Author Topic: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes  (Read 101483 times)

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #180 on: 16. September 2012, 19.21 Uhr »
15 - Lockes Einfluss

Ein höchst überflüssiges und ärgerliches Kapitel. Russell predigt und hat im Grunde genommen keine Ahnung. Er zieht eine Linie von Fichte über Byron und Carlyle zu Nietzsche und Hitler, ohne zu merken, dass der dem denkerischen Pfusch, der sich Nationalsozialismus nannte, eine philosophische Weihe verleiht, die dem gar nicht zukommt. Er radomontiert in billigster volkspychologischer Weise darüber, welcher Menschentyp welche Art von Ethik entwickeln wird, dass es mir schlecht wird ...

Schade, Sir Bertrand, aber das machen wir vor dem Frühstück besser.
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #181 on: 17. September 2012, 02.34 Uhr »
Hallo,

die bestellten Bücher über und von Locke sollten eigentlichen am 4. 9. eintreffen - aber nichts rührt sich. Das wird wohl nix mehr mit Leserunde.

Ich werde einfach mal im Russel weiterlesen.

lg

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #182 on: 17. September 2012, 19.50 Uhr »
Gut, dann lese ich da mal alleine weiter. Im Moment ist mein philosophischer Elan allerdings ein wenig geknickt ...  :-\
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #183 on: 23. September 2012, 03.41 Uhr »
Hallo!

Das Kapitel über Lockes Erkenntnistheorie fand ich ziemlich wirr. Das mag u. a. daran liegen, dass sich auch Locke einiger Inkonsequenzen schuldig gemacht hat - aber nicht ausschließlich. So zitiert Russel Locke (S. 622)"Die Beherrschung unserer Leidenschaften ist das wahre Fortschreiten in der Freiheit" und folgert daraus (m. E. völlig falsch), dass dies in Zusammenhang stünde mit der Lehre von einem jenseitigen Belohnt- oder Bestraftwerden. Während es eigentlich offensichtlich ist, dass Locke mit der Beherrschung der Leidenschaften Ähnliches verfolgte wie Epikureer oder Stoiker, nämlich von diesem Begehren frei zu werden, Freiheit dadurch zu erreichen, dass man nicht Sklave seiner Begierden ist. Zwei Seiten später widerspricht er sich ohnehin: Locke erkläre, "Voraussetzung der Freiheit sei die innere Notwendigkeit, nach wahrem Glück zu streben und unsere Leidenschaften zu beherrschen." (Fett von mir)

Ein anderer, interessanter Bereich ist das lange Zitat, das die Moral betrifft: Hier scheint Locke etwas Vergleichbares vorgeschwebt zu sein, wie man heute unter "deontischer" Logik versteht. Inwieweit die Literatur zu dieser Form von Logik Locke als ihren Vorläufer bezeichnet, weiß ich nicht, allerdings müsste das Konzept Russel bereits bekannt gewesen sein.

Morgen sollte ich meine Lockebücher erhalten, aber ich zweifle, ob ich in dem Maße zum Lesen komme, dass eine Leserunde sinnvoll ist. Will ich doch zuerst Brentanos Begriffen der Evidenz und Wahrheit auf die Spur kommen als auch dem, was der Wiener Kreis, insondere Schlick und Carnap darüber gedacht haben (dieses dürfte leichter fallen als jenes).

lg

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #184 on: 23. September 2012, 10.39 Uhr »
Das mag u. a. daran liegen, dass sich auch Locke einiger Inkonsequenzen schuldig gemacht hat

Lockes Inkonsequenz ist zum Teil natürlich Programm: Als Empirist muss er davon ausgehen, dass viele Erkenntnisse (vielleicht sogar alle) nur provisorisch sind und im Diskurs verbessert und ergänzt werden (müssen). Insofern macht es keinen Sinn, ein in sich absolut stimmiges System zu entwerfen. Hier gibt's wohl die grosse Differenz zu Leibniz.
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #185 on: 29. September 2012, 19.59 Uhr »
Berkeley

Nach ein paar einführenden, biografischen Notizen referiert Russell Berkeleys Gedanken, um sie anschliessend mit seiner eigenen Philosophie zu vergleichen. Wenigstens ist Russell ehrlich - aber so etwas dürfte sich eigentlich keine Philosophiegeschichte leisten ...

Im übrigen sehe ich nicht, was an Berkeley so interessant sein soll. Der Gedanke, dass die Objekte nicht existieren, wennn keiner hinguckt, ist zwar geeignet, den philosophischen Anfänger zu verblüffen, aber er bringt ja nicht wirklich etwas ...
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #186 on: 30. September 2012, 15.40 Uhr »
Hume

oder der absolute Skeptizismus. Ich kenne das Buch Humes nicht, auf das Russell seine Analyse hauptsächlich stützt. Er betrachtet jedenfalls Hume als Sackgasse, da ein totaler Skeptizismus, wie er ihn Hume unterstellt, zwar konsequent, aber nicht durchführbar ist. Wenn ich das Prinzip der Ursache verneine, kann ich auch keine moralischen Aussagen mehr treffen. Auch jede Religion, jeder Glauben verlieren ihre metaphysische Wahrheit. Im Grunde genommen, so verstehe ich Russell, würde das heissen, dass das Recht des Stärkeren auch Religion und Philosophie regierten.
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #187 on: 30. September 2012, 21.43 Uhr »
Hallo!

Russel beschäftigt sich relativ ausführlich mit Lockes politischer Philosophie. Nicht immer zu meiner größten Freude, so wiederholen sich auf eher verwirrende Weise die Begriffe Naturzustand, Naturrecht, Vertragsrecht, ohne dass er dem Ganzen eine einigermaßen übersichtliche Gliederung zu geben vermag. Auch etwas sehr ausführlich die Betrachtungen zu Filmer (den man ohne Locke heute überhaupt nicht mehr kennen würde), allerdings fand ich Russels Ausführungen über die Enstehung der Haltung von Filmers Gottesgnadentum der Könige bzw. den Vergleich mit der Erblichkeit von Eigentum sehr gelungen.

Die Bezüge zur Gegenwart, die Russel herstellt, sind manchmal konstruiert und berücksichtigen nicht immer Lockes Intentionen (so zumindest mein Eindruck). Eine solche Bezugnahme inklusive Bewertung ist gerade in verfassungsrechtlicher Hinsicht sehr problematisch, auch wenn das Russel manchmal implizit ausspricht. Insgesamt wirkt das Ganze unausgegoren: Russel scheint sich nicht wirklich entscheiden zu können, ob er philosophiegeschichtliche Betrachtungen anstellen oder aber Lockes Konzeptionen auf die Welt des 20. Jahrhunderts beziehen soll.

lg

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p. s.: Das Trivialitätsverdikt über Berkeley scheint mir einer Relativierung würdig; ich hoffe bald, bis zum entsprechenden Kapitel vorzudringen.
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #188 on: 01. Oktober 2012, 17.42 Uhr »
15 - Lockes Einfluss

Ein höchst überflüssiges und ärgerliches Kapitel. Russell predigt und hat im Grunde genommen keine Ahnung. Er zieht eine Linie von Fichte über Byron und Carlyle zu Nietzsche und Hitler, ohne zu merken, dass der dem denkerischen Pfusch, der sich Nationalsozialismus nannte, eine philosophische Weihe verleiht, die dem gar nicht zukommt. Er radomontiert in billigster volkspychologischer Weise darüber, welcher Menschentyp welche Art von Ethik entwickeln wird, dass es mir schlecht wird ...

Schade, Sir Bertrand, aber das machen wir vor dem Frühstück besser.

Also so schlimm wie du es darstellst, ist es nicht: Es ist ein einziger Satz, den er im Anschluss sofort relativiert und feststellt, dass die tatsächliche Entwicklung komplexer gewesen sei. Allerdings hätte er sich - und da bin ich ganz bei dir - auch diesen Satz sparen können. Ich halte es für einen grundsätzlichen Irrtum, Diktatoren, diktatorische Systeme mit Philosophen oder philosophischen Systemen in ein Naheverhältnis zu bringen. Zumeist benützen jene ein solches Theoriegebäude nur als Ausflucht, die Diktaturen selbst haben - ob links oder rechts - sehr viel mehr Ähnlichkeiten untereinander, als dass sie auf theoretischen Grundsätze fußen. Werden solche angegeben, dienen sie zumeist - in für die Mächtigen opportuner Form - nur zur Verteidigung des status quo. Manchmal habe ich auch den Eindruck, dass eine solche philosophische Spuren- und Quellensuche mit einer Überschätzung der Philosophie an sich einhergeht: Wenn man Systeme bis auf Hitler und Stalin verfolgen kann, haben sie wesentlich mehr Bedeutung als ihnen tatsächlich zukommt. Diese Bedeutung gibt es, aber man sollte sie dem Denken zuliebe (weder in positiver noch negativer Hinsicht) nicht überschätzen.

lg

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #189 on: 02. Oktober 2012, 07.32 Uhr »
Russel beschäftigt sich relativ ausführlich mit Lockes politischer Philosophie. Nicht immer zu meiner größten Freude, so wiederholen sich auf eher verwirrende Weise die Begriffe Naturzustand, Naturrecht, Vertragsrecht, ohne dass er dem Ganzen eine einigermaßen übersichtliche Gliederung zu geben vermag.

Dag mag z.T. auch daran liegen, dass Russell Locke nicht zu organisieren wusste. Locke selber scheint mir des öfteren sehr nonchalanat im Gebrauch seiner Worte zu sein. Und des öfteren auch einfach nur geschwätzig.
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #190 on: 03. Oktober 2012, 05.12 Uhr »
Hallo!

Berkeley

Nach ein paar einführenden, biografischen Notizen referiert Russell Berkeleys Gedanken, um sie anschliessend mit seiner eigenen Philosophie zu vergleichen. Wenigstens ist Russell ehrlich - aber so etwas dürfte sich eigentlich keine Philosophiegeschichte leisten ...

Nein, das sehe ich nicht ganz so. Eine historisch korrekte Darstellung ist das eine, allerdings muss das keineswegs ein bloßes Referieren der Inhalte sein, die - völlig neutral dargestellt - ebenso viel Richtigkeit beanspruchen können wie ihr Gegenteil. Das Aufmerksammachen auf Widersprüche, auf Lösungen, die für die in Frage stehenden Probleme seither gefunden wurden, auf das Paradoxe mancher Gedankengänge (deren Enstehuhung natürlich im historischen Kontext gesehen werden muss), ist mindestens ebenso wichtig. Das ist dann problematisch, wenn es dem Schreiber um bloße Propaganda für die eigene Weltanschauung geht (einen Eindruck, den ich bei Russel nicht habe); wenn es hingegen dazu dient, erkenntnistheoretische, logische Schwierigkeiten darzustellen (die später als gelöst, als Scheinprobleme - was auch immer angesehen wurden), so ist das sehr in meinem Sinne. (Was ich hingegen weniger schätze ist das Verweisen auf ein "späteres Erklären" - wie es Russel hier macht; da ein Buch solchen Umfangs nicht in einem Zuge gelesen zu werden pflegt, geht der Zusammenhang verloren.)

Im übrigen sehe ich nicht, was an Berkeley so interessant sein soll. Der Gedanke, dass die Objekte nicht existieren, wennn keiner hinguckt, ist zwar geeignet, den philosophischen Anfänger zu verblüffen, aber er bringt ja nicht wirklich etwas ...

Naja, für Berkeley "brachte" er auch was (und in epistemischer Hinsicht lassen sich auch manche Spekulationen anschließen): Ausgehend vom Wunsch und dem Bedürfnis nach Gewissheit (die man mittlerweile wohl ins Reich des Märchenhaften verbannen muss, die Gewissheit, nicht den Wunsch) stellt sich die Frage, was wir von der Außenwelt wissen bzw. wissen können. Für Berkeley sinnvoll war es insofern, als dass er den gordischen Knoten (als theologischer Denker) dadurch löste, in dem er Gott als eine permanent erkennende Wesenheit einsetzte, die damit die Kontinuität der Außenwelt garantierte (und er betrachtete dies auch als Gottesbeweis). Das konsequent weitergedachte esse = percipi muss zu einem solchen allumfassendes, alles denkenden Geist führen (nicht dass ich das für schlau hielte). Ein bisschen wird man dadurch an Kants Ding an sich erinnert - oder eben an den Materialismusbegriff eines Locke. (Was - außer den theologischen Erwägungen - eine Ersetzung von Materie durch Gott bringen sollte, bleibt allerdings unklar.)

Die Tatsache, dass wir nur Empfindungen haben, nur Eigenschaften wahrnehmen, ist ja durchaus richtig, auch der impliziten Kritik an primären und sekundären Eigenschaften (mit denen schon Descartes, dann Locke operierte) muss man zustimmen. Mach hat für seinen Empfindungsmonismus sehr ähnliche Überlegungen angestellt (ob er mit Berkeley vertraut war, kann ich nicht sagen), einzig Berkeleys Schluss, von der Eigenschaftrezepition auf die Existenz zu schließen, ist einigermaßen willkürlich, da es für die Existenz eines Sinnesobjekt nicht konstituierend ist, ob es wahrgenommen wird.

Der letzte Teil von Russels Überlegungen scheint mir eher ins Hume-Kapitel zu gehören. Ein grundsätzliches Problem ist - bei Berkeley und anderen - auch die rein geistige Struktur von Empfindungen. Was denn nun etwas "rein Geistiges" sei, entzieht sich jeder Kenntnis, wenn nun gar von geistiger Substanz gesprochen wird, so scheint das eine contradictio in adiecto (wenn man nicht an der Substanzdefinition lange genug herumpfriemelt, sodass der gängige Begriff von Substanz durch einen anderen ersetzt würde).

lg

orzifar

Was Berkeley im übrigen durchaus originell macht, sind die Doppelspaltexperimente der Quantenphysik: Durch den Wellen-Teilchen-Dualismus könnte er sich bestätigt fühlen ;).
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #191 on: 03. Oktober 2012, 05.13 Uhr »
Russel beschäftigt sich relativ ausführlich mit Lockes politischer Philosophie. Nicht immer zu meiner größten Freude, so wiederholen sich auf eher verwirrende Weise die Begriffe Naturzustand, Naturrecht, Vertragsrecht, ohne dass er dem Ganzen eine einigermaßen übersichtliche Gliederung zu geben vermag.

Dag mag z.T. auch daran liegen, dass Russell Locke nicht zu organisieren wusste. Locke selber scheint mir des öfteren sehr nonchalanat im Gebrauch seiner Worte zu sein. Und des öfteren auch einfach nur geschwätzig.

Ja - nicht zu organisieren wusste. Genau diesen Eindruck hatte ich auch. Irgendwas zwischen "nicht ganz kurz" aber auch nicht zu lang - im Ergebnis allerdings unbefriedigend.

lg

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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #192 on: 06. Oktober 2012, 16.30 Uhr »
Nach ein paar einführenden, biografischen Notizen referiert Russell Berkeleys Gedanken, um sie anschliessend mit seiner eigenen Philosophie zu vergleichen. Wenigstens ist Russell ehrlich - aber so etwas dürfte sich eigentlich keine Philosophiegeschichte leisten ...

Nein, das sehe ich nicht ganz so. Eine historisch korrekte Darstellung ist das eine, allerdings muss das keineswegs ein bloßes Referieren der Inhalte sein, die - völlig neutral dargestellt - ebenso viel Richtigkeit beanspruchen können wie ihr Gegenteil. Das Aufmerksammachen auf Widersprüche, auf Lösungen, die für die in Frage stehenden Probleme seither gefunden wurden, auf das Paradoxe mancher Gedankengänge (deren Enstehuhung natürlich im historischen Kontext gesehen werden muss), ist mindestens ebenso wichtig.

Sicher. Aber irgendwie fehlte mir bei der Darstellung von Berkeley eben dies: die Darstellung von Berkeley. Russell hat gleich zum Seziermesser gegriffen. (Was er allerdings auch in andern Fällen gern und immer wieder tut.) Dieses Gleich-von-Beginn-weg-Kritikpunkte-Suchen empfinde ich als störend. Russell scheint sich nicht entscheiden zu können. Oberflächlich betrachtet bringt er eine ganz altmodische Philosophiegeschichte daher - orientiert an den Namen und Lebensdaten der "grossen Denker". Klammheimlich aber bringt er immer so etwas wie eine Ideengeschichte hinein, schildert z.B. erkenntnistheoretische Entwicklungen, die er aus dem Stand seiner Zeit dann kommentiert. Und letzteres mündet jeweils im Grunde genommen in den Versuch, selber eine erkenntnistheoretische Theorie zu präsentieren. Es herrscht eine gewisse Schizophrenie in der Philosophie des Abendlandes ...
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #193 on: 07. Oktober 2012, 06.44 Uhr »
Was ich meine, sieht man auch wieder im folgenden Kapitel (II. Teil - Von Rousseau bis zur Gegenwart / 18. Kapitel - Die romantische Bewegung):

Nachdem Russell in einem ersten Anlauf die Romantik nicht übel, wenn auch stark verkürzt, schildert, beginnt er sehr bald, die Bewegung zu kritisieren und zu karikieren. Er springt von diesem zu jenem Autor, zeitlich vor und zurück. Behauptet zwar, dass die Romantik stark von Deutschen geprägt worden sei (womit er Recht hat), um aber dann vorwiegend auf Coleridge herumzureiten. Wenn ich mich recht erinnere, sind die Romantik und darin v.a. Hegel Russells bevorzugte Bêtes Noires. Da gehen Russell die Pferdchen ganz schön durch ...
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Re: Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes
« Reply #194 on: 14. Oktober 2012, 16.14 Uhr »
Das Kapitel über Rousseau gelesen. Wieder dieser Satz, dass Hitler von Rousseau her komme, Truman und Churchill von Locke. Auch wenn er später im Kapitel diese Aussage noch präzisiert, da er behauptet, Rousseau sei im Grunde genommen der Vordenker populistisch-absoluter Herrscher, da der Wille der Nation sich in einer einzigen Person konkretisieren könne, ohne dass die Nation - d.i. die Bürger - wirklich widersprechen dürften: Das ist an den Haaren herbeigezogen. Im übrigen dann eine schon fast satirische Kurzbiografie Rousseaus. Die fand ich sogar recht gut, was daran liegen mag, dass mir Rousseau mit seiner Weinerlichkeit einerseits, der Überheblichkeit andererseits und dann noch dem Umstand, dass er Wasser predigte, aber Wein trank, Erziehungsbücher schrieb aber die eigenen Kinder weggab etc. nie so recht sympathisch war. Russell gibt sich rechte Mühe, Rousseau einigermassen zu systematisieren. Es kommt in der politischen Philosophie dabei ein Denker heraus, der näher an Macchiavielli stand als an Locke. Womit Russell Recht haben dürfte. Ebenso mit der Tatsache, dass Rousseau als erster das Gefühl in die Theologie brachte: Ich fühle Gott, und das ist der Beweis, dass er existiert. - Ja: Für dich.  ;)
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