Hallo!
Ich hoffe, Bartlebooth hat seinen Goethe während der kalten Jahreszeit nicht zweckentfremdet.
Ich habe heute mit dem zweiten Teil begonnen, kurz noch zum Ende des ersten Teils: Die Liebesgeschiche mit Gretchen ein wenig dick aufgetragen, Romantik, Tränen, Schmerz und Verzweiflung allenthalben, auch wenn ich die Liebesschmerzen der Jugend (und Liebesschmerzen überhaupt) nicht gering schätzen will. Aber soviel Hochherzigkeit und Sentimentalität ist verdächtig, u. a. habe ich deshalb parallel mit der Lektüre Friedenthals begonnen. Wo denn auch einiges relativiert wird (nebst anderen spitzen Bemerkungen Friedenthals zur Herkunft Goethes in bezug auf den Schneidermeister), offenbar war das besagte Gretchen eine Kellnerin, in die sich der junge Johann verguckt hat, wodurch aus der romantischen Liebesgeschichte (die offenbar ohnehin nur aus seinem Blickwinkel betrachtet eine solche war) ein weniger dramatisches Ereignis würde.
Das ist auch das typische Ärgernis am ganzen Buch: Alles wird überhöht, stilisiert, weshalb man weder Einblick in das Leben Goethes noch in die gesellschaftlichen Umstände erhält, sondern romantische Geschichtchen im Stile des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Solchen Kitsch mag ich weder bei Goethe noch bei Mama Schopenhauer. Nicht zufällig besteht eine der gestrichenen Passagen des 5. Buches, 1. Teil in einer Nacherzählung der Manon Lescaut (da darf man schon Gretchen einsetzen), wobei auch ein goethe(männer-)spezifisches Frauenbild (dieser Epoche) gezeichnet wird: Eine femme fatale mit starken sexuellen Reizen, schwach und wolllüstig, die dem edlen Herzen Untergang bringt.
Dann wieder Reflexionen, die in einem Mädchenpensionat ihre Wirkung entfalten mögen: "Eine politisch-religiöse Feierlichkeit hat einen unendlichen Reiz. Wir sehen die irdische Majestät vor Augen, umgeben von allen Symbolen ihrer Macht; aber indem sie sich vor der himmlischen beugt, bringt sie uns die Gemeinschaft beider vor die Sinne. Denn auch der Einzelne vermag seine Verwandtschaft mit der Gotheit nur dadurch zu bethätigen, daß er sich unterwirft und anbetet." Hier mag die pietistische Atmosphäre seiner Jugend eine Rolle gespielt haben, aber solche Passagen sind schon von beachtlicher Trivialität, wenngleich in jener Zeit nichts Besonderes. Allerdings könnte man von einem Goethe durchaus Besonderes erwarten.
Irgendwie verfestigt sich mit der Zeit mein Eindruck, dass Goethe seine wirklich großen Leistungen in gebundener Sprache geschaffen hat, seine theoretischen, philosophischen, naturwissenschaftlichen Gedanken sind hingegen ein eigenartiges Gemisch aus Eitelkeit und bescheidener Originalität.
lg
orzifar