Ich habe die ersten 35 Jahre meines Lebens in der DDR, in der Sowjetunion (darunter ein Jahr am Stück in Moskau und Leningrad) sowie in Polen und der Tschechoslowakei verbracht und könnte daher einiges aus der "Innensicht" mitteilen. Hingegen durfte ich bis 1989 nicht in den Westen reisen, habe überhaupt keine Verwandtschaft dort, musste persönliche Begegnungen mit Bundesbürgern melden und kannte auch niemanden "von drüben" näher. Aber darum soll es hier nicht gehen.
Vielmehr mache ich mir Gedanken darüber, wie ich jetzt möglicherweise eine Diskussion zustande bringe über:
Caroline von Wolzogen: Agnes von Lilien. Der Abdruck von Auszügen des Romans in den "Horen" begann im Oktober 1796; die fertige Ausgabe erschien erst 1798 in zwei Bänden. Von dieser Edition wurde 2013 durch Einscannen eine neue Ausgabe angefertigt (offenbar hat niemand Korrektur gelesen; an manchen Stellen wird das lange "s" falsch als "f" wiedergegeben).
Nachdem ich den Film "Die geliebten Schwestern" angesehen hatte, griff ich nochmals zu dem gesamten Roman. Mich hat der Roman von Anfang bis Ende gefesselt, durch etliche mich interessierende Motive in der Handlung, sogar eigene Lebenserfahrungen (Wirkungen des von Intriganten erweckten Zorns oder der Zuneigung von Greisen z.B.).
Da auch noch Beobachtungen zu anderen Beiträgen der "Horen" gebracht werden, könnte man daran denken, einen eigenen Diskussionsfaden zur "Agnes von Lilien" einzurichten, um hier die Debatten nicht zu sehr zu unterbrechen.
Am meisten beschäftigte mich - nach dem Filmerlebnis - natürlich die Frage der Autorschaft. Da fragt man sich schon, wie die Brüder Schlegel zu der Ansicht gelangten, der Roman sei von Schiller oder sogar von Goethe. Allzu verschieden ist der Stil der Caroline von Wolzogen von dem der Dioskuren.
Haben die Zeitgenossen, die so dachten, nur ein Gerücht in die Welt gesetzt, ohne den Text genauer gelesen zu haben? Ist der Anteil Schillers am Schreiben seiner Schwägerin vielleicht doch größer als man denkt? Hat man Goethe und Schiller zugetraut, in die Rolle einer schreibenden Frau zu schlüpfen und auch Ansichten wiederzugeben, die ihnen selbst fremd waren? Konnten sie etwa die "Vorsehungsgläubigkeit" der Heldin des Romans authentisch wiedergeben?
Heutzutage achtet man ja noch auf ganz andere Dinge. Mich interessierte schon, ob man dem Text anmerkt, dass er von einer Frau stammt, eventuell bei der Wiedergabe des Erlebnisses der Mutterschaft, oder ob Züge einer "weiblichen Psyche" durch eine Autorin der Schule der Sophie La Roche sichtbar gemacht werden.
Ich habe einst keine literaturwissenschaftlichen Lehrveranstaltungen erlebt und nicht Philologie studiert. Unter Umständen stören mich die Sentimentalität, stereotype und gequält wirkende Wendungen nicht so sehr wie Leser, die sich mehr im 20. und 21. Jahrhundert zu Hause fühlen.
Was meint Ihr, soll ich noch einen Thread zur Agnes von Lilien aufmachen oder erfüllen die Fortsetzungen in den "Horen" eher "bedenkliche" Leseerwartungen an die Fortsetzung der "Horen" und regen bloß dazu an, ein allgemeines Gähnen loszuwerden ...
