Author Topic: Jacques Chessex: L'ogre (Der Kinderfresser)  (Read 24956 times)

Offline sandhofer

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Jacques Chessex: L'ogre (Der Kinderfresser)
« on: 28. Februar 2010, 17.08 Uhr »
Hallo zusammen!

Ich eröffne diese Leserunde heute schon mal, da ich morgen kaum zum Schreiben oder Lesen kommen werde. So habe ich heute auch schon die ersten paar Seiten gelesen und ganz gegen meine Erinnerungen an das Werk eine sehr zarte, poetische Schreibe vorgefunden. Bis und mit S. 29 steht der Tod bzw. das Sterben (nicht nur des Vaters) ganz klar im Vordergrund, aber ganz und gar nicht so morbid-satirisch wie beim Landsmann Burger.

Ich lese eine Ausgabe des Club Français du Livre, erschienen 1974, ein Jahr, nachdem Chessex für dieses Buch den renommierten Prix Goncourt erhalten hat. Ich hab's antiquarisch erstanden, und darin vom Vorbesitzer nicht nur den Originalprospekt beigefügt gefunden sondern auch eine Hektographie (weiss heute noch jemand, was das war?) einer Pressemitteilung des Service de Presse Suisse über La Suisse de Jacques Chessex vom 30. Oktober 1974. So was stimmt mich ganz nostalgisch. Ich bin kein wirklich grosser Fan von Waadtländer Weinen, aber vielleicht werde ich mir für die weitere Lektüre eine Flasche oder zwei vom Lavaux besorgen ...  8)

Grüsse

sandhofer
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Offline Anita

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Re:Jacques Chessex: L'ogre (Der Kinderfresser)
« Reply #1 on: 01. März 2010, 13.43 Uhr »
Ich lese die deutsche Übersetzung von Marcel Schwander, Volk und Welt Verlag, Berlin 1981, denn ich vermag es nicht auf Französisch zu lesen.
Nostalgisch stimmt dich wohl eher das ganze Drum und Dran (meine „Buddenbrooks“ sind auch gespickt mit solchen Leckerbissen) Sandhofer, denn düsterer geht es kaum von der Atmosphäre her. Also so richtig schwelgen und genießen werde ich das Buch nicht können, dazu erdrückt es mich zu sehr, aber es scheint eine ausgesprochen tiefe Lektüre zu werden.

LG
Anita
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.  Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

Offline mombour

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Re:Jacques Chessex: L'ogre (Der Kinderfresser)
« Reply #2 on: 01. März 2010, 19.58 Uhr »
Hallo,

 Ich lese in folgender Ausgabe: Verlag: Volk und Welt, Berlin, Spektrum 148 (DDR), 1981

Der Wink des Schicksals wollte es vielleicht so, dass ich erstmals von Jacques Chessex gehört habe, nachdem er gerade gestorben war. Chessex starb am 09.10. 2009 während einer Diskussionsveranstaltung, auf der es um eines seiner Bücher ging.

In „Der Kinderfresser“ geht es um den Lateinlehrer Jean Calmer, der von seinem Vater tief gedemütigt und verhöhnt wurde. Auch als sein Vater gestorben war, kommt Calmer nie von ihm los, so sieht er ihn in einer Vision seinen vestorbenen Vater in eine Gastwirtschaft gehen. Das Leid, was der Vater ihm angefügt hat, sitzt dem Lateinlehrer so tief im Nacken, quasi wie ein autoritäres Über-Ich, dass der Vater über seinen Sohn nicht die Macht verliert, obwohl dieser schon im Krematorium liegt.

Wunschdenken:
Quote from: Chessex
Man durfte ihm in der guten Erde nicht die geringste Chance lassen, daß er seine abscheuliche Gewalt bewahren konnte
(Seite 12)

Es geht um großes Leiden, psychisches Trauma, welches nicht verarbeitet worden ist, der Sohn, also Jean Calmer, deswegen immer leiden muss.

Übrigens: Im übertragenem Sinne geht es auch um das Leid auf gesellschaftlicher Ebene:

Quote from: Chessex
Die Asche redet um so lauter, je gräßlicher das Märtyrium ist.
(Seite 44).

(Krematorium Auschwitz, flammende Scheiterhaufen der Inquisiteure ...).

Die Wirkung des Vaters auf Jean ist fatal. Selbst Kontakte zu Frauen lassen sich für Jean nicht herstellen. Da sitzt er in vereinsamt in einer Gastwirtschaft, schaut aus dem Fenster und sieht hübsche junge Mädchen, die eine Brücke überqueren.

Quote from: Chessex
Jean Calmer findet sie wunderbar, fröhlich und stark, und wieder spührt er einen Krampf, mitten ins Herz.
(Seite 34)

Sprachlich vorzüglich. Ich lese gerne weiter :hi:

Liebe Grüße
mombour
« Last Edit: 01. März 2010, 20.56 Uhr by mombour »
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Offline sandhofer

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Re:Jacques Chessex: L'ogre (Der Kinderfresser)
« Reply #3 on: 02. März 2010, 08.32 Uhr »
@Anita: Die Nostalgie hat mich eigentlich auch eher angesichts der hektographierten Blätter gepackt. Inhaltlich - wie gesagt: Ich habe weder mit dem Lavaux noch mit Lausanne nähere Verbindungen. Lausanne ist die Stadt, die ich links liegen lasse, wenn ich nach Frankreich fahre. (Während ich um Bern einen Bogen mache.) Payerne war ein paar Jahre lang die "grosse Stadt", in der ich am Wochenende einkaufen ging. Aber im Grunde genommen kein Kontakt mit den Einheimischen. Ich war ein Fremder, ein Zugereister. In doppeltem Sinn: Ich war in Payerne aus einem andern Kanton, an meinem Wohnort aber auch erst kürzlich zugezogen.

Der Text übrigens ist dann sehr schnell morbider geworden. Und dennoch: Die Beschreibung der Friedhofsszene mit der moribunden Schülerin und ihren Freunden und Freundinnen war ungeheuer zart und poetisch. Sehr neutral und sachlich beschrieben, keinerlei Voyeurismus. Und deshalb wie ich finde, sehr poetisch. Sprachlich, wie mombour sagte, ein Genuss. Auch im Original  ;)
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Offline Anita

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Re:Jacques Chessex: L'ogre (Der Kinderfresser)
« Reply #4 on: 02. März 2010, 10.54 Uhr »
Prima, dann habe ich das genau richtig verstanden. Es soll aber auch tatsächlich Leser geben, die in einer solcher Atmosphäre genüsslich schwelgen ...

Die Beschreibung der Friedhofsszene mit der moribunden Schülerin und ihren Freunden und Freundinnen war ungeheuer zart und poetisch. Sehr neutral und sachlich beschrieben, keinerlei Voyeurismus. Und deshalb wie ich finde, sehr poetisch. Sprachlich, wie mombour sagte, ein Genuss. Auch im Original  ;)

Ganz großartige Szene, ja das ist sie.  :) Und selbstverständlich lese ich das Buch mit Freude, ich bin ebenso froh im Literaturclub von Chessex erfahren zu haben, und ihn nun hier mit euch zu lesen. Nach seinem Tod werden jetzt auch endlich wieder seine Bücher neu herausgebracht, ins Deutsche übersetzt war er ziemlich schwer zu bekommen.

LG
Anita
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Offline Anita

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Re:Jacques Chessex: L'ogre (Der Kinderfresser)
« Reply #5 on: 02. März 2010, 18.09 Uhr »
Ich bin seitenmäßig nicht viel weiter gekommen, ich denke, Chessex werde ich mir sehr langsam zu Gemüte führen.

Vorab im Vorwort:
Quote
Dieses Buch ist ein Roman über die Erziehung. Es ist auch ein Roman über die Schweiz, deren patriarchalische Strukturen der mittelalterliche Kindlifresserbrunnen im „einschüchternden“, im „väterlichen“ Bern symbolisiert. Es sind Strukturen, die auch in der neuen Schweiz noch aufscheinen: in Typen wie dem Rektor Grapp, Oberst und Nationalrat, einem jener „Ordnungshüter“, die der demonstrierenden Jugend wehren, die Neonazis im Lande aber gewähren lassen.

Sandhofer inwieweit können wir und darf ich das schreiben, so wie mir der Schnabel wächst? (Auf Streitgespräche liegt mir momentan nämlich nicht der Sinn.)

Es handelt sich hier wohl um eine Analyse des Protagonisten Jean Calmet, die dann auf weitere Ebenen übertragen werden kann. Und so ist dann auffällig, dass Jean Calmet seinen Vater zunächst vergöttert, obwohl er offensichtlich ein Familientyrann ist, der Patriarch, und seine Mutter >betrachtet er mit gehässigem Erbarmen<, weil er offenbar ihre Schwächen geerbt hat: mager, zerbrechlich, erregbar und zart. Er ist ein Heiliger und sie ein hochmütiger >Prügelsklave<. Der Vater war Arzt und seine Patienten legt er demütigend bis auf letzte Hemd frei, ich denke mal, dass er das auch mit seiner Familie tat, und zum Schluss wird er dann selber zum >Pflegling<. Jean Calmet denkt, wenn seine Mutter nicht diese Unterwürfigkeit gegenüber dem Vater besessen hätte, hätte er ihm anders begegnen können. Er ist wohl so „klein“, dass er gar die Selbstsicherheit des Bestatters neidet. Dann kommt ein wohl wichtiger Hinweis, er ist der jüngste Spross, der Benjamin (Jakobs jüngster Sohn, bei dem Rahel stirbt).
Dann ändert er völlig seine Meinung und stellt seinen Vater als den >schrecklichsten Erwachsenen< hin, und dass die >Schulzimmer Schutzinseln gegen seine Autorität< darstellen.

LG
Anita
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Offline sandhofer

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Re:Jacques Chessex: L'ogre (Der Kinderfresser)
« Reply #6 on: 02. März 2010, 21.01 Uhr »
Sandhofer inwieweit können wir und darf ich das schreiben, so wie mir der Schnabel wächst? (Auf Streitgespräche liegt mir momentan nämlich nicht der Sinn.)

Von mir aus so frei von der Leber weg, wie Du willst. Ich meinerseits bin nicht gewillt, in politische bzw. patriarchalisch-feministische Streitgespräche mich zu verwickeln. Ich lese dieses Buch als eine Art Entwicklungsroman. Die politischen Implikationen, die Dein Vorwort, Anita, oder auch mombours Beitrag darstellen, interessieren mich wenig(er), fallen mir deshalb auch gar nicht auf. (Was nicht heisst, dass ich sie nicht dankbar aus Euren Beiträgen zur Kenntnis nehme!) Dafür diese Gegenüberstellung einer anziehend-gesunden Jugend und eines abstossend-gesunden Alters. Die sich dennoch gegenseitig finden, wie im Beispiel des Vaters und des 17-jährigen Jugendschwarms von Jean. Es ist, und da muss ich mein früheres Posting wieder korrigieren, kein morbides Buch. Es ist ein Buch über den Tod. Und das Leben. Ein Buch über das Alter. Und die Jugend. Calmet liebt die Jugend und hasst das Alter. Er liebt den Wein. Und das Rasieren ...
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Offline Anita

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Re:Jacques Chessex: L'ogre (Der Kinderfresser)
« Reply #7 on: 03. März 2010, 11.51 Uhr »
Die politischen Implikationen, die Dein Vorwort, Anita, oder auch mombours Beitrag darstellen, interessieren mich wenig(er), fallen mir deshalb auch gar nicht auf.

Ich bin ganz ehrlich und gestehe, dass mir die Übertragung aus meinem Post erst später am Abend kam "Jean Calmet denkt, wenn seine Mutter nicht diese Unterwürfigkeit gegenüber dem Vater besessen hätte, hätte er ihm anders begegnen können." Der Vater als Nationalsozialist/Hitler, die Mutter als die Schweiz und der Sohn, eben als die Generation danach. Okay, ich weiß zum Beispiel was in Davos im zweiten Weltkrieg abging ..., aber es stellt sich hier wirklich die schickliche Frage, soll und darf ich nun als Deutsche ...

Nein lassen wir es raus und lesen die Entwicklung  ;)

LG
Anita
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Offline mombour

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Re:Jacques Chessex: L'ogre (Der Kinderfresser)
« Reply #8 on: 03. März 2010, 16.44 Uhr »
Okay, ich weiß zum Beispiel was in Davos im zweiten Weltkrieg abging ..., aber es stellt sich hier wirklich die schickliche Frage, soll und darf ich nun als Deutsche ...

Nein lassen wir es raus und lesen die Entwicklung  ;)

Ja, also, was soll denn das?  ???

Ich verstehe nicht die Frage, ob man was darf oder nicht? Schamgefühl? Nein, alles raus, was euch einfällt. Was soll der selbstgeflickte Maulkorb? Ich verstehe das wirklich nicht.


Über den Vater, dem Tyrannen

Quote from: Chessex
Sein Vater kannte die verpuppten Triebe.
(Seite 10)

Diesen Satz mag man weithin deuten. Mir sagt er, der übermächtige Vater kennt seinen Sohn bis in die letzten Winkel und Jean kann sich überhaupt nicht von seinem Vater abgrenzen. Der Vater nutzt ihn schamlos aus und verletzt seine Menschenwürde, da sich Jean vor seinem Vater quasi entblößen muss, bis in den letzten Seelenwinkel hinein. Der Schluss des ersten Kapitels "Das Krematorium" gibt mir einiges zu denken. Jean träumt, ein Stier starrt ihm von einem Hügel herab an und dann liegt die erdrückende Masse auf ihn (Seite 68). Mir kommt die Assoziation, sein Vater, der Stier, habe den Sohn vergewaltigt, Jean daher in seinem künftigen Leben Schwierigkeiten mit seiner Sexualität bekommen hat. Dazu kommt noch die Vision auf Seite 66, in der Jean den Phallus seines Vaters sieht. Ihn fröstelt vor Angst und Ekel und "erstarrte wie ein Sünder". Vielleicht gibt sich Jean selbst die Schuld für die Vergewaltigung, obwohl er natürlich keine Schuld an der Perversion des Vaters trägt. Mythologisch gesehen steht der Stier für Zeugungskraft und Fruchtbarkeit. Der Minotaurus auf Kreta fraß auch seine Opfer: Ein Kinderfresser.

Der Vater hat sie Seele seines Sohnes gefressen. Die Liebe des Sohnes zum Vater wird zur Furcht. Jean traut sich nicht, seinen Vater in die Arme zu schließen. Die Mutter in ihrer Liebe zu dem Grausamen, verehrt ihn nach seinem Tode auch noch als "Heiligen", denn er habe sich für seinen Beruf aufgeopfert. Es gibt ja Frauen, die bei ihrem Mann bleiben, auch wenn er sie schlägt. Die emotionale Bindung wird zur Abhängigkeit, eine Tennung von dem Ehemann ist nicht möglich. So ergeht es auch dem Sohn:

Quote from: Chessex
Jean Calmet senkte den Blick über seinem Teller, doch er konnte dem Inquisator nicht entgehen.
(Seite 10)

Politischer Hintergrund? (den Anita schon angedeutet hat)

Ich vermute einen politischen doppelten Boden des Romans. Es gibt Anspielungen auf die Inquisition und den Nationalsozialismus. Nicht zufällig heißt es einmal "Gottes Auschwitz" (Seite 19).

Quote from: Chessex
Seine Gedanken geisterten um den glühenden Rost des heiligen Laurentius, die flammenden Scheiterhaufen der Inquisition, die Verbrennungsöfen von Auschwitz...
(Seite 44)

Warum ist Jean zum Leiden "auserkoren?"

 "auserkoren", das heißt, es ist doch etwas besonderes, nur was? Jean sagt das auf Seite 16 im Zusammenhang seiner Gedanken an Märtyrertode wie der von Jeanne d'Arc, und an den todwundenen Roland, der in einer Felsschlucht ins Horn bläst. Meine Frage besteht darin, warum sich Jean Parallelleiden von Märtyrern sucht. Nur um seinem Leiden einen Sinn zu geben?

Wenn wir an den Nationalsozialismus denken wollen, dagegen konnten sich die Menschen auch nicht wehren, sie waren einfach übermächtig. Auch aus Furcht (wie bei Jean) unternahmen Menschen nichts dagegen, denn sonst drohte ihnen der Tod (wie der Vater, der die Seele des Kindes fraß).

Liebe Grüße
mombour
« Last Edit: 03. März 2010, 17.08 Uhr by mombour »
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Offline sandhofer

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Re:Jacques Chessex: L'ogre (Der Kinderfresser)
« Reply #9 on: 03. März 2010, 16.56 Uhr »
Der Vater als Nationalsozialist/Hitler, die Mutter als die Schweiz und der Sohn, eben als die Generation danach. Okay, ich weiß zum Beispiel was in Davos im zweiten Weltkrieg abging ..., aber es stellt sich hier wirklich die schickliche Frage, soll und darf ich nun als Deutsche ...

Och, ich bin da relativ unempfindlich. Dass die Schweiz eher mangels Gelegenheit und weil es sich besser anders als so rentierte, nicht nationalsozialistisch geworden ist, bestreite ich auch nicht. Ich glaube einfach, ehrlich gesagt, nicht, dass das im Text angelegt ist. Aber vielleicht bin ich zu naiv ...
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Offline sandhofer

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Re:Jacques Chessex: L'ogre (Der Kinderfresser)
« Reply #10 on: 03. März 2010, 20.24 Uhr »
Nochmals zum Nationalsozialismus: Ich weiss nicht, ich weiss nicht. Und ehrlich gesagt: Nein, ich glaube nicht. Dafür fehlt mir beim Vater jede ideologische Komponente bei seinem Tun. Er vertritt m.M.n. eher das Animalische, das Tier, das bedenkenlos tut (auch bedenkenlos f...t; und, wenn's sich so ergibt, auch die jungen Weibchen, die Gespielinnen seiner eigenen Jungen, vernascht).

Chessex hat sich (z. B. in seinem letzten Roman, Un juif pour l'exemple) durchaus mit der Problematik des Nationalsozialismus in der Schweiz auseinandergesetzt, so ist es ja nicht. Er schildert darin den Mord am jüdischen Viehhändler Bloch, der sich 1943, iirc, in Payerne tatsächlich ereignet hat, und an dem etwelche "Fröntler", wie man die schweizerischen Nationalsozialisten hierzulande nannte, beteiligt waren.

Der Kinderfresser aber vertritt m.M.n. zwar durchaus die Gewalt, aber jede Gewalt, und nur deshalb eben auch die Gewalt der Nationalsozialisten. Der Nationalsozialismus hat ja auch seine Kinder nicht gefressen, jedenfalls nicht absichtlich. Genau das aber tut Vater Calmet. (Wie es z.B. auch ein Bärenvater täte, wenn man ihn liesse.)
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Offline Anita

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Re:Jacques Chessex: L'ogre (Der Kinderfresser)
« Reply #11 on: 03. März 2010, 23.38 Uhr »
Wenn wir an den Nationalsozialismus denken wollen, dagegen konnten sich die Menschen auch nicht wehren, sie waren einfach übermächtig. Auch aus Furcht (wie bei Jean) unternahmen Menschen nichts dagegen, denn sonst drohte ihnen der Tod (wie der Vater, der die Seele des Kindes fraß).

Sehe ich ganz genauso, ich kann diesen Gedanken und diese Übertragung nicht mehr aus meinem Kopf heraus bekommen  :-[

Mir kam sogar heute noch die Idee, dass die Kranken, die der Doktor/Tyrann behandelte, das deutsche Volk waren.

Eindeutig finde ich das Gedicht:
Quote
Wie grausam bist du, Blondchen,
Wie schlimm, mein braunes Liebchen ...

Aber daraus entwickelt sich jetzt eine andere Geschichte.

LG
Anita
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Offline sandhofer

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Re:Jacques Chessex: L'ogre (Der Kinderfresser)
« Reply #12 on: 04. März 2010, 07.49 Uhr »
Eindeutig finde ich das Gedicht:
Quote
Wie grausam bist du, Blondchen,
Wie schlimm, mein braunes Liebchen ...

Kannst Du mir ungefähr Seitenzahl angeben und den Kontext, also die Geschichte rundherum? Ich würde gerne mal das Original nachlesen, aber meine Ausgabe nummeriert die Seiten wahrscheinlich anders. Meine Ausgabe hat 235 Seiten, ich bin unterdessen (immer noch) auf Seite 90. Danke!

Wieviel Seiten hat die Eure?
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Offline Anita

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Re:Jacques Chessex: L'ogre (Der Kinderfresser)
« Reply #13 on: 04. März 2010, 11.22 Uhr »
Kannst Du mir ungefähr Seitenzahl angeben und den Kontext, also die Geschichte rundherum?

Also meine Ausgabe hat 174 Seiten, das Gedicht steht auf Seite 63 im Kontext: Francois Clerk, der eine ärgerliche Geschichte eines Kollegen mit zwei Schülerinnen erzählte und rezitierte:

Wie grausam bist du, Blondchen,
Wie schlimm, mein braunes Liebchen ...

Weiter bin ich auch noch nicht gekommen.

LG
Anita
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Re:Jacques Chessex: L'ogre (Der Kinderfresser)
« Reply #14 on: 04. März 2010, 13.07 Uhr »
das Gedicht steht auf Seite 63 im Kontext: Francois Clerk, der eine ärgerliche Geschichte eines Kollegen mit zwei Schülerinnen erzählte

Gut, da bin ich noch nicht ...
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