Author Topic: Italo Svevo: Zenos Gewissen  (Read 17495 times)

Offline Gontscharow

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Italo Svevo: Zenos Gewissen
« on: 06. März 2011, 16.25 Uhr »

Hallo liebe Svevo-Leserundenteilnehmer!

Es ist der 6. März 2011. Der Zenos-Gewissen-Thread ist hiermit eröffnet!
 
Möge er mit vielen klugen Beiträgen gefüllt werden! :angel:

Offline Anita

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Re:Italo Svevo: Zenos Gewissen
« Reply #1 on: 07. März 2011, 13.14 Uhr »
Möge er mit vielen klugen Beiträgen gefüllt werden! :angel:

Hab mich deshalb nicht getraut  :-[ - aber ...

Hach, ich kann mit dem Buch genauso wenig anfangen wie mit "Senelita", der Humor erreicht mich nicht, der Protagonist geht mir auf die Nerven, diese Psychoanalyse ist so flach, also so überhaupt nicht unter der Oberfläche sondern so offensichtlich.

Wie geht es euch?

Vielleicht stoßt ihr mich ja noch mit der Nase auf Dinge, die ich einfach überlese, aber ich empfinde das Buch als äußerst seicht und lau ...

LG
Anita
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.  Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

Offline Gontscharow

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Re:Italo Svevo: Zenos Gewissen
« Reply #2 on: 07. März 2011, 16.35 Uhr »

So, das erste Kapitel Das Rauchen ist gelesen.

Quote from:  Zitat von orzifar
Ein wenig Sorge bezüglich der Leserunde hab ich auch: So ist Svevos Nähe zur Psychoanalyse (und die Nähe des Romans zu derselben) dazu angetan, mir ein bisschen Kopfzerbrechen zu bereiten.

Mir scheint die Sorge unbegründet. Mit Psychoanalyse werden wir wohl trotz anderweitiger Verlautbarungen kaum behelligt. Sie bildet nur den fiktiven Erzählanlass (Erzähler ist in psychoanalytischer Behandlung und soll seine Lebensgeschichte aufschreiben).

Wir scheinen es hier mit einem etwas skurrilen, hypochondrischen Helden zu tun zu haben, der sich in den Fallstricken seiner guten Vorsätze ( mit denen ja bekanntlich der Weg zur Hölle gepflastert ist) verheddert, sich mit an Watzlawick erinnernder dialektischer Spitzfindigkeit analysiert und durchschaut, um dann so weitermachen zu können wie bisher.

... aber ich empfinde das Buch als äußerst seicht und lau ...

Dieses erste Kapitel reißt mich auch noch nicht vom Hocker. Mal schauen, was das nächste Der Tod des Vaters bringt. Scheint ja vom Thema her interessanter >:D als die Raucherproblematik.


Wie weit bist du, Anita?

Offline Anita

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Re:Italo Svevo: Zenos Gewissen
« Reply #3 on: 07. März 2011, 19.17 Uhr »
Wie weit bist du, Anita?

Ich habe eben das Kapitel "Die Ehefrau und die Geliebte" begonnen.

Viel Spaß beim Vaterkapitel, der ja so schwach ist  ;D  ::)

LG
Anita
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Offline Anna

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Re:Italo Svevo: Zenos Gewissen
« Reply #4 on: 07. März 2011, 21.10 Uhr »
Möge er mit vielen klugen Beiträgen gefüllt werden! :angel:
Hab mich deshalb nicht getraut  :-[ - aber ...

Ja, in diesem Forum wird man intellektuell gnadenlos gefordert. ::)

Quote from:  Zitat von orzifar
Ein wenig Sorge bezüglich der Leserunde hab ich auch: So ist Svevos Nähe zur Psychoanalyse (und die Nähe des Romans zu derselben) dazu angetan, mir ein bisschen Kopfzerbrechen zu bereiten.

Mir scheint die Sorge unbegründet. Mit Psychoanalyse werden wir wohl trotz anderweitiger Verlautbarungen kaum behelligt.

Schon die drei vorangestellten Zitate, besonders die weisen Sätze Schopenhauers über den Menschen als der ewig tragikomischen Figur im Trauerspiel seines Lebens, lassen nicht gerade vermuten, dass der Autor vom Nutzen der Psychoanalyse überzeugt ist. Tragikomisch ist auch der Protagonist des Romans, der für seinen Lebensunterhalt nicht arbeiten muss und daher jede Menge Zeit hat, unaufhörlich um sich selbst zu kreisen. Seine Versuche, sich das Rauchen abzugewöhnen, entwickeln sich zur Zwangsneurose, stellen aber auch den ständigen, nie realisierten Wunsch dar, sein Leben zu ändern, ein „idealer, lebenstüchtiger“ Mensch zu werden. „Es ist ja so bequem, sich groß zu glauben – vermöge einer latenten Größe“ (S. 37). Auch dieser bequeme Glaube ist wohl ein typischer Zug von uns "läppischen Lustspielcharaktere(n)".

Ich bin jetzt beim zweiten Kapitel, in dem das lange Sterben des Vaters geschildert wird. Mich hat das Buch auch noch nicht in den Bann gezogen, aber ich finde es bis jetzt ganz amüsant zu lesen. Auf alle Fälle hat es mich daran erinnert, dass ich mir dieses Jahr mal wieder die „Welt als Wille und Vorstellung“ vornehmen wollte.

Gruß
Anna
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Offline Anita

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Re:Italo Svevo: Zenos Gewissen
« Reply #5 on: 07. März 2011, 22.11 Uhr »
Mich hat das Buch auch noch nicht in den Bann gezogen, aber ich finde es bis jetzt ganz amüsant zu lesen.

Du findest man könnte hier so ganz lapidar ein Buch einfach zur Unterhaltung lesen?  ;)

Okay mit diesem Gedanken könnte ich mich anfreunden, unterhaltsam ist es, obwohl ich oft mit den Augen rollen muss, denn ich mag auch Filme weniger vom Format "Nackte Kanone" u. a..

Ich versuche mal meine Gedanken zusammen zu tragen, tue mich damit aber meist schwer, denn wenn mich ein Buch derart reizt, verfalle ich schnell in Sarkasmus.

LG
Anita
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Offline sandhofer

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Re:Italo Svevo: Zenos Gewissen
« Reply #6 on: 08. März 2011, 07.53 Uhr »
denn wenn mich ein Buch derart reizt, verfalle ich schnell in Sarkasmus.

Macht doch nichts. Dann habe ich, der ich das Buch nicht kenne und nicht lese, wenigstens auch etwas vom Lesen Eurer Beiträge ...  ;D
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline Anita

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Re:Italo Svevo: Zenos Gewissen
« Reply #7 on: 08. März 2011, 12.07 Uhr »
Quote from: “sandhofer“
Macht doch nichts. Dann habe ich, der ich das Buch nicht kenne und nicht lese, wenigstens auch etwas vom Lesen Eurer Beiträge ... 

Ach, so einer bist du also. Nun gut, dann werde ich dir mal das Buch vorstellen:

Da ist zunächst dieser Doktor S, der sich im Vorwort zu Wort meldet und auch direkt einräumt, dass dem Leser „viele Überraschungen von Wahrheiten und Lügen“ aufgetischt werden.  In der Vorrede beginnt dann der Protagonist und Ich-Erzähler seine Geschichte von der Kindheit an nieder zu schreiben. Darauf folgt dann das Kapitel „Das Rauchen“. Und das erinnert mich dann an so einen Film mit Leslie Nielsen, der ganz verbohrt, ewig und immer, mit dem Rauchen aufhören will, die schrägsten Dinge anstellt um von dieser Sucht abzukommen, aber viel zu schwach ist, um wirklich aufzuhören. Selbst „die letzte Zigarette“ wird ihm zum Suchtritual, er versucht es mit Elektroschocks und Säure, in einer Anstalt … es ist einfach nur lächerlich, aber nicht witzig.

Es folgt das Kapitel „Der Tod meines Vaters“, welches ziemlich zu Beginn feststellt, dass der Ich-Erzähler >>die Stärke verkörpere und er (der Vater) die Schwäche<<. Ach das ist dann wirklich so offensichtlich nach diesem Rauchentzug, das bringt mich nicht zum Lachen, eher zum Weinen, ehrlich ich wollte das Buch beiseite legen. Und es ist ja auch in der Tat so, dass es genau darauf hinaus läuft … Was für ein Schwachkopf dieser Zeno ist, liest man dann in „Die Geschichte meiner Heirat“. Kurz zusammen gefasst (ich denke, damit verrate ich nicht zu viel, weil es auf der Hand liegt), von vier Töchtern, wovon er eine heiraten möchte, sucht er sich die Schönste aus, erhält letztendlich die Hässliche, und wird dennoch glücklich mit ihr.

So, ich werde nun mal weiter lesen, weil es a. schön groß geschrieben ist und b. ich es mit euch gemeinsam lesen kann.

LG
Anita
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Offline Gontscharow

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Re:Italo Svevo: Zenos Gewissen
« Reply #8 on: 08. März 2011, 14.54 Uhr »
Quote from:  Zitat von Anita: Heute um 12:07
... er versucht es mit Elektroschocks und Säure, in einer Anstalt

Huh, das klingt ja rabiat! Ich glaube, mit den elektrischen Anwendungen, die der gutmütige Doktor ihm verabreicht, sind keine Elektroschocks gemeint, sondern eine vergleichsweise harmlose Methode zur Behandlung von Neurasthenie (vgl. Anmerkung Ruhmkorffsche Röhre). Zenos Kummer ist es ja gerade, dass man seine Sucht nicht ernst nimmt, und er wegen Sekundärsymptomen, hier Schlaflosigkeit, behandelt wird. Die
Säure bekommt er wegen angeblicher Verdauungsschwierigkeiten verabreicht.
Auch in der Anstalt wird seinem Leiden nicht die Beachtung gezollt, die der Hypochonder sich wünschen würde.


Quote from:   Zitat von Anita: Heute um 12:07
Es folgt das Kapitel „Der Tod meines Vaters“, welches ziemlich zu Beginn feststellt, dass der Ich-Erzähler >>die Stärke verkörpere und er (der Vater) die Schwäche<<. Ach das ist dann wirklich so offensichtlich nach diesem Rauchentzug, das bringt mich nicht zum Lachen, eher zum Weinen, ehrlich ich wollte das Buch beiseite legen. Und es ist ja auch in der Tat so, dass es genau darauf hinaus läuft …

Hier verstehe ich nicht ganz: Was ist offensichtlich und worauf läuft es hinaus? ::)

Das Kapitel  Der Tod meines Vaters ist mMn dazu angetan, Lobsprüche wie „Italiens Beitrag zur literarischen Moderne“ u.ä. zu rechtfertigen. Es zeigt die Kommunikationslosigkeit zwischen Vater und Sohn, die Sprachlosigkeit des Vaters bei gleichzeitigem Anspruch, letzte Weisheiten zu verkünden. Seine Anflüge von Altersweisheit sind aber nur erste Anzeichen für seinen Gehirntumor! Das Kapitel zeigt Zenos Mittelmäßigkeit, seine geistige Trägheit, Feigheit, die jedoch Momente schonungsloser Ehrlichkeit und Selbstkritik nicht ausschließt. Erst nach dem Tod seines Vaters wird Zeno diesen "gebührend" lieben und verehren können, während er im Leben durch ihn eigentlich nur sekkiert war.
Das Kapitel endet mit einer  grotesken Szene, in der der sterbende entmündigte Vater im wahrsten Sinne zurückschlägt!
Die Schrulligkeit der Personen mildert hier, was bei anderen Dichtern des 20.Jahrhunderts (etwa bei Rilke und Kafka) eine Wendung ins Tragische nimmt.

Offline orzifar

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Re:Italo Svevo: Zenos Gewissen
« Reply #9 on: 08. März 2011, 16.08 Uhr »
Hallo!

Ich wollte für eine erste Einschätzung auch noch das zweite Kapitel über den Tod des Vaters abwarten. Nunja, bei mir macht sie so etwas wie gediegene Langeweile breit.

Die Rahmenhandlung (nebst psychoanalytischem Ansatz) ist - glücklicherweise - zu vernachlässigen. Es werden die Aufzeichnungen Zenos präsentiert, die er während seiner Behandlung durch einen Analytiker geschrieben hat und es soll wohl - anhand beispielhafter Themengebung wie etwa der Entwöhnung vom Rauchen - ein Bild dieses blasierten Müßiggängers von Kindheit bis Alter entworfen werden.

Sympathie kann man dem etwas weinerlichen, hypochondrischen höheren Sohn kaum entgegenbringen. Seine Rauchentwöhnversuche sind paradigmatisch - und ein Freund bemerkt treffenderweise, dass es sich bei all diesen seinen kapriziösen Veranstaltungen, vom Rauchen zu lassen, mehr um den Vorsatz handelt, um das ganze Brimborium rundherum denn um den tatsächlichen Willen von diesem seinem Laster loszukommen. Das Ganze als eine Art Vorwand, um sich die Langeweile zu vertreiben.

Das eine ist nun der Inhalt, das andere seine Darstellung. Mein Vergnügen beim Lesen war eher gering, zwischen leicht amüsiert und stirnrunzelnder Kenntnisnahme etwas abstruser Geschichtchen (wie jene von der notgeilen, alkoholabhängigen Pflegerin, wobei mir diese ganze Episode mit der freiwilligen Selbsteinschließung ein bisschen sehr konstruiert erscheinen wollte).

Das zweite Kapitel besser, aber wieder zu geschwätzig, in manchem (etwa der so sinnigen Ohrfeige des sterbenden Vaters) zu aufgesetzt metaphorisch. Aber hier gibt es schon auch beeindruckende Szenen, das selbstmitleidige Gejammer des Sohnes (wenngleich wieder ein wenig zu schwatzhaft), seine mühsamen Rationalisierungen des eigenen Verhaltens, die (von Gontscharow schon erwähnte) Kommunikationsunfähigkeit, manierierte Ichbezogenheit des Sohnes vermitteln ein eingängiges Bild dieses selbstgefälligen Müßiggängers. (Als Weltliteratur im Sinne eines großen Werkes würde ich das aber keinesfalls bezeichnen, um ein solches zu schaffen hätte es m. E. vieler Kürzungen, Straffungen bedurft, allzu aufgesetzt Sinnfälliges müsste gestrichen werden.)

Insgesamt für mich ein eher durchwachsenes Lesevergnügen, bei dem bislang die Langeweile überwiegt. Schmunzeln musste ich über ein Zitat auf der Rückseite, das diesen Roman als so "vergnüglich und spannend wie kaum ein anderes Werk der Weltliteratur" bezeichnet. Was liest der Herr Sebastian Fasthuber, von dem diese Zeilen stammen, ansonsten? Novellierungen der Strafprozessordnungen, Bauverhandlungsprotokolle, Gebrauchsanleitung für Videorekorder?

lg

orzifar

der im übrigen die erwähnten Schopenhauerzitate nicht in seiner Ausgabe gefunden hat.
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline Anita

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Re:Italo Svevo: Zenos Gewissen
« Reply #10 on: 08. März 2011, 17.04 Uhr »
Hier verstehe ich nicht ganz: Was ist offensichtlich und worauf läuft es hinaus?

Ich habe wieder sehr kryptisch geschrieben, weil ich nichts verraten wollte. Offensichtlich wie schwach Zeno ist und auch, dass er ein "Schwachkopf" ist, weil ich das Wort nochmals gebrauchen wollte, man könnte ihn auch als "Idiot" bezeichnen.

Quote from: orzifar
(Als Weltliteratur im Sinne eines großen Werkes würde ich das aber keinesfalls bezeichnen, um ein solches zu schaffen hätte es m. E. vieler Kürzungen, Straffungen bedurft, allzu aufgesetzt Sinnfälliges müsste gestrichen werden.)

Ganz genau. Übrigens wie dein ganzer Kommentar  ;)

LG
Anita

Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.  Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

Offline orzifar

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Re:Italo Svevo: Zenos Gewissen
« Reply #11 on: 08. März 2011, 19.20 Uhr »
Geschwätzig, schwatzhaft habe ich den Roman im letzten Posting genannt - und ich will präzisieren anhand einer - jetzt beliebig herausgegriffenen - Textstelle. Auf S. 94 meiner Ausgabe (Kapitel: Die Geschichte meiner Heirat) heißt es beim Tod des Schwiegervaters: "An seinem Grab galt mein Schmerz wie an allen Gräbern, an denen ich geweint habe, auch dem Teil von mir selbst, der dort begraben lag." Er beweint sich also - auch - selbst, trauert ob der Schmerzen, welche er als Trauernder ertragen muss, tut sich selbst ein wenig leid usf. Ein nicht seltenes Empfinden, aber mir ist eine solch explizite Ausführung unangenehm, ich will von solchen Gemütszuständen nicht auf diese etwas plump-direkte Art erfahren, sondern dezenter, verpackt in Bilder, welche vielleicht verschlüsselt, aber aufgrund der Beschreibungen dann sehr viel genauer jenen Zustand umschreiben, der den Leser nicken lässt, ja, genau so. Und weil die Welt der Guermantes näher rückt: Genau das macht die unglaubliche Qualität Prousts aus, der sich niemals zu solch platten Sätzen hergeben würde, der eben jene Bilder findet, die dann dieses Aha-Erlebnis auslösen (und ebenso wundervolle, wenn auch anders geartete Bilder findet Doderer für die Befindlichkeiten seiner Figuren). Natürlich ist diese Form der Beschreibung bei Svevo teilweise der Erzählstruktur geschuldet, aber auch Proust bedient sich - teilweise - eines Ich-Erzählers (wenn auch nicht in Reinkultur wie Svevo). Und natürlich sind die beiden genannten Schriftsteller wirkliche Größen. Aber eben genau das ist der Unterschied zwischen Svevo und Weltliteratur.

lg

orzifar
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Offline Anita

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Re:Italo Svevo: Zenos Gewissen
« Reply #12 on: 08. März 2011, 20.33 Uhr »
, aber mir ist eine solch explizite Ausführung unangenehm, ich will von solchen Gemütszuständen nicht auf diese etwas plump-direkte Art erfahren, sondern dezenter, verpackt in Bilder, welche vielleicht verschlüsselt, aber aufgrund der Beschreibungen dann sehr viel genauer jenen Zustand umschreiben, der den Leser nicken lässt, ja, genau so.

Das meinte ich mit: >>der Humor erreicht mich nicht, der Protagonist geht mir auf die Nerven, diese Psychoanalyse ist so flach, also so überhaupt nicht unter der Oberfläche sondern so offensichtlich.<< Ich kann so was auch nicht haben, wie gesagt mir ist dann eher zum weinen und es ist mir gar peinlich, peinlich in der Art, weil es so platt ist.

Es wird aber alles noch schlimmer  ;D

Außerdem erinnert das Werk immer mehr an "Senelità", die Vergreisung eines jungen Mannes. Das Zitat von orzifar >>an denen ich geweint habe, auch dem Teil von mir selbst, der dort begraben lag.<< gibt das auch schön wieder. Zeno sieht sich ja selber schon mit einem Bein im Grab. Svevo setzt ja senil mit ohne Tatkraft und Durchsetzungsvermögen, einen Entschluss nicht durchsetzen zu können, gleich. Irgendwie geistert auch hier wieder diese abstruse Verwechselung herum.

LG
Anita
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Offline Anna

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Re:Italo Svevo: Zenos Gewissen
« Reply #13 on: 08. März 2011, 21.14 Uhr »
der im übrigen die erwähnten Schopenhauerzitate nicht in seiner Ausgabe gefunden hat.

Ich habe mich auch geirrt. Die drei Zitate, die aus der „Welt als Wille und Vorstellung“, dem „Mann ohne Eigenschaften“ und aus einer Kritik Thomas Manns über den MoE stammen, stehen gar nicht direkt vor dem Roman Svevos, sondern vor dem Vorwort von Francois Bondy und sind offenbar von ihm ausgewählt worden.

Das Buch ist für mich bis jetzt keine Offenbarung, aber gar so langweilig finde ich es auch wieder nicht, es lässt sich zumindest ganz gut herunterlesen. Ich muss orzifar allerdings zustimmen, der Roman kommt wirklich ein wenig geschwätzig und streckenweise auch zu platt daher. Wie ganz anders ist da die Erzählökonomie Thomas Manns im „Zauberberg“, dessen letzte Kapitel ich gerade lese: Eine weitschweifige, sich in viele Einzelheiten verlierende Erzählung, bei der doch kein Wort überflüssig ist (mal abgesehen vom zweiten Teil des „Schnee“-Kapitels, in dem Thomas Mann es auch etwas an Dezentheit fehlen lässt). An der Stelle, wo Zeno Ada kennen lernt, musste ich übrigens auch sofort an Proust denken. Wie Swann oder der Ich-Erzähler in der „Mädchenblüte“ verliebt sich auch Zeno nicht in das Mädchen selbst, sondern in seine Vorstellung von ihr. Aber wie subtil und vielschichtig, vor allem wie elegant wird das bei Proust geschildert, während  Svevos Erklärungen psychologischer Vorgänge doch etwas grobschlächtig wirken.

Ich vermisse auch so etwas wie Stimmung oder Atmosphäre in dem Buch, also etwas, was zwischen den Zeilen mitschwingt. So wirkt beispielsweise die Sterbeszene des Vaters, obwohl sie ausführlich geschildert wird, auf mich sehr nüchtern und "stumpf".

@ Anita, ich kenne ja Deine Abneigung gegen zaudernde, hypochondrische Anti-Helden, aber ein Idiot ist Zeno denn doch nicht, er ist durchaus zur Selbstanalyse und Selbstkritik fähig, und das sind Idioten im allgemeinen nicht. ;)

Gruß
Anna
« Last Edit: 08. März 2011, 21.39 Uhr by Anna »
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Offline Gontscharow

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Re:Italo Svevo: Zenos Gewissen
« Reply #14 on: 09. März 2011, 00.34 Uhr »
Die Vergleiche mit Manns, Doderers und Prousts Romanen finde ich unfair! ;D Wie ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen!
Zeno Cosini ist doch ein ganz anderes Genre, ein Bericht, eine Innenschau, eine Beichte mit Anklängen übrigens, wie ich finde, an den Schelmenroman! Das ist kein opulentes Gesellschafts-und Sittengemälde, mit Stimmung und Atmosphäre werden wir nicht verwöhnt, das stimmt. Wie in Pessoas Buch der Unruhe spielen sich die Dramen im Inneren ab, die Außenwelt fungiert als Kulisse. Irgendwo habe ich in Bezug auf Svevo den Begriff Literarischer Minimalismus gefunden, das passt ganz gut, finde ich.
Bei dem, was da manchmal arglos, manchmal dumm-dreist daherkommt, sollte man vielleicht mit dem Urteil platt etwas vorsichtig sein, oft ist es raffinierter und vielschichtiger, als es den Anschein hat, und die Plattheit liegt im Auge des Betrachters.

Mit Claudio Magris, dem Triester Literaten, hoffe ich, den Roman in seiner ganzen dämonischen Größe noch zu entdecken. >:D