Hallo!
Nun also wieder Schiller: Immer noch weiß er, wohin die Wege der Menschheit führen (und das zu lesen nach Asimov hat dann etwas Eigenartiges

): Nämlich zwischen Rohigkeit und Erschlaffung hindurch - durch die und zur Schönheit. Allerdings weiß er sich in dieser Idee auch der Kritik ausgesetzt: Auf S. 52 (168) wird indirekt auf Plato hingewiesen, dem es ja ein Anliegen war, aus seinem idealen Staat die Künste zu verweisen. Aber es gäbe auch andere, die - von der Muse ungeküsst - den von ihr Erhörten ihren Genius neiden würden. Solche Argumentation hat etwas Abfällig-Immunisierendes: Zweifelt da eben jemand an den Kunstfertigkeiten des Betreffenden, so sieht er sich sofort der Unterstellung ausgesetzt, er täte dies aus Neid oder einfach aus Unkenntnis. Das ist denn doch billig.
Aber auch aus einer anderen Richtung droht Kritik: Die Verfeinerung, die Konzentration auf äußere Form verhindert im Staatsbürgerlichen das Ideal von Freiheit und Tugend zu verwirklichen. "Freiheit und Geschmack fliehen einander, die Schönheit gründet auf dem Untergang heroischer Tugenden." (S. 55f) Nunja, seine Beispiele sind ein bisschen willkürlich (denn gerade die Zeit des Perikles war eine Zeit der Freiheit), weshalb mir solche Thesen immer ein wenig hanebüchen erscheinen wollen. Und außerdem geht's mir wie der Fragern des Sokrates: Ich weiß nicht so recht, was denn Tugend sei - und mit Schönheit und Geschmack ist's ähnlich. Das aber treibt auch Schillern um und so versucht auch er sich an einer Definition, die er - als echter Idealist - selbstredend in der Erfahrung nicht findet, sondern sich als reinen Vernunftbegriff vorstellt. Also: Auf zu den Bedingungen der Möglichkeit der Beschreibung von Schönheit, zum transzendentalen Weg (Kant lässt grüßen).
Und in dem 11. Brief wird's dann ernst mit der idealistischen Spintisiererei: Zuerst werden zwei Endzustände ausgemacht, eine statische "Person" (Mach würde hier - zurecht - die Stirn runzeln) und einen dynamischen "Zustand". Und weil das Bleibende nicht aus dem Veränderlichen sich entwickeln kann (soso), so ist denn das Absolute der Person die - Freiheit. (Warum - fragt sich da der Leser - ähnlich wie bei Hegel, wenn Gegensätze deduziert werden, die etwas absolut Beliebiges haben: Etwa Nichts - Geist. Warum nicht Alles, Das Andere, das Ganze, das Seiende, das Sein des Seienden etc.?) Und der Zustand hat seinen Grund in der Zeit.
Das ICH kann laut Schiller nicht "werden", sondern wird in der Person offenbart. (Irgendwie habe ich da meine Zweifel, wenn ich dem kleinen, 10monatigen Ich beim Werden zusehe. Und wie das wird und entsteht. Aber über so handfest-triviale Beispiele hätte Schiller wohl die Nase gerümpft. Und er sagt ja auch: Dies sei kein Einwand, weil das "beharrliche Ich" langsam in Erscheinung tritt. Wenn man's glaubt, stimmt's auch.) Das Ich ist eine Partizipation am Göttlichen, die Welt wird nur benötigt, um diesem Ich (der Form) Inhalt zu verleihen. Woraus sich zwei Tendenzen ergeben: Einverleibung der Welt ins Formale - und vice versa. - Diese Ausführungen sind paradigmatisch für idealistische Philosophie - in ihrer Beliebigkeit der Festsetzung von Begriffen. Alles das ließe sich anders, umgekehrt auch sagen - und ebenfalls in sich konsistent.
Nicht eben überraschend entwirft Schiller eine dualistische Konzeption: So wird ihm der "Sachtrieb" zu einem Zustand der Empfindung, welcher ihn "außer sich" setzt, außerhalb seines Ichs, seines bewussten Seins. Der "Formtrieb" hinwiederum ist die ratio, die in der Wirklichkeit ewige Werte sucht: Etwa Wahrheit und Recht. Und diese ratio gebiert Gesetze ewiger Natur: Sie kommen aus dem unveränderlichen Ich, partizipieren an Gottes Intelligenz und sind durch diese zeitliche Ungebundenheit den Zufälligkeiten des Sachtriebs bei weitem überlegen. Aus den bloßen Zufälligkeiten werden Gesetze, aus dem Individuum wird die Gattung.
Diese beiden Triebe sind - nach Schiller - die einzig denkbaren. (Solche Ausdrücke finde ich immer süß, da der nächste Philosoph um die Ecke meist schon das genaue Gegenteil - mit ebensolcher Verve - behauptet.) Und sie müssen beide kultiviert werden, erst das macht den wahren Menschen aus: Es bedarf der passiven Aneignung der Empfindung, der aktiven Gestaltung durch den Formwillen der unveränderlichen Person. Diese beiden Triebe ergänzen sich, können ohne einander nicht sein. Allerdings mutet die Stelle S. 72 unten seltsam an, wo die Harmonie von Sach- und Formtrieb beschworen wird, wenn es heißt (sofern der Formtrieb überwiegt): "... er (der Mensch) wird dann nie
etwas Anderes sein." (Hervorhebung durch Schiller) Denn eigentlich kann die Person per definitionem doch gar nichts anderes werden. Wie auch immer, festzustellen bleibt noch, dass die Moralvorstellungen in der Fußnote S. 73ff für einen Schiller überraschend modern anmuten: Sie singt er keineswegs das Hohelied einer vernünftigen Konsequenz (im Sinne des Idealen), sondern stellt fest, dass diese Ideal gegenüber dem Mitmenschen gerade nicht Vorbild sein kann. Der Mensch ist oft schwach und ihm soll trotzdem geholfen werden.
Schließlich hat es mit den beiden Trieben doch nicht sein Auskommen: Der "Spieltrieb" ist die glückliche Vereinigung von Sach- und Formtrieb. Und so findet sich das Zeitliche in ein Ewiges, das Formale im Werden sich zu verbinden. Nicht nur Hegel konnte Dialektik. Nun kommt Schiller aber endlich zur Auflösung des Ganzen: Da der Sachtriebe sich auf das "Leben" konzentriert, der Formtrieb auf die Gestalt, so ist der Spieltrieb und somit die Kunst auf die "lebende Gestalt" gerichtet, hier ist sein Ziel, hier ist er ganzer Mensch. Die letzten beiden Briefe dienen dann nur einer ausführlich-dialektischen Beschreibung dieses Spieltriebs, dessen Inhalt aber in letzter Konsequenz nie erreicht werden kann: Das ideale Kunstwerk bleibt ideal, das reale wird in die eine oder in die andere Richtung einen Überhang ausweisen.
Ganz klar wird mir nicht, wozu Schiller diesen - umständlichen - Weg über Person und Zustand, Beharrung und Veränderung (etc.) nimmt, da es ja im Grunde nur um das Widerstreiten von Gefühl und Verstand geht. Es klingt halt sehr gelehrt ... So nebenbei habe ich mich gefragt, ob er sich selbst mit dem Form-, Goethe aber mit dem Sachtrieb identifiziert hat.
lg
orzifar