Author Topic: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller  (Read 255820 times)

Offline Gontscharow

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Danke fürs Recherchieren, Tom.

Es ging ja um die Formel "Edle Einfalt, stilleGröße". Ich habe mal das Originalzitat aus Winckelmanns ersten Schrift "Von der Nachahmung… "herausgesucht. In Bezug auf die Figur des Laokoon aus der berühmten Statuengruppe, die im Todeskampf die Schönheit des männlichen Körpers offenbart, stellt er fest:

Quote from:  Winckelmann
Das allgemeine vorzügliche Kennzeichen der griechischen Meisterstücke ist endlich eine edle Einfalt, und eine stille Größe, sowohl in der Stellung als im Ausdrucke. So wie die Tiefe des Meers allezeit ruhig bleibt, die Oberfläche mag noch so wüten, ebenso zeiget der Ausdruck in den Figuren der Griechen bei allen Leidenschaften eine große und gesetzte Seele. Diese Seele schildert sich in dem Gesicht des Laokoons, und nicht in dem Gesichte allein, bei dem heftigsten Leiden …




Offline Sir Thomas

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Ich habe mal das Originalzitat aus Winckelmanns ersten Schrift "Von der Nachahmung… "herausgesucht.

Ich habe vergessen zu erwähnen, dass diese Schrift auch die Quelle meiner Zitate ist. Andere Aufsätze/Schriften/Bücher Winckelmanns kenne und besitze ich nicht.

LG

Tom

Offline sandhofer

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Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline Sir Thomas

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Die Märzausgabe eröffnet mit Herder, dem mir rätselhaftesten und aus eigener Lektüre am wenigsten bekannten Mitglied der Weimarer Truppe. Den Aufsatz, der sich im Kern mit der Redensart "Jeder ist seines Glückes Schmied" auseinandersetzt, wird Schiller wohl gern gelesen und veröffentlicht haben. Er entspricht in den Grundzügen Schillers Freiheitsbegriff, der darauf beruht, Freiheit als schöpferische Intelligenz, die die Eindrücke der realen Welt willkürlich und spielerisch verarbeitet, zu betrachten. Sätze wie "Vermeide Jeder, so viel er kann, der Sklave einer fremden Bestimmung zu werden, und baue sein eigenes Schicksal" waren deshalb ganz gewiss nach dem Geschmack des Herausgebers.

Interessant fand ich Herders Bemerkung, das Schicksal des Menschen kenne keine Zufälle. "Gewöhnlich, legt man dem Schicksal Inkonsequenzen bei und nennet diese Zufall. Es gibt Zufälle in der Welt, und deren sind unendlich viele; um so mehrere treffen uns, je mehr uns alles Zufall ist, d. i. je weniger wir konsequent handeln. Da wird uns zuletzt alles Zufall. Das Wort Schicksal deutet indessen ganz etwas anders an, eine Reihe, eine unwandelbare Ordnung, nach festgestellten Grundsätzen, seien diese in unserm oder in einem höheren und dem höchsten Gemüt. Es wäre sehr anmaßend zu denken, daß in ungeheuren Inbegriff aller Dinge nirgend eine Konsequenz sei, als die das schwache menschliche Gemüt hineindichtet." Unwandelbare Ordnung, feste Grundsätze: Auch das wird Schiller, dessen Figuren aus den "Räubern" an einem Zusammenbruch der (Welt)Ordnung leiden, gefallen haben, hat er doch noch in seiner Dissertation von "der großen Kette der Wesen, die alle Menschen über die Zeiten miteinander verbindet", philosophiert. 

Zum Abschluss noch dies: "Sei, wer du sein sollst, und tu das Deine; so wird dich das Glück, dein gutes Schicksal ungesucht finden; die schärfste Waage deines, keines fremden Schicksals ist in dir." An welche (antike?) Philosophie knüpft Herder hier an?

Offline Gontscharow

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Einige Bemerkungen noch zur Darstellung des Februar- Stücks im blog:

Danke sandhofer! Deine Darstellung motiviert weiterzumachen, zeigt sie doch mehr Engagement und Eindringen in die Materie als manch spröder und lustlos in die Leserunde geworfener Beitragsbrocken vermuten lässt. ;)

Schön auch, dass Du ins Detail gehst. Die Stelle:… Der Alte behauptete, sie müsse wahr seyn, wenn sie interessant seyn solle: denn für eine erfundene Geschichte habe sie wenig Verdienst…. habe ich mir auch angestrichen!

Quote from: sandhofer im blog
Goethe riskiert viel mit dieser Bemerkung, denn im Grunde genommen enthält sie das Todesurteil über seine erste Erzählung.

Ja, was die Form angeht. Nicht aber, was den Wahrheitsgehalt der Geschichte angeht. Und auf den kommt es dem Alten an, der als Erzähler, Augen- und Ohrenzeuge  diesen zusätzlichen „Wahrheits-Beweis“ eigentlich gar nicht erbringen müsste. Er sagt an anderer Stelle, das einzige, was solche Geschichten interessant mache, sei, dass sie wahr seien. In der Tat, eine Gespenstergeschichte, von der man, weil alles so schön zusammenpasst, annehmen muss, sie sei erfunden, verfehlt ihre Wirkung. Die erste Geschichte der UdA ist „wirklich“ ungereimt - ungereimt wie die Realität - und „schlecht konstruiert, wie bereits von mir erwähnt:

Quote from:  gontscharow
…  der Spuk verläuft auch dann irgendwann im Sande.. . Die Gespenstergeschichte passt irgendwie nicht zu der (aufgeklärten) Vorgeschichte.

Goethe ist ein schlauer Fuchs, er geht das Risiko ein, eine schlecht konstruierte Geschichte erzählen zu lassen, in der nichts zusammen passt, um den Anschein zu erwecken, sie sei wirklich passiert…

Quote from:  sandhofer im blog
Ich würde nicht gerade sagen, dass Wilhelm von Humboldt hier für die Emanzipation der Frau schreibt, aber als unmittelbar anschliessender Kontrast zur Zweyten Epistel haben wir schon fast ein Manifest der Gleichberechtigung der Geschlechter vor uns.

Soweit ich sehe, wird W.v. Humboldt unter anderem aufgrund seiner in den Horen erschienen Beiträge durchaus als Vorreiter der Gleichberechtigung und Frauenemanzipation  gehandelt. Siehe z. B.:Gelebte Gleichberechtigung vor 200 Jahren? Caroline und Wilhelmvon Humboldt ,wahlverwandt und ebenbürtig.

Quote from: sandhofer im blog
Ausserdem jubelt Humboldt dem sonst in punctio aestheticis ein Alleinvertretungsrecht beanspruchenden Herausgeber Schiller noch eine Aesthetica in nuce unter, die an Verständlichkeit die des Schwaben bei weitem übertrifft, obwohl sie in die genau gleiche Richtung zielt wie jene
.

Aesthetica in nuce? In die gleiche Richtung? Wo das? Verstehe nicht ganz. Kannst du das kurz erläutern?
« Last Edit: 07. März 2013, 14.33 Uhr by Gontscharow »

Offline sandhofer

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Aesthetica in nuce? In die gleiche Richtung? Wo das? Verstehe nicht ganz. Kannst du das kurz erläutern?

Ich meinte keineswegs Hamann, den Begriff "in nuce" gibt's ja auch so - und bei einer Ästhetik bot sich "Aesthetica in nuce" halt einfach an. Besonders, weil ich die Hamanns erst vor ein paar Wochen gelesen haben. Was ich meinte, war ganz einfach, dass Humboldt - durchaus in die gleiche Richtung zielend - einen Abriss der Ästhetik liefert, der Schillers weitläufige Briefe an sprachlicher Eleganz und inhaltlicher Präzision bei weitem übertrifft. (Was meine Sätze leider offenbar nicht tun.  :( ...  ;D )
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Offline sandhofer

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Quote from:  sandhofer im blog
Ich würde nicht gerade sagen, dass Wilhelm von Humboldt hier für die Emanzipation der Frau schreibt, aber als unmittelbar anschliessender Kontrast zur Zweyten Epistel haben wir schon fast ein Manifest der Gleichberechtigung der Geschlechter vor uns.

Soweit ich sehe, wird W.v. Humboldt unter anderem aufgrund seiner in den Horen erschienen Beiträge durchaus als Vorreiter der Gleichberechtigung und Frauenemanzipation  gehandelt. Siehe z. B.:Gelebte Gleichberechtigung vor 200 Jahren? Caroline und Wilhelmvon Humboldt ,wahlverwandt und ebenbürtig.

Danke für den Link - kannte ich so gar nicht. Gut zu wissen, dass man nicht als einziger so einen Eindruck hatte. Auch wenn er mit "Emanzipation" im heutigen Sinn noch nicht viel zu tun hat.
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Offline Sir Thomas

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Was ich meinte, war ganz einfach, dass Humboldt - durchaus in die gleiche Richtung zielend - einen Abriss der Ästhetik liefert, der Schillers weitläufige Briefe an sprachlicher Eleganz und inhaltlicher Präzision bei weitem übertrifft.

Möglicherweise hatte Humboldt zu diesem Zeitpunkt schon sein ästhetisches Hauptwerk in Arbeit, das 1799 unter dem schlichten Titel Ästhetische Versuche erschien. Am Beispiel von Goethes Hermann und Dorothea entwickelt er darin die Theorie, nach der die Kunst die Wirklichkeit in Bilder zu verwandeln habe - Bilder, die die Einbildungskraft produktiv machen und die Wirklichkeit in das Land der reinen Ideen, in das Idealische überführen. Das erinnert natürlich auch an Schiller.

Offline sandhofer

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Möglicherweise hatte Humboldt zu diesem Zeitpunkt schon sein ästhetisches Hauptwerk in Arbeit, das 1799 unter dem schlichten Titel Ästhetische Versuche erschien.

Durchaus möglich; ich bin zwar kein Humboldt-Spezialist, aber ich meine, dass er tatsächlich über Jahre mit seinen Projekten schwanger ging.
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Offline Gontscharow

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Quote from: Autor: Sir Thomas« am: 04. März 2013, 08.28 Uhr
Die Märzausgabe eröffnet mit Herder, dem mir rätselhaftesten und aus eigener Lektüre am wenigsten bekannten Mitglied der Weimarer Truppe.

Ich kannte bislang nur den frühen Herder, seine kulturphilosophischen Sturm+Drang-Schriften wie die „ Abhandlung über den Ursprung der Sprache“, „Ossian oder die Lieder alter Völker" und  „Von deutscher Art und Kunst“. Nie hätte ich den Horenbeitrag „Das eigene Schicksal“, den ich verabredungsgemäß in Zeitgenossensimulation ;) ohne die Autorenangabe gelesen habe, Herder zugeordnet. Zu gesetzt, ausgewogen, rational, aufklärerisch zwar, aber konservativ ist er. Nun lerne ich also den Geschichts- und Kulturphilosophen der Weimarer Klassik kennen.
 
Quote from: Autor: Sir Thomas« am: 04. März 2013, 08.28 Uhr
Den Aufsatz, der sich im Kern mit der Redensart "Jeder ist seines Glückes Schmied" auseinandersetzt…

Ja. Die Aussage des Textes lässt sich mMn auch in folgendem ebenfalls fast zum Sprichwort avancierten Satz gut zusammenfassen: Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter, achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal. Ebenso in dem Satz aus dem Text:… Dein Schicksal ist der Nachklang, das Resultat deines Charakters (3. Stück, S.5) Schicksal ist also nicht etwas von außen Verhängtes, sondern man trägt durch seine Art und sein Verhalten selbst dazu bei, zu wem man wird  und was einem zustößt.
Dies ist wieder ein Artikel, der sein Anliegen belehrend, mit pädagogischem Impetus, fast mit erhobenem Zeigfinger vorträgt und so etwas wie Rat und Lebenshilfe anbietet. Es wäre interessant, aus den Horenbeiträgen das Persönlichkeitsideal herauszudestillieren, den honnête homme der deutschen Klassik sozusagen. Besonders Fichtes, Humboldts und Herders Beiträge, aber auch Goethe und Schillers Texte sind in dieser Hinsicht sehr ergiebig...

Quote from: Autor: Sir Thomas« am: 04. März 2013, 08.28 Uhr
Zum Abschluss noch dies: "Sei, wer du sein sollst, und tu das Deine; so wird dich das Glück, dein gutes Schicksal ungesucht finden; die schärfste Waage deines, keines fremden Schicksals ist in dir." An welche (antike?) Philosophie knüpft Herder hier an?

Entspricht das nicht tout simplement dem berühmten Werde, der du bist, nach dessen Ursprung neulich schon im  im klassikerforum geforscht wurde? Es ist eh ein bekannter Gedanke, der z.B. auch in einem meiner Lieblingsgedichte, dem barocken Gedicht An sich von Paul Fleming vorkommt:
....
Was klagt, was lobt man doch? Sein Unglück und sein Glücke
ist ihm ein jeder selbst. Schau alle Sachen an.
Dies alles ist in dir……

Offline sandhofer

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Danke, Gontscharow, dass Du schon geantwortet hast. Ich wollte Herder diese Woche lesen, aber ein hartnäckiger Husten hindert mich gerade daran, irgendetwas zu lesen, das mehr Konzentration benötigt als der übliche Roman. Es ist schwierig, einer Argumentation zu folgen, wenn die Buchstaben im Minutentakt vor den Augen auf- und abhüpfen ...  :(
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Offline Gontscharow

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Nette Trouvaille: Auf einer Mitabeiter-Motivations- Page neben Sätzen wie: “Kenne deine Männer, kenne dein Geschäft, kenne dich selbst!”(Napoleon Hill) auch den (bereits zitierten) Kernsatz aus Herders Horenbeitrag „Das eigene Schicksal“ gefunden:

Das Schicksal ist der Nachklang und das Resultat deines eigenen Charakters.”

Interessantes Recycling unserer Klassiker!

Offline sandhofer

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Das Schicksal ist der Nachklang und das Resultat deines eigenen Charakters.”

Interessantes Recycling unserer Klassiker!

Vor allem witzig, wenn man bedenkt, dass der nachtragende, leicht Einflüsterungen unterliegende und dazu noch ewig kränkelnde Herder sich sein eigenes Leben zu einem schönen Teil durch seinen eigenen Charakter - versaut hat.
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Offline sandhofer

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Zum Abschluss noch dies: "Sei, wer du sein sollst, und tu das Deine; so wird dich das Glück, dein gutes Schicksal ungesucht finden; die schärfste Waage deines, keines fremden Schicksals ist in dir." An welche (antike?) Philosophie knüpft Herder hier an?

Schwierig zu sagen. Falls überhaupt. Es gibt dieses hier: "Der Charakter des Menschen ist sein Schicksal." - Heraklit
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Offline orzifar

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Hallo!

Nun also wieder Schiller: Immer noch weiß er, wohin die Wege der Menschheit führen (und das zu lesen nach Asimov hat dann etwas Eigenartiges ;)): Nämlich zwischen Rohigkeit und Erschlaffung hindurch - durch die und zur Schönheit. Allerdings weiß er sich in dieser Idee auch der Kritik ausgesetzt: Auf S. 52 (168) wird indirekt auf Plato hingewiesen, dem es ja ein Anliegen war, aus seinem idealen Staat die Künste zu verweisen. Aber es gäbe auch andere, die - von der Muse ungeküsst - den von ihr Erhörten ihren Genius neiden würden. Solche Argumentation hat etwas Abfällig-Immunisierendes: Zweifelt da eben jemand an den Kunstfertigkeiten des Betreffenden, so sieht er sich sofort der Unterstellung ausgesetzt, er täte dies aus Neid oder einfach aus Unkenntnis. Das ist denn doch billig.

Aber auch aus einer anderen Richtung droht Kritik: Die Verfeinerung, die Konzentration auf äußere Form verhindert im Staatsbürgerlichen das Ideal von Freiheit und Tugend zu verwirklichen. "Freiheit und Geschmack fliehen einander, die Schönheit gründet auf dem Untergang heroischer Tugenden." (S. 55f) Nunja, seine Beispiele sind ein bisschen willkürlich (denn gerade die Zeit des Perikles war eine Zeit der Freiheit), weshalb mir solche Thesen immer ein wenig hanebüchen erscheinen wollen. Und außerdem geht's mir wie der Fragern des Sokrates: Ich weiß nicht so recht, was denn Tugend sei - und mit Schönheit und Geschmack ist's ähnlich. Das aber treibt auch Schillern um und so versucht auch er sich an einer Definition, die er - als echter Idealist - selbstredend in der Erfahrung nicht findet, sondern sich als reinen Vernunftbegriff vorstellt. Also: Auf zu den Bedingungen der Möglichkeit der Beschreibung von Schönheit, zum transzendentalen Weg (Kant lässt grüßen).

Und in dem 11. Brief wird's dann ernst mit der idealistischen Spintisiererei: Zuerst werden zwei Endzustände ausgemacht, eine statische "Person" (Mach würde hier - zurecht - die Stirn runzeln) und einen dynamischen "Zustand". Und weil das Bleibende nicht aus dem Veränderlichen sich entwickeln kann (soso), so ist denn das Absolute der Person die - Freiheit. (Warum - fragt sich da der Leser - ähnlich wie bei Hegel, wenn Gegensätze deduziert werden, die etwas absolut Beliebiges haben: Etwa Nichts - Geist. Warum nicht Alles, Das Andere, das Ganze, das Seiende, das Sein des Seienden etc.?) Und der Zustand hat seinen Grund in der Zeit.

Das ICH kann laut Schiller nicht "werden", sondern wird in der Person offenbart. (Irgendwie habe ich da meine Zweifel, wenn ich dem kleinen, 10monatigen Ich beim Werden zusehe. Und wie das wird und entsteht. Aber über so handfest-triviale Beispiele hätte Schiller wohl die Nase gerümpft. Und er sagt ja auch: Dies sei kein Einwand, weil das "beharrliche Ich" langsam in Erscheinung tritt. Wenn man's glaubt, stimmt's auch.) Das Ich ist eine Partizipation am Göttlichen, die Welt wird nur benötigt, um diesem Ich (der Form) Inhalt zu verleihen. Woraus sich zwei Tendenzen ergeben: Einverleibung der Welt ins Formale - und vice versa. - Diese Ausführungen sind paradigmatisch für idealistische Philosophie - in ihrer Beliebigkeit der Festsetzung von Begriffen. Alles das ließe sich anders, umgekehrt auch sagen - und ebenfalls in sich konsistent.

Nicht eben überraschend entwirft Schiller eine dualistische Konzeption: So wird ihm der "Sachtrieb" zu einem Zustand der Empfindung, welcher ihn "außer sich" setzt, außerhalb seines Ichs, seines bewussten Seins. Der "Formtrieb" hinwiederum ist die ratio, die in der Wirklichkeit ewige Werte sucht: Etwa Wahrheit und Recht. Und diese ratio gebiert Gesetze ewiger Natur: Sie kommen aus dem unveränderlichen Ich, partizipieren an Gottes Intelligenz und sind durch diese zeitliche Ungebundenheit den Zufälligkeiten des Sachtriebs bei weitem überlegen. Aus den bloßen Zufälligkeiten werden Gesetze, aus dem Individuum wird die Gattung.

Diese beiden Triebe sind - nach Schiller - die einzig denkbaren. (Solche Ausdrücke finde ich immer süß, da der nächste Philosoph um die Ecke meist schon das genaue Gegenteil - mit ebensolcher Verve - behauptet.) Und sie müssen beide kultiviert werden, erst das macht den wahren Menschen aus: Es bedarf der passiven Aneignung der Empfindung, der aktiven Gestaltung durch den Formwillen der unveränderlichen Person. Diese beiden Triebe ergänzen sich, können ohne einander nicht sein. Allerdings mutet die Stelle S. 72 unten seltsam an, wo die Harmonie von Sach- und Formtrieb beschworen wird, wenn es heißt (sofern der Formtrieb überwiegt): "... er (der Mensch) wird dann nie etwas Anderes sein." (Hervorhebung durch Schiller) Denn eigentlich kann die Person per definitionem doch gar nichts anderes werden. Wie auch immer, festzustellen bleibt noch, dass die Moralvorstellungen in der Fußnote S. 73ff für einen Schiller überraschend modern anmuten: Sie singt er keineswegs das Hohelied einer vernünftigen Konsequenz (im Sinne des Idealen), sondern stellt fest, dass diese Ideal gegenüber dem Mitmenschen gerade nicht Vorbild sein kann. Der Mensch ist oft schwach und ihm soll trotzdem geholfen werden.

Schließlich hat es mit den beiden Trieben doch nicht sein Auskommen: Der "Spieltrieb" ist die glückliche Vereinigung von Sach- und Formtrieb. Und so findet sich das Zeitliche in ein Ewiges, das Formale im Werden sich zu verbinden. Nicht nur Hegel konnte Dialektik. Nun kommt Schiller aber endlich zur Auflösung des Ganzen: Da der Sachtriebe sich auf das "Leben" konzentriert, der Formtrieb auf die Gestalt, so ist der Spieltrieb und somit die Kunst auf die "lebende Gestalt" gerichtet, hier ist sein Ziel, hier ist er ganzer Mensch. Die letzten beiden Briefe dienen dann nur einer ausführlich-dialektischen Beschreibung dieses Spieltriebs, dessen Inhalt aber in letzter Konsequenz nie erreicht werden kann: Das ideale Kunstwerk bleibt ideal, das reale wird in die eine oder in die andere Richtung einen Überhang ausweisen.

Ganz klar wird mir nicht, wozu Schiller diesen - umständlichen - Weg über Person und Zustand, Beharrung und Veränderung (etc.) nimmt, da es ja im Grunde nur um das Widerstreiten von Gefühl und Verstand geht. Es klingt halt sehr gelehrt ... So nebenbei habe ich mich gefragt, ob er sich selbst mit dem Form-, Goethe aber mit dem Sachtrieb identifiziert hat.

lg

orzifar
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