Author Topic: Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft?  (Read 5863 times)

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Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft?
« on: 28. Oktober 2014, 23.55 Uhr »
Hallo!

Jaron Lanier ist ein IT-Guru der ersten Stunde (das ist der voluminöse Typ mit den Dreadlocks), der sich vom Nerd der ersten Stunde zu einem Kritiker des Systems gewandelt hat. Wobei nicht immer wirklich klar ist, wogegen er sich wendet (in jedem Fall gegen das, was er "Sirenenserver" nennt: Jene enorm leistungsfähigen Computer, denen die Analyse und Algorithmisierung der Myriaden von Internetdaten obliegt und die dadurch eine ungeheure Macht entwickeln: Also Datensammler wie Google, Facebook & Co.). Diese kostenlose Nutzung der Daten unzähliger Nutzer ist ihm ein Dorn im Auge (nach seiner Meinung müsste man jene, die diese Daten - mehrweniger freiwillig - bereitstellen, am Gewinn, der durch die Nutzung der Informationen erzielt wird, beteiligen, wobei das "wie" bislang nicht erörtert wurde), ebenso sieht er in den zahllosen Gratisangeboten Danaergeschenke: Wikipedia & Co. würden den intellektuellen Mittelstand gefährden. Indem man gratis Informationen anbietet und bündelt eröffnet man zwar Bildungschancen für alle, die diese Inhalte tatsächlich produzierenden Menschen aber würden schließlich ihre eigene Existenz untergraben.

Ich habe ein wenig mehr als 100 Seiten des Buches gelesen und bin bisher wenig begeistert: Viele Dinge werden aufgezeigt, Probleme skizziert (wobei Lanier sich für einen Europäer zu stark an den us-amerikanischen Verhältnissen orientiert), manches undifferenziert in einen Topf geworfen (die Wiki ist schon aufgrund ihrer Werbefreiheit nur bedingt mit den großen Informationssammlern zu vergleichen). Auch auf Lösungs- bzw. Alternativvorschläge wartet man vergebens, obschon viele der aufgegriffenen Problemkreise durchaus die Bezeichnung "Problem" verdienen: Privatisierung von Infrastruktur, Mittelstandsverlust, Altersarmut etc. Allerdings ist die Analyse ein wenig schwammig und ungenau, nach meinem Dafürhalten werden die entstehenden Probleme monokausal auf die Macht der "Sirenenserver" zurückgeführt. Sie mögen eine Ursache wirtschaftlicher oder sozialer Probleme sein (vor allem ihre Mächtigkeit aufgrund des Informationsvorsprunges ist eine gefährliche Tatsache), beileibe aber nicht die einzige (was Lanier offenbar zu suggerieren versucht).

Aber vielleicht tue ich dem Buch auch Unrecht und auf den restlichen knapp 400 Seiten wird mir noch einiges an Aufklärung zuteil.

lg

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Offline sandhofer

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Re: Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft?
« Reply #1 on: 29. Oktober 2014, 07.39 Uhr »
Aber vielleicht tue ich dem Buch auch Unrecht und auf den restlichen knapp 400 Seiten wird mir noch einiges an Aufklärung zuteil.

Ich erwarte dann Deine Resultate. Lanier ist auch auf meiner erweiterten "Muss-ich-mal-lesen"-Liste.
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Re: Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft?
« Reply #2 on: 05. November 2014, 19.56 Uhr »
Hallo!

Eine ähnliche Problematik wie hier findet sich in vielen Büchern us-amerikanischer Autoren. Sie schreiben einerseits für die breite Masse, möchten aber zum anderen auf subtilere philosophische Gedankengänge nicht verzichten bzw. erwähnen den einen oder anderen Denker. Lanier etwa bezieht an einer Stelle auf Marx und ordnet ihm einen - kruden Positivismus - den er mit dem Stalinismus gleichsetzt, zu; das alles im Gegensatz zu metaphysisch-religiösen Strömungen. Wobei der Marxismus sehr viel mehr theologische Konzepte involviert als dem guten Lanier auch nur im entferntesten bewusst zu sein scheint, eine Tatsache, die längst anerkannt ist und etwa bezüglich der Parusie-Vorstellungen im Marxismus umfangreiche Literatur zutage gefördert hat. In einem anderen Nebensatz erwähnt er die Pascalsche Wette - und das in einer Form, die ihre Widersinnigkeit vollkommen ignoriert, sie ist nur eine Art kulturell-philosophischer Pelzbesatz auf dem ansonsten eher graubraunen, bescheiden ausstaffierten philosophischen Mäntelchen. (Später kommt diese Wette noch einmal - und eine Spur durchdachter - zum Einsatz. Trotzdem hat man den Eindruck des "name-dropping".)

Und auch bei Laniers wirtschaftspolitischen Überlegungen weiß ich nicht wirklich, worauf sie abzielen. Er postuliert eine Verbindung zwischen Keynes "Deficit spendung" (erwähnt es aber nicht explizit, das könnte dem us-amerikanischen Lesermarkt geschuldet sein) und den "Big data", ohne aber darstellen zu können, worin genau dieser Zusammenhang besteht, stellt fest, dass alles "sehr kompliziert" ist und unterschiedlichste Abhängigkeiten bestehen, um dann zu Feststellungen zu gelangen wie "eine experimentierfreudige Haltung ist hier die einzige, die voranbringt. Technologien der Komplexität muss man gemessen angehen, mit Geduld und viel Kraft". Das schwankt zwischen Trivialität und Leerformel und befriedigt mich als Leser ganz und gar nicht. (Das Buch will offenbar zu viel, versucht Philosophisches, Wirtschaftliches, Politisches, Wissenschaftliches zu analysieren, kann aber all dies nur streifen und bleibt dadurch unbefriedigend.)

Laniers Grundansatz besteht offenbar darin, den Kardinalfehler der "Big-Data-Entwicklung" in dem kostenfreien Zurverfügungstellen all der Daten zu sehen. Besser: Weil diejenigen, die die Daten liefern, nicht dafür entlohnt werden, entsteht ein Ungleichgewicht, wenige besitzen die Informationshoheit und können mit diesem Wissen ungeheuren Gewinn machen. Die Betreiber von "Sirenenservern" bieten (scheinbar) kostenfreie Dienste an, binden dadurch Kunden, werden zu Monopolisten, ohne aber selbst irgendein rechtliches Risiko für die Daten einzugehen. (Amazon mag dafür ein Beispiel sein: Die Kunden schreiben Rezensionen, das Recht für die uneingeschränkte Nutzung an diesen Texten geht an Amazon, die Verantwortung allerdings bleibt beim Ersteller. Bezüglich Monopole Facebookl: Ich, der ich nicht bereit bin, die Nutzungsbestimmungen von Facebook zu akzeptieren, habe keinen Zugriff auf die dortigen Informationen. Da Facebook den Informationsaustausch, der früher über Foren oder Newsgroups oder ... erfolgte, an sich gezogen hat, ist derjenige, der trotzdem an die Informationen kommen will, gezwungen, Mitglied zu werden. "Freiheit" besteht nur insofern, als dass ich darauf verzichten kann, informiert zu werden, ich kann mich allerdings durch die Monopolisierung nicht anderweitig umsehen. Oder Google: Das einzig Innovative dieser Firma waren einzelne Suchalgorithmen, ansonsten werden ausschließlich Inhalte anderer Personen genutzt. Google verdient - auch an unserem Blog - indirekt, liefert unter Einbindung von Werbung unsere Texte frei Haus. Nun haben die meisten nichts dagegen, dass Texte kostenfrei sind, problematisch wird die Sache dort, wo andere an diesen Texten - wenn auch nur indirekt - mitverdienen.) Wie dieser Problematik gesteuert werden kann, wird aus dem Buch bisher nicht klar; ich fürchte, dass ich mit den eher marktorientierten Ansätzen Laniers nicht viel werden anfangen können (wenn er den überhaupt Probates anbietet).

Habe nun mehr als die Hälfte des Buches gelesen, dem nach meinem Dafürhalten die Struktur fehlt, klare Thesen bzw. Lösungsvorschläge. Anhand von Kurzkapiteln wird der Inhalt häppchenweise aufbereitet (scheinbar gut verdaulich), nach der Lektüre hat man aber den Eindruck, mit viel heißer Luft abgespeist worden zu sein.

lg

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Re: Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft?
« Reply #3 on: 09. November 2014, 22.42 Uhr »
Hallo!

Aber vielleicht tue ich dem Buch auch Unrecht und auf den restlichen knapp 400 Seiten wird mir noch einiges an Aufklärung zuteil.

Ich erwarte dann Deine Resultate. Lanier ist auch auf meiner erweiterten "Muss-ich-mal-lesen"-Liste.

Wäre mir sehr recht, wenn du da auch mal einen Blick reinwerfen würdest. Denn je weiter ich lese, desto mehr komme ich zum Ergebnis, dass das Buch absoluter Mist ist. Ich habe - was ich selten mache - mir die durchwegs sehr positiven Kritiken auf amazon angesehen und festgestellt, dass es offenbar für die positive Beurteilung eines Buches ausreichend zu sein scheint, Facebook und Google zu kritisieren.

Ich jedenfalls halte Lanier für einen Schaumschläger, der substanzloses Gerede von sich gibt. Allenthalben wird Wissenschaftlichkeit auf dubiose Weise suggeriert (auf S. 276 findet sich ein Diagramm, in dem die y-Achse mit "Maß am Demokratie", die x-Achse mit "Kosten der Information" und eine Kurve, die an ihrer höchsten Stelle mit "die Hypothese des Buches" bezeichnet wird), wobei sich der geneigte Leser mit Recht die Frage stellt, was da aufgrund welcher Daten mit welchen Zahlen gleichgesetzt wird.

Die einzig bisher herauslesbare These ist jene der "Mikrozahlungen", die jeder für seine Beteiligung am Netz bekommen solle. Dass das die absolute Rückverfolgung jeder Äußerung, jeder Aktivität im Netz bedeuten würde scheint Lanier nicht zu stören (auch nicht der bürokratische Aufwand), über Einwände mogelt er sich hinweg, indem er bezüglich der Umsetzung seiner Vorschläge noch viele Unwägbarkeiten einräumt. Das liest sich etwa folgendermaßen (S. 367): "Es müsste einen speziellen Mechanismus geben, eine Art "Netz-Zentralbank". Ohne eine solche Einrichtung ist eine expandierende Wirtschaft nicht möglich. Neue Werte müssen in Form von neuem Geld repräsentiert werden, und dieses Geld muss irgendwie ins System gelangen." Ein "spezieller, zentraler Mechanismus" also, der "irgendwie Geld ins System bringt" - das klingt wie die Rede eines Parteivorsitzenden, inhalts- und substanzlos.

Oder Lanier entdeckt, dass staatliche Einrichtungen nicht ganz unnütz sind (das mag für die USA eine weltbewegende Erkenntnis sein), Probleme entstehen, wenn etwa Infrastruktur oder Gesundheitssystem privatisiert werden. (Nunja, so ganz hat sich die Unmöglichkeit der Privatisierung mancher Bereiche auch bei uns noch nicht herumgesprochen, etwa im Bereich der Pensionen (auch wenn man diesbezüglich seit 2008 ein bisschen klüger geworden ist): Die reine Existenzsicherung im Alter kann nur der Staat über ein Solidaritätsprinzip übernehmen, da Privatanbieter in Konkurs gehen können. Und wer dann ausschließlich auf solche Anbieter angewiesen ist, wird - sofern der Staat nicht einspringt - verhungern müssen. Ergo können solche "Pensionsvorsorgen" immer nur Geldanlagen sein, nie aber die Grundsicherung übernehmen. In meiner ganz persönlichen Umgebung hat diese Privatvorsorge Anfang des Jahrtausends geboomt - mit dem Ergebnis, dass absolut alle ihr Geld ganz oder teilweise verloren haben. Im übrigen wird in der Marktwirtschaft der Ruf nach dem Staat immer dann laut, wenn es entsprechende Krisen gibt. So hat man denn in Österreich die Verluste semi-privater Pensionsfonds nach 2008 brav staatlich ausgeglichen, da wurde das Credo von der ordnenden Hand des Marktes schnell mal vergessen.)

Dazu kommen noch die nicht hinterfragten Bekenntnisse zum Wirtschaftswachstum, wobei Lanier den größten ökonomischen Nutzen in einem prosperierenden Mittelstand sieht. Nun mag das so sein (oder auch nicht), aber solche Feststellungen müssen über den reinen Charakter des Postulats hinausgehen und begründet werden, etwas, worauf man in diesem Buch vergeblich wartet. Auch wenn es kein wirtschaftswissenschaftliches Buch ist (oder sein will): Grundkonzeptionen müssen vorgestellt und argumentativ unterfüttert werden, schon allein deswegen, weil dann die Schwierigkeiten "einfacher" Lösungen evident werden. Dieses Buch will "irgendwie" weltwirtschaftliche Gesamtlösungen vorschlagen, ohne sich mit Weltwirtschaft auch nur im geringsten auseinanderzusetzen. (Die Problematik von akzeptablen Lösungen liegt zu einem Gutteil im menschlich-philosophischen Bereich: So lange jeder Staat, jede größere oder kleinere Wirtschaftseinheit nur auf ihren eigenen Vorteil schaut (wunderbares Beispiel sind die verschiedensten Steueroasen von den Kanalinseln über Luxemburg bis nach Österreich und die Schweiz), werden Großverdiener nicht adäquat zum gesamten Volkseinkommen beitragen. Zu lösen wäre das nicht wirklich schwer - vorausgesetzt, dass jemand freiwillig auf ungerechtfertigte Vorteile verzichtet. "Die meisten Menschen wollen lieber schlaue Bösewichte als einfältige Ehrenmänner heißen; [...] Schuld an dem allen aber war die die Herrschsucht, die nur nach Macht und Ehre dürstete. [...]" Thukydides Buch III, 82 f., der dann auch viel ewig Gültiges über Eigennutz, Ehrgeiz etc. dazu schreibt. Gerade die Geschichte dieses Krieges (nebst allen wirtschaftlichen und politischen Intrigen) ist aktuell und Zeugnis dafür, wie wenig sich in den Köpfen der Menschen geändert hat. Aus der Distanz möchte man die involvierten Hellenen fragen, was denn dieser ganze unsinnige, todbringende Krieg bringt (gebracht hat), möchte man die kluge Haltung des Spätgeborenen einnehmen, um dann feststellen zu müssen, dass wir um nichts klüger sind. Die gegenwärtigen Missstände verdrängen, die vergangenen beschwören und feiern (wie etwa in diesen Tagen die Mauertoten, während im Mittelmeer die rezenten sudanesischen Flüchtlinge zu Hunderten ersaufen.))

Laniers Ausführungen sind jedenfalls wirr und ohne Struktur: Die Idee der "Mikrozahlungen" durchzieht sein Buch, ohne dass auch nur in Ansätzen klar würde, wie ein solches Konzept umzusetzen sei und warum es überhaupt so viel bessern würde (abgesehen davon, dass Facebook und Google nicht ganz so reich wären wie sie es sind). Ob die letzten 100 Seiten an diesem Eindruck der Unausgegorenheit irgendwas ändern werden wage ich zu bezweifeln.

lg

orzifar
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Re: Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft?
« Reply #4 on: 10. November 2014, 08.12 Uhr »
Hallo

Muss mir das Buch mal besorgen ...

Grüsse

sandhofer
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Offline sandhofer

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Re: Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft?
« Reply #5 on: 10. November 2014, 10.13 Uhr »
Manchmal staune ich selbst. Ich dachte, ich müsste das Buch bestellen; es war aber in meiner Buchhandlung sogar vorrätig. (Hingegen vom Literaturnobelpreisträger dieses Jahres: gar nichts. Versteh' einer den Buchhandel...)
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Offline orzifar

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Re: Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft?
« Reply #6 on: 12. November 2014, 00.04 Uhr »
Hallo!

Manchmal staune ich selbst. Ich dachte, ich müsste das Buch bestellen; es war aber in meiner Buchhandlung sogar vorrätig. (Hingegen vom Literaturnobelpreisträger dieses Jahres: gar nichts. Versteh' einer den Buchhandel...)

Ich hoffe, dass du meine bisherigen Kommentare nicht als Kaufempfehlung aufgefasst hast - das wäre gar nicht in meinem Sinne gewesen.

Ich habe das Buch jetzt ausgelesen und halte es für einen ziemlichen Mist. Dass Lanier - wie ich jetzt lese - sogar den "Friedenspreis des Deutschen Buchhandels" erhalten hat, ist mir völlig unverständlich. Lanier hat einfach nicht das Format, um als "Vordenker" - wofür auch immer - zu gelten (oder aber er hat das Buch in den Kaffeepausen verfasst). Seine Ansätze sind die eines Informatikers, der sich ständig in Bereiche begibt, von denen er offenkundig nicht allzu viel versteht, wobei dieser Ansatz des "Nerd" auch etwas Pseudoelitäres hat. So schreibt er etwa von der Unsinnigkeit des Kopierens im Netz (im Zusammenhang mit der Doppelverlinkung eines Netzinhaltes, die immer auch den Urheber mitberücksichtigt, um eben die "Mikrozahlungen" zu ermöglichen) und bezieht sich indirekt auf das dem Programmierer vertraute "call by value" bzw. "call by reference". Allerdings weiß eben auch jeder Programmierer, dass es für diese beiden Möglichkeiten mehr als gute Gründe gibt (die hier nicht erörtert werden müssen), weshalb sich beide Konzepte erhalten haben. Aber da so zu tun, als ob alle anderen zu dumm wären, die Unsinnigkeit von Kopien einzusehen, ist einesteils arrogant, zum anderen tatsächlich dumm.

In einer Art Nachwort erwähnt Lanier dann einen Post-Graduate, der für ihn eine Analyse bezüglich der Persönlichkeitsdaten für Versicherungen gemacht habe und - festhalten - ein sensationelles Ergebnis zutage gefördert hat: Versicherungen würden jene Leute nicht versichern, mit denen ein höheres Risiko verbunden ist. (Außer wenn die Informationen monetarisiert seien: Warum ausgerechnet dann das so sein sollte, bleibt Laniers und des Doktoranden Geheimnis ;)). Welch Erkenntnis, damit konnte wirklich niemand rechnen (diese Untersuchung mag wieder ein Paradebeispiel für eine us-amerikanische Studie sein). Wie schon oben erwähnt, gibt es Bereiche (wie eben Gesundheitsfürsorge oder das Pensionswesen), die ohnehin niemals marktkonform gestaltet werden können (und sollen, sofern wir in einer Gesellschaft leben wollen, in der Patienten nicht am Krankenhausparkplatz wegen nicht vorhandener Sozial-ID-Karte verbluten).

Während es hingegen bei vielen anderen Bereichen dieses Fachwissen des Nerd überhaupt nicht braucht, um zu besseren Regelungen zu kommen: Es wäre einfach, Facebook, Google, Apple oder Microsoft* zu zwingen, bestimmte personenbezogene Daten nicht zu sammeln. Man muss nur den politischen Willen haben und den Einflüsterungen der Lobbyisten widerstehen. Im Grunde wäre das nicht einmal eine Geldfrage, wenn man sich etwa in der EU über die entsprechenden Regelungen einigen würde (was die Sache betreffend so schwer gar nicht wäre: Ich bin überzeugt, dass man europaweit die Privatsphäre betreffend eine recht rigide, einheitliche Haltung antreffen würde, wenn - ja wenn da nicht wieder die vielen kleinen und großen Vorteile wären, die der eine oder andere keinesfalls aufzugeben bereit ist). Die Möglichkeiten der Gesetzgebung reichen hier vollkommen aus (das hat nichts mit "kommunistischer Regelunswut" zu tun, wie Lanier implizit häufig unterstellt), sondern mit dem ganz normalen Schutz von Bürgern. Auch das Argument, dass dann trotzdem viel gespeichert würde, ist Unsinn: Selbstredend verhindert ein Gesetz gegen Diebstahl nicht jeglichen Diebstahl. Aber es macht schon einen Unterschied, ob das nun verboten und mit Strafe belegt ist oder nicht.

Es gäbe noch vieles anzumerken: Aber das Buch lohnt eine solch ausführliche Analyse gar nicht, dafür ist es viel zu wenig durchdacht, viel zu ideen- bzw. niveaulos. Warum so jemand derart gelobt wird, ist mir schleierhaft.

lg

orzifar

*) Während des Lesens fällt auf, dass Microsoft nie unter die "Sirenenserver" gezählt und auch sonst nicht - wie Google, Apple oder Facebook - einer harschen Kritik ausgesetzt wird. Dazu kommen sehr "liberale" Ansichten bezüglich des Kartellrechts. Aus Seite 475 wird das dann klar: Lanier ist Microsoftangestellter, aber selbstverständlich haben seine Ausführungen (oder Nicht-Erwähnungen) nichts mit dieser seiner Zugehörigkeit zu tun. Ich mache nun Lanier nicht zum Vorwurf, bei Microsoft zu arbeiten: Aber es ist nur allzu offenkundig, warum gerade diese Firma niemals negativ erwähnt wird - und das hätte sie bezüglich Marktbeherrschung, Aquierierung von Nutzerdaten etc. doch wirklich verdient. Es passt aber zum Gesamteindruck, den das Buch vermittelt: Hier ist jemand nicht um Lösungen bemüht, sondern kocht sein eigenes Süppchen und segelt dabei vorgeblich und einem unkoventionellen Fähnchen. Im Wind ...

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Habe nun doch noch einen Artikel gefunden, der m. E. den Fall Lanier sehr gut beschreibt: http://www.merkur-blog.de/2014/06/virtuelle-realitaet-der-friedenspreis-fuer-jaron-lanier-und-die-missverstaendnisse-auf-denen-er-beruht/. So nebenbei noch: Dass das Vorhandensein einer umfassenden Wissensdatenbank wie Wikipedia zur Arbeitslosigkeit von Studienabgängern führen würde (wie Lanier immer wieder betont), halte ich auch für völligen Unsinn. Selbst lange lehrend tätig gewesen weiß ich nur zu genau, dass es mit der Nachschlagemöglichkeit (auch interaktiven Kursen etc.) nie getan ist - im Gegenteil: Ohne kompetente Begleitung bleibt das alles Stückwerk. Hingegen halte ich wiki aus prinzipiellen Gründen für großartig: Sie verwirklicht (wenn natürlich auch immer in bestimmten Grenzen) den umfassenden, kostenlosen Zugang zu Wissen aller Art. Ich würde diesen Zugang als ein demokratisches Grundrecht ansehen.
« Last Edit: 12. November 2014, 00.12 Uhr by orzifar »
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Re: Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft?
« Reply #7 on: 12. November 2014, 13.33 Uhr »
Ich hoffe, dass du meine bisherigen Kommentare nicht als Kaufempfehlung aufgefasst hast - das wäre gar nicht in meinem Sinne gewesen.

Keine Angst, ich hatte das schon richtig verstanden. Aber ich habe seit rund 20 Jahren keinen Bibliotheksausweis oder so mehr. Also kaufe ich mir meine Bücher. Da wir hierzulande keine Preisbindung mehr haben, kriegte ich das Buch sogar mit rund 25% Ermässigung.
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Offline sandhofer

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Re: Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft?
« Reply #8 on: 16. November 2014, 07.42 Uhr »
Hallo zusammen!

Ich habe gestern Abend noch angefangen.

Schon nach den ersten 50 oder so Seiten will mir scheinen, dass Lanier etwas Fundamentales nicht gemerkt hat. Ja, schon der Untertitel des Buchs macht das klar: "Du bist nicht der Kunde der Internetkonzerne. Du bist ihr Produkt." Der Kapitalismus beruht darauf, dass jemand ein Produkt anbietet, das jemand anders kauft. Schon Heinlein ('tschuldigung, orzifar  :angel: ) hat in den 60ern des letzten Jahrhunderts festgestellt, dass es so etwas wie Gratis-Mittagessen nicht gibt. Die Abkürzung TANSTAAFL, bzw. der Satz „there ain’t no such thing as a free lunch“ waren eine Zeitlang sprichwörtlich in den USA - und Lanier ist nicht so jung, dass er das nicht kennen sollte. Auf die Sirenen-Server übertragen: Ich kann nicht davon ausgehen, Facebook oder Google völlig gratis nutzen zu dürfen - es sei denn, ich sei sehr naiv. Wenn ich nicht in harter Währung zahle, zahle ich mit was anderem - mit etwas, das die Internet-Konzerne ihrerseits in harte Währung umsetzen können.

Auch sonst scheint mir Lanier sehr naiv zu sein und zu logischen Kurzschlüssen zu neigen. Er schiebt es "Big Data" in die Schuhe, dass die amerikanischen Versicherungskonzerne arme und kranke Leute (also Risikofälle) nicht mehr versichern. Hallo? Statistik und Versicherungsmathematik existierten lange vor "Big Data"! Dass die amerikanischen Krankenversicherungen nur profitable Kunden nehmen dürfen, ist ein Problem der amerikanischen Gesetzgebung, nicht von "Big Data". (Hat nicht Reagan die obligatorische Krankenversicherung annulliert?)

Die Situation auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt (S. 19) lässt sich eben so wenig verallgemeinern. In den USA wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts alles unternommen, die Macht der Gewerkschaften zu brechen - mit Erfolg. Jeder, der Dos Passos' "U.S.A." gelesen hat, kennt die Story. Man kann über die deutsche Lokomotivführer-Gewerkschaft denken und sagen, was man will, aber dass Arbeitnehmer in Europa auf halbwegs gleichem Niveau mit den Arbeitgebern verhandeln können und sich nicht ausnehmen lassen müssen (oder nicht in dem Mass ausnehmen lassen müssen) wie in den USA, ist der Tatsache zu verdanken, dass die Gewerkschaften hier immer noch eine Macht darstellen, auf die die Arbeitgeber Rücksicht nehmen müssen.

Und so was kriegt den Friedenspreis des deutschen Buchhandels... Wenn ich mir ansehen, das da früher für illustre Namen auf der Liste figurierten... (Gut, auch Hesse. Aber im Vergleich mit Lanier...)
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Re: Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft?
« Reply #9 on: 16. November 2014, 13.11 Uhr »
Hallo!

Und so was kriegt den Friedenspreis des deutschen Buchhandels... Wenn ich mir ansehen, das da früher für illustre Namen auf der Liste figurierten... (Gut, auch Hesse. Aber im Vergleich mit Lanier...)

Hesse, das passt schon. Allerdings findet sich auch Theodor Heuss dort - und das ist nun wirklich keine sehr ehrenwerte Gesellschaft. Lanier hat dort natürlich auch gar nichts verloren, es fehlt ihm völlig das intellektuelle Format.

lg

orzifar
« Last Edit: 04. Dezember 2014, 23.10 Uhr by orzifar »
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Re: Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft?
« Reply #10 on: 17. November 2014, 10.24 Uhr »
Mittlerweile das nächste Kapitel gelesen. Aber da hat er mich mit seinen merkwürdigen Dämmen um den Mittelstand, die irgendwie mal oben und mal unten waren, doch ziemlich verwirrt. Irgendwie will er damit den Mittelstandsverlust umschreiben, wenn ich das recht sehe. Allerdings ist der, so, wie er ihn beschreibt, auch in vielem ein US-Phänomen. Die Gewerkschaften, so wie er sie beschreibt, ebenfalls.

Gut, wir haben das US-amerikanische Universitätssystem übernommen; vielleicht schwappen ja noch andere Dinge übern Ozean...
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Re: Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft?
« Reply #11 on: 18. November 2014, 16.37 Uhr »
Wie er überhaupt gefühlte 2x pro Seite seine Beispiele wechselt. Das Ganze wirkt so sehr zufällig und zusammengeschustert. Notizen zu einem Buch, allenfalls.
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Re: Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft?
« Reply #12 on: 04. Dezember 2014, 19.50 Uhr »
Nicht, dass ich Lanier vergessen hätte - das Buch liegt immer noch auf meinem Nachttisch. Aber irgendwie brauche ich nach einer derart deftigen Dosis US-Amerikanismus' eine längere Pause.
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Re: Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft?
« Reply #13 on: 04. Dezember 2014, 23.12 Uhr »
Hallo!

Nicht, dass ich Lanier vergessen hätte - das Buch liegt immer noch auf meinem Nachttisch. Aber irgendwie brauche ich nach einer derart deftigen Dosis US-Amerikanismus' eine längere Pause.

Kann ich nachvollziehen. Außerdem wird das Buch mit zunehmender Seitenzahl keinesfalls besser - im Gegenteil. Ich habe es dann recht schnell fertig gelesen, um es hinter mir zu haben. Aber wahrscheinlich hätte ich meine Zeit sinnvoller verbringen können.

lg

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Re: Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft?
« Reply #14 on: 05. Dezember 2014, 19.53 Uhr »
Hallo!

Mach mir um Himmels Willen nicht noch Angst!  ;D

Grüsse

sandhofer
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