Und weiter geht’s mit den Horen. Muss ja, wenn wir Ende März wieder in den Genuss der monatlichen Lesefrüchte-Ernte im blog kommen wollen!
Johann Jacob Engel (mir bislang unbekannt)
war ein deutscher Schriftsteller und Philosoph im Zeitalter der Aufklärung...lese ich bei wikipedia. Was da sonst noch über ihn - den Theatermann, Prinzenerzieher, Lehrer der Humboldtbrüder etc. - steht, ist nicht uninteressant! Geboren 1741, ist er der bislang älteste Beiträger. Später wird noch sein Familienroman (wahrscheinlich in Auszügen) in den
Horen zu lesen sein. Nun also seine Erzählung
Die Entzückung des Las Casas, die - passend zu dessen Zeit und seltsam unpassend zu der J J Engels - im "hagiographischen" Gewand einer Vision, Entzückung,
ectasis - die letzten Gedanken des sterbenden Las Casas wiedergibt.
Weder habe ich herausbekommen, ob Engel diese Geschichte speziell für die
Horen verfasst hat, noch weiß ich, wie der Informationsstand in bezug auf Las Casas damals war, inwieweit Engel z.B. Zugang zu den Quellen etwa zu seiner
Geschichte Westindiens oder seinem
Kurzgefassten Bericht von der Verwüstung der westindischen Länder hatte.
Im Jahre 1517 bewies der Padre Bartolomé de las Casas großes Erbarmen mit den Indios, die sich in den Marterhöllen der Goldgruben auf den Antillen abquälten;er schlug dem Kaiser Karl dem V. vor, Neger einzuführen, die sich in den Marterhöllen der Goldgruben auf den Antillen abquälen sollten. Dieser wunderlichen Nuance eines Menschenfreundes verdanken wir eine Unmenge von Tatsachen…so beginnt Jorge Luis Borges seine
Geschichte der Niedertracht und das ist genau das Problem, das Las Casas in Engels Geschichte auf der Seele brennt. In seiner
Geschichte Westindiens schreibt Las Casas:
Diesen Rat, den der Kleriker [so nennt er sich selbst in der dritten Person] gegeben hatte, bereute er später nicht wenig, weil er meinte, er sei aus Unachtsamkeit schuldig geworden; denn da er alsbald sah und entdeckte, [...] daß die Knechtschaft der Neger ebenso ungerecht wie die der Indios ist, war es ja kein kluges Rettungsmittel, was er empfohlen hatte: daß man Negereinführen solle, damit man die Indios freilassen könne; mochte er damals angenommen haben,daß jene zu Recht in Gefangenschaft geraten wären. Dennoch war er nicht sicher, ob ihn seine damalige Unkenntnis und sein guter Wille vor dem göttlichen Gericht entschuldigen könnten" (Geschichte Westindiens, 111,129: WA II, 281,zitiert nach Mariano Delgado)
Der letzte Satz umschreibt den Erzählkern der Engel- Geschichte. Natürlich erfährt und erkennt Las Casas, dass Gottes
Gericht nur Verzug seines Heils ist, seine Fehler…ein
Umweg, der sich weit vom Himmel hinwegschlingt, und doch wieder hinführt zum Himmel, dass Irrtümer, Leiden, das Böse generell den Keim des Guten und Besseren in sich tragen etc und dass in dieser Erkenntnis die (Untertitel)
Quellen der Seelenruhe liegen…
Was macht diese Heiligenlegende nun Horen-kompatibel? Einmal wohl der Heilige selbst, der zwar im Heiligenlexikon zu finden, von der Kirche aber nie heilig gesprochen worden ist und den JJ. Engel einen
thätigen Menschenfreund nennt, dessen
Name ewig und umso heller glänzen wird, da er neben den höllenschwarzen Namen jener Ruchlosen erscheint, die durch Schwert und folter… eine Million von Unschuldigen innerhalb fünfzehn Jahren würgten.Und dann natürlich diese Worte:
Sterblicher! rief der Engel; wo ist die Seligkeit, als in dir, als in deiner eignen Seele? Und worinn sonst kann sie dir Endlichen blühen…als dass du dich wirksam zum Guten fühlest mit all deiner Kraft…..und in der Bitterkeit deines Schmerzes selbst, wo du gefehlt hast, den Adel deiner Seele empfindest? Da ist es wieder, das diesseitige und ich-zentrierte Persönlichkeitsideal der Horen. Und der Engel samt allem, von dannen er kommt, löst sich in Nichts auf.
