Author Topic: Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit  (Read 22152 times)

Offline orzifar

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Re:Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit
« Reply #45 on: 16. Februar 2010, 20.39 Uhr »
Hallo!

Danke, Gontscharow, für deinen Rettungsversuch bezüglich der orzifarschen Kunstbetrachtungsprobleme ;). Goethe sei ein Augenmensch gewesen heißt es im Friedenthal - etwas, das von mir nur sehr eingeschränkt zu behaupten wäre. Ich werde mich damit wohl abzufinden haben. Andererseits kann ich die Art und Weise der Kunstbetrachtung, wie du sie von Goethe aus der Italienischen Reise beschreibst, auch für mich nachvollziehen: So etwa ging ich bei Besuchen in Nürnberg Tag für Tag ins Nationalmuseum, um bei den immer gleichen Exponaten hängenzubleiben. Und immer wieder das Staunen über die an mir vorbeirauschenden Besucher, die da in kürzerer Zeit das Hundertfache an Werken sich zu Gemüte führten.

Das eilfte Buch abgeschlossen - und vom Götz gab's erst ein fernes Wetterleuchten. Dafür noch mal Friederike, Idylle am Land und die Enttäuschung des Mädchens, mit dem sich fester zu binden Goethe nicht in den Sinn kommt. Woraus ihm ein Vorwurf nicht unbedingt zu machen ist, er ist 22 und wünscht sein Leben nicht in ländlicher Stille hinzubringen. Denn die Brion-Familie, die schließlich einmal die Verwandten in Straßburg besucht, fühlt sich dem städtischen Leben nicht gewachsen, v. a. den Töchtern ist ein solches Leben fremd. Während es andererseits für Goethe schon zu dieser Zeit kaum vorstellbar erscheint, dass er auf intensive geistige Kontakte Verzicht leisten würde - im Gegenteil: Der Umgang mit der geistigen Prominenz seiner Zeit ist ihm Notwendigkeit, wirkt befruchtend, anregend. Schwer vorstellbar, dass er in Sesenheim sich niederlassen und mit Friederike eine Schar Kinder zeugen könnte, um in solcher Idylle sein Leben zuzubringen. Dass bei solchen Trennungen immer ein Teil mehr als der andere leidet liegt leider in der Natur der Sache. Wenngleich man nicht wirklich weiß, wie es Friederiken damit ergangen ist.

Hier gibt es dann wieder eine Stelle, die auf das "Zwangsläufige" von Entwicklungen hinweist, Stellen, die ich mit großer Skepsis betrachte, denn es sind immer die mehr-weniger Erfolgreichen, die im Lauf der Dinge die Bestätigung erblicken wollen, während ein J. M. R. Lenz etwa von einer solchen "zwangsläufigen" Entwicklung wohl weniger überzeugt gewesen sein dürfte. Und ein weiteres Mal wird auf die Eigentümlichkeit des Deutschen hingewiesen, auf das Bemühen, eine deutsche literarische Kultur als Gegengewicht zu der bestehenden französischen zu etablieren, wobei es seltsam anmutet, dass ausgerechnet Friedrich als großer Freund der Franzosen als Beschützer der spezifisch deutschen Kultur angesehen wird. Vor allem wehrt man (Goethe und sein Kreis) sich gegen allzu rationale Auffassungen im Stile Voltaires, will neben dem Geist, der ratio immer auch der Natur (dem Gefühl, Sentiment) - dem irgendwie "ursprünglich Gedachten" Platz geben, ohne bereits den Rückgriff auf das Mittelalter wie die Romantiker zu unternehmen. Hier geht es mehr um Volkskunst, Volkslieder, um eine idealisierte autochthone Kultur und - immer auch - um den individualistischen Charakter derselben, um das, was Bartlebooth schon eingangs mit Geniekult assoziiert hat. Auch der demnächst entstehende Götz weist in diese Richtung: Hier nimmt jemand sein Schicksal kraft seiner ureigensten Persönlichkeit, seiner ganz individuellen Fähigkeit in die Hand, der Einzelne als Gestalter (der Weltgeschichte).

Kunst: "Die höchste Aufgabe einer jeden Kunst ist, durch den Schein die Täuschung einer höheren  Wirklichkeit zu geben. Ein falsches Bestreben aber ist, den Schein so lange zu verwirklichen, bis endlich nur ein gemeines Wirkliche übrig bleibt." Kunst als höhere Wirklichkeit, eine höhere Natur (aus dem Vorhergehenden bei Goethe scheint sich eine weitgehende Gleichsetzung Wirklichkeit - Natur zu ergeben). Was aber ist ein "so lange verwirklichter Schein", der zu einer gemeinen Wirklichkeit wird? Kunst, die sich über diese Wirklichkeit nicht zu erheben vermag? Kunstdefinitionen haben etwas herrlich Verschwommenes, denn wie wollte man die weiter unten zu findende Musilsche Konzeption mit der Goethes zur Übereinstimmung bringen?

Liebe Grüße eines mittlerweile sich im zwölften Buche befindlichen

orzifars
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Offline orzifar

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Re:Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit
« Reply #46 on: 23. Februar 2010, 00.14 Uhr »
Hallo!

Da ich hier allein meine Runden ziehe, kann ich mir Zeit lassen. Wenngleich: Allzuviel ist schlecht, es geht der Zusammenhang verloren.

Das zwölfte Buch abgeschlossen, und an der Kunst bzw. einer Annäherung an eine Kunsttheorie versucht sich der Geheimrat weiterhin. Allerdings wird uns nicht viel Erkenntnis oder Erleuchtung zuteil, wenn man da liest, dass es bei derselben auf den "Sinn, das Unwandelbare, das Innere, den Grund, die Richtung" (usf.) ankäme. Sei so. Welcher Sinn? der des Schreibers, der dem Schreiber vom Leser unterlegte, der dem Schreiber bewusste, unbewusste ad infinitum? Mit solchen Feststellung ist nichts gewonnen, nicht verloren, außer dass der Feststellende implizit zum Ausdruck bringt, dass er irgendwie um den "wahren" Sinn wüsste. Während man wohl nur vorsichtig Vermutungen abwägen kann, Wahrscheinlichkeiten, Unwägbares. Außerdem will Goethe den "inneren Sinn" von der äußeren Form trennen, Sprache, Dialekt, Stil seien von diesem "Sinn" zu trennen und dieser werde von jenen nicht tangiert. Wenn's denn mal so einfach wäre. Hat er selbst an diese Dinge geglaubt, die Verschwommenheit solcher Abgrenzungen nicht gespürt? Er darf als Olympier apodiktisch urteilen - und tut dies auch. Vielleicht - Schiller ist bereits einige Jahre tot - hat er auch nur wenig Widerspruchsgeist in seiner Umgebung gefunden. Und dort, wo dieser aufgetaucht ist, ihn als belanglos abgetan. Jedenfalls ist mit diesen theoretischen Kunstbetrachtungen so viel getan wie mit allen ähnlichen Versuchen: Papier, Zeit, Worte verbraucht.

Im Anschluss lobt er den "Magus des Nordens", Hamann, um ihn gleichzeitig der "Dunkelheit" zu zeihen. In meiner Bibliothek findet sich ein Band über und von ihm, allerdings war das, was Goethe über seine Schwerverständlichkeit sagt, nicht dazu angetan, um eine etwas intensivere Beschäftigung mit dem unbekannteren der beiden Königsberger zu beginnen.

Im übrigen eine auf seine "Kunsttheorie" 40 Seiten später ein etwas ironisches Licht werfende Passage: "Ich verlor mich daher einmal über das andre, da mir, in dieser Zerstreuung, keine ästhetischen Arbeiten gelingen wollten, in ästhetische Speculationen; wie denn alles Theoretisieren auf Mangel oder Stockung von Productionskraft hindeutet." Wenn das auch wieder ein "ja aber" herausfordert, so mag das - wenigstens im Hinblick auf seine eigenen kunsttheoretischen Betrachtungen - so falsch nicht gewesen sein ;).

Wobei es überhaupt ein wenig durcheinander geht, fordert er einmal, dass ein Werk "Erhebendes für die Seele" bewirken solle (was immer das genau ist), so spricht er anderenorts (m. E. recht vernünftig) davon, dass "ein gutes Kunstwerk zwar moralische Folgen haben kann und wird, aber moralische Zwecke vom Künstler fordern, heißt ihm sein Handwerk verderben."

Neben diesen Überlegungen zum Künstlertum schließt das zwölfte Buch auch mit der Liebe Friederikens ab. Wobei: Allzu schwer scheint ihm dieser Abschied dann doch nicht gefallen zu sein, eine Verbindung mit ihr hat er sicher nie in Erwägung gezogen. Dafür wetterleuchtet nun Lotte, also der Werther (und parallel dazu der Götz). Am angenehmsten zu lesen sind für mich die Passagen über Höpfner oder Merck, Schlosser und anderen Freunden, wenngleich mir der Witz mit der Täuschung Höpfners über die Identität Goethes vollkommen unverständlich blieb (hier nun wäre ich doch froh, Bartlebooth fragen zu können, ob es bloß an einer fundamentalen orzifarschen Humorlosigkeit liegt, dass mir das alles so unterhaltend erschien wie Thomas Gottschalk im Senfglas oder mir einfach irgendetwas entgangen ist).

Nach Beendigung von Flauberts Papagei geht's weiter. Frage nebenher an alle, die so weit gelesen haben: Lust auf Götz oder Werther so für zwischendurch?

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re:Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit
« Reply #47 on: 24. Februar 2010, 09.30 Uhr »
Nach Beendigung von Flauberts Papagei geht's weiter. Frage nebenher an alle, die so weit gelesen haben: Lust auf Götz oder Werther so für zwischendurch?

Wenn Du jetzt "Farbenlehre" geschrieben hättest. - Ok, das ist dann aber nicht mehr "zwischendurch".  :angel:

Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline orzifar

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Re:Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit
« Reply #48 on: 02. März 2010, 14.19 Uhr »
Hallo!

Wiederum eine Verquickung von "Sittlichkeit" und "Nützlichkeit", jene ist für diese notwendig. So ganz kann sich trotz manchmal gegenteilig lautender Bekenntnisse Goethe von seinem Jahrhundert denn doch nicht lösen, auch wenn er der Gottschedschen Verbannung des Hanswursts von der Bühne nichts abgewinnen kann. Und wenige Seiten später wird bereits wieder relativiert, Erhebendes würde sich automatisch aus einer entsprechenden Darstellung ergeben.

Die Bemerkungen zum Werther und zum Selbstmord scheinen dann teilweise Camus' Problem der Absurdität vorwegzunehmen: "Je offener wir für diese Genüsse sind, desto glücklicher fühlen wir uns; wälzt sich aber die Verschiedenheit dieser Erscheinungen vor uns auf und nieder, ohne dass wir daran teilnehmen, sind wir gegen so holde Anerbietungen unempfänglich, dann tritt das größte Übel, die schwerste Krankheit ein: Man betrachtet das Leben als eine ekelhafte Last. Von einem Engländer wird erzählt, er habe sich aufgehangen, um nicht mehr täglich sich aus- und anzuziehen. Ich kannte einen wackeren Gärtner, den Aufseher einer großen Parkanlage, der einmal mit Verdruss ausrief: „Soll ich denn immer diese Regenwolken von Abend gegen Morgen ziehen sehn!“ Man erzählt von einem unserer trefflichsten Männer, er habe mit Verdruss das Frühjahr wieder aufgrünen gesehen und gewünscht, es möchte zur Abwechselung einmal rot erscheinen. Dieses sind eigentlich die Symptome des Lebensüberdrusses, der nicht selten in den Selbstmord ausläuft, und bei denkenden in sich gekehrten Menschen häufiger war, als man glauben kann." Das könnte auch im Mythos von Sisyphos stehen und es überrascht sogar, dass Camus nirgends diesen Engländer erwähnt, der als der Typus des die Absurdität erkennenden Menschen gelten kann.

Die Bemerkungen über den Selbstmord sind überraschend frei und klug, keine moralinsauren Betrachtungen über religiöse oder gesellschaftliche Verpflichtungen, er schildert die eigene Situation, seine zwischen Verzweiflung und jugendlich-morbiden Pathos schwankende Stimmung, das Künstliche, Theatralische solcher Schwermütigkeit, die aber denn doch immer wieder in unvermuteten Ernst umschlagen kann. Sich den Dolch (wie Otho) mit ins Bett nehmend und versuchend, wie weit denn die Spitze man ins Herz treiben kann, dann aber irgendwann über eine solche Vorstellung lachend und darauf verzichtend.

Was den Lesefluss anlangt fallen immer wieder Brüche auf: So fügt Goethe gegen Ende des 13. Buches Betrachtungen über Justus Möser ein, die kaum oder gar nicht in den Gesamtzusammenhang passen. Ein paar verbindende Sätzchen vermögen das Fremdkörperartige solcher Exkurse nicht verhindern, der offenbar schon zuvor gefasste Plan, die Bemerkungen einzufügen, ist spürbar.

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Re:Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit
« Reply #49 on: 09. März 2010, 00.47 Uhr »
Hallo!

Teil III (Buch 14 und 15) beendet. Die Lektüre fällt mir nun wesentlich leichter als zu Beginn, keine bloße Nabelschau, Interessantes über die Wegbegleiter im Sturm und Drang. Goethe verfährt mit diesen seinen Freunden und Bekannten recht gnädig, versucht Verdienste zu würdigen (etwa die Begabung Lenz', der ja im Grunde erst von der Romantik entdeckt wurde), wenngleich man den Eindruck hat, dass ihm solches von seiner unangefochtenen Position als Dichterfürst aus leicht fällt. Was wäre wenn - wenn er diese seine Erinnerungen als ein weit weniger erfolgreicher Schriftsteller verfassen müsste? Dennoch - die versuchte Objektivität verdient Anerkennung, genug berühmte Dichter können sich nicht genug tun in der Herabsetzung anderer.

Die von ihm dargestellten, von Friedenthal ebenfalls referierten Frauengeschichten sind eigentlich hochgradig harmlos, sodass es doch eines einigermaßen prüden Publikums bedarf, um Goethe ach so viele Liebschaften zu unterstellen. Meist ist das doch nur Bewunderung aus der Distanz, Händchenhalten, Küsschengeben, wenngleich man nicht weiß, wie weit die Geschichten mit Lotte aus Wetzlar oder der Sesenheimer Friederike wirklich gediehen sind. Gerade bei Lotte darf man aber vermuten, dass außer jenem ihrem zukünftigen Gemahl gebeichteten Kuss nicht viel geschehen sein dürfte.

Die Charakteristik Lenz' gefällt mir, die Beschreibung seines schon in Ansätzen zu erkennenden Wahnsinns, seine Ichbezogenheit, der Verfolgungswahn, die Unsicherheiten. Und obgleich Lenz G. als Konkurrent betrachtete und diesen auch mehrfach bloßzustellen suchte, wird ihm dies im Buch nicht nachgetragen. Anders, für mich ungustiöser, die Person Zimmermanns (den G. mehrfach als "braven Mann" bezeichnete), der aber nach Zeugnissen verschiedener Zeitgenossen seine Kinder quälte (und den Sohn angeblich in den Wahnsinn trieb). Hier wirken die Rechtfertigungen seltsam und unangebracht, ein Mann, der - möglicherweise - Großartiges in der Wissenschaft geleistet hat, kann ein moralischer Kretin sein und nichts von diesen Leistungen kann Nachsicht fordern. Denn dass dieser Zimmerman eben ein "Großer" gewesen sei, scheint das Urteil Goethes v. a. zu beeinflussen, wenn er auch dessen angegriffene Gesundheit als Vorwand benutzt (aber auch nicht alle chronisch Kranken pflegen ihre Kinder zu tyrannisieren).

Bezüglich Religion keinerlei Berührungsängste seitens des Geheimrats: Die pietistischen Zirkel besucht er mit großer Freude, sieht sich aber schließlich außerstande, von einer grundsätzlich verdorbenen Natur des Menschen auszugehen. Gerade die Natur, sein positiv verbrämter Deismus verbietet solche Annahmen. Überhaupt intensiviert er seine Kontakte, sucht mit mit vielen Größen des Geisteslebens in Kontakt zu kommen (etwa Lavater oder Basedow, die er auf amüsant-treffende Weise zu beschreiben versteht) und saugt alles Anregende, Belebende gierig auf. Neugier als Grundlage für ein weitgefächertes Interessensgebiet, wenn er auch immer wieder mal die eigene Arroganz elegant zu bemänteln sucht (etwa wenn er Wagner seine Eitelkeit nicht vorwirft, weil er die eigene auch nicht weiter schlimm findet).

Vom Genie ist wieder und wieder die Rede, aber dieses Attribut hat sich jeder nur halbwegs begabte Jüngling zugelegt. Dennoch: Es ist, wie Bartlebooth schon einleitend bemerkte, das Zeitalter des Einzelnen, Außergewöhnlichen, der kraft seiner Begabung und als Solist Großes zu vollbringen vermag. Goethes Verehrung für Friedrich und Napoleon kommt nicht von ungefähr.

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Re:Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit
« Reply #50 on: 20. März 2010, 22.32 Uhr »
Hallo!

Schon vor einigen Tagen hab ich den vierten und letzten Teil abgeschlossen. Er ist kürzer, weniger gut ausgearbeitet, wirkt manchmal wie eine Stichwortsammlung, obwohl angeblich redigiert und zur Veröffentlichung freigegeben (allerdings erst posthum erschienen). Es wurde auch noch ein Konzept für einen fünften Teil entworfen, aber nur noch stichwortartig ausgeführt. So also bricht DuW mit Goethes Reise nach Weimar ab. Das alles wirkt fragmentarischer als die ersten drei Teile, mühsam eingeleitete Übergänge, Gedichteinschübe, kein Ganzes.

Viel über Lavater, über die Zusammenarbeit mit dem Physiognomiker. Eigentlich verwunderlich, war Lavater doch nichts anderes als eine Art christusgläubiger, esoterischer Guru des 18. Jahrhunderts mit allerhand abstrusen Ideen. G. hat sich von ihm später losgesagt, aber halbherzig und höchst diplomatisch wie so oft. Gerade die Darstellung der Zeitgenossen leidet unter Behübschung und diplomatischer Schmeichelei, bestenfalls wird zwischen den Zeilen einmal Kritik geäußert. Wobei es weniger verwunderlich ist, dass G. sich - jugendlich - für alles und jedes interessiert hat, als dass er (Teil IV entstand mit großen Unterbrechungen zwischen 1813 und 1831) sich in seinen späten Jahren noch derart verbindlich und dadurch nichtssagend geäußert hat.

In der Affäre mit Lili Schönemann aber gelingt die Bemäntelung der eigenen Angst, der Feigheit vor einer Beziehung, in der er durchaus eine ebenbürtige Partnerin gefunden hätte, nicht so ganz. Er verlobt sich - und flüchtet, von seiner eigenen Courage überrascht, wobei die Stifterin dieses Bündnisses (Kupplerin, Intrigantin), Frau Delf, wohl am meisten zu dieser Verlobung beigetragen hat. Jedenfalls ergreift G. bei Nacht und Nebel die Flucht, ohne seiner Lili Bescheid zu geben (es hätte ihm das Herz gebrochen ...), fährt zu Lavatern in die Schweiz und hofft, dass die Zeit das ihre zu einer Trennung beitrage, die er direkt zu betreiben nicht den Mut findet. Seine Taktik geht auf, seine Abreise, seine Distanz nach der Wiederkehr lösen langsam die Beziehung, auch wenn er dabei fürchtlich zu leiden vorgibt. Mag ja sein, aber das Verhalten ist doch zwischen Feigheit und Falschheit angesiedelt.

Unangenehm auch seine duckmäuserische Haltung gegenüber allem und jedem, was nur irgend mit dem Adel in Verbindung gebracht werden kann. Natürlich - ein Schriftsteller konnte in jener Zeit unmöglich von seinen Hervorbringungen leben, Raubdrucke waren im Schwange, man war zumeist auf das Wohlwollen eines der vielen deutschen (auch russischen) (Klein-)Fürsten angewiesen, meist als Erzieher für den Nachwuchs engagiert. Aber im Vergleich zu anderen schien der Geheimrat und Adelige in spe es seinen Gönnern keineswegs schwer gemacht zu haben.

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Re:Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit
« Reply #51 on: 21. März 2010, 11.10 Uhr »
Viel über Lavater, über die Zusammenarbeit mit dem Physiognomiker. Eigentlich verwunderlich, war Lavater doch nichts anderes als eine Art christusgläubiger, esoterischer Guru des 18. Jahrhunderts mit allerhand abstrusen Ideen. G. hat sich von ihm später losgesagt, aber halbherzig und höchst diplomatisch wie so oft.

Da ich in der Italienischen Reise gerade auf Lavater gestoßen bin, hier einige Kostproben, die an Deutlichkeit  allerdings nichts zu wünschen übrig lassen:

Quote
... Taschenspielerstreich des Züricher Propheten, der klug genug und gewandt genug ist, große und kleine Kugeln mit unglaublicher Behendigkeit einander zu substituieren, durcheinander zu mischen, um das Wahre und Falsche nach seinem theologischen Dichtergemüt gelten und verschwinden zu machen. Hole ihn oder erhalte ihn der Teufel, der ein Freund der Lügen, Dämonologie, Ahnungen, Sehnsuchten etc. ist von Anfang!
(Hervorhebung von mir)

oder:

Quote
Neulich fand ich in einer leidig apostolisch-kapuzinermäßigen Deklamation des Züricher Propheten die unsinnigen Worte: "Alles, was Leben hat, lebt durch etwas außer sich." Oder so ungefähr klang's. Das kann nur so ein Heidenbekehrer hinschreiben, und bei der Revision zupft ihn der Genius nicht am Ärmel. Nicht die ersten, simpelsten Naturwahrheiten haben sie gefaßt und möchten doch gar zu gern auf den Stühlen um den Thron sitzen, wo andre Leute hingehören oder keiner hingehört.

Das ist zwar aus einem Brief (ich schätze an Herder), ist aber vom alten Goethe nicht geschnitten worden. Der angeführte Satz wird im Zweiten römischen Aufenthalt noch einige Male mit Abscheu zitiert und auseinander genommen.

So äußern sich abgesprungene Priester, frühere Raucher und andere über ihr ehemaliges Laster...



 

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Re:Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit
« Reply #52 on: 22. März 2010, 16.18 Uhr »
Danke für die Zitate.

Dass die Renegaten mit ihren ehemaligen Glaubensbrüdern radikal, vielleicht auch ungerecht zu verfahren pflegen, gebe ich gerne zu. Hier aber hat G. Recht - und besser spät als nie zur Einsicht gelangen. Wobei ich eben bei Goethe das Gefühl habe, dass er sich allem und jedem einmal zugewandt hat (und durchaus unkritisch) und das für sich Bemerkenswerte sich angeeignet hat, ohne tatsächlich sich je einer Gemeinschaft zughörig zu fühlen. Er hat ja auch mit den Pietisten kokettiert über sein Fräulein von Klettenburg, sich aber insgesamt seine eigene Religion zusammengeschustert von Spinoza bis Rouseau. Anfällig für solche "Persönlichkeiten" scheint G. aber gewesen zu sein: Cagliostro fällt auch in dieses Schema, über Swedenborg hat er sich auch positiv geäußert. Aufklärung war eben nicht das seine ;)

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