Author Topic: Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit  (Read 22154 times)

Offline orzifar

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Re:Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit
« Reply #15 on: 29. Januar 2010, 13.25 Uhr »
Was ihn aber unter Umständen dem Faktischen näherbrachte als seine naturwissenschaftlichen Zeitgenossen, bei der (Wieder-) Entdeckung des Mittelkieferknochens zum Beispiel.

Ich möchte Goethes naturwissenschaftliche Arbeiten nicht madig reden (auch wenn ich bei Lektüre dieses Buches gute Lust dazu bekäme) - und bin mir auch dessen bewusst, dass er ein Dilettant auf hohem Niveau war (wobei solche Dilettanten immer wieder beachtliche Leistungen erbrachten). Aber mit Goethes eigenen Worten: "Einer [seiner Kardinalfehler] ist, dass ich nie das Handwerk einer Sache, die ich treiben wollte oder sollte, lernen mochte ... [...] Der andere, nah verwandte Fehler ist, dass ich nie soviel Zeit auf eine Arbeit oder ein Geschäft wenden mochte, als dazu erfordert wird." (aus der ital. Reise ;) nach Friedenthal).

Das trifft es schon recht gut. Und man kann halt nicht Physik ohne Mathematik betreiben oder mit höchst rudimentären Kenntnissen. Naja, man kann schon, aber das schlägt sich auf die Ergebnisse. Andererseits vermag ein von großem Wissensballast unverstellter Blick manchmal mehr entdecken, weil er eine unverstellte Sichtweise ermöglicht. Aber ist wohl eher die Ausnahme.

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Offline Gontscharow

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Re:Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit
« Reply #16 on: 29. Januar 2010, 20.54 Uhr »

Vollkommen einverstanden. Besonders mit dem Satz:

- und bin mir auch dessen bewusst, dass er ein Dilettant auf hohem Niveau war

Dilletant - in der positiven Bedeutung des 18. und 19. Jahrhunderts (von lat. delectare = sich einer Sache erfreuen )

Offline sandhofer

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Re:Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit
« Reply #17 on: 29. Januar 2010, 21.15 Uhr »
Hallo orzifar

Ich wollte Dir eigentlich Längliches antworten, bin aber auf dem Nachhauseweg durch Schneegestöber und vereiste Fahrbahnen ein bisschen aufgehalten worden. Länglicheres also eher morgen.  :hi:

Grüsse

sandhofer
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Offline Bartlebooth

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Re:Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit
« Reply #18 on: 30. Januar 2010, 00.29 Uhr »
Bester orzifar,

bin gerade wieder in ein bisschen beruflichen Stress geraten, nachdem ich die letzte Woche nicht zu Hause war, so dass ich dein Tempo gerade nicht ganz mithalten kann. Aber verbrannt habe ich den Goethe noch nicht. ;-)

Deine Ausführungen motivieren mich nun auch nicht gerade zum zügigen Weiterlesen, aber ich strenge mich an.

Den Titel "Dichtung und Wahrheit" finde ich allerdings außerordentlich gelungen für eine Autobiographie, wenn ich mir auch bewusst bin, dass Goethe ihn wohl anders verstand als ich das heute tue. Die Wahrheit war in der Goethezeit eben noch nicht so prekär geworden. Allerdnigs glaube ich dennoch, dass man aus einem solchen Text etwas über "Wahrheit" lernen kann - darüber, was für eine bestimmte gesellschaftliche Schicht wichtig ist, womit sie sich schmückt, wie sie sich selbst begreift. Und da ist unser Geheimrat sicherlich ein guter Gewährsmann.

Ich freue mich jedenfalls darauf, wenn wir die Kindheit und die Jugend - darf ich sagen: die Menschwerdung? - hinter uns haben. Du bist damit schon weiter als ich.

Müde Grüße, Bartlebooth.
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Offline orzifar

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Re:Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit
« Reply #19 on: 30. Januar 2010, 01.49 Uhr »
Ich freue mich jedenfalls darauf, wenn wir die Kindheit und die Jugend - darf ich sagen: die Menschwerdung? - hinter uns haben. Du bist damit schon weiter als ich.

Geht mir genauso. Ich bin jetzt im siebten Buch und brauch mir keine Gedanken mehr zu machen, ob sich der 11jährige Johann mit den aristotelschen Einheiten beschäftigt hat oder mit Corneille und Racine. Wenn er als 17jähriger von Shäkspear (sic) spricht, dann glaub' ich ihm das.

Ihr arbeitet alle zu viel *find*

lg

orzifar
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Offline wanderer

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Re:Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit
« Reply #20 on: 30. Januar 2010, 03.49 Uhr »
Allerdnigs glaube ich dennoch, dass man aus einem solchen Text etwas über "Wahrheit" lernen kann - darüber, was für eine bestimmte gesellschaftliche Schicht wichtig ist, womit sie sich schmückt, wie sie sich selbst begreift. Und da ist unser Geheimrat sicherlich ein guter Gewährsmann.

Hallo Bartlebooth,

ich stimme Dir völlig zu.

Und....auch in der Müdigkeit der Grüßen ...

wanderer

P.S. Ich habe erst das zweite Buch beendet  :-[

Offline sandhofer

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Re:Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit
« Reply #21 on: 30. Januar 2010, 17.32 Uhr »
Die Farbenlehre habe ich nie gelesen und weiß von ihr bloß, dass sie falsch ist. Goethe war kein Naturforscher, es fehlte ihm hierfür an der Ausbildung, wohl auch an der Hingabe zum bloß Faktischen.

Ich weiss, das ist nun erstens OT und zweitens trage ich Eulen nach Athen oder Wasser in den Rhein (bzw. wie auch immer das Ding heissen mag, orzifar, das Dir offenbar von Zeit zu Zeit die Füsse nassmacht ...)

Dieses Dein Urteil ist das gängige und es ist auch richtig, insofern es sich an Goethes eigenem Anspruch misst, der wirklich der Meinung war, Newton ein für alle Mal widerlegt zu haben. Dass es für die physikalische Forschung mittlerweile erstklassige Präzisionsinstrumente brauchte, war ihm entgangen, und so verwendete er froh und heiter minderwertige Prismen, usw., usw. Allerdings, und das hat sogar Goethe selber nicht wahrhaben wollen: Als physikalische Farbenlehre kannste dat Dingens schmeissen. Aber als physiologische Abhandlung betrachtet, findet man sehr interessante Feststellungen. Goethe war ein ausgezeichneter Beobachter (allerdings nur mit dem nackten Auge), und er konnte geniale Hypothesen bilden - dort wo es um "lebendige" Natur ging, nicht um die "tote": Er hat richtig erkannt, dass, ob Rosenblütenblatt, Tannennadel oder Birkenblatt, immer dasselbe Phänomen dahintersteckte (auch wenn dann seine Urpflanze wiederum Unsinn ist), ebenso hat der die Notwendigkeit eines Zwischenkieferknochens beim Menschen richtig erkannt und ihn dann auch gefunden.

und bin mir auch dessen bewusst, dass er ein Dilettant auf hohem Niveau war

Die Physik war m.W. die erste Wissenschaft, die sich dem Dilettanten verschloss. Die mehr beobachtenden Wissenschaften haben ihn allerdings noch lange gekannt und gebraucht. (Von den sich gerade erst entwickelnden Geisteswissenschaften gar nicht zu reden: Die beiden Grimms waren von Haus aus Juristen, ebenso Wilhelm von Humboldt, der Professor für Geschichte Friedrich Schiller war eigentlich Militärarzt.) Der berühmte Naturforscher Alexander von Humboldt hat Kameralwissenschaften studiert, noch Darwin, der nun ganz 19. Jahrhundert ist, hat ursprünglich - Theologie studiert. (Was beweist, dass selbst aus einem Theologen noch was Rechtes werden kann ...  ;D )

Goethe fügt sich da m.M.n. nahtlos ein - wenn er sich nur nicht ausgerechnet mit Newton angelegt hätte ...
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Offline orzifar

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Re:Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit
« Reply #22 on: 30. Januar 2010, 21.18 Uhr »
Hallo!

Ich weiss, das ist nun erstens OT und zweitens trage ich Eulen nach Athen oder Wasser in den Rhein (bzw. wie auch immer das Ding heissen mag, orzifar, das Dir offenbar von Zeit zu Zeit die Füsse nassmacht ...)

Wenn du mir mit Naturkatastrophen drohst, gebe ich alles zu ...

Goethe war ein ausgezeichneter Beobachter (allerdings nur mit dem nackten Auge), und er konnte geniale Hypothesen bilden - dort wo es um "lebendige" Natur ging, nicht um die "tote": Er hat richtig erkannt, dass, ob Rosenblütenblatt, Tannennadel oder Birkenblatt, immer dasselbe Phänomen dahintersteckte (auch wenn dann seine Urpflanze wiederum Unsinn ist), ebenso hat der die Notwendigkeit eines Zwischenkieferknochens beim Menschen richtig erkannt und ihn dann auch gefunden.

Diese Originalität, der unverstellte Blick aufs Ganze ist unbestreitbar bewundernswert. Dass er kein mediokrer Kleingeist war ist ja unbestreitbar. Andererseits (und abseits der naturwissenschaftlichen Spekulationen, aber vielleicht trotzdem mit diesen in Zusammenhang zu sehen) vermag er sich nicht über die eigene Eitelkeit zu erheben. Das mag nun menschlich sein, Größe beweist es nicht. Wie Bartlebooth schrieb: Wir erfahren etwas über das Selbstverständnis des vermeintlichen Genies, über die offenbare Notwendigkeit der Selbststilisierung. Dies mag nicht nur für Goethes Zeitalter gelten - und nicht nur für "bedeutende" Personen, sondern auf die spezifisch menschliche Schwierigkeit hinweisen, Schwächen einzugestehen. Was denn wahre Stärke wäre, welche man von - zumindest sich selbst als groß empfindende Personen - mehr erwarten könnte. - Vielleicht ist G. Grass auch ein Beispiel hiefür: Er hat seine Doppelmoral 60 Jahre gehegt und gepflegt - und als er meinte, seine SS-Vergangenheit eingestehen zu können, hat er aus diesem Eingeständnis selbst noch eine Marketinggag gemacht und anschließend sich sofort zum Opfer stilisiert. Wäre es nicht wirkliche Größe gewesen, ehrlich zu sein, einfach das auszusprechen, was ohnehin jeder wusste? Nämlich dass er schlicht Angst hatte, mit dieser Wahrheit ans Licht zu treten, Angst vor möglicher Unglaubwürdigkeit, Angst vor den Vorwürfen, vor der Tatsache, einfach nur einer von vielen zu sein. Aber nein, er vollführt einen Eiertanz, schlägt rabulistische Purzelbäume, nur um etwas zu bemänteln, dass der Fakten wegen nicht zu bemänteln ist. (Ich habe schon anderswo darüber geschrieben: Ich werfe ihm keineswegs seine Mitgliedschaft vor, einen 17jährigen, in der NS-Zeit aufgewachsenen Jugendlichen zu verurteilen wegen erfolgreicher Indoktrination wäre billig. Sondern seine Feigheit später, über Jahrzehnte - vor allem aber: Dass er sich nicht entblödete, anderen mit ungeheurer Vehemenz genau das vorzuwerfen, was er selbst tat.)

Bei Goethe fehlt es mir diesbezüglich auch an Größe: Er behübscht allüberall, stilisiert, macht sich mit dem selbsterfundenen Brief im Vorwort lächerlich. Menschlich souverän ist das nicht ;).

Die Physik war m.W. die erste Wissenschaft, die sich dem Dilettanten verschloss. Die mehr beobachtenden Wissenschaften haben ihn allerdings noch lange gekannt und gebraucht. (Von den sich gerade erst entwickelnden Geisteswissenschaften gar nicht zu reden: Die beiden Grimms waren von Haus aus Juristen, ebenso Wilhelm von Humboldt, der Professor für Geschichte Friedrich Schiller war eigentlich Militärarzt.) Der berühmte Naturforscher Alexander von Humboldt hat Kameralwissenschaften studiert, noch Darwin, der nun ganz 19. Jahrhundert ist, hat ursprünglich - Theologie studiert. (Was beweist, dass selbst aus einem Theologen noch was Rechtes werden kann ...  ;D )

Och, gerade die Jesuitenkollegs haben viele große Geister hervorgebracht. Und was die Physik betrifft wäre ich mir gar nicht so sicher, zumindest in der Astronomie gibt es bis zum heutigen Tag wertvolle Beiträge von Dilettanten. Allerdings muss man die Tatsache berücksichtigen, dass nur jene Laien Bekanntheitsgrad erlangen, deren Theorien sich schließlich als haltbar erwiesen. So hat auch Schliemann Altertumsforschern und Archäologen den Rang abgelaufen, allerdings weiß man von den vielen anderen, die auch mit ihrem Homer durch Kleinasien gestiefelt sind, rein gar nix ;).

Goethe fügt sich da m.M.n. nahtlos ein - wenn er sich nur nicht ausgerechnet mit Newton angelegt hätte ...

Bei Goethe kommt seine - bereits vorhandene - Berühmtheit hinzu. Denn es erscheint zweifelhaft ob wir heute von der Farbenlehre sprechen würden, wenn dieselbe von einem Dilettanten namens Max Mustermann verfasst worden wäre. Dann wäre dies wohl bloß eine kuriose Fußnote in der Wissenschaftsgeschichte. Immer mit der Einschränkung, dass ich die Farbenlehre nicht kenne (und möglicherweise wie der Blinde davon spreche ...).

Ich bin nun im siebten Buch, wo er mit diversen Literaturtheorien hart ins Gericht geht. Mit Recht? Durchaus, allerdings folgt auf die Kritik das vermeintliche Wissen, wie man's denn machen soll (und der ihm nachfolgenden Generation der Romantiker hat er bekannterweise nicht viel Gutes nachgesagt). Auch hier scheint er den Fehler seiner Vorgänger zu wiederholen: Sich gerade immer auf dem Zenit zu glauben, das Vorangegangene zu verbessern, den Nachfolgenden solches aber abzusprechen. Wobei ich - für mich - feststellen kann, dass Kunsttheorien eine geringere Halbwertszeit besitzen als große Kunstwerke. Dies ein Grund für meine generelle Skepsis gegenüber solchen Theorien.

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Offline sandhofer

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Re:Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit
« Reply #23 on: 31. Januar 2010, 20.26 Uhr »
Goethe war ein eingebildeter Kotzbrocken, da stimme ich Dir zu. (Auch ich habe meinen Friedenthal gelesen ...  ;) ). Die Farbenlehre wäre heute ohen Goethes Namen sicher ein Kuriosum der Geschichte der Optik, auch das gebe ich zu. Mir persönlich hat sie allerdings sehr geholfen zum Verständnis des Weltbildes dieses alten Herrn. Und es war, glaube ich, Arno Schmidt, der mal gesagt hat, dass ein Künstler alles in sein Werk steckt und deshalb für die Pflege des "Menschen" in sich keine Energie mehr hat, also kein liebenswürdiger oder "grosser" Mensch sein kann ...
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Offline orzifar

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Re:Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit
« Reply #24 on: 01. Februar 2010, 20.47 Uhr »
Hallo!

Das mit dem Kotzbrocken habe ich so nicht gesagt ;). - Die Schreibweise erinnert auch immer ein bisschen an "Maximen und Reflexionen", so etwa, wenn er sich über den Wert der Sakramente für das gemeine Volk ergeht. Denn in diesen Ausführungen, in denen die größere Magie und Bilderkraft des katholischen Ritus gepriesen werden, ist der Olympier selbst immer außen vor, er selbst nimmt nirgends Stellung, sondern erwägt das Für und Wider für die anderen (bzw. die religiösen Institutionen).

Den Kotzbrocken würde ich für die Rousseauschen Bekenntnisse reservieren, das habe ich seinerzeit nicht mehr ertragen. Hier nun lese ich aber mit zunehmendem Vergnügen, das achte Buch recht angenehm, wobei er sich auch - in Maßen - kritisch über sein Jugendbetragen äußert. Im übrigen scheinen die Großen der Literatur einen unübersehbaren Hang zum Hypochondrischen zu haben.

Was mir der Geheimrat allerdings auf den letzten 4 Seiten des 8. Buches bezüglich der Gottheit und Satanas mitzuteilen wünscht, inwieweit dies seine Überzeugung zur Zeit der Niederschrift ist oder jene seiner Jugend war oder ob dies wieder unter Reflexionen zu subsummieren sei - ich weiß es nicht. Ein abenteuerliches Sammelsurium von beachtlicher Abstrusität. Ich zitiere mal:

Quote from: Goethe
Ich mochte mir wohl eine Gottheit vorstellen, die sich von Ewigkeit her selbst produziert; da sich aber Produktion nicht ohne Mannigfaltigkeit denken läßt, so mußte sie sich notwendig sogleich als ein Zweites erscheinen, welches wir unter dem Namen des Sohns anerkennen; diese beiden mußten nun den Akt des Hervorbringens fortsetzen, und erschienen sich selbst wieder im Dritten, welches nun ebenso bestehend lebendig und ewig als das Ganze war. Hiermit war jedoch der Kreis der Gottheit geschlossen, und es wäre ihnen selbst nicht möglich gewesen, abermals ein ihnen völlig Gleiches hervorzubringen. Da jedoch der Produktionstrieb immer fortging, so erschufen sie ein Viertes, das aber schon in sich einen Widerspruch hegte, indem es, wie sie, unbedingt und doch zugleich in ihnen enthalten und durch sie begrenzt sein sollte. Dieses war nun Luzifer, welchem von nun an die ganze Schöpfungskraft übertragen war, und von dem alles übrige Sein ausgehen sollte. Er bewies sogleich seine unendliche Tätigkeit, indem er die sämtlichen Engel erschuf, alle wieder nach seinem Gleichnis, unbedingt, aber in ihm enthalten und durch ihn begrenzt. Umgeben von einer solchen Glorie vergaß er seines höhern Ursprungs und glaubte ihn in sich selbst zu finden, und aus diesem ersten Undank entsprang alles, was uns nicht mit dem Sinne und den Absichten der Gottheit übereinzustimmen scheint. Je mehr er sich nun in sich selbst konzentrierte, je unwohler mußte es ihm werden, sowie allen den Geistern, denen er die süße Erhebung zu ihrem Ursprung verkümmerte. Und so ereignete sich das, was uns unter der Form des Abfalls der Engel bezeichnet wird. Ein Teil derselben konzentrierte sich mit Luzifer, der andere wendete sich wieder gegen seinen Ursprung. Aus dieser Konzentration der ganzen Schöpfung, denn sie war von Luzifer ausgegangen und mußte ihm folgen, entsprang nun alles das, was wir unter der Gestalt der Materie gewahr werden, was wir uns als schwer, fest und finster vorstellen, welches aber, indem es, wenn auch nicht unmittelbar, doch durch Filiation vom göttlichen Wesen herstammt, ebenso unbedingt mächtig und ewig ist als der Vater und die Großeltern. Da nun das ganze Unheil, wenn wir es so nennen dürfen, bloß durch die einseitige Richtung Luzifers entstand; so fehlte freilich dieser Schöpfung die bessere Hälfte: denn alles, was durch Konzentration gewonnen wird, besaß sie, aber es fehlte ihr alles, was durch Expansion allein bewirkt werden kann; und so hätte die sämtliche Schöpfung durch immerwährende Konzentration sich selbst aufreiben, sich mit ihrem Vater Luzifer vernichten und alle ihre Ansprüche an eine gleiche Ewigkeit mit der Gottheit verlieren können. Diesem Zustand sahen die Elohim eine Weile zu, und sie hatten die Wahl, jene Äonen abzuwarten, in welchen das Feld wieder rein geworden und ihnen Raum zu einer neuen Schöpfung geblieben wäre, oder ob sie in das Gegenwärtige eingreifen und dem Mangel nach ihrer Unendlichkeit zu Hülfe kommen wollten. Sie erwählten nun das letztere, und supplierten durch ihren bloßen Willen in einem Augenblick den ganzen Mangel, den der Erfolg von Luzifers Beginnen an sich trug. Sie gaben dem unendlichen Sein die Fähigkeit, sich auszudehnen, sich gegen sie zu bewegen; der eigentliche Puls des Lebens war wieder hergestellt, und Luzifer selbst konnte sich dieser Einwirkung nicht entziehen. Dieses ist die Epoche, wo dasjenige hervortrat, was wir als Licht kennen, und wo dasjenige begann, was wir mit dem Worte Schöpfung zu bezeichnen pflegen. So sehr sich auch nun diese durch die immer fortwirkende Lebenskraft der Elohim stufenweise vermannigfaltigte; so fehlte es doch noch an einem Wesen, welches die ursprüngliche Verbindung mit der Gottheit wieder herzustellen geschickt wäre, und so wurde der Mensch hervorgebracht, der in allem der Gottheit ähnlich, ja gleich sein sollte, sich aber freilich dadurch abermals in dem Falle Luzifers befand, zugleich unbedingt und beschränkt zu sein, und da dieser Widerspruch durch alle Kategorien des Daseins sich an ihm manifestieren und ein vollkommenes Bewußtsein sowie ein entschiedener Wille seine Zustände begleiten sollte; so war vorauszusehen, daß er zugleich das Vollkommenste und Unvollkommenste, das glücklichste und unglücklichste Geschöpf werden müsse. Es währte nicht lange, so spielte er auch völlig die Rolle des Luzifer. Die Absonderung vom Wohltäter ist der eigentliche Undank, und so ward jener Abfall zum zweitenmal eminent, obgleich die ganze Schöpfung nichts ist und nichts war, als ein Abfallen und Zurückkehren zum Ursprünglichen.

Man sieht leicht, wie hier die Erlösung nicht allein von Ewigkeit her beschlossen, sondern als ewig notwendig gedacht wird, ja daß sie durch die ganze Zeit des Werdens und Seins sich immer wieder erneuern muß. Nichts ist in diesem Sinne natürlicher, als daß die Gottheit selbst die Gestalt des Menschen annimmt, die sie sich zu einer Hülle schon vorbereitet hatte, und daß sie die Schicksale desselben auf kurze Zeit teilt, um durch diese Verähnlichung das Erfreuliche zu erhöhen und das Schmerzliche zu mildern. Die Geschichte aller Religionen und Philosophien lehrt uns, daß diese große, den Menschen unentbehrliche Wahrheit von verschiedenen Nationen in verschiedenen Zeiten auf mancherlei Weise, ja in seltsamen Fabeln und Bildern der Beschränktheit gemäß überliefert worden; genug, wenn nur anerkannt wird, daß wir uns in einem Zustande befinden, der, wenn er uns auch niederzuziehen und zu drücken scheint, dennoch Gelegenheit gibt, ja zur Pflicht macht, uns zu erheben und die Absichten der Gottheit dadurch zu erfüllen, daß wir, indem wir von einer Seite uns zu verselbsten genötiget sind, von der andern in regelmäßigen Pulsen uns zu entselbstigen nicht versäumen.
 ??? ::) :teufel: :opa:

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Re:Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit
« Reply #25 on: 01. Februar 2010, 23.56 Uhr »
Was mir der Geheimrat allerdings auf den letzten 4 Seiten des 8. Buches bezüglich der Gottheit und Satanas mitzuteilen wünscht, inwieweit dies seine Überzeugung zur Zeit der Niederschrift ist oder jene seiner Jugend war oder ob dies wieder unter Reflexionen zu subsummieren sei - ich weiß es nicht. Ein abenteuerliches Sammelsurium von beachtlicher Abstrusität.

Von Satan ist nicht die Rede (Luzifer ist nicht gleich Satan) und der Text ist imho auch kein Sammelsurium, sondern dem Ganzen scheint mir ein goethischer Gedanke zugrundezuliegen:
Das Geeinte zu entzweien, das Entzweite zu einigen, ist das Leben der Natur, dies ist die ewige Systole und Diastole, die ewige Synkrisis und Diakrisis, das Ein- und Ausatmen der Welt, in der wir leben, weben und sind. (Zitat aus der Italienischen Reise)
In dem von Dir zitierten Text (den ich bislang nicht kannte) scheint mir das "nur" in die Sprache der Religion(en) übersetzt.

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Re:Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit
« Reply #26 on: 03. Februar 2010, 00.41 Uhr »
Von Satan ist nicht die Rede (Luzifer ist nicht gleich Satan)

Satan wird ihm Christentum meist synonym mit Lucifer gebraucht. Seit wann sollte das nicht so sein?

und der Text ist imho auch kein Sammelsurium, sondern dem Ganzen scheint mir ein goethischer Gedanke zugrundezuliegen:
Das Geeinte zu entzweien, das Entzweite zu einigen, ist das Leben der Natur, dies ist die ewige Systole und Diastole, die ewige Synkrisis und Diakrisis, das Ein- und Ausatmen der Welt, in der wir leben, weben und sind. (Zitat aus der Italienischen Reise)
In dem von Dir zitierten Text (den ich bislang nicht kannte) scheint mir das "nur" in die Sprache der Religion(en) übersetzt.

Das sind genau die Sätze, welche den Obskurantismus für sich gepachtet haben ;-). Und nicht zufällig erinnert mich das an Sätze von Hans Küng: "Gott ist die absolut-relative, diesseitig-jenseitige, transzendent-immanente, allesumgreifende, allesumwaltende wirklichste Wirklichkeit im Herzen der Dinge." Dieses Aufzählen von Gegensätzen, bedeutungsschwanger munitioniert, das wortreiche Umschreiben von Tautologien (Alles ist Alles und Nichts ist Nichts - und weil Alles Alles ist, beinhaltet es auch das Nichts - ad infinitum) ist zwar allüberall im Schwange (und wurde im dialektischen Prinzip zur hohen Philosophie erhoben), will mir aber bloß als großartiges Nichts erscheinen.

lg

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p. s.: So nebenher leide ich als alter Smileyliebhaber am meisten darunter, dass dieselben nicht zur Darstellung gelangen  :(
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Re: Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit
« Reply #27 on: 03. Februar 2010, 07.49 Uhr »
p. s.: So nebenher leide ich als alter Smileyliebhaber am meisten darunter, dass dieselben nicht zur Darstellung gelangen  :(

Es müssen noch diverse Pfade angepasst werden, wie es scheint ... Ich bin dran. Die Smilies sind aber wieder da, mit Ausnahme der Zusatzsmilies, die ich wohl nochmals einfügen werden muss.
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Offline Gontscharow

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Re: Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit
« Reply #28 on: 03. Februar 2010, 11.07 Uhr »

Satan wird ihm Christentum meist synonym mit Lucifer gebraucht. Seit wann sollte das nicht so sein?

Luzifer ("Lichtbringer") wird als gefallener Engel gemeinhin als Teil Gottes, Satan als sein Antagonist aufgefasst.
Goethe spricht ja auch nicht von Satan, das wäre dualistisch gedacht und würde zu seinem dialektisch pantheistischen Weltverständnis nicht passen. Interessant in diesem Zusammenhang die Rolle Luzifers in Faust. Möchte das jetzt allerdings nicht vertiefen, wir kämen sonst in Teufels Küche. ;)

und der Text ist imho auch kein Sammelsurium, sondern dem Ganzen scheint mir ein goethischer Gedanke zugrundezuliegen:
Das Geeinte zu entzweien, das Entzweite zu einigen, ist das Leben der Natur, dies ist die ewige Systole und Diastole, die ewige Synkrisis und Diakrisis, das Ein- und Ausatmen der Welt, in der wir leben, weben und sind. (Zitat aus der Italienischen Reise)
In dem von Dir zitierten Text (den ich bislang nicht kannte) scheint mir das "nur" in die Sprache der Religion(en) übersetzt.
Das sind genau die Sätze, welche den Obskurantismus für sich gepachtet haben ...

Obskurantismus? Schade, eigentlich wollte ich damit Licht in die Sache bringen. Es würde den berühmten Rahmen sprengen, wenn wenn ich jetzt entwickeln sollte, was mit dem Satz "gemeint" ist. Kurz gesagt ist es so  etwas wie Goethes "Weltformel", gewonnen aus der Betrachtung der Natur (Metamorphose der Pflanzen.., Farbenlehre etc.) Meine Replik bezog sich auch  vor allem auf Deine Bezeichnung "Sammelsurium", ich wollte darauf hinweisen, dass - echt goethisch -  ein integraler Gedanke seiner Religionstheorie zugrungrunde liegt, sie nicht zusammengestoppelt ist.
 ...obgleich die ganze Schöpfung nichts ist und nichts war, als ein Abfallen und Zurückkehren zum Ursprünglichen. ( Zitat aus dem von Dir zitierten Text)

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Re: Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit
« Reply #29 on: 03. Februar 2010, 14.25 Uhr »
Luzifer ("Lichtbringer") wird als gefallener Engel gemeinhin als Teil Gottes, Satan als sein Antagonist aufgefasst.
Goethe spricht ja auch nicht von Satan, das wäre dualistisch gedacht und würde zu seinem dialektisch pantheistischen Weltverständnis nicht passen. Interessant in diesem Zusammenhang die Rolle Luzifers in Faust. Möchte das jetzt allerdings nicht vertiefen, wir kämen sonst in Teufels Küche. ;)

Teuflische Kurzsuche in der Wikipedia: "Nach dem christlichen Verständnis, der Auslegung und Bibelübersetzungen wird Satan als ein bestimmter Engel angesehen, der eigenwillig gegen Gott rebellierte und als gefallener Engel aus dem Himmel verstoßen wurde." Und weiter: "Satan ist im christlichen Kulturkreis auch als Teufel, "der Herr der Finsternis", "der Herr der Hölle", "Höllenfürst", Beelzebub, Luzifer, Beliar und Mephistopheles bekannt." Und beim Prolog im Himmel drängt sich ja auch der Mephistopheles wieder unter die Erzengel, bezeichnet sich selbst als Teufel. Ich habe jedenfalls nicht den Eindruck, dass Goethe bei der zitierten Passage eine Unterscheidung Satan - Luzifer treffen will. --- So, nun hab ich auch noch mein Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens bemüht (der Ausdruck "Hand"-Wörterbuch bezieht sich keinesfalls auf die Handlichkeit bei 10 Bänden und weit über 10 000 Seiten), wo unter Luzifer u. a. steht: So wird denn L., der antike Name des Morgensterns zur Bezeichnung des Teufels [...]" (hier folgen sprachliche Her- und Überleitungen aus dem Altgriechischen). Weiter wird Diefenbach zitiert: "'Luciper i. satrael lucifer i. princeps diabolorum'. Dabei ist Satrael eine durch Sater = Saturnus beeinflusste Form von Satanael, wie der Teufel ursprünglich vor seiner durch Überhebung veranlassten Fall hieß."

Obskurantismus? Schade, eigentlich wollte ich damit Licht in die Sache bringen. Es würde den berühmten Rahmen sprengen, wenn wenn ich jetzt entwickeln sollte, was mit dem Satz "gemeint" ist. Kurz gesagt ist es so  etwas wie Goethes "Weltformel", gewonnen aus der Betrachtung der Natur (Metamorphose der Pflanzen.., Farbenlehre etc.) Meine Replik bezog sich auch  vor allem auf Deine Bezeichnung "Sammelsurium", ich wollte darauf hinweisen, dass - echt goethisch -  ein integraler Gedanke seiner Religionstheorie zugrungrunde liegt, sie nicht zusammengestoppelt ist.
 ...obgleich die ganze Schöpfung nichts ist und nichts war, als ein Abfallen und Zurückkehren zum Ursprünglichen. ( Zitat aus dem von Dir zitierten Text)

Goethes Weltsicht ist schwer zu fassen, irgendwie viel Spinoza, wenig Deismus (kein rationaler im Sinne Voltaires, von rationaler Welterkenntnis wollte der Geheimrat nichts wissen), eine Art Gesamtanbetung der Natur mit metaphysischen Einsprengseln. Aber die benutzt er, wenn's ihm grad passt bzw. sie ihm in die Feder kommen, das scheint mir mehr ein Spiel mit mythologischem Wissen zu sein. Wobei - wie ich vorher mal erwähnte, ich den Eindruck habe, dass er zwischen eigener Auffassung und einer für's Volk unterscheidet, dass er eben bestimmte religiöse Vorstellungen für sinnvoll hält, ohne aber selbst daran zu glauben.

Die von dir (und mir) zitierten Stellen mögen insofern erhellend sein, als sie die - nebulöse - Weltsicht Goethes widerspiegeln, das, was er da zu glauben oder wissen vermutet von einer Macht, Kraft, einem Gott, der allüberall durch die Natur geistert, ist es, was ich - euphemistisch - als "dunkel" bezeichnen würde. Eine pantheistische Vorstellung, dazu ein bisschen Reinkarnation, eine alles durchwebende Gottheit, die sich dem Naturbeobachter als "natürlich" aufdrängt usf. Das kriege ich nicht zu fassen und halte ich für ein Sammelsurium insofern, als dass es ohne rechte innere Konsistenz von überall her Teile nimmt und ein wenig willkürlich zusammenfügt.

Dieses Paaren von Gegensätzen hat eben so etwas Beliebiges (ob ich nun Blutdruckbeispiele verwende oder Yin und Yang, These und Antithese, Gut und Böse (Dick und Doof, Cindy und Bert ...), will mir recht trivial anmuten, wobei diese Trivialität von Wortakrobaten häufig ins Hochphilosophische transzendiert und sublimiert wird.

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