Author Topic: Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit  (Read 22172 times)

Offline Bartlebooth

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Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit
« on: 12. Januar 2010, 17.54 Uhr »
Ich eröffne die Leserunde zu Goethes „Dichtung und Wahrheit“. Es lesen orzifar und ich und natürlich alle anderen Interessierten.

Gestern Abend habe ich noch ein bisschen angefangen. Interessant die Vorrede: Goethe gibt zu Protokoll, von dritter Seite gebeten worden zu sein, seine Autobiographie zu schreiben. Ein erstes Understatement des Dichterfürsten, der auf diese Weise deutlich macht, dass nicht er sein Leben für aufschreibenswert hält, sondern andere. Ich bin mir sicher, dass wir dieses Demutsmotiv noch häufiger antreffen werden.
Außerdem wird der Grund angegeben, warum die namentlich nicht genannten Dritten gerne hätten, dass er sie (und spätere Generationen seiner Bewunderer) an seinem Leben teilhaben lässt. Es ist dies eine Illustration dessen, was Michel Foucault die „Funktion Autor“ genannt hat. Die Autobiographie soll Disparates unter dem Namen des Autors zusammenfassen. Es wird als gegeben hingenommen, dass herauszufinden ist, was Gedankengänge, die auf den ersten Blick nicht zusammenzupassen scheinen, eben doch passend macht, nämlich das Leben und die zusätzlichen Gedanken des Autors. Wir befinden uns mitten im Zeitalter der Genieästhetik, das geniale Künstlersubjekt herrscht noch uneingeschränkt über den Text, Brüche kann es da nicht geben, oder nur dann, wenn das Autorsubjekt sie intendiert hat. Und diese Intention muss es uns ja erklären können.
Ich bin mir sicher, dass auch dieses Motiv uns durch die Hunderte von nun folgenden Seiten begleiten wird.
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Offline Sir Thomas

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Re:Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit
« Reply #1 on: 14. Januar 2010, 11.46 Uhr »
Wir befinden uns mitten im Zeitalter der Genieästhetik, das geniale Künstlersubjekt herrscht noch uneingeschränkt über den Text ...

Hallo Bartlebooth,

interessante Formulierung! Hast Du das "Zeitalter der Genieästhetik" selbst kreiert oder ist das ein üblicher, mir bislang unbekannter Begriff?

Viele Grüße

Tom

Offline Bartlebooth

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Re:Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit
« Reply #2 on: 14. Januar 2010, 13.07 Uhr »
Genieästhetik ist ein völlig gängiger Begriff. Und die Hochzeit der Genieästhetik liegt eben grob um 1800.
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Offline Sir Thomas

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Re:Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit
« Reply #3 on: 14. Januar 2010, 13.18 Uhr »
Genieästhetik ist ein völlig gängiger Begriff. Und die Hochzeit der Genieästhetik liegt eben grob um 1800.


Merci!

Offline orzifar

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Re:Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit
« Reply #4 on: 14. Januar 2010, 16.26 Uhr »
Hallo Bartlebooth (und Mitlesende)!

Mit leichter Verzögerung nun endlich begonnen. Ich habe mich nun doch für die Weimarer Ausgabe entschieden, obwohl nach einem weiteren Vergleich die Ausgabe der Deutschen Buchgemeinschaft so sehr nicht abweicht vom Original, wie ich anfangs vermutet hatte (allerdings habe ich in der Weimarer Ausgabe einen textkritischen Apparat, auf den ich nicht verzichten will).

Autobiographien schreibt man (angeblich) vor allem deshalb, damit der prospektive Biograph weiß, was er zu schreiben habe. Und der Olympier wusste um sein literarisches Fortbestehen und hat also hier einige Vorarbeit geleistet. Aber einer Ausflucht bedarf es doch, weshalb man mit eben diesem Briefe eines Freundes konfrontiert wird, dieser Bitte, welcher der Geheimrat huld- und gnadenvoll nachzukommen geruht. Er ist schon wahrlich olympisch ;). Im übrigen weist der Apparat darauf hin, dass dieser "Brief eines Freundes" nachweislich fingiert ist und verweist auf die Tagebuchaufzeichnung vom 8. September 1811. Der erste Plan zur Autobiographie entstand - nach Riemer - am 28. August 1808, das griechische Motto des ersten Teils taucht am 30. April 1809 in den Tagebüchern auf.

Nun ist ja durchaus nicht auszuschließen, dass solche Lebensbeschreibung wirklich einiges Aufschlussreiches zum Werk beizutragen vermag, wenngleich die genieästhetische Grundhaltung hier natürlich durchscheint (und einen bekennenden Foucaultisten und Postmodernen wie meinen Vorredner selbstredend mehr verstört als mich ;)). Goethe war mit Sicherheit Anhänger eines Originalitäts- und Schöpferprinzips, bis zu einem gewissen Grad ist diese - wenigstens juristisch - auch heute noch für Urheberrechtsbelange ausschlaggebend, da spezifische, einem "Schöpfer" zugeordnete (zuordenbare) Charakteristika für das Beanspruchen eines Werkes als das eigene ausschlaggebend sind. Genau darauf hat Foucault irgendwo hingewiesen - auf dieses erst im 18. Jahrhundert entstehende Urheberrecht, das er mit ökonomischen Entwicklungen verknüpft. Vorher war das "Eigentum" des Autors an seinem Text eine fragwürdige, keineswegs so klare Angelegenheit, wie es uns nun erscheinen mag. (Mit der Bitte an Bartlebooth, mich zu korrigieren bzw. zu verbessern - ich bin mit Foucault kaum vertraut --- wie du weißt ;)).

lg

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Offline Bartlebooth

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Re:Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit
« Reply #5 on: 16. Januar 2010, 22.36 Uhr »
Bin schon jetzt ein bisschen gelangweilt von der Bramarbasiererei des Geheimrats. Was erfahren wir nicht alles über seine Altvorderen, und zwar in einer Detailverliebtheit, die mich nie interessiert hat. Sehr wenig aus der Kindheit. Goethe springt praktisch ansatzlos in die Jugend. Und da erzählt er wieder von seinen ersten Gehversuchen als Poet, und wie er doch deutlich mehr Talent hatte als die anderen Mitglieder seiner Poetengruppe. Und wer sind die Gewährsleute dafür? Natürlich die Erwachsenen.
Goethe erscheint mir sehr ehrfürchtig, seine Jugend erscheint in der Kürze, wie er sie hier im ersten Buch präsentiert, praktisch nur aus Studium, Büchern und weiteren wertvollen Tätigkeiten zu bestehen. Er bewundert seine Vorfahren, sei es sein Vater, sei es sein Großvater (von den Frauen hören wir wenig).
Interessant, wie selbstverständlich er über die gestorbenen Geschwister hinweggeht. Da kann er sich entweder an die Namen nicht erinnern, oder er verschweigt sie. Er erinnert sich an Gesichter, an zarte Wesen, die nicht lange bei der Familie blieben, weil sie von Krankheiten hinweggerafft werden. Überstehen tut die Kinderkrankheiten unser guter Johann, was nicht nur von einer robusten Konstitution Zeugnis ablegt, sondern auch den Grundstein legt für seinen Hang zum Nachdenken.

Was du zum Urheberrecht schreibst, orzifar, ist schon ganz richtig. Zur Geschichte des Urheberrechts immer noch lesenswert ist der inzwischen auch nicht mehr ganz neue Text von Heinrich Bosse „Autorschaft ist Werkherrschaft“, der die historische Entstehung dieses Rechts und seine Kodifizierung eben um 1800 kurzweilig beschreibt.
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Offline orzifar

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Re:Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit
« Reply #6 on: 17. Januar 2010, 00.14 Uhr »
Hallo!

Bin schon jetzt ein bisschen gelangweilt von der Bramarbasiererei des Geheimrats. Was erfahren wir nicht alles über seine Altvorderen, und zwar in einer Detailverliebtheit, die mich nie interessiert hat.

*grins* - du hast Recht. Wie denn schon die Konstellation am Sternenhimmel bei der Geburt auf das kommende Genie hinwies, so lässt es auch der kleine Johann nicht an Außergewöhnlichem fehlen. Nicht nur talentiert ist, kann die schönsten Gedichte machen, auch hübsch (sodass seine Tante ihres Entzückens kaum Herr werden kann), drollig (beim Zerdeppern des Steinguts) - und nun erinnert sich der 60jährige Geheimrat gerade eines Märchens, dass der kleine Geheimrat in spe zur Begeisterung aller erzählt hat. Das ist schon ein bisschen viel Selbststilisierung und Eigenbauchpinselei. (Lustig auch: Die erste Erschütterung von Klein-Johann ist nicht etwa ein zerbrochenes Spielzeug, eine ungerechte Ohrfeige: Für den zukünftigen Olympier muss es mindestens das Erdbeben von Lissabon 1755 sein. Drunter macht er's nicht.)

Das mit den Geschwistern ist mir auch aufgefallen, aber ich glaube, dass man hier weniger egozentrische Motive vermuten kann als vielmehr die Selbstverständlichkeit einer ungeheuer hohen Kindersterblichkeit. Des weiteren erwähnt er die "lange Friedensperiode" (die aber grade mal vom Ende des Erbfolgekrieges 1749 bis zum Beginn des Siebenjährigen Krieges 1756 dauerte). Aber ich glaube ohnehin, dass wir Kinder des 20. Jahrhunderts mit seinen Weltkriegen noch eine ganz andere Vorstellung von kriegerischen Auseinandersetzungen vermittelt bekommen werden, da diese meist lokal begrenzt, mitnichten universal und von langen Kampfpausen geprägt waren. Selbst von den napoleonischen Kriegen (die wird uns Goethe sicher noch nahebringen bei seiner Verehrung für den Franzosen, wobei die Begeisterung für "große Männer" auch beim jetzt erwähnten Friedrich durchscheint) war in manchen Teilen Europas fast nichts zu merken.

Der Bosse ist mir irgendwann während des Studiums "unterlaufen", zu erinnern vermag ich mich kaum. Ich les jetzt mal den Abschnitt im Žmegac von Hans-G. Winter durch. (Und hoffe, dass mich das Märchen nicht allzu sehr nervt. Wie weit bist du gekommen? ich werd' wohl mal zwischendurch eine Pause brauchen, soviel Selbstbeweihräucherung ertrage ich nicht in einem Stück.)

lg

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Offline Bartlebooth

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Re:Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit
« Reply #7 on: 17. Januar 2010, 01.03 Uhr »
Das mit den Geschwistern ist mir auch aufgefallen, aber ich glaube, dass man hier weniger egozentrische Motive vermuten kann als vielmehr die Selbstverständlichkeit einer ungeheuer hohen Kindersterblichkeit.

Das stimmt natürlich, aber ich wollte eher darauf hinaus, dass er aus jeder Tatsache ine Zeichen macht. Die anderen sind nicht so robust wie er, und sein siegreicher Kampf mit den Kinderkrankheiten ist Anlass für die erste Phase des (philosophischen?) Sinnierens. Sicherlich haben viele Kinder auch damals die Krankheiten überlebt, und dennoch sind sie keine großen Denker geworden. Goethe  setzt, wie es von ihm in der (wie ich nun weiß interessanter-, wenn auch nicht überraschenderweise fingierten, danke für diesen Hinweis) Vorrede verlangt wurde, alles mit der Reifung seines Werks in Verbindung.

Ich habe inzwischen das erste Buch fertiggelesen und werde hier sicher auch nicht durchrasen. Lass dir also ruhig Zeit, ich werde mir das auch nur in homöopathischen Dosen zuführen können.  O0
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Offline orzifar

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Re:Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit
« Reply #8 on: 18. Januar 2010, 23.05 Uhr »
Hallo!

Habe das zweite Buch abgeschlossen - und mit noch größerem Missvergnügen gelesen. Selbststilisierung allüberall, selbst bei den kindlichen Raufereien ist Klein-Johann der Superstar. Das ist schon sehr dick aufgetragen und wirkt peinlich, Goethes Selbstverständnis scheint diese Peinlichkeit aber nicht mehr zu berühren. Dazu diese Märchenerinnerung, Erzählung in der Erzählung (was mir meist schon suspekt ist, pflegt das doch ein ähnlicher Kunstgriff zu sein wie die Träumereien; bei Irvings "Garp" gibt es auch derart unselige Verwurstungen von vorher nicht publizierten Geschichten), die aber wohl hauptsächlich als Hinweis auf das künftige Dichtergenie zu verstehen ist. Die Kommentierung politischer Ereignisse würde mich mehr interessieren, der siebenjährige Krieg hat soeben begonnen.

Amüsant und ein Treppenwitz der Literaturgeschichte: Ausgerechnet Klopstock gilt als progressiv, der Vater beanstandet den Autor und verbietet die Bücher. Und so wurde mir der "Messias" erstmals als revolutionäres Werk präsentiert.

Wenn sich Goethe über Kindererziehung (am eigenen Beispiel) auslässt, so liest sich das wie ein mediokres Maximenbuch. Und über allem schwebt immer die untadelige Figur seiner selbst, bestenfalls lässliche (und meist wieder auf das künftige Genie verweisende) Sünden zieht der Kleine auf sich, ansonsten ist er schon "früh nachdenklich" und selbstverständlich dem gemeinen Haufe bei weitem überlegen.

Wobei er überhaupt recht unkritisch verfährt, etwa die prophetischen Träume seines Großvaters (wahrscheinlich, weil es sein Großvater ist, dem solch Wundersames zusteht) wie selbstverständlich als Tatsache anerkennt. Das mag nun Usus sein in einem pietistisch-quietistischen Jahrhundert, hebt aber zumindest die Person des Schreibers nicht über eine abergläubige alte Jungfer hinaus.

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Offline sandhofer

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Re:Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit
« Reply #9 on: 19. Januar 2010, 06.53 Uhr »
wahrscheinlich, weil es sein Großvater ist, dem solch Wundersames zusteht

Es ist ja auch interessant, wenn ich mich recht erinnere, welchen Grossvater er - nicht - erwähnt ...
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Offline orzifar

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Re:Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit
« Reply #10 on: 22. Januar 2010, 15.29 Uhr »
wahrscheinlich, weil es sein Großvater ist, dem solch Wundersames zusteht

Es ist ja auch interessant, wenn ich mich recht erinnere, welchen Grossvater er - nicht - erwähnt ...

:) - ein tapferes Schneiderlein und Gastwirt ist halt - auch wenn man von dessen Finanzen zehrt - für das Genie in spe ein wenig despektierlich. Er scheint sich ja auch seiner Mutter des öfteren geschämt zu haben bzw. hat es zu vermeiden verstanden, dass diese nach Weimar übersiedelt.

Ich bin am Ende des vierten Buches (und werde den ersten Teil wohl an diesem Wochenende hinter mich bringen). Nach wie vor viel Selbstbeweihräucherung, zwischen den Zeilen ist so gut wie überall dieses selbstgefällige Wohlbehangen zu spüren, das auf mich als Leser einen recht ungustiösen Eindruck erweckt. Dazu dann Dummheiten wie etwa im Dritten Buch: "Der Mensch mag sich wenden wohin er will, er mag unternehmen was es auch sei, stets wird er auf jenen Weg wieder zurückkehren, den ihm die Natur einmal vorgezeichnet hat." Das könnte im katholischen Wochenboten als Spruch des Tages stehen und ist von ziemlicher Einfalt, retrospektive Kaffeesudleserei. Bei Goethe haben solche Sprüchlein natürlich einen anderen Zweck: Denn es konnte ja gar nicht anders sein als dass er auf diesen seinen olympischen Ort gelangen musste. Das Genie, das sich in jedem Fall durchsetzt, auch eine Art Weltgeist, wenn auch nicht wie Napoleon zu Pferde, so wenigstens mit der Feder.

Wenig Geistreiches: Der Nacherzählung des ersten Buches Mose folgen höchst triviale Auslassungen über natürliche und offenbarte Religion (das Th. Mann sich zu seiner Joseph-Tetralogie durch die Bemerkungen Goethes veranlasst sah ist wohl das einzig Positive) - und ganz wohl ist dem Autor bei diesem Nacherzählen offenbar nicht, da er sich dann bemüßigt fühlt, dieses Nacherzählen zu bemänteln und zu erklären, indem er meint, dass auf keine andere Weise der Friede seines Lernens (bei einem pensionierten Schulmeister) zu schildern gewesen wäre. Naja ...

--- Mit Buch 5 begonnen - und das Ausmaß des Selbstlobes wird mittlerweile zu einem Ärgernis. Er verwendet nun für sich selbst den Begriff der "läßlichen Bosheit", beteiligt sich als Verfasser von Gedichten daran, einen jungen Mann lächerlich zu machen, um im gleichen Atemzuge seine Unschuld zu beteuern und dass ihm an solchem Tun gar nichts gelegen gewesen wäre. Um gleich darauf die ganze Gesellschaft der jungen Leute verächtlich zu machen, da sie sich hauptsächlich um den Gelderwerb kümmerten (während er gleichzeitig von des Schneider-Großvaters Geldern durchaus partizipiert), dazu eine unsäglich melodramatische Liebesgeschichte, bestückt mit mädchenhafter, engelsgleicher Unschuld und eigener Hochherzigkeit. - Ich fürchte, ich werde nach diesem Gesülze eine Lesepause brauchen. Verwunderlich scheint mir v. a., dass der 60jährige Goethe sich zu solch dumm-eitlem Geschwätz hergegeben hat, gerade seine Berühmtheit hätte ihn doch zu einer ironisch-distanzierteren Darstellung bringen können, die auch ungleich souveräner gewirkt hätte. (Andererseits, mich an eine kürzlich gesehene TV-Dokumentation über Martin Walser erinnernd: Scheinbar verlieren anerkannte Schriftsteller häufig jegliche Form von Selbstkritik, bemerken die eigene Peinlichkeit nicht. Grass wäre auch ein solcher Fall.)

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Offline orzifar

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Re:Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit
« Reply #11 on: 28. Januar 2010, 15.18 Uhr »
Hallo!

Ich hoffe, Bartlebooth hat seinen Goethe während der kalten Jahreszeit nicht zweckentfremdet.

Ich habe heute mit dem zweiten Teil begonnen, kurz noch zum Ende des ersten Teils: Die Liebesgeschiche mit Gretchen ein wenig dick aufgetragen, Romantik, Tränen, Schmerz und Verzweiflung allenthalben, auch wenn ich die Liebesschmerzen der Jugend (und Liebesschmerzen überhaupt) nicht gering schätzen will. Aber soviel Hochherzigkeit und Sentimentalität ist verdächtig, u. a. habe ich deshalb parallel mit der Lektüre Friedenthals begonnen. Wo denn auch einiges relativiert wird (nebst anderen spitzen Bemerkungen Friedenthals zur Herkunft Goethes in bezug auf den Schneidermeister), offenbar war das besagte Gretchen eine Kellnerin, in die sich der junge Johann verguckt hat, wodurch aus der romantischen Liebesgeschichte (die offenbar ohnehin nur aus seinem Blickwinkel betrachtet eine solche war) ein weniger dramatisches Ereignis würde.

Das ist auch das typische Ärgernis am ganzen Buch: Alles wird überhöht, stilisiert, weshalb man weder Einblick in das Leben Goethes noch in die gesellschaftlichen Umstände erhält, sondern romantische Geschichtchen im Stile des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Solchen Kitsch mag ich weder bei Goethe noch bei Mama Schopenhauer. Nicht zufällig besteht eine der gestrichenen Passagen des 5. Buches, 1. Teil in einer Nacherzählung der Manon Lescaut (da darf man schon Gretchen einsetzen), wobei auch ein goethe(männer-)spezifisches Frauenbild (dieser Epoche) gezeichnet wird: Eine femme fatale mit starken sexuellen Reizen, schwach und wolllüstig, die dem edlen Herzen Untergang bringt.

Dann wieder Reflexionen, die in einem Mädchenpensionat ihre Wirkung entfalten mögen: "Eine politisch-religiöse Feierlichkeit hat einen unendlichen Reiz. Wir sehen die irdische Majestät vor Augen, umgeben von allen Symbolen ihrer Macht; aber indem sie sich vor der himmlischen beugt, bringt sie uns die Gemeinschaft beider vor die Sinne. Denn auch der Einzelne vermag seine Verwandtschaft mit der Gotheit nur dadurch zu bethätigen, daß er sich unterwirft und anbetet." Hier mag die pietistische Atmosphäre seiner Jugend eine Rolle gespielt haben, aber solche Passagen sind schon von beachtlicher Trivialität, wenngleich in jener Zeit nichts Besonderes. Allerdings könnte man von einem Goethe durchaus Besonderes erwarten.

Irgendwie verfestigt sich mit der Zeit mein Eindruck, dass Goethe seine wirklich großen Leistungen in gebundener Sprache geschaffen hat, seine theoretischen, philosophischen, naturwissenschaftlichen Gedanken sind hingegen ein eigenartiges Gemisch aus Eitelkeit und bescheidener Originalität.

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Offline sandhofer

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Re:Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit
« Reply #12 on: 28. Januar 2010, 20.16 Uhr »
Alles wird überhöht, stilisiert, weshalb man weder Einblick in das Leben Goethes noch in die gesellschaftlichen Umstände erhält,

Nun ja: Dichtung und Wahrheit - gelle?  :teufel:

dass Goethe seine wirklich großen Leistungen in gebundener Sprache geschaffen hat, seine theoretischen, philosophischen, naturwissenschaftlichen Gedanken sind hingegen ein eigenartiges Gemisch aus Eitelkeit und bescheidener Originalität.

Wenn Du auch den Faust II als "in gebundener Sprache geschaffen" zählst, stimme ich Dir zu - ausser dass ich Goethes Farbenlehre (minus die Stellen, wo er gegen Newton polemisiert) eigentlich doch äusserst originell finde ...
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Offline orzifar

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Re:Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit
« Reply #13 on: 28. Januar 2010, 22.50 Uhr »
Nun ja: Dichtung und Wahrheit - gelle?  :teufel:

Eigentlich ist "und" ein koordinierendes, kein subordinierendes Beiwort. Ich sehe allerdings nicht, dass die Wahrheit hier neben der Dichtung zu auch nur annähernd gleicher Bedeutung käme ;).

Wenn Du auch den Faust II als "in gebundener Sprache geschaffen" zählst, stimme ich Dir zu - ausser dass ich Goethes Farbenlehre (minus die Stellen, wo er gegen Newton polemisiert) eigentlich doch äusserst originell finde ...

Ja, natürlich - auch den Einser-Faust. Die Farbenlehre habe ich nie gelesen und weiß von ihr bloß, dass sie falsch ist. Goethe war kein Naturforscher, es fehlte ihm hierfür an der Ausbildung, wohl auch an der Hingabe zum bloß Faktischen. Ein Prisma, eine Elektrisiermaschine neben nicht vorhandenen math. Kenntnissen reichen zur Polemik. Wenn diese sein Ziel gewesen wäre - gut; für seinen Anspruch aber unzureichend.

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Re:Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit
« Reply #14 on: 29. Januar 2010, 10.30 Uhr »

Goethe war kein Naturforscher, es fehlte ihm hierfür an der Ausbildung, wohl auch an der Hingabe zum bloß Faktischen.

Was ihn aber unter Umständen dem Faktischen näherbrachte als seine naturwissenschaftlichen Zeitgenossen, bei der (Wieder-) Entdeckung des Mittelkieferknochens zum Beispiel.