Author Topic: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller  (Read 255819 times)

Offline orzifar

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Hallo!

Ich mochte die "Lucinde" - aber wohl aus biographisch-sentimentalischen Gründen ;). Ob sie mir heute noch gefallen würde? (Die Widmung im Reclamheftchen ganz vorne ist jedenfalls nett :)).

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline sandhofer

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Ueber die Idee der Alten vom Schicksal.

Ein Jura-Professor, der sich als Philosophie-Historiker übt? So was ähnliches auf jeden Fall. Karl Heinrich von Gros (1765-1840) gibt seinen Artikel als ein Stück Philosophiegeschichte aus. In Tat und Wahrheit ist es eine kleine juristische Abhandlung über die Freiheit, eine Tat zu begehen oder eben nicht, und über die daraus resultierende Strafmündigkeit.

Wo er philosophisch tut, ist er argumentativ hilflos. Wo er juristisch wird, kann er nicht argumentieren, sondern nur des Täters Handlungs- und Zurechnungsfähigkeit festhalten. Mit den Alten und deren Schicksal hat das nur insofern zu tun, als er am Beispiel des Oedipus argumentiert. Dass er dabei alle Tiefen, die dieser Charakter besitzt, einebnet, zeigt halt nur, wie wenig ein Jurist vom Menschen verstehen muss...
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline Sir Thomas

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Ueber die Idee der Alten vom Schicksal.

Wo er philosophisch tut, ist er argumentativ hilflos.

... und verwirrend. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Vernunftarten (theoretische, praktische und moralische V.) werden nicht klar herausgearbeitet. Die "praktische" Vernunft, soviel habe ich immerhin verstanden, resultiert in der Aufstellung des Begriffs der Strafe - zumindest auf den Gebieten, wo keine Erfahrung (= theoretische Vernunft?) existiert. Ansonsten mäandert das Ganze um die Begriffe "Notwendigkeit/Schicksal" auf der einen und "Freiheit" auf der anderen Seite herum. Das führt zu obskuren Aussagen wie: Die Vernunft mußte unter dieser Voraussetzung [der des Schicksals] zwar nicht ihr Gesetz, aber doch die Erreichbarkeit ihres Endzwecks  als einen schönen Traum aufgeben, weil der bloße Mechanismus der Natur keine Hoffnung auf Übereinstimmung mit den Ansprüchen der Freyheit übrig läßt.

Wenig inspirierend und verzichtbar, dieser Aufsatz!

Offline Sir Thomas

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Über griechische und gothische Baukunst

Dieser Aufsatz des mir zuvor unbekannten Philosophen Lazarus Bendavid enthält eine Reihe nachvollziehbarer und reizvoller Gedanken. Was mich sehr erstaunt hat: Die zentralen Aussagen zur griechischen und gotischen Architektur finden sich fünfzig Jahre später bei Jacob Burckhardt und John Ruskin wieder - in den Werken "Die Zeit Constantins des Großen" bzw. "The Stones of Venice". Ob sie den Bendavid-Aufsatz kannten, ist wohl kaum herauszufinden.

Die von Bendavid entwickelte ästhetische Denkfigur der "Geschmackseinheit" zeigt, dass ein Künstler, im Unterschied zum Handwerker, einen allgemeinen Begriff seines Gegenstandes, ein Vorverständnis bzw. die Möglichkeit einer Geschmacksbildung a priori voraussetzen kann - vielleicht sogar voraussetzen muss, um nicht zum reinen Kunsthandwerker zu werden. Sehr anschaulich fand ich das Beispiel aus der Malerei (das Frauenverständnis Rubens' und Angelika Kauffmanns).

So schließt das achte Heft mit einer Betrachtung, die erneut sehr nach Schillers Geschmack gewesen sein dürfte.

 

Offline sandhofer

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Bendavid kenne ich als einen der Briefpartner Lichtenbergs. Er hat diesem gegenüber in den Briefen eine recht krude Theorie entwickelt, nach der der liebe Gott den Tempel zu Jerusalem - 3'000 Jahre, bevor die Wissenschaft das Prinzip des Blitzableiters kannte - schon mit dieser Technik gegen Blitzeinschläge geschützt haben könnte. Umso mehr bin ich gespannt auf diesen Artikel.  ;)
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Offline sandhofer

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So schließt das achte Heft mit einer Betrachtung, die erneut sehr nach Schillers Geschmack gewesen sein dürfte.

Ich denke schon, ja. Allerdings verblüffend, wie Bendavid ebenfalls zu einer politischen Analogie greift. Sehr zu Gunsten der Aristokratie, zugegeben. Und dass er die 'gothische' Baukunst offenbar in allem Ernst den Gothen und dem 5. Jahrhundert u.Z. zuweist ...
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Offline Sir Thomas

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So schließt das achte Heft mit einer Betrachtung, die erneut sehr nach Schillers Geschmack gewesen sein dürfte.

Ich denke schon, ja.

Allmählich nervt mich dieser Konformitätsdruck, der von Schiller ausging. Immer nur das Klassische, Schöne, Gute und Reine wirkt auf Dauer - langweilig. Wir stehen übrigens vor einer relativen Durststrecke, wenn ich das richtig gesehen habe. Das September-Heft enthält viele (Gelegenheits)Gedichte - und dann droht ab Frühjahr Goethes "Benvenuto Cellini" ...  :o

Offline sandhofer

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Wir stehen übrigens vor einer relativen Durststrecke, wenn ich das richtig gesehen habe. Das September-Heft enthält viele (Gelegenheits)Gedichte - und dann droht ab Frühjahr Goethes "Benvenuto Cellini" ...  :o

Einer absoluten, wenn ich das von meiner ersten Lektüre richtig in Erinnerung habe... :-\
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1795/VIII verortet.
« Last Edit: 01. September 2013, 14.10 Uhr by sandhofer »
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Das September-Heft enthält viele (Gelegenheits)Gedichte

Dafür hat es, wenn ich das richtig sehe, ein paar Seiten mehr als das vorhergehende ...  :teufel:
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Heft 9

Das Reich der Schatten


Von Schiller höchstpersönlich. Das Reich der Schatten ist auch das Reich der Heiterkeit. (Was m.W. der griechischen Konzeption nicht so ganz entspricht, jedenfalls sind die Schatten, die Odysseus besucht, nicht wirklich heiter, wenn ich mich recht erinnere.) Aber für Schiller ist das die Gelegenheit, das Reich der Schatten und damit der Heiterkeit mit dem Reich der Kunst gleich zu setzen.

Aber so wirklich überzeugt das Gedicht nicht. Kein Wunder, gehört es nicht zu denen, die wir von Schiller bis heute auswendig rezitieren...
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Offline sandhofer

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Beyträge zur Geschichte der neuern bildenden Kunst.

Der Kunscht-Meyer darf wieder einmal. Es sei ihm zu Gute gehalten, dass damals nicht jeder im Internet Kunstwerke eines jeden Malers einfach so abrufen konnte, Schilderungen davon also durchaus Sinn machten. Aber vielmehr als solche Schilderungen liefert Meyer leider nicht.

Auf die Geburt des Apollo.

Eines der minderen Gedichte von Goethe. Eigentlich - vom Thema her - müssten die Klassiker ja mit der Antike auf bestem Fusse stehen. Aber ausgerechnet eine Geburt, und dann noch eine offenbar ziemlich schwierige?

Schwarzburg.

Sophie Mereau. Eine nette Naturschilderung. Ich kenne die Gegend nicht, kann also wenig damit anfangen.
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Vor den Unterhaltungen habe ich für heute abgebrochen.  :angel:
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Offline sandhofer

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Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten

Noch mehr redaktioneller Unsinn, indem hier eigentlich nur die Coda zur vorherigen Erzählung folgt, und - das nun wieder ein gelungener Cliffhanger - ein Hinweis darauf, dass der alte Priester am Abend noch ein Mährchen erzählen wolle. Es scheint, als ob nur der alte Mann erzählen könne, während die beiden Frauen die hauptsächlichen Zuhörer bilden. Erzählungen und Kommentare der Hörer sind denn auch danach...
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Offline sandhofer

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Homer, ein Günstling der Zeit

Herder liefert hier ein Stück Literaturgeschichte. Es ist nicht uninteressant zu sehen, wie er die Rezeption Homers an verschiedenen inneren und äusseren Kriterien festmacht; Epochen der Kunst ebenso wie der politischen Geschichte heranzieht, um darzustellen, warum ausgerechnet Homer und warum ausgerechnet die Ilias und die Odysee "klassisch" werden konnten. Herder verfügt über seinen Stoff, da gibt es keine Frage.

PS. Mich wundert, dass Schiller den doch recht langen Aufsatz für die Publikation nicht gestückelt hat, wie er es doch meist tat. Hatte er Angst vor Herder?
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Offline Sir Thomas

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Heft 9

Das Reich der Schatten


Das Reich der Schatten ist auch das Reich der Heiterkeit. (Was m.W. der griechischen Konzeption nicht so ganz entspricht, jedenfalls sind die Schatten, die Odysseus besucht, nicht wirklich heiter, wenn ich mich recht erinnere.)

Das Reich der Schatten ist nicht zwingend mit Hades/Unterwelt etc. gleichzusetzen. Es handelt sich, so habe ich es zumindest gelesen, um einer Art Geisterwelt der (Lebens)Kunst. Deshalb kann sie heiter sein.

So schlecht finde ich dieses Gedicht nicht. Es ist der hymnische Sound der "Götter Griechenlands", der immer wieder durchschimmert. Ich kann nicht nachvollziehen, dass Schiller gern als maximal durchschnittlicher Lyriker dargestellt wird. Seine besten Ergüsse sind von hoher und selten erreichter Musikalität. Das macht sie für mich sehr anziehend.

Aber das ist vermutlich, wie so Vieles, einfach nur Geschmacksache.