Author Topic: Jacques Chessex: L'ogre (Der Kinderfresser)  (Read 24958 times)

Offline Anita

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Re:Jacques Chessex: L'ogre (Der Kinderfresser)
« Reply #45 on: 14. März 2010, 13.28 Uhr »
Danke mombour für diese Information.

Nach 35 Jahren schreibt Chessex dann das Werk "Ein Jude als Exempel", für mich ganz eindeutig auch eine "zweifache" Entmythologisierung des "Kinderfressers", ganz offen und ehrlich und ohne Umschreibung, und ohne Rücksicht auf seine Heimat. Er stellt unangenehme Fragen und wird 2009 auf einem Karnevalszug mit Nazirunen als Karikatur gescholten, ein unfassbarer Tabubruch!

Ich bin innerhalb kürzester Zeit zum richtigen Chessex-Fan geworden  :) Ich mag solche ehrlichen Tabubrecher, das ist auch für mich ganz große Literatur.

LG
Anita
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.  Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

Offline sandhofer

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Re:Jacques Chessex: L'ogre (Der Kinderfresser)
« Reply #46 on: 30. März 2010, 09.08 Uhr »
So, nun noch ein Rückblick:

Chessex' L'ogre (Der Kinderfresser) ist eine komprimierte Studie über einen, der von seinem Vater geistig-seelisch erdrückt worden ist. Beim Einsetzen des Romans ist dieser Vater schon tot und soll gerade beerdigt bzw. kremiert werden. Was in einer leichten, lockeren, fast mediterran anmutenden Atmosphäre beginnt, wird zunehmend düsterer. Die Szenen um die letzten Tage einer Schülerin sind trotz des Todesthemas eigentlich sehr heiter gestaltet. Wer hätte schon vermutet, dass der erste und letzte Geliebte dieser Schülerin kurze Zeit später der Geliebte jener jungen Frau wird, die von der Hauptperson Calmet selber begehrt wird. Doch Calmet ist impotent und der junge Mann vollendet, was Calmets Vater begonnen hat, der ihm schon vor Jahren eine Frau ausgespannt hat. Überhaupt dieser Vater: animalisch und wie ein Tier auch a-moralisch. Wie die Bären (die wir in Bern auch besuchen werden) verschlingt dieser Vater seine eigenen Kinder. Calmet selber wird dies am Beispiel des sog. Kindlifresserbrunnens in Bern bewusst. Die Figuren dieses Brunnens (die ich selber eher als grotesk und komisch empfinde) werden detalliert beschrieben, beschrieben wird auch, wie sie in Calmet tiefsitzende Ängste aufrühren.

Im Laufe des Büchleins wird die Stimmung, wie gesagt, düsterer. Calmet hört und sieht und fühlt seinen Vater auch nach dessen Tod an allen Ecken und Enden. Obwohl bei seinen Schülern eigentlich nicht unbeliebt, fühlt sich der Lehrer auch beruflich als Versager. Ihm bleibt, als letzte Konsequenz, der Selbstmord.

Chessex gelingt es, nur aus der Sicht Calmets erzählend, dessen zunehmende Depression fühlbar zu machen. Während ich zu Beginn der Lektüre noch damit liebäugelte, mir zur Lektüre jeweils ein Glas des weissen Weins jener Region zu gönnen, empfand ich dies, als ich mit der Lektüre weiter und mit der Weinbeschaffung zu Ende war (denn ich habe standardmässig keinen Lavaux bei mir zu Hause ;)), als doch recht unpassend.

Eine Zweitlektüre nach einigen Jahrzehnten, die sich gelohnt hat!
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline orzifar

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Re:Jacques Chessex: L'ogre (Der Kinderfresser)
« Reply #47 on: 19. Mai 2010, 02.05 Uhr »
Hallo!

Durch die Leserunde nebst Diskussion angeregt habe ich nun den Chessex zur Hand genommen. Und kann das weitgehend Positive, das über das Buch gesagt wurde, nicht teilen. Vor allem ab dem zweiten Teil, dem Auftritt des "Katzenmädchens" will mir vieles konstruiert scheinen, das Mädchen selbst ein Kunstgriff, der, wenn man die Figur Calmets betrachtet, inkonsistent, unlogisch ist. Calmet als ein Versager, ein verunsicherter schüchterner Feigling, wird zum Geliebten einer schönen Kunststudentin und Konkurrent eines Schülers seiner Klasse, das Mädchen sieht ihn, lädt ihn bereits am ersten Tag in ihr Zimmer ein usf. Das passt wie die Faust aufs Auge, der unsichere Lateinlehrer, ansonsten Kunde bei einer alternden, fetten Hure, wird zum Liebhaber der schönen jungen Frau.

Aus der Handlung selbst, dem Charakter der Figur lässt sich diese Verbindung nicht ableiten, sie dient dem Autor dazu, bestimmte Absichten, Eigenheiten Calmets sichtbar zu machen. Dann der Ausbruch Calmets im Café, sein theatralisches Hinsinken auf dem Tisch, Schnittverletzungen, die vom Katzenmädchen in der folgenden ersten Liebesnacht weggeküsst werden. Das alles wirkt auf mich aufgesetzt, mühsam konstruiert, ohne inneren Zusammenhang.

Auch der Sprache kann ich nicht viel abgewinnen, wobei ich nicht zu beurteilen vermag, inwieweit die Übersetzung daran Schuld trägt. Die Schilderung seiner Liebesnacht unfreiwillig komisch: "Alle seine Burgen barsten. Er war zerschmettert und flippte durch die Luft. Eine schreckliche Kühle entsprang seinem Mark, übersäte seine Adern mit weißen Tröpfchen, entdrosselte seine Gurgel, strömte zwischen die Schultern." Mit Verlaub: Aber diese etwas seltsamen sexuellen Ekstasen vermag ich nicht nachzuvollziehen. Solch verquere und schiefe Metaphern gibt es jede Menge - wie gesagt: Vielleicht klingt das Ganze im französischen Urtext passabel. Aber "durch die Luft zu flippen" würde mit Recht von jedem Gymnasiallehrer mit Rotstift unterstrichen und mit "Ausdruck!" moniert werden.

Das eigentliche Thema eines mit Allmacht regierenden pater familias geht dabei fast verloren. Zurück bleibt die schablonenhaft wirkende Figur des Calmet mit spezifisch psychotherapeutischen Problemen, seiner Scham über das sexuelle Versagen, des auch in diesem Bereich dominierenden Vater. Die Bezüge innerhalb der Familie, seine Ohnmachtserfahrungen als Kind, seine - leider nur angedeuteten - Vorwürfe der Mutter gegenüber hätten mich mehr interessiert. So wird mir ein frustrierter Gymnasiallehrer mit lehrbuchhaften Sexualproblemen serviert, dessen Schicksal mir fremd (weil konstruiert?) erscheint.

Im letzten Teil. Das ist ein Text für Literaturpreisverleihungen. Der unvermeidliche Nationalsozialist, metaphorisch zerquetschte Ratten, sprechende Tiere. Ein Autor, der da meint, mehr, viel mehr erzählen zu müssen denn seine eigentliche Geschichte, der sie vor allem umschreibt und allegorisiert, ein Vexierspiel betreibt und dadurch Kunstprosa schafft. Preisrichter und Literaturkritik hat daran meist ihre helle Freude, kann man sich doch des eigenen Tiefsinns erfreuen bei der Interpretation.

Ich vermute, dass ich von Chessex kaum noch etwas lesen werde. Bis auf den ersten Teil war dieses Buch für mich ein ziemliches Ärgernis. Sprachlich und inhaltlich. Dort, wo "eine Moschee den Gluthauch wildgewordener Dromedare bringt" (hier versagt meine Phantasie), neige ich zu Schweißausbrüchen.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline sandhofer

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Re:Jacques Chessex: L'ogre (Der Kinderfresser)
« Reply #48 on: 22. Mai 2010, 06.45 Uhr »
Hallo orzifar

Deine Kritik ist herb - und nicht unberechtigt.

Das Katzenmädchen. Chessex brauchte offenbar eine Gegenfigur zum Vater. Was ist ein Katzenmädchen? Eine Kätzin. Was ist eine Kätzin auf Französisch? Une chatte. Was ist "la chatte" auf Deutsch? Richtig - die Muschi. Der Vater, die alte und eigentlich schon längst tote, aber dennoch noch immer präsente männliche Sexualität und Promiskualität; die Kätzin, die junge, weibliche, sanftere Sexualität und Promiskualität, letzten Endes aber genauso egoistisch wie die paternalistische Spielart. Das ist konstruiert, richtig. Aber ohne dieses Konstrukt wäre der Roman schon nach 20 oder 30 Seiten zu Ende. Ausserdem gehe ich davon aus, dass Chessex hier "tongue in the cheek" schreibt, den Leser also ein bisschen irreführt. Die Erzählung findet zwar in der Er-Form statt, anscheinend objektiv die Tatsachen berichtend - genau gesehen, erfahren wir aber die Welt immer und ausschliesslich aus der Sicht von Jean Calmet. Vielleicht war ja die "Realität" so, dass Calmet die Kätzin gesehen hat, seinen Zusammenbruch hatte und danach die Kätzin weggegangen ist - ohne ihn? Und der Rest sind Calmets Halluzinationen, seine Wunsch- und Angstträume? Eine Geschichte auf 2 Ebenen, sozusagen. (Ich sehe gar noch eine dritte (Wohl nicht umsonst ist Calmet Lateinlehrer, also Lehrer einer klassischen Sprache): Zeus, dem es nicht gelungen ist, sich vor seinem Vater zu verstecken, dem es nicht gelungen ist, seinen Vater zu entmannen, sondern der seinerseits von seinem Vater entmannt und verschluckt wird. Und die Kätzin wäre dann Aphrodite, nicht die Schaumgeborene, sondern die Wollknäuelgeborene.)

Allerdings muss ich zugeben, dass Du, wenn Du sagst:

Aus der Handlung selbst, dem Charakter der Figur lässt sich diese Verbindung nicht ableiten, sie dient dem Autor dazu, bestimmte Absichten, Eigenheiten Calmets sichtbar zu machen.

Recht hast.

Auch der Sprache kann ich nicht viel abgewinnen, wobei ich nicht zu beurteilen vermag, inwieweit die Übersetzung daran Schuld trägt.

Ich habe mein Buch gerade nicht zur Hand. Aber ich erinnere mich daran, dass mich die Stelle auch etwas befremdet hat. Sie ist im Französischen nicht so krass, wie im Deutschen. Ich habe diese Bilder dann Calmets Sexualität zugeschrieben, die ja, wie Du von der sie schildernden Sprache sagst, verquer und schief ist.

Im letzten Teil. Das ist ein Text für Literaturpreisverleihungen. Der unvermeidliche Nationalsozialist, metaphorisch zerquetschte Ratten, sprechende Tiere.

Die Tiere haben mich eigentlich darauf gebracht, dass wir hier Calmet unbemerkt ins Reich einer wahnhaften Phantasie gefolgt sind.

Der Nationalsozialist hat mich ebenfalls befremdet. Ich vermute allerdings, dass es Calmet weniger um irgendwelche Preisrichter als Zielpublikum ging. Er hat ja viel später unter dem Titel "Un juif par exemple" die Geschichte niedergeschrieben von einem der wenigen Juden (wenn es nicht gar der einzige war), der in der Schweiz von organisierten Nazis im wahrsten Sinne des Worts totgeschlagen wurde. Die Geschichte beruht auf Tatsachen und hat sich in Chessex' Heimatstadt, Payerne, tatsächlich in den Dreissiger Jahren des 20. Jahrhunderts ereignet. Und es ist Tatsache, dass man bei den Tätern auch eine Liste fand mit weiteren potentiellen Opfern - eine Liste, auf der sich auch der Name von Chessex' Vater befand. Von daher vermute ich, dass es Chessex eben auch darum ging, "den Vater", dem er offenbar eine Menge Dinge vorzuwerfen hatte, von genau diesem Vorwurf auszunehmen: Der Kinderfresser ist kein Nationalsozialist, ist nicht der Nationalsozialismus. Der Nationalsozialist der Geschichte ist ein Nachtschattengewächs, in kindischer Heldenverehrung gefangen und letzten Endes unfruchtbar, hat also gar keine Kinder, die er fressen könnte. Weit und breit keine Proselyten. Selbst der Schwächling Calmet lässt sich nur zu einer einzigen, kindischen Verbalinjurie hinreissen durch ihn (die er dann, nüchtern geworden, auch wieder bereut). Der Nazi ist der einzige, der nicht Wein trinkt, das in jedem Sinn des Wortes klassische Getränk des Südens, der Latinität und von daher auch der französischsprachigen Schweiz. Der Nazi trinkt Bier - das Getränk des Nordens. Ein Fremdkörper also.

Preisrichter und Literaturkritik hat daran meist ihre helle Freude, kann man sich doch des eigenen Tiefsinns erfreuen bei der Interpretation.

Dazu gehöre ich dann wohl auch ...  ;D
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus