Hallo!
Aber vielleicht tue ich dem Buch auch Unrecht und auf den restlichen knapp 400 Seiten wird mir noch einiges an Aufklärung zuteil.
Ich erwarte dann Deine Resultate. Lanier ist auch auf meiner erweiterten "Muss-ich-mal-lesen"-Liste.
Wäre mir sehr recht, wenn du da auch mal einen Blick reinwerfen würdest. Denn je weiter ich lese, desto mehr komme ich zum Ergebnis, dass das Buch absoluter Mist ist. Ich habe - was ich selten mache - mir die durchwegs sehr positiven Kritiken auf amazon angesehen und festgestellt, dass es offenbar für die positive Beurteilung eines Buches ausreichend zu sein scheint, Facebook und Google zu kritisieren.
Ich jedenfalls halte Lanier für einen Schaumschläger, der substanzloses Gerede von sich gibt. Allenthalben wird Wissenschaftlichkeit auf dubiose Weise suggeriert (auf S. 276 findet sich ein Diagramm, in dem die y-Achse mit "Maß am Demokratie", die x-Achse mit "Kosten der Information" und eine Kurve, die an ihrer höchsten Stelle mit "die Hypothese des Buches" bezeichnet wird), wobei sich der geneigte Leser mit Recht die Frage stellt, was da aufgrund welcher Daten mit welchen Zahlen gleichgesetzt wird.
Die einzig bisher herauslesbare These ist jene der "Mikrozahlungen", die jeder für seine Beteiligung am Netz bekommen solle. Dass das die absolute Rückverfolgung jeder Äußerung, jeder Aktivität im Netz bedeuten würde scheint Lanier nicht zu stören (auch nicht der bürokratische Aufwand), über Einwände mogelt er sich hinweg, indem er bezüglich der Umsetzung seiner Vorschläge noch viele Unwägbarkeiten einräumt. Das liest sich etwa folgendermaßen (S. 367): "Es müsste einen speziellen Mechanismus geben, eine Art "Netz-Zentralbank". Ohne eine solche Einrichtung ist eine expandierende Wirtschaft nicht möglich. Neue Werte müssen in Form von neuem Geld repräsentiert werden, und dieses Geld muss irgendwie ins System gelangen." Ein "spezieller, zentraler Mechanismus" also, der "irgendwie Geld ins System bringt" - das klingt wie die Rede eines Parteivorsitzenden, inhalts- und substanzlos.
Oder Lanier entdeckt, dass staatliche Einrichtungen nicht ganz unnütz sind (das mag für die USA eine weltbewegende Erkenntnis sein), Probleme entstehen, wenn etwa Infrastruktur oder Gesundheitssystem privatisiert werden. (Nunja, so ganz hat sich die Unmöglichkeit der Privatisierung mancher Bereiche auch bei uns noch nicht herumgesprochen, etwa im Bereich der Pensionen (auch wenn man diesbezüglich seit 2008 ein bisschen klüger geworden ist): Die reine Existenzsicherung im Alter kann
nur der Staat über ein Solidaritätsprinzip übernehmen, da Privatanbieter in Konkurs gehen können. Und wer dann ausschließlich auf solche Anbieter angewiesen ist, wird - sofern der Staat nicht einspringt - verhungern müssen. Ergo können solche "Pensionsvorsorgen" immer nur Geldanlagen sein, nie aber die Grundsicherung übernehmen. In meiner ganz persönlichen Umgebung hat diese Privatvorsorge Anfang des Jahrtausends geboomt - mit dem Ergebnis, dass absolut
alle ihr Geld ganz oder teilweise verloren haben. Im übrigen wird in der Marktwirtschaft der Ruf nach dem Staat immer dann laut, wenn es entsprechende Krisen gibt. So hat man denn in Österreich die Verluste semi-privater Pensionsfonds nach 2008 brav staatlich ausgeglichen, da wurde das Credo von der ordnenden Hand des Marktes schnell mal vergessen.)
Dazu kommen noch die nicht hinterfragten Bekenntnisse zum Wirtschaftswachstum, wobei Lanier den größten ökonomischen Nutzen in einem prosperierenden Mittelstand sieht. Nun mag das so sein (oder auch nicht), aber solche Feststellungen müssen über den reinen Charakter des Postulats hinausgehen und begründet werden, etwas, worauf man in diesem Buch vergeblich wartet. Auch wenn es kein wirtschaftswissenschaftliches Buch ist (oder sein will): Grundkonzeptionen müssen vorgestellt und argumentativ unterfüttert werden, schon allein deswegen, weil dann die Schwierigkeiten "einfacher" Lösungen evident werden. Dieses Buch will "irgendwie" weltwirtschaftliche Gesamtlösungen vorschlagen, ohne sich mit Weltwirtschaft auch nur im geringsten auseinanderzusetzen. (Die Problematik von akzeptablen Lösungen liegt zu einem Gutteil im menschlich-philosophischen Bereich: So lange jeder Staat, jede größere oder kleinere Wirtschaftseinheit nur auf ihren eigenen Vorteil schaut (wunderbares Beispiel sind die verschiedensten Steueroasen von den Kanalinseln über Luxemburg bis nach Österreich und die Schweiz), werden Großverdiener nicht adäquat zum gesamten Volkseinkommen beitragen. Zu lösen wäre das nicht wirklich schwer - vorausgesetzt, dass jemand freiwillig auf ungerechtfertigte Vorteile verzichtet. "Die meisten Menschen wollen lieber schlaue Bösewichte als einfältige Ehrenmänner heißen; [...] Schuld an dem allen aber war die die Herrschsucht, die nur nach Macht und Ehre dürstete. [...]" Thukydides Buch III, 82 f., der dann auch viel ewig Gültiges über Eigennutz, Ehrgeiz etc. dazu schreibt. Gerade die Geschichte dieses Krieges (nebst allen wirtschaftlichen und politischen Intrigen) ist aktuell und Zeugnis dafür, wie wenig sich in den Köpfen der Menschen geändert hat. Aus der Distanz möchte man die involvierten Hellenen fragen, was denn dieser ganze unsinnige, todbringende Krieg bringt (gebracht hat), möchte man die kluge Haltung des Spätgeborenen einnehmen, um dann feststellen zu müssen, dass wir um nichts klüger sind. Die gegenwärtigen Missstände verdrängen, die vergangenen beschwören und feiern (wie etwa in diesen Tagen die Mauertoten, während im Mittelmeer die rezenten sudanesischen Flüchtlinge zu Hunderten ersaufen.))
Laniers Ausführungen sind jedenfalls wirr und ohne Struktur: Die Idee der "Mikrozahlungen" durchzieht sein Buch, ohne dass auch nur in Ansätzen klar würde, wie ein solches Konzept umzusetzen sei und warum es überhaupt so viel bessern würde (abgesehen davon, dass Facebook und Google nicht ganz so reich wären wie sie es sind). Ob die letzten 100 Seiten an diesem Eindruck der Unausgegorenheit irgendwas ändern werden wage ich zu bezweifeln.
lg
orzifar