Hallo,
Die Frage ist ja auch: Wie weit entspricht das Bild von Calmet senior oder von Grapp der Realität? Der Leser lernt die beiden ja nur aus der Perspektive des Benjamins kennen. Das Alter Ego François hingegen scheint keine Probleme mit Grapp zu haben.
Jean überträgt die Gefühle, die er für seinen Vater (eine übermächtige Autoritätsgestalt) empfindet auf Grapp (Übertragung, siehe Psychoanalyse), François tut so etwas nicht.
Jean denkt hier sofort nicht nur an seinen Vater (das tat er ja schon beim Bärengraben), sondern auch an all die antiken mythischen Gestalten Chronos, Saturn, Moloch, Minotaurus, die ebenfalls ihre Nachkommenschaft verspiesen haben.
Jean vergleicht seine Situation mit Beispielen aus der Mythologie. Er weiß, er steht nicht allein mit dem Wunsch, gegen seinen Erzeuger anzutreten. Es ist ja wie ein Ringkampf. Ähnlich wie in der Pubertät, in der Zeit, wo man sich gegenüber seiner Eltern selbst behaupten möchte, sich auflehnen und sich durchsetzen möchte. Natürlich hat Jean das nie geschafft, darum hat er auch vor anderen Autoritätspersonen Angst und duckt sich lieber.
Nach wie vor sehe ich meine Interpretation vom Buch, auch jetzt in der „Eifersucht“, eher politisch. Der Vergleich zu Kronos und Zeus wird angeführt, für mich passt es nicht so recht, Jean wird weder seinen Vater noch Grapp entmannen;
Bevor vom Kindlifresserbrunnen die Rede ist, hört Jean die Stimme seines Vaters, die ihm vorwirft, ein "Impotenter Nichtsnutz" zu sein. Jean würde sicher sich selber zum Mann machen, und sich gegenüber Marc durchsetzen wollen, auch gegenüber seinen Vater; aber er kann das nicht und opfert sein Leben.
Wieder ins Politische, denn der Roman hat durchaus verschiedene Deutungsebenen, darum ist er ja so interesssant, also das Politische: Jeans Bekanntschaft mit dem rechtsradikalen Mollendruz. Jean sieht sich dessen Sammlung nationalsozialistischer Gegenstände in seiner Wohnung an, und das, obwohl ihm das nicht interessiert. Jean wäre der ideale Mitläufer der Nazis gewesen. So gibt er sich. Und wegen dieser Szenerie ist es durchaus passend, in der Vaterfigur eine Metapher für eine gefährliche Diktatur zu sehen. Eine Diktatur ist auch nur schwer zu entmannen, alle Hitlerattentate schlugen fehl.
Liebe Grüße
mombour