Kleiner Nachtrag zur „Vision von Ostia“ (Buch IX, 26), die mich und den Papst

so beeindruckt hat. Flasch weist anlässlich einer Stelle im ersten Buch darauf hin, dass sie wie auch anderes in den
Bekenntnissen von der
negativen Theologie der Neuplatoniker geprägt sei:
Danach erfassen wir Gott, indem wir alle Besonderheiten wegdenken… Wie Augustin diese negative Theologie mit der Trinitätslehre, gar mit der Prädestinationslehre vereinen konnte, die sehr Bestimmtes über Gott und seine Beschlüsse behaupten, hat noch niemand zeigen können.Viel Ungereimtes auch im zehnten Buch:
Zuerst sucht Augustin nach einer Begründung der Textsorte "Autobiografie", nach einer Begründung dafür, warum er eine Autobiografie schreiben sollte, warum sie jemand lesen würde und wie er sie lesen sollte.
Ja, eigentlich seltsam, dass er das erst jetzt, im zehnten Buch, tut, es hätte ins erste gehört. Zumal mit dem Tod Monikas der biographische Faden abreißt, eine Lücke von zehn Jahren entsteht, das zehnte und wohl auch die drei folgenden Bücher nur noch seine momentane Befindlichkeit (im Moment des Schreibens), den Stand seiner Gottsuche, seine Introspektion zum Thema haben. So wie Monica nach der Bekehrung ihres Sohnes ihr Leben für beendet erklärt, sieht auch Augustin keinen Grund mehr in seinen Bekenntnissen dem chronologischen Prinzip zu folgen. Als werde, nachdem das irdische Ziel erreicht ist , wie im Giotto-Fresco von Padua vom jüngsten Gericht die Geschichte, die Zeit eingerollt, ad acta gelegt.
Bei folgendem Satz seiner Überlegungen fühlte ich mich ertappt:
Was gehen mich also bei meinen Bekenntnissen die Menschen an?... So gierig sie sind, im Leben anderer Leute herumzuschnüffeln, so träge sind sie, ihr eigenes Leben zu bessern. Warum wollen sie von mir hören, wer ich bin, wo sie doch von dir nicht hören wollen, wer sie selbst sind?Ablenkung und Voyeurismus waren wohl nicht das, was Augustinus erzielen wollte..
Von da geht es zur Frage, wie denn der Mensch etwas (und a fortiori: Gott) zu erkennen vermag. Zuerst werden die Sinnesorgane angesprochen, dass diese Gott zu erkennen vermögen, wird jedoch verneint. Somit kommen wir zu den Abstrakte und zu der Funktion des Gedächtnisses.
Diese mindestens 20 (Reclam-)Seiten lange Reise durch die menschliche Wahrnehmung, die Gefühle und das Denken, Augustins Erkenntnis, dass die Dinge der Außenwelt als Bilder, Vorstellung, Ideen und Begriffe im Menschen vorhanden, gespeichert und abrufbar sind, wie Sprache und Bewusstsein ihren Anteil daran haben etc, das alles finde ich faszinierend zu lesen. Die Begeisterung und das Staunen, das A. angesichts dieses „
ungeheuren Schoßes des menschlichen Geistes“, dieses „
unendlichen Innenraums“überkommt, überträgt sich auf den Leser. Vieles klingt ganz „modern“, so, wenn er Erinnerung erklärt:
Denn all das gelangt nicht selbst ins Gedächtnis, nur ihre Bilder werden mit wunderbarer Schnelligkeit aufgefasst, wie in Zauberzellen verwahrt und beim Erinnern wie durch ein Wunder hervorgeholt. Oder wenn er mit Hilfe der Etymologie Denken erklärt:
Daher kommt denn auch das Wort für denken- cogitare. Denn cogito( ich denke) ist die Form für die intensivierte Wiederholung von cogo ( ich treibe zusammen, ich zwinge, ich bringe zusammen) ….Daher kann von Denken(cogitare) im eigentlichen Sinne nur die Rede sein, wenn im Geist… verküpft und zusammengetrieben wird. Man denkt an Synapsen. Eigentlich auf der Suche nach dem Aufenthalt Gottes, verweilt er lange und lustvoll (später in diesem Buch wird er Ähnliches tadeln) bei seinen weltlichen Untersuchungen und Erkenntnissen. Flasch spricht sogar von einem „ erfahrungswissenschaftlichen Zug“ dieser Unsuchungen.
In diesem Zusammenhang fallen auch die von Petrarca auf dem Gipfel des Mont Ventoux zitierten berühmten Zeilen :
Da gehen die Menschen hin und bestaunen die Gipfel der Berge, die ungeheuren Wogen des Meeres, das gewaltige Strömen der Flüsse, die Größe des Ozeans und die Kreisbahnen der Sterne, aber sich selbst vergessen sie. Ich habe den Brief an Franceso Dionigi daraufhin noch mal quer gelesen. Petrarca, der
nach Vorbild des Leibes auch den Geist in höhere Sphären versetzen wollte, hatte auf gut Glück die
Bekenntnisse aufgeschlagen, die er zur Erbauung mit hochfgeschleppt hatte. Gerade hat er die Rhone, das Mittelmeer, die Pyrenäen vom Gipfel aus bewundert, nun aber beeilt er sich pflichtschuldigst, quasi als Ausgleich, das innere Auge auf die Seele (
Nur sie allein ist groß, sonst nichts ) zu lenken… Mit Augustinus auf dem Puckel hat er quasi das Mittelalter auf seine neuzeitliche Unternehmung mitgenommen.
Dennoch will mir scheinen, dass dann ein unerklärter Sprung gemacht wird - zu Gott. Der ist einfach plötzlich und irgendwie da - und befiehlt.
Ja, jedenfalls in den unergründlichen Weiten des Geistes, wo er gesucht hat, findet er ihn nicht:
… aber auch da fand ich dich nicht… Du bist auch nicht der Geist selbst. Du bist der Herr und Gott des Geistes…. Und doch hast du dich herabgelassen, in meinem Gedächtnis zu wohnen, seit ich dich kennenlernte. Was frage ich nach dem Platz, wo du in meinem Gedächtnis wohnst, als gäbe es dort wirklich Plätze?Wenn A. gewusst hätte, dass sich später so etwas wie Religiosität im Gehirn sehr wohl würde lokalisieren lassen!
Augustinus begnügt sich mit der Feststellung:
Gewiss ist, dass du in ihm wohnst.Wie theologische Streifzüge eben nie ergebnisoffen sind!
... zu Gott. Der ist einfach plötzlich und irgendwie da - und befiehlt. Er befiehlt sexuelle Enthaltsamkeit - Augustin gehorcht. Dass sein Körper mit wolllüstigen Träumen jede Nacht rebelliert, wird zur Kenntnis genommen. Aber der Körper ist nicht wichtig, seine nächtliche Autonomie verursacht Augustin nicht einmal Gewissensbisse.
Wie es der Zufall will, lese ich gerade das
Buch der Träume von Jorge Luis Borges und stieß darin auf die Minigeschichte von Rodericus Bartius über Augustinus' sexuelle Träume. Titel :
Zwischen mir und mir, welcher Unterschied! (Zitat aus X,41/42) Das Ende lautet:
Und der Bischof dankt Gott dafür, nicht verantwortlich zu sein für den Inhalt seiner Träume. Wahrlich, nur ein Heiliger darf sich unverantwortlich wissen und dabei gelassen bleiben.Wie soll sich der Heilige gegenüber dem Lob anderer für sein heiliges Leben verhalten? Unheilig, unkeusch leben, um nicht gelobt zu werden?

Hier sind die Fallstricke der Versuchung besonders hinterhältig!
Übrigens fällt mindestens zweimal der Satz, dass überhaupt das ganze Leben eine Versuchung sei. Ganz schön todessüchtig diese Religion.