am Ende lassen sie sich in der einen oder anderen Art korrumpieren. Für die, die  ihnen gefolgt sind, Luise und Karlos, bedeutet das den Untergang.) Natürlich ist unter solchen Umständen das Beispiel der Franzosen nicht nachahmenswert. Schiller gebraucht ein schönes Bild: … das lebendige Uhrwerk des Staates muss gebessert werden, indem es schägt… das rollende Rad (ist) während seines Umschwunges auszutauschen.(3. Brief) D.h. wenn ich richtig verstehe, keine Revolution, das bestehende System soll nicht außer Kraft gesetzt, sondern „entkernt“ und repariert werden. Was Schiller empfiehlt, ist bekannt und wird in den Horen allenthalben propagiert  : Veredlung des Charakters. Aber, fragt Schiller im neunten Brief:… wie kann sich unter den Einflüssen einer barbarischen Staatsverfassung der Charakter veredeln? Um dem Zirkel nicht zu erliegen, sei ein Betätigungsfeld vonnöten, auf das der Staat keinen Zugriff hat, wo der Mensch ganz er selbst sein kann etc. Dieses Feld ist für Schiller das Schöne, die Kunst. - So in etwa der Gedankengang, der zu dem bereits im zweiten Brief geäußerten viel zitierten Satz führt: :  .. dass man um jenes politische Problem in der Erfahrung zu lösen, durch das ästhetische den Weg nehmen muss, weil es die Schönheit ist, durch welche man zu der Freyheit wandert (2. Brief)
Was Schiller über die „anthropologische“ Seite der Kunst schreibt, dass sie sich der Herrschaft des Nützlichen entziehe, von den Herrschenden nicht vereinnehmbar und zerstörbar , ein Therapeutikum gegen die Zeitkrankheit der Zersplitterung sei, weil der Mensch ganz bei sich, quasi aus dem Tagesgeschäft herausgehoben sei, und ähnliches mehr, hat der ÄE durch die Zeit bis heute Beifall eingetragen bzw. Entsprechungen gefunden... Man denke etwa an das Kunst-Projekt von Chagall, Malevitschch und Lissitzky in Witebsk während der russ.Revolution. An Bulgakovs Gewissheit Manuskripte brennen nicht, an Blochs und Markuses  Einlassungen zu Schillers ÄE etc. Erst kürzlich hörte ich aus dem Munde eines bekannten Philosophen, Kunst sei  vielleicht eine „ antizyklische Maßnahme, bei den Zumutungen der Zeit den Kopf nicht zu verlieren“ o.ä. Man könnte Schiller modernistisch sogar die Aufforderung zur Entschleunigung nachsagen.

Mit dem Werk als  Revolutionsvermeidungsschrift  habe ich  ehrlich gesagt  meine Schwierigkeiten. Die Briefe sind eine Hommage an seinen Gönner, den Augustenburger Herzog. Ein bisschen drängt sich mir die Parallele zu Goethe auf, der seinen Herzog auf seinen Feldzügen gegen die Franzosen begleiten musste. In beiden Fällen, will mir scheinen, so etwas wie eine (abgenötigte) Ergebenheits- und Einverständniserklärung mit der alten Ordnung und der Reaktion.



Offline sandhofer

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Hallo!

Danke, Gontscharow, für Deine zusammenfassenden Bemerkungen! Den Spagat der deutschen Intelligentsia jener Zeit kann man jedenfall in der Ästhetischen Erziehung gut nachvollziehen. Eigentlich und ursprünglich Sympathie für die Ziele der Französischen Revolution, dann aber von den angewendeten Methoden abge- und verschreckt, sucht man nun irgendwo im Niemandsland zwischen den Fronten eine Heimstatt.

In beiden Fällen, will mir scheinen, so etwas wie eine (abgenötigte) Ergebenheits- und Einverständniserklärung mit der alten Ordnung und der Reaktion.

Die eigentliche Reaktion - nämlich den Wiener Kongress und die restaurativen Staatsformen von Metternich & Co. - hat ja Schiller nicht mehr miterlebt. Wie weit Schillers und Goethes Verhalten abgenötigt war, wie weit es "von Herzen" kam, wage ich nicht zu entscheiden. Gerade Goethe hat ja, wenn ich mich nicht irre, schon früh die alten Regierungsformen verteidigt, nicht nur aus Liebe zu seinem Herzog und zu seinem Job. Allerdings war das Leben eines deutschen Schriftstellers im 18. Jahrhundert kein Zuckerschlecken. Ohne Protektion war man rasch verloren, auch finanziell.
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Offline Gontscharow

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Quote from: sandhofer« am: Gestern um 19:43
Die eigentliche Reaktion - nämlich den Wiener Kongress und die restaurativen Staatsformen von Metternich & Co. - hat ja Schiller nicht mehr erlebt.

Nein, natürlich nicht. Ich meinte mit Reaktion auch die spätestens seit 1792  in Koalitionen gegen das revolutionäre Frankreich sich formierenden europäischen Mächte, die versuchten, die republikanischen Entwicklungen aufzuhalten.

Quote from: sandhofer« am: Gestern um 19:43

Quote from: Zitat von: Gontscharow am Gestern um 14:44
In beiden Fällen, will mir scheinen, so etwas wie eine (abgenötigte) Ergebenheits- und Einverständniserklärung mit der alten Ordnung und der Reaktion.
Wie weit Schillers und Goethes Verhalten abgenötigt war, wie weit es "von Herzen" kam, wage ich nicht zu entscheiden. Gerade Goethe hat ja, wenn ich mich nicht irre, schon früh die alten Regierungsformen verteidigt, nicht nur aus Liebe zu seinem Herzog und zu seinem Job.

Das weiß ich natürlich auch nicht…deshalb das abgenötigt schüchtern in Klammern. Es schien mir so.

Quote from: Big Ben am: 16. Januar 2013, 14.08 Uhr »
Börne hat da einige bissige Bemerkungen in seinen Briefen aus Paris. Goethe fährt zu irgendwelchen Schlachten und beschreibt da die vorherrschenden Minerale.

Ja, immer wenn es Goethe nicht gut ging, beschäftigte er sich mit Steinen. ;D Ich glaube, er war kreuzunglücklich. Wenn man Goethes Briefe aus den Feldzügen mit dem Herzog liest, hat man den Eindruck, er erfülle eine lästige Pflicht.
1792 kurz vor der  Belagerung von Mainz schenkt der Herzog ihm das Haus am Frauenplan und eine beträchtliche Summe zur Einrichtung.

Quote from: sandhofer« am: Gestern um 19:43
Allerdings war das Leben eines deutschen Schriftstellers im 18. Jahrhundert kein Zuckerschlecken. Ohne Protektion war man rasch verloren, auch finanziell.

Ja, vor allem, wenn man wie Goethe und Schiller in der Phase der Familiengründung steckte.

Offline sandhofer

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Nein, natürlich nicht. Ich meinte mit Reaktion auch die spätestens seit 1792  in Koalitionen gegen das revolutionäre Frankreich sich formierenden europäischen Mächte, die versuchten, die republikanischen Entwicklungen aufzuhalten.

Schon klar. War aber eben relativ schüchtern, diese Reaktion. Erst Napoleons Untergang hat Frankreich so geschwächt, dass man sich nun im übrigen Europa eine härtere Gangart leisten konnte.

Das weiß ich natürlich auch nicht…deshalb das abgenötigt schüchtern in Klammern. Es schien mir so.

Da werden wir wohl im weiten Feld der Vermutungen bleiben müssen.  ;)

Quote from: sandhofer« am: Gestern um 19:43
Allerdings war das Leben eines deutschen Schriftstellers im 18. Jahrhundert kein Zuckerschlecken. Ohne Protektion war man rasch verloren, auch finanziell.

Ja, vor allem, wenn man wie Goethe und Schiller in der Phase der Familiengründung steckte.

Wobei Goethe m.W. von Haus aus, weil er von seinem mütterlichen Grossvater, der (iirc) als Schneidermeister einiges beiseite gelegt hatte, und zum Dank von Goethe tot geschwiegen wurde, eine nicht unbeträchtliche Erbschaft gemacht hatte, und also ziemlich vermögend war, sich so einiges leisten konnte. Im Gegensatz zu Schiller oder Lessing, die im Fürstendienst verkümmerten, hätte er es nicht unbedingt nötig gehabt, sich von seinem Herzog alles bieten zu lassen.
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Offline Sir Thomas

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... einige Bemerkungen meinerseits noch zur der Ästhetischen Erziehung. Immerhin ist sie das philosophisch theoretische  Herz- und Filetstück der Horen, so etwas wie die Programm- und Kampfschrift der Weimarer Klassik. Sie beinhaltet Zivilisationskritik, Kritik an der Aufklärung, ästhetische Theorie. Aber vor allem ist die ÄE ein politisch pädagogisches Werk, das die Konsequenzen aus der geschichtlichen Lektion der Französischen Revolution zu ziehen versucht.

Schöne Zusammenfassung! Inhaltlich haben wir damit das Wesentliche erörtert. Zum Abschluss der "Ästhetischen Briefe" einige persönliche Gedanken:

Der Deutsche lernt Schiller in seiner Jugend zunächst (und ausschließlich) als Dramatiker kennen. In der Schule spielen die philosophisch-ästhetischen Schriften keine Rolle. Irgendwann stolpert man jedoch als an Literatur Interessierter mehr oder weniger zwangsläufig über die "Naiven und sentimentalischen Dichter" und die "Ästhetische Erziehung". Sätze wie "Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt" prägen sich nachhaltig ein, ähnlich wie Nietzsches "Das Dasein ist nur als ästhetisches Phänomen gerechtfertigt" (Geburt der Tragödie). Für Menschen, die wie ich ihr halbes Leben in unterschiedlichsten Funktionen und Positionen der Medienbranche zugebracht haben, sind das zwar keine Erweckungserlebnisse, aber doch Denkanstösse. Ist das alles wirklich so naiv und weltfremd, wie es auf den ersten Blick aussieht? Mir scheinen eine gesunde Gleichgültigkeit gegen viele "Realitäten" (und dazu zähle ich auch die publizierten "Realitäten") und ein gewisses Interesse am Schein durchaus interessante Erweiterungen des eindimensionalen und linearen Denkens zu sein. Und ein wenig glaube ich wie Schiller, dass die Menschheit mit Schein und Spiel einen entscheidenden Schritt zur Kultur gemacht hat, immer noch macht und auch in Zukunft machen wird.

Ich werde jedenfalls nicht aufhören, Schillers "Ästhetische Erziehung" in Abständen immer wieder zu lesen - und sei es nur auszugsweise.

Offline sandhofer

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Eine weniger schöne Zusammenfassung des Sechsten Stücks von mir mal im Blog. Jetzt fängt der zweite Band im Böhlau-Reprint an. Immerhin habe ich im nächsten Stück schon am Inhaltsverzeichnis A. W. Schlegel und Goethe erkannt.  8)
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