Hallo!
Da ich hier allein meine Runden ziehe, kann ich mir Zeit lassen. Wenngleich: Allzuviel ist schlecht, es geht der Zusammenhang verloren.
Das zwölfte Buch abgeschlossen, und an der Kunst bzw. einer Annäherung an eine Kunsttheorie versucht sich der Geheimrat weiterhin. Allerdings wird uns nicht viel Erkenntnis oder Erleuchtung zuteil, wenn man da liest, dass es bei derselben auf den "Sinn, das Unwandelbare, das Innere, den Grund, die Richtung" (usf.) ankäme. Sei so. Welcher Sinn? der des Schreibers, der dem Schreiber vom Leser unterlegte, der dem Schreiber bewusste, unbewusste ad infinitum? Mit solchen Feststellung ist nichts gewonnen, nicht verloren, außer dass der Feststellende implizit zum Ausdruck bringt, dass er irgendwie um den "wahren" Sinn wüsste. Während man wohl nur vorsichtig Vermutungen abwägen kann, Wahrscheinlichkeiten, Unwägbares. Außerdem will Goethe den "inneren Sinn" von der äußeren Form trennen, Sprache, Dialekt, Stil seien von diesem "Sinn" zu trennen und dieser werde von jenen nicht tangiert. Wenn's denn mal so einfach wäre. Hat er selbst an diese Dinge geglaubt, die Verschwommenheit solcher Abgrenzungen nicht gespürt? Er darf als Olympier apodiktisch urteilen - und tut dies auch. Vielleicht - Schiller ist bereits einige Jahre tot - hat er auch nur wenig Widerspruchsgeist in seiner Umgebung gefunden. Und dort, wo dieser aufgetaucht ist, ihn als belanglos abgetan. Jedenfalls ist mit diesen theoretischen Kunstbetrachtungen so viel getan wie mit allen ähnlichen Versuchen: Papier, Zeit, Worte verbraucht.
Im Anschluss lobt er den "Magus des Nordens", Hamann, um ihn gleichzeitig der "Dunkelheit" zu zeihen. In meiner Bibliothek findet sich ein Band über und von ihm, allerdings war das, was Goethe über seine Schwerverständlichkeit sagt, nicht dazu angetan, um eine etwas intensivere Beschäftigung mit dem unbekannteren der beiden Königsberger zu beginnen.
Im übrigen eine auf seine "Kunsttheorie" 40 Seiten später ein etwas ironisches Licht werfende Passage: "Ich verlor mich daher einmal über das andre, da mir, in dieser Zerstreuung, keine ästhetischen Arbeiten gelingen wollten, in ästhetische Speculationen; wie denn alles Theoretisieren auf Mangel oder Stockung von Productionskraft hindeutet." Wenn das auch wieder ein "ja aber" herausfordert, so mag das - wenigstens im Hinblick auf seine eigenen kunsttheoretischen Betrachtungen - so falsch nicht gewesen sein

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Wobei es überhaupt ein wenig durcheinander geht, fordert er einmal, dass ein Werk "Erhebendes für die Seele" bewirken solle (was immer das genau ist), so spricht er anderenorts (m. E. recht vernünftig) davon, dass "ein gutes Kunstwerk zwar moralische Folgen haben kann und wird, aber moralische Zwecke vom Künstler fordern, heißt ihm sein Handwerk verderben."
Neben diesen Überlegungen zum Künstlertum schließt das zwölfte Buch auch mit der Liebe Friederikens ab. Wobei: Allzu schwer scheint ihm dieser Abschied dann doch nicht gefallen zu sein, eine Verbindung mit ihr hat er sicher nie in Erwägung gezogen. Dafür wetterleuchtet nun Lotte, also der Werther (und parallel dazu der Götz). Am angenehmsten zu lesen sind für mich die Passagen über Höpfner oder Merck, Schlosser und anderen Freunden, wenngleich mir der Witz mit der Täuschung Höpfners über die Identität Goethes vollkommen unverständlich blieb (hier nun wäre ich doch froh, Bartlebooth fragen zu können, ob es bloß an einer fundamentalen orzifarschen Humorlosigkeit liegt, dass mir das alles so unterhaltend erschien wie Thomas Gottschalk im Senfglas oder mir einfach irgendetwas entgangen ist).
Nach Beendigung von Flauberts Papagei geht's weiter. Frage nebenher an alle, die so weit gelesen haben: Lust auf Götz oder Werther so für zwischendurch?
lg
orzifar