Author Topic: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller  (Read 255806 times)

Offline sandhofer

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Au weia. Hoffentlich ist es nicht allzu schlimm.
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline Sir Thomas

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Muss mich leider kurzfristig aus dem Elegien- Lesekränzchen ausklinken, da mein Haus mal wieder vom Hochwasser betroffen ist

Wie sieht es mit dem Pegelstand aus? Alles abgeflossen? Ich empfehle in derartigen Lebenslagen gern Schillers "Taucher"-Ballade ...  >:D

Offline Gontscharow

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Danke der Nachfrage! Ähnlich wie bei Goethes Gartenhaus hat das Wasser bei mir kurz vor der Gartentür halt gemacht. Trotz angekündigter bedrohlicher "Scheitelwelle" - zumindest etwas Hochwasser-Jargon hab ich dazugelernt.  Diesmal ist noch nicht einmal mein Keller vollgelaufen wie vor zwei Jahren, du erinnerst dich Tom, wir mussten die Ovid-Leserunde unterbrechen.

Quote from: Sir Thomas
« am: Gestern um 19:09
Ich empfehle in derartigen Lebenslagen gern Schillers "Taucher"-Ballade ...
;D
 
 Oder Goethes:  Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll… ?

Mit den wirklich Betroffenen und denen, die noch bangen, fühle ich mit!

Offline Sir Thomas

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... du erinnerst dich Tom, wir mussten die Ovid-Leserunde unterbrechen.

Ja, ich entsinne mich dunkel.

Goethes:  Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll… ?

Ich bleib bei Schiller. Der Mann ist katastrophentauglich: Auf der Menschheit Höhen (Jungfrau v. Orleans) gibt es alles, nur kein Wasser.

Offline Gontscharow

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Quote from: Zitat von: Gontscharow am 02. Juni 2013, 14.04 Uhr
Sowohl Woltmanns als auch Goethes Ausführungen zeigen … dass Ende des 18.Jahrhunderts (noch) denkbar … war, Deutschland könne  die Phase des Nationalismus, der Nationalstaatlichkeit  quasi  auslassen und überspringen... zugunsten eines Provinzialismus  oder eines Weltbürgertums - wie auch immer.

Quote from: sandhofer« am: 03. Juni 2013, 07.33 Uhr
…mir zu zeitgebunden, als dass sie mich im 21. Jahrhundert noch interessieren könnten.

„Gott grüß euch Brüder, /
sämtliche Oner und Aner! /
Ich bin Weltbewohner, /
Bin Weimaraner; /

Goethe rund 30 Jahre später in: Sprüche 1823
 
Mit Goethes sakrosanter Begriffspaarung vom "Weltbürger und Weimaraner"[…]  wurde die Andachtsstätte Weimar zum "steingewordene[n] Gedächtnis der deutschen Kultur-Nation, die ihre politische Nullität … mit deutsch verdolmetschter Welt und Dichterideologie zu kompensieren versuchte…(aus: Norbert Bolz/Friedrich Kittler/Raímar Zons (Hg.): Weltbürgertum und Globalisierung.( München, 2000)

Nur soviel zur angeblichen Belanglosigkeit der politischen Äußerungen in V/95 der Horen. :angel:

Offline Gontscharow

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Quote from:  sandhofer im blog
Ein Rätsel ist mir die Coda zu diesem Beitrag, in der der Herausgeber (also Schiller) das Anonymat des Autors lüftet, aus einem Schreiben Karl Theodor von Dalbergs zitierend, wonach dieser nicht mehr in der Lage sein werde, weitere Beiträge zu liefern. Wozu dieser Hinweis überhaupt? Wozu die Lüftung des Anonymats?

Das Rätsel ist gelöst. ;) Warum schauen wir eigentlich so selten oder gar nicht in den Supplementband? Da steht’s! Ich fasse kurz zusammen, weil Sir Thomas nicht im Besitz desselben ist: Michaelis zitiert aus einem Brief an Körner vom 5.4.1795 (Warum M. stets ohne Quellenangabe zitiert, bleibt mir ein Rätsel), in dem Schiller  über seine Erzbischöffl.Gnaden Herrn Coadjutor von Mainz in Erfurt und dessen Horenbeitag Kunstschulen  sagt: Vom Coadjutor ist ein unendlich elender Aufsatz eingelaufen, den ich recht verlegen bin wieder los zu sein.
Quote from: Sir Thomas
Quote from:  Gontscharow
Sein Begriff von Kunst ist mir zu glatt, korrekt und sittlich wertvoll (...) gepaart mit dem naiven Glauben, Kunst entstehe, wenn man  bestimmte Prinzipien und Regeln befolgt
...

Stimmt genau. Wie weit entfernt dieses Verständnis von einem freien, kreativen Spiel ist, hätte auch Schiller auffallen können (bzw. müssen).

Es ist ihm -  seinem vernichtenden Urteil nach - sehr wohl aufgefallen! ;D
Zwar habe Schiller von Dalberg, wie Michaelis ausführt, zur Teilnahme an den Horen eingeladen, aber mehr als „Aushängeschild“, ohne mit einer wirklichen Mitwirkung zu rechnen. Schillers Lösung des Dilemmas: Er veröffentlich den Beitrag, distanziert sich  aber von dessen antiquierten Ansichten, indem er den Grundsatz der Redaktion, alle Aufsätze anonym erscheinen zu lassen, für den Coadjutor durchbricht.
Das Anonymat als Ausdruck der Übereinstimmung, die Namensnennung als ihr Gegenteil - einleuchtend finde ich.

Offline Sir Thomas

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Das Anonymat als Ausdruck der Übereinstimmung, die Namensnennung als ihr Gegenteil - einleuchtend finde ich.

Es ist ein heute noch übliches Verfahren, sich von unliebsamen, aber kaum zu vermeidenden Beiträgen zu distanzieren, z.B. durch Formulierungen wie "Leserbriefe/Namensbeiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder".

Offline sandhofer

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Das Anonymat als Ausdruck der Übereinstimmung, die Namensnennung als ihr Gegenteil - einleuchtend finde ich.

An mir allerdings dann völlig vorbeigegangen. Vielleicht bin ich zu doof für Schiller?
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Offline sandhofer

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Elegien

Vorausgeschickt: Im Gegensatz zum Versifikanten Voß kann Goethe dichten. Die Elegien in ihrer Mischung von trauernder Rückerinnerung und freudiger Vergegenwärtigung gehören zum Faszinierendsten, was die deutsche Lyrik zu liefern hat. Zusammen mit der Mühelosigkeit, die die Verse ausstrahlen hat man wirklich das Gefühl einem Selbstgespräch des lyrischen Ich zuzuhören.

In der 16. Elegie wird Goethe sogar wirklich drollig, was ihm sonst nie gelingt. Aber die Schilderung, wie sich der heimliche Geliebte durch eine Vogelscheuche vom Besuch bei der Liebsten abhalten liess...

Die Verknüpfung von Gegenwart und Antike, die auch so weit geht, dass das lyrische Ich erklärt, dass erst die optisch-haptische Erfahrung des Körpers der Geliebten ihm ganz die Augen öffnete für die antiken Statuen...

Und irgendwo - ich muss noch suchen, finde es gerade nicht - auch ein Hinweis darauf, dass Goethe sich dessen bewusst ist, dass auch er nun 'Klassisches' schafft.
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Offline Gontscharow

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Das Anonymat als Ausdruck der Übereinstimmung, die Namensnennung als ihr Gegenteil - einleuchtend finde ich.

An mir allerdings dann völlig vorbeigegangen. Vielleicht bin ich zu doof für Schiller?

Ich verstehe Deine Reaktion nicht. ??? Das klingt so auf den Schlips getreten. Was willst du damit sagen? Dass Michaelis Annahme Quatsch ist? Dass ich ihn falsch wiedergebe? Dass es unerheblich ist, dass Schiller Dalbergs  Beitrag „unendlich elend“ fand und nicht wußte, wie er damit verfahren sollte? Dass das mit der „Lüftung des Anonymat“ nichts zu tun hat? Oder was?

An mir war bzw.wäre das ohne die Hintergrundinformation(Brief an Körner) doch auch "völlig vorbeigegangen". Ich dachte ursprünglich, der Name des Beiträgers sei quasi aus Gründen der Eigenwerbung gelüftet worden, um zu demonstrieren, welch illustre Leute Beiträge liefern und wie gut sie die Horen finden(Ausschnitt aus dem Schreiben). Oder sogar als politisches Statement: Der Coadjutor als designierter Nachfolger der alten Ordnung in der Stadt Mainz(!) schreibt in den Horen. Nun sieht das anders aus. Die Angelegenheit zeigt auch sehr gut die Zwiespältigkeit des Horenredakteurs Schiller: dass er Geister, die er rief, wieder loszuwerden trachtete. Ähnlich, allerdings offener und ehrlicher, ging's ja mit Fichte.

Eine etwas positivere Reaktion hätte ich mir ob meiner Mühe :opa:, die doch recht plausible „Lösung des Rätsels“ hier zu referieren, denn doch erwartet.

Offline sandhofer

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Das Anonymat als Ausdruck der Übereinstimmung, die Namensnennung als ihr Gegenteil - einleuchtend finde ich.

An mir allerdings dann völlig vorbeigegangen. Vielleicht bin ich zu doof für Schiller?

Ich verstehe Deine Reaktion nicht. ??? Das klingt so auf den Schlips getreten. Was willst du damit sagen? Dass Michaelis Annahme Quatsch ist?

Letzteres weiss ich nicht. Wenn ein solcher Code für der Publizierung von Zeitschriften existiert haben sollte, ist er mir unbekannt. Auf den Schlips getreten fühle ich mich auch nicht. Aber ich für meinen Teil wäre nie auf die Idee gekommen, dass die Veröffentlichung des Autorennamens eine Distanzierung vom Inhalt seines Beitrags bedeuten könnte. Insofern ist Schillers "message", wenn es denn eine war, an mir Unbedarftem vorüber gegangen; und ich vermute, auch an so manchem zeitgenössischen Unbedarften.
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Offline Gontscharow

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Quote from: sandhofer« am: Gestern um 19:47
...ein solcher Code für der Publizierung von Zeitschriften...

Um Zeitschriften allgemein geht’s eigentlich nicht. Sondern nur um die Horen. Warum erscheinen die Beiträge der Horen anonym ? Weil suggeriert werden soll: Hier schreibt die geballte geistige Elite, die Blüte des Geistes, der Name des einzelnen Sprachrohrs tut nichts zur Sache. Wenn der Name eines Verfassers genannt wird, wird in jedem Falle eine Distanz zur Restgruppe  geschaffen, in positivem, negativem oder sonst einem Sinne. Da ich nicht wußte, dass Schiller von Dalberg als potentiellen Beiträger eingeladen hatte, dann aber dessen realen Beitrag  grottenschlecht fand, bin ich auf die Idee, die Namensnennung könne eine Distanzierung vom (unliebsamen) Beitrag bedeuten, auch nicht gekommen. Vor dem Hintergrund besagter Iinformationen erscheint es mir aber weiterhin plausibel.

Quote from: sandhofer« am: Gestern um 19:47
Insofern ist Schillers "message", wenn es denn eine war, an mir Unbedarftem vorüber gegangen; und ich vermute, auch an so manchem zeitgenössischen Unbedarften.

 ;D Ja, wie es scheint, auch am Opfer selber (oder es ist nicht übelnehmerisch), denn der Coadjutor ist einer der wenigen, der den Horen die Stange hält, nicht in den Empörungschor über die Elegien mit einstimmt. An Schiller schreibt er am 25.Juli 1795:

Quote from:  von dalberg
Götens Elegien sind furtreflich. Sie übertrefen dunkt mir Ovid, Properz und Catull, und sind denen Tibullschen Elegien an Schonheit ähnlich.

Ausgerechnet der Coadjutor! Womit wir bei den augusteischen Liebedistichen und den Goethischen Elegien wären. ;)

Offline sandhofer

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Da ich nicht wußte, dass Schiller von Dalberg als potentiellen Beiträger eingeladen hatte, dann aber dessen realen Beitrag  grottenschlecht fand, bin ich auf die Idee, die Namensnennung könne eine Distanzierung vom (unliebsamen) Beitrag bedeuten, auch nicht gekommen. Vor dem Hintergrund besagter Iinformationen erscheint es mir aber weiterhin plausibel.

Dalberg wird im einleitenden "Verlagsprospekt" genannt; insofern habe ich die Publikation seines Namens als - allerdings irritierende und merkwürdige - Entschuldigung dafür aufgefasst, dass all die grossen Namen nun doch nicht, oder nur sporadisch, mitmachen, während ein Haufen kleinerer Sterne aushelfen müssen.
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Offline Gontscharow

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Nun also die Römischen Elegien. Ich bekenne, ich verspüre eine gewisse Scheu, vielleicht auch Unlust, über die Elegien etwas zu schreiben. Der Grund: es ist und wird unendlich viel über sie geschrieben, über die Verschmelzung des poeta doctus mit dem Gelegenheitsdichter, die Verknüpfung des individuellen Erlebens mit der augusteischen Antike, des Ephemeren mit dem Dauerhaften, über die Strenge und Traditionalität der Form und die Ungebundenheit und Modernität der Thematik. Immer wieder wird in höchsten Tönen gelobt: die  unglaubliche Leichtigkeit und Mühelosigkeit der Verse, der wunderbar spielerische Umgang mit den literarischen Vorbildern, der Ton, die Atmosphäre, die Sinnlichkeit ! Ich könnte das alles nur noch mal herbeten ;)  und just diese bewunderungswürdige Leichtigkeit durch Analyse  zum Verflüchtigen bringen. Die exemplarische Interpretation der V. Elegie, die in nuce all das Gesagte enthält, in der G. "anhand" der Geliebten den Mamor versteht und ihr die Hexameter auf den Leib zählt ? Ich würde mir vorkommen, wie im Leistungskurs Deutsch : Erläutern Sie die Liebesvorstellung und das Menschenbild Goethes anhand seiner Römischen Elegie Nr.5….  ::)
Kenntnis und Wissen um die Qualität der Elegien bei meinen Mitlesern voraussetzend, werde ich mich also eher mit „Marginalien“ , Horentechnischem u.ä. beschäftigen...

Offline sandhofer

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;D Ja, wie es scheint, auch am Opfer selber (oder es ist nicht übelnehmerisch), denn der Coadjutor ist einer der wenigen, der den Horen die Stange hält, nicht in den Empörungschor über die Elegien mit einstimmt. An Schiller schreibt er am 25.Juli 1795:

Quote from:  von dalberg
Götens Elegien sind furtreflich. Sie übertrefen dunkt mir Ovid, Properz und Catull, und sind denen Tibullschen Elegien an Schonheit ähnlich.

Ausgerechnet der Coadjutor! Womit wir bei den augusteischen Liebedistichen und den Goethischen Elegien wären. ;)

Während Herder sich moquierte, dass dass "o" im Titel der Zeitschrift nun in ein "u" abgeändert werden müsste. Wobei ich vermute, dass bei Herder da eine doppelte Eifersucht eine Rolle spielte: die des Autors und Dichters, der genau weiss, dass er das, was Goethe da vorlegt, nie erreichen wird. Und die des Mannes, der Goethe um seine Erfahrung beneidet, während seine eigene Italien-Reise ja - zumindest gefühlt - ein völliger Reinfall war.
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