Author Topic: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller  (Read 255777 times)

Offline Sir Thomas

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Schlegel war ja in diesem Sinne der Ahnherr der modernen Literaturkritik.

Hm, Du hast Dich an anderer Stelle oft über Merck und dessen scharfzüngige Kritiken ausgelassen. Auch Wieland gehört für mich zu den frühen Literaturkritikern. Schlegel ist zwar heute noch ungemein bekannt, aber ist er wirklich der "Ahnherr" des Metiers?

Offline Sir Thomas

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Der zweite Beitrag des  dritten Stücks  stammt von August Wilhelm Schlegel. Dantes Göttliche Komödie, speziell die Hölle, ist das Thema, wobei Übersetzung einzelner Passagen, Zusammenfassung und Kommentar einander abwechseln. Nach den eher philosophischen und dichterisch erzählenden Beiträgen jetzt also der erste philologische Artikel.  Soweit ich richtig informiert bin, wurde er nicht speziell für die Horen verfertigt, sondern stammt bereits aus dem Jahre 1791.

Ich habe mich ein wenig darüber gewundert, dass dieser Stoff in den Horen auftaucht. Das Mittelalter und dessen Literatur standen doch wohl in keinem hohen Ansehen bei den Weimarern.

... wenn er am Ende dem Werk bescheinigt, ein Gedicht von hoher Einfalt und freyer Naturgröße zu sein und  unter den Finsternissen des dreyzehenden Jahrhunderts den  unabhängigen Genius Dantes entdeckt, wird klar, dass und inwiefern der Beitrag in die Horen passt.

Dante als ein klassischer "Naiver"?   
« Last Edit: 25. März 2013, 10.09 Uhr by Sir Thomas »

Offline sandhofer

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Hm, Du hast Dich an anderer Stelle oft über Merck und dessen scharfzüngige Kritiken ausgelassen. Auch Wieland gehört für mich zu den frühen Literaturkritikern.

Merck ging ja rasch wieder vergessen - wohl auch aufgrund der Tatsache, dass er nach seinem Selbstmord bei Goethe definitiv unten durch war. Ausserdem waren seine Kritiken bei aller Qualität eben doch die eines Amateurs. Erste professionelle Schritte gab es sicher schon bei ihm - so die Tatsache, dass die Kritik auf bestimten, vordefinierten und einzuhaltenden Kriterien zu ruhen habe. Wieland agierte da schon mehr aus dem Bauch heraus. Schlegel war meiner Meinung nach der erste Profi, der auch vom Schreiben solcher Dinge lebte.
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Offline Gontscharow

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Quote from: Autor: sandhofer
« am: Gestern um 10:45
Merck ging ja rasch wieder vergessen -….. Ausserdem waren seine Kritiken bei aller Qualität eben doch die eines Amateurs.

Immerhin gibt es seit 1964 einen Johann Heinrich Merck- Preis für Literaturkritik …

Schade, dass Merck einem Horenbeitrag durch seinen Tod zuvorgekommen ist. Er hätte den Jungs so richtig eingeheizt - wenn man ihn gelassen hätte.

Offline Gontscharow

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Quote from: Autor: Sir Thomas« am: Gestern um 10:03
Ich habe mich ein wenig darüber gewundert, dass dieser Stoff in den Horen auftaucht. Das Mittelalter und dessen Literatur standen doch wohl in keinem hohen Ansehen bei den Weimarern.

Deshalb dauerte es ja auch - wie gesagt - bei Goethe noch dreißig Jahre, bis er Dante einer näheren Betrachtung für würdig befand. Bei den Lesern kamen Schlegels Dante -Artikel gut an und Schiller muss sie ja auch geschätzt haben. Wobei ich mir vorstellen könnte, dass das Trimmen Dantes auf die klassischen Essentials (hohe Einfalt und freye Naturgröße ) auf sein redaktionelles Konto geht.

Für mich - wie gesagt- zieht mit den Dante-Artikeln die Romantik in die Horen ein. ;)

Offline sandhofer

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Schade, dass Merck einem Horenbeitrag durch seinen Tod zuvorgekommen ist. Er hätte den Jungs so richtig eingeheizt - wenn man ihn gelassen hätte.

Er galt - neben Wieland, dem Herausgeber - als Hauskritiker des "Merkur". Wie Wieland wäre er mur schon deswegen kaum zum Handkuss gekommen. Vorausgesetzt, er hätte es überhaupt gewollt. Ausserdem wandte er sich mit der Zeit den Naturwissenschaften zu. Die aber spielen in den "Horen" eine untergeordnete Rolle, wenn überhaupt eine.
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Offline Sir Thomas

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Für mich - wie gesagt- zieht mit den Dante-Artikeln die Romantik in die Horen ein. ;)

Hat nicht bereits Schiller in den "Ästhetischen Briefen" Aspekte der Frühromantik vorweggenommen? Die Klagen über das exzessive bürgerliche Nützlichkeitsdenken, die Ökonomisierung und Fragmentierung des Lebens sowie die Forderung, man müsse das Leben spielerischer und kreativer betrachten, haben doch die ersten Romantiker um Friedrich Schlegel, Novalis und Ludwig Tieck zu ihren Höhenflügen animiert. All die Forderungen nach einer "progressiven Universalpoesie" (F. Schlegel) und einer "Romantisierung des Lebens" (Novalis) haben deutliche Bezüge zu Schillers ästhetischer Theorie. Ich denke, die gewohnt strikte Trennung zwischen Klassik und Romantik ist nicht immer gerechtfertigt.

Am Rande: Das gilt mEn. auch für die Musik zwischen 1795 und 1805. Beethoven als "Wiener Klassiker" hat durchaus "romantische" Elemente in seine Musik einfließen lassen, z.B. in die berühmte, im Jahr 1801 komponierte und später so genannte "Mondscheinsonate" op. 27/2, die er als "Sonata quasi una fantasia" bezeichnete. Der Begriff "Fantasia" war klug gewählt, denn um den sog. klassischen Sonatensatz und -aufbau (Haydn, Mozart) kümmerte Beethoven sich in diesem Werk allenfalls am Rande. 

Offline sandhofer

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Hat nicht bereits Schiller in den "Ästhetischen Briefen" Aspekte der Frühromantik vorweggenommen?

Wenn ich mich recht erinnere, war (oder ist?) in der nicht-deutschen Germanistik deswegen der Begriff der Klassik für die paar Jahre Schiller+Goethe&Co. umstritten. Bruford jedenfalls hat sein Buch (auch) explizit geschrieben, um zu prüfen, ob man von einer "Klassik" reden dürfe, oder ob im Grunde genommen alles Romantik sei.
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Offline Sir Thomas

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Hat nicht bereits Schiller in den "Ästhetischen Briefen" Aspekte der Frühromantik vorweggenommen?

Wenn ich mich recht erinnere, war (oder ist?) in der nicht-deutschen Germanistik deswegen der Begriff der Klassik für die paar Jahre Schiller+Goethe&Co. umstritten. Bruford jedenfalls hat sein Buch (auch) explizit geschrieben, um zu prüfen, ob man von einer "Klassik" reden dürfe, oder ob im Grunde genommen alles Romantik sei.

Für die Germanistik kann ich nicht sprechen. In den Musikwissenschaften der 1970er/80er Jahre wurde die Frage "Wieviel Klassik steckt in der Romantik - und umgekehrt?" diskutiert. Zeitweilig hatte man diese Grenze vollständig aufgehoben. Da galt die Zeit nach Bach bis zu Debussy als eine zusammenhängende Musikepoche.

Offline Gontscharow

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Quote from:  Sir Thomas« am: Gestern um 09:09
Hat nicht bereits Schiller in den "Ästhetischen Briefen" Aspekte der Frühromantik vorweggenommen? Die Klagen über das exzessive bürgerliche Nützlichkeitsdenken, die Ökonomisierung und Fragmentierung des Lebens sowie die Forderung, man müsse das Leben spielerischer und kreativer betrachten…...

Ja, auf jeden Fall! Auf dieses „Romantische“ in der ÄE (ohne es so zu nennen) bezieht sich übrigens Marcuse in seinem Versuch über Befreiung (Ihr erinnert euch? Ich sollte berichten.) Der Essay ist unter dem Eindruck der Mai-Ereignisse 68 in Frankreich geschrieben. Die Maxime der Manifestierenden: Die Phantasie an die Macht! (nach der sie auch agieren) lässt Marcuse von neuen Formen des Widerstands und der Befreiung träumen und scheint ihm Schillers Überlegungen zu bestätigen …. (dies nur als Zwischeneinwurf - Umfassenderes kann ich erst sagen, wenn ich ÄE und VüB zuende gelesen habe)

Quote from: sandhofer« am: Gestern um 20:58
Wenn ich mich recht erinnere, war (oder ist?) in der nicht-deutschen Germanistik deswegen der Begriff der Klassik für die paar Jahre Schiller+Goethe&Co. umstritten. Bruford jedenfalls hat sein Buch (auch) explizit geschrieben, um zu prüfen, ob man von einer "Klassik" reden dürfe, oder ob im Grunde genommen alles Romantik sei.

In Frankreich ist man auch nicht zimperlich mit Zuordnungen. Empfindsamkeit, Sturm und Drang , Klassik, Romantik? Le Werther de Goethe ist ein romantisches Werk ebenso Les Affinités électives (Die Wahlverwandschaften). Le romantisme deutscher und englischer Prägung dauert in Frankreich  ;) etwa von 1770 bis 1830... Die französische Romantik dagegen setzt erst mit der Restauration bzw.der Julimonarchie ein .
Mit dem Korffschen Epochenbegriff Goethezeit umgeht man die schwierigen Abgrenzungen und Zuordnungen, er ist aber seinerseits nicht unproblematisch.

Nicht nur die Dante-Artikel und die Ästhetischen Briefe weisen auf  die Romantik oder nehmen sie vorweg, Goethes Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten mit ihrer Rahmenhandlung und den eingeschachtelten Erzählungen ist die erste deutsche Erzählung dieser Art, ja der Prototyp einer Erzählung oder Erzählweise, wie sie dann besonders in der Romantik gepflegt wurde, aber bis heute (soap etc) fortdauert : die zyklisch- serielle Narration. (Tut mir leid, aber so nennt man das heute ;))
Allein schon aus diesem Grund rechne ich die UdA auch zu den Perlen, die man in den Horen finden kann.

Offline sandhofer

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In Frankreich ist man auch nicht zimperlich mit Zuordnungen. Empfindsamkeit, Sturm und Drang , Klassik, Romantik? Le Werther de Goethe ist ein romantisches Werk ebenso Les Affinités électives (Die Wahlverwandschaften). Le romantisme deutscher und englischer Prägung dauert in Frankreich  ;) etwa von 1770 bis 1830... Die französische Romantik dagegen setzt erst mit der Restauration bzw.der Julimonarchie ein .

Ich behaupte ja, dass - Gérard de Nerval und Prosper Mérimée vielleicht ausgenommen - die französische Literatur gar keine Romantik kennt ... Und diese Romantik tatsächlich ein Nachzügler ist. Aber ja: Was der Deutsche in Sturm und Drang - Klassik - Romantik zu unterscheiden pflegt, wird ausserhalb der Grenzen der deutschen Sprache tatsächlich als "Romantik" wahrgenommen ...
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Offline sandhofer

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Humboldt Aufsatz lässt mich ziemlich ratlos zurück. Anthropologisch, kunsthistorisch, ästhetisch?
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Offline Gontscharow

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Quote from: sandhofer« am: 28. März 2013, 20.48 Uhr
Ich behaupte ja, dass - Gérard de Nerval und Prosper Mérimée vielleicht ausgenommen - die französische Literatur gar keine Romantik kennt …

Ja. Und ich behaupte ja, dass der Grund dafür derselbe ist wie der, warum in Frankreich eine Revolution stattfand und in Deutschland nicht: die Existenz (bzw. Nicht-Existenz) eines zentralen Nationalstaates. Oder jedenfalls einer der Gründe ....  ;)

Was ist im übrigen mit Chateaubriand und Victor Hugo (Preface de Cromwell)?

Offline sandhofer

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Und ich behaupte ja, dass der Grund dafür derselbe ist wie der, warum in Frankreich eine Revolution stattfand und in Deutschland nicht: die Existenz (bzw. Nicht-Existenz) eines zentralen Nationalstaates. Oder jedenfalls einer der Gründe ....  ;)

Mag sein, das kann ich nicht beurteilen.

Was ist im übrigen mit Chateaubriand und Victor Hugo (Preface de Cromwell)?

Hugo hat tatsächlich als Romantiker begonnen, und er konnte diese seine Eierschalen ja auch nie so ganz abstreifen. Aber Les Misérables ist m.M.n. Realismus (fast) in Reinkultur. Schon fast Naturalismus ...

Chateaubriand? Ist das nicht etwas zum Essen?  >:D

Im Ernst. Chateaubriand ist zwar der Vater der Romantik, wie man so schön sagt. Mir ist er allerdings zu schwülstig.
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Offline Sir Thomas

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Was der Deutsche in Sturm und Drang - Klassik - Romantik zu unterscheiden pflegt, wird ausserhalb der Grenzen der deutschen Sprache tatsächlich als "Romantik" wahrgenommen ...

Ich habe noch einmal das Romantik-Buch von R. Safranski durchblättert (Romantik - Eine deutsche Affäre, 2007). Er lässt das romantische Denken mit Herder (Geschichtsphilosophie) beginnen und mit Thomas Mann (Doktor Faustus) enden. Ich bin mir nicht sicher, was ich davon halten soll. Ganz von der Hand zu weisen ist diese Betrachtungsweise allerdings nicht.