Hallo!
Ich weiss, das ist nun erstens OT und zweitens trage ich Eulen nach Athen oder Wasser in den Rhein (bzw. wie auch immer das Ding heissen mag, orzifar, das Dir offenbar von Zeit zu Zeit die Füsse nassmacht ...)
Wenn du mir mit Naturkatastrophen drohst, gebe ich alles zu ...
Goethe war ein ausgezeichneter Beobachter (allerdings nur mit dem nackten Auge), und er konnte geniale Hypothesen bilden - dort wo es um "lebendige" Natur ging, nicht um die "tote": Er hat richtig erkannt, dass, ob Rosenblütenblatt, Tannennadel oder Birkenblatt, immer dasselbe Phänomen dahintersteckte (auch wenn dann seine Urpflanze wiederum Unsinn ist), ebenso hat der die Notwendigkeit eines Zwischenkieferknochens beim Menschen richtig erkannt und ihn dann auch gefunden.
Diese Originalität, der unverstellte Blick aufs Ganze ist unbestreitbar bewundernswert. Dass er kein mediokrer Kleingeist war ist ja unbestreitbar. Andererseits (und abseits der naturwissenschaftlichen Spekulationen, aber vielleicht trotzdem mit diesen in Zusammenhang zu sehen) vermag er sich nicht über die eigene Eitelkeit zu erheben. Das mag nun menschlich sein, Größe beweist es nicht. Wie Bartlebooth schrieb: Wir erfahren etwas über das Selbstverständnis des vermeintlichen Genies, über die offenbare Notwendigkeit der Selbststilisierung. Dies mag nicht nur für Goethes Zeitalter gelten - und nicht nur für "bedeutende" Personen, sondern auf die spezifisch menschliche Schwierigkeit hinweisen, Schwächen einzugestehen. Was denn wahre Stärke wäre, welche man von - zumindest sich selbst als groß empfindende Personen - mehr erwarten könnte. - Vielleicht ist G. Grass auch ein Beispiel hiefür: Er hat seine Doppelmoral 60 Jahre gehegt und gepflegt - und als er meinte, seine SS-Vergangenheit eingestehen zu können, hat er aus diesem Eingeständnis selbst noch eine Marketinggag gemacht und anschließend sich sofort zum Opfer stilisiert. Wäre es nicht wirkliche Größe gewesen, ehrlich zu sein, einfach das auszusprechen, was ohnehin jeder wusste? Nämlich dass er schlicht Angst hatte, mit dieser Wahrheit ans Licht zu treten, Angst vor möglicher Unglaubwürdigkeit, Angst vor den Vorwürfen, vor der Tatsache, einfach nur einer von vielen zu sein. Aber nein, er vollführt einen Eiertanz, schlägt rabulistische Purzelbäume, nur um etwas zu bemänteln, dass der Fakten wegen nicht zu bemänteln ist. (Ich habe schon anderswo darüber geschrieben: Ich werfe ihm keineswegs seine Mitgliedschaft vor, einen 17jährigen, in der NS-Zeit aufgewachsenen Jugendlichen zu verurteilen wegen erfolgreicher Indoktrination wäre billig. Sondern seine Feigheit später, über Jahrzehnte - vor allem aber: Dass er sich nicht entblödete, anderen mit ungeheurer Vehemenz genau das vorzuwerfen, was er selbst tat.)
Bei Goethe fehlt es mir diesbezüglich auch an Größe: Er behübscht allüberall, stilisiert, macht sich mit dem selbsterfundenen Brief im Vorwort lächerlich. Menschlich souverän ist das nicht

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Die Physik war m.W. die erste Wissenschaft, die sich dem Dilettanten verschloss. Die mehr beobachtenden Wissenschaften haben ihn allerdings noch lange gekannt und gebraucht. (Von den sich gerade erst entwickelnden Geisteswissenschaften gar nicht zu reden: Die beiden Grimms waren von Haus aus Juristen, ebenso Wilhelm von Humboldt, der Professor für Geschichte Friedrich Schiller war eigentlich Militärarzt.) Der berühmte Naturforscher Alexander von Humboldt hat Kameralwissenschaften studiert, noch Darwin, der nun ganz 19. Jahrhundert ist, hat ursprünglich - Theologie studiert. (Was beweist, dass selbst aus einem Theologen noch was Rechtes werden kann ...
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Och, gerade die Jesuitenkollegs haben viele große Geister hervorgebracht. Und was die Physik betrifft wäre ich mir gar nicht so sicher, zumindest in der Astronomie gibt es bis zum heutigen Tag wertvolle Beiträge von Dilettanten. Allerdings muss man die Tatsache berücksichtigen, dass nur jene Laien Bekanntheitsgrad erlangen, deren Theorien sich schließlich als haltbar erwiesen. So hat auch Schliemann Altertumsforschern und Archäologen den Rang abgelaufen, allerdings weiß man von den vielen anderen, die auch mit ihrem Homer durch Kleinasien gestiefelt sind, rein gar nix

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Goethe fügt sich da m.M.n. nahtlos ein - wenn er sich nur nicht ausgerechnet mit Newton angelegt hätte ...
Bei Goethe kommt seine - bereits vorhandene - Berühmtheit hinzu. Denn es erscheint zweifelhaft ob wir heute von der Farbenlehre sprechen würden, wenn dieselbe von einem Dilettanten namens Max Mustermann verfasst worden wäre. Dann wäre dies wohl bloß eine kuriose Fußnote in der Wissenschaftsgeschichte. Immer mit der Einschränkung, dass ich die Farbenlehre nicht kenne (und möglicherweise wie der Blinde davon spreche ...).
Ich bin nun im siebten Buch, wo er mit diversen Literaturtheorien hart ins Gericht geht. Mit Recht? Durchaus, allerdings folgt auf die Kritik das vermeintliche Wissen, wie man's denn machen soll (und der ihm nachfolgenden Generation der Romantiker hat er bekannterweise nicht viel Gutes nachgesagt). Auch hier scheint er den Fehler seiner Vorgänger zu wiederholen: Sich gerade immer auf dem Zenit zu glauben, das Vorangegangene zu verbessern, den Nachfolgenden solches aber abzusprechen. Wobei ich - für mich - feststellen kann, dass Kunsttheorien eine geringere Halbwertszeit besitzen als große Kunstwerke. Dies ein Grund für meine generelle Skepsis gegenüber solchen Theorien.
lg
orzifar