Hallo!
Berkeley
Nach ein paar einführenden, biografischen Notizen referiert Russell Berkeleys Gedanken, um sie anschliessend mit seiner eigenen Philosophie zu vergleichen. Wenigstens ist Russell ehrlich - aber so etwas dürfte sich eigentlich keine Philosophiegeschichte leisten ...
Nein, das sehe ich nicht ganz so. Eine historisch korrekte Darstellung ist das eine, allerdings muss das keineswegs ein bloßes Referieren der Inhalte sein, die - völlig neutral dargestellt - ebenso viel Richtigkeit beanspruchen können wie ihr Gegenteil. Das Aufmerksammachen auf Widersprüche, auf Lösungen, die für die in Frage stehenden Probleme seither gefunden wurden, auf das Paradoxe mancher Gedankengänge (deren Enstehuhung natürlich im historischen Kontext gesehen werden muss), ist mindestens ebenso wichtig. Das ist dann problematisch, wenn es dem Schreiber um bloße Propaganda für die eigene Weltanschauung geht (einen Eindruck, den ich bei Russel nicht habe); wenn es hingegen dazu dient, erkenntnistheoretische, logische Schwierigkeiten darzustellen (die später als gelöst, als Scheinprobleme - was auch immer angesehen wurden), so ist das sehr in meinem Sinne. (Was ich hingegen weniger schätze ist das Verweisen auf ein "späteres Erklären" - wie es Russel hier macht; da ein Buch solchen Umfangs nicht in einem Zuge gelesen zu werden pflegt, geht der Zusammenhang verloren.)
Im übrigen sehe ich nicht, was an Berkeley so interessant sein soll. Der Gedanke, dass die Objekte nicht existieren, wennn keiner hinguckt, ist zwar geeignet, den philosophischen Anfänger zu verblüffen, aber er bringt ja nicht wirklich etwas ...
Naja, für Berkeley "brachte" er auch was (und in epistemischer Hinsicht lassen sich auch manche Spekulationen anschließen): Ausgehend vom Wunsch und dem Bedürfnis nach Gewissheit (die man mittlerweile wohl ins Reich des Märchenhaften verbannen muss, die Gewissheit, nicht den Wunsch) stellt sich die Frage, was wir von der Außenwelt wissen bzw. wissen können. Für Berkeley sinnvoll war es insofern, als dass er den gordischen Knoten (als theologischer Denker) dadurch löste, in dem er Gott als eine permanent erkennende Wesenheit einsetzte, die damit die Kontinuität der Außenwelt garantierte (und er betrachtete dies auch als Gottesbeweis). Das konsequent weitergedachte esse = percipi muss zu einem solchen allumfassendes, alles denkenden Geist führen (nicht dass ich das für schlau hielte). Ein bisschen wird man dadurch an Kants Ding an sich erinnert - oder eben an den Materialismusbegriff eines Locke. (Was - außer den theologischen Erwägungen - eine Ersetzung von Materie durch Gott bringen sollte, bleibt allerdings unklar.)
Die Tatsache, dass wir nur Empfindungen haben, nur Eigenschaften wahrnehmen, ist ja durchaus richtig, auch der impliziten Kritik an primären und sekundären Eigenschaften (mit denen schon Descartes, dann Locke operierte) muss man zustimmen. Mach hat für seinen Empfindungsmonismus sehr ähnliche Überlegungen angestellt (ob er mit Berkeley vertraut war, kann ich nicht sagen), einzig Berkeleys Schluss, von der Eigenschaftrezepition auf die Existenz zu schließen, ist einigermaßen willkürlich, da es für die Existenz eines Sinnesobjekt nicht konstituierend ist, ob es wahrgenommen wird.
Der letzte Teil von Russels Überlegungen scheint mir eher ins Hume-Kapitel zu gehören. Ein grundsätzliches Problem ist - bei Berkeley und anderen - auch die rein geistige Struktur von Empfindungen. Was denn nun etwas "rein Geistiges" sei, entzieht sich jeder Kenntnis, wenn nun gar von geistiger Substanz gesprochen wird, so scheint das eine contradictio in adiecto (wenn man nicht an der Substanzdefinition lange genug herumpfriemelt, sodass der gängige Begriff von Substanz durch einen anderen ersetzt würde).
lg
orzifar
Was Berkeley im übrigen durchaus originell macht, sind die Doppelspaltexperimente der Quantenphysik: Durch den Wellen-Teilchen-Dualismus könnte er sich bestätigt fühlen

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