Author Topic: Italo Svevo: Zenos Gewissen  (Read 17497 times)

Offline Anna

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Re:Italo Svevo: Zenos Gewissen
« Reply #15 on: 09. März 2011, 09.11 Uhr »
Die Vergleiche mit Manns, Doderers und Prousts Romanen finde ich unfair!

Sehr unfair! Aber da ich gerade Mann und Proust lese, drängen sich solche Vergleiche unwillkürlich auf. Außerdem wird Svevos Roman mittlerweile ebenfalls zur Weltliteratur gerechnet und muss sich Vergleiche gefallen lassen. Natürlich, im Roman geht es um die Innenschau eines ganz auf sich selbst konzentrierten Neurotikers, nicht um ein breites Gesellschafts- und Zeitgemälde (mit den Anklängen an den Schelmenroman magst Du übrigens Recht haben). Wenn literarischer Minimalismus bedeutet, viele Worte, aber wenig Atmosphäre und treffende Bilder, dann ist Svevo minimalistisch. Bis jetzt bietet der Roman inhaltlich, sprachlich und gedanklich noch nicht viel Beeindruckendes oder Originelles, wenn ich ihn auch für lesenswerter halte, als unsere beiden Mitstreiter es tun.

 
die Plattheit liegt im Auge des Betrachters.

 >:D ;D

Mit Claudio Magris, dem Triester Literaten, hoffe ich, den Roman in seiner ganzen dämonischen Größe noch zu entdecken.

Ich bin auch noch guten Mutes.

Gruß
Anna
« Last Edit: 09. März 2011, 09.31 Uhr by Anna »
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Offline orzifar

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Re:Italo Svevo: Zenos Gewissen
« Reply #16 on: 09. März 2011, 13.22 Uhr »
Irgendwie habe ich eine solche Entgegnung befürchtet: Wer Schwächen eines Textes kritisiert, hat sie bloß nicht in ihrer ganzen Tiefsinnigkeit durchschaut, denn eigentlich sind diese Schwächen gewollt und in dieser ihrer Gewolltheit von raffiniertem Doppelsinn ;). Diesen zu erkennen war dem Kritisierenden nicht gegeben - der Text und dessen subtiles Arrangement sind ihm verborgen geblieben. Platt ist doppeldeutig und vielschichtig, keinesfalls aber ist platt --- platt. Außerdem erzielt man durch eine solche Argumentation einen Immunisierungseffekt, da mit dem Hinweis auf das Verborgene und Raffinierte dem Kritisierenden eine Art Unfähigkeit unterstellt wird, die ihn nicht hinter die Kulissen (der Eingeweihten?) blicken lässt. Gelingt ihm dies, kann er nur loben, gelingt es ihm nicht, kann man ihn nur bedauern: Er versteht's halt nicht. 1

Anderes Genre? Andere Innenansichten als jene der Recherche? Welchen verborgenen kleinsten Fältchen seiner Seele spürt der Erzähler denn nicht - neurotisch - nach, was wird da nicht alles zutage gefördert, erinnert? Und warum fiele es Proust niemals ein, eine solch sinnige Ohrfeige zu erfinden für die Todesstunde? Natürlich sind die Genannten Größen und ein Vergleich muss fast zwangsläufig zu ungunsten des Betroffenen ausfallen. Annas Vergleich bezüglich der Mechanismen von Verliebtheiten aber treffen m. E. trotzdem ins Schwarze, weil sie den Unterschied illustrieren. Mag durchaus sein, dass Svevo etwas anderes wollte, eine andere Form der Darstellung - was auch immer: Ich kann einfach nicht sagen, dass ihm dies bisher gelungen wäre. Aber ich möchte nach 100 Seiten noch kein Resumee ziehen, vielleicht kann ich nach Kenntnis der Gesamtkonzeption tatsächlich mehr Raffinement entdecken. Bislang aber könnte ich wirklich nicht sagen, was ein Wort wie "Weltliteratur" rechtfertigen würde, ich meine hunderte Romane gelesen zu haben, die diesem das Wasser reichen können. Literarischer Minimalismus ist ein recht treffendes Bild, wenn ich den Ausdruck auch ein wenig anders zu interpretieren vermeine.

lg

orzifar

1) Das erinnert mich nun an jene Zeit, von der Henisch erzählt: Wie oft war da die Rede in Diskussionen von Tief- und Doppelsinn, von Hintergründigem, das sich verberge hinter vermeintlich einfachen Texten. Während man, weil man den Schreiber derselben kannte, wohl wusste, dass der bestenfalls mal tief ins Glas geguckt hatte, aber das leider alles war, was der Autor bezüglich Tiefe bieten konnte. Und vice versa: Man schreibe einen Metatext, Buchstaben- und Wortkaskaden, alphabetisch geordnet und tiefsinnsschwanger vorgetragen, sodass des Lobens und Staunens nicht genug sein konnte bei soviel Scharfsinn. Passiert etwa, wenn man bei der Dichterlesung seine Manuskripte nicht findet und am Schanktisch mal schnell was zusammenkloppt für das bereits wartende Auditorium. Schwarzer Afghane als Phantasieansporn inklusive. Soll sich genau so schon ereignet haben ...
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Offline Anita

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Re:Italo Svevo: Zenos Gewissen
« Reply #17 on: 09. März 2011, 13.50 Uhr »
Hallo,

auch Wilhelm Genazino sagt in seinem Nachwort: >>; mancher seiner Texte ist so leicht und einfach, daß er kaum mehr als die Ansprüche gehobener Unterhaltung zu erfüllen scheint. ... Svevos literarische Liebenswürdigkeit hat schon manchen Leser verführt, seinen Ernst und seine ausweglose Wahrhaftigkeit nicht zu sehen. Aber Svevos Werk hat viele Seiten; wir wollen ihm nicht dieses oder jenes Etikett aufkleben, an denen es auch seinem Werk nicht fehlt, sondern seine epische Welt kennenlernen.<< und dann fängt er an zu schwafeln, weiter habe ich noch nicht gelesen.

Ähnlich geht es dem Leser mit "Senelità", wo natürlich der Manesse-Verlag das Werk lobt, aber nicht recht begründet warum, und auch diejenigen, die über das Werk schreiben, wie Siegfried Lenz, keine eindeutigen Worte finden, was denn nun wirklich gut an dem Werk sei.

Ich frug eingehens, bitte weist doch meine Nase darauf hin, vielleicht bin ich zu dumm, aber was macht diesen Svevo so lesenswert?

Meine Vermutung ist, dass Svevo ein neues Genre eröffnete, denn seine Werke sind ca. 100 Jahre alt und die Werke, die wir mit ihm vergleichen immer jünger. Er hatte eine Vision, die er stümperhaft umgesetzt hat, andere nahmen es auf, machten es aber um Längen besser. Damit hätte er seine Berechtigung auf dem literarischen Markt, aber er schrieb keine Weltliteratur  ;)

LG
Anita
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Offline orzifar

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Re:Italo Svevo: Zenos Gewissen
« Reply #18 on: 10. März 2011, 23.06 Uhr »
Für mich ist das mittlerweile zur Qual geworden, ich bin grade mal auf S. 145 und stöhne unter der Last der restlichen 450 Seiten. Werde die Leserunde möglicherweise nicht beenden, fortgesetzte Langeweile hoch drei, wie Gurgeln mit lauwarmen Kamillentee  ::).

lg - orzifar
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Offline Gontscharow

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Re:Italo Svevo: Zenos Gewissen
« Reply #19 on: 11. März 2011, 09.47 Uhr »

Werde die Leserunde möglicherweise nicht beenden

Och, du wirst doch vor einem Stück Weltliteratur  >:D nicht kapitulieren!
Auf  Seite 145 bist du? Nach dem verwechslungskomödienhaften Eiertanz um die vier Malfenti-Schwestern  wird es wieder besser!

Ja, der Text stellt einige Anforderungen an die Geduld des Lesers. Vor allem auch wegen der Sprache, wie ich finde! Holprig, abgehackt, staccatohaft, oft ist der Zusammenhang zwischen den Sätzen uneindeutig.

Quote from: Datum/Zeit: 08. März 2011, 21.14 Uhr
Autor: Anna
Das Buch …. lässt sich zumindest ganz gut herunterlesen.


Tja, Anna, du  liest ja auch die Übersetzung von Piero Rismondi, wir anderen die modernere hochgelobte von Barbara Kleiner:
 
In dem Bemühen, mit einem gefälligen Text die Aufnahme in Deutschland zu befördern, glättete und schönte Piero Rismondo, der erste Übersetzer, den Stil und Text Svevos, ließ ganze Abschnitte weg und griff stellenweise bis zur Unkenntlichkeit in den Roman ein. Die neue Übersetzung von Barbara Kleiner folgt dem Original Svevos philologisch präzise und läßt zum ersten Mal Svevos sprachliche Eigenarten, seine Komik und eine Ironie hervortreten, die alle Nuancen zwischen Sarkasmus und Heiterkeit kennt.
(Klappentext)

Ich lese die zweisprachige Ausgabe von Zweitausendeins, die mir mit ihren rund 1200 Seiten Gelenkschmerzen verursacht und außerdem mit der (gewollt) holprigen Sprache der Übersetzung meinen Lesefluss hemmt. Ich finde, Barbara Kleiner übertreibt’s vielleicht ein bisschen mit der Authentizität und philologischen Genauigkeit. Manches finde ich im italienischen Originaltext (obwohl es nicht meine Sprache ist und ich auch des Triestinischen nicht mächtig bin) geschmeidiger, klarer und besser verständlich!

Offline Anita

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Re:Italo Svevo: Zenos Gewissen
« Reply #20 on: 11. März 2011, 10.37 Uhr »
Zu den bisherigen Hemmnissen, ich kann mit Svevo nichts anfangen plus Augenprobleme, hat sich noch ein neuer hinzu reiht, beim Umzug tut sich endlich was, kann/wird es auch bei mir sein , auch nach über 300 Seiten, dass ich das Buch beiseite lege.

Ab Sonntag bin ich wieder für eine Woche unterwegs, ich weiß nicht wie oft ich vorbei schauen kann ...

LG
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Offline Gontscharow

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Re:Italo Svevo: Zenos Gewissen
« Reply #21 on: 11. März 2011, 15.33 Uhr »

Anstatt mich weiter mit Zenos Gewissen zu beschäftigen, habe ich mich gestern in einen Roman vertieft, der ebenfalls im merkantilen Milieu einer mittelgroßen Hafenstadt spielt und den Niedergang ihres Bürgertums nachzeichnet. Mein Augenmerk war besonders auf eine Gestalt gerichtet, lebensuntüchtig, wenngleich aus dem Besitzbürgertum stammend, unfähig zu bürgerlichem Broterwerb, geschweige denn zu unternehmerischem verantwortungsvollen Handeln, störend und allen auf die Nerven gehend, peinlich, lächerlich, sich in Krankheiten flüchtend: ja - auf Christian Buddenbrook. Die ganze Zeit während der Zeno-Lektüre hatte mich das Gefühl begleitet, die Gestalt Zenos - über ihre Zugehörigkeit zum Typus des passiven Anti-Helden hinaus - irgendwoher schon zu kennen.
Die Übereinstimmungen gehen bis in Einzelheiten: Das zu früh sich lichtende Haar (übrigens auch Svevos Problem) die psychosomatischen Ticks, die linke Seite, die bei Bedarf schmerzt( bei Christian sind die Nerven dort zu kurz , bei Zeno, glaub ich, ist was mit der linken Hüfte), die Untragbarkeit im väterlichen Geschäft, der Hang zur Kunst (auch Zeno kratzt ja auf der Geige) usw...
Und doch: Christian ist nur eine Nebenfigur, in Zaum gehalten durch seine Familie, besonders seinen sich gegen die Entwicklung noch stemmenden Bruder, er ist dessen etwas clowneske lächerliche Variante. Und alles wird vermittelt durch einen bedächtigen, verlässlichen Erzähler!
Ja, und zwanzig Jahre ( und einen Weltkrieg ) später ist diese Nervensäge zum Protagonisten und Erzähler geworden (man könnte auch sagen, Svevo hat den Mut gehabt, ihn zur Hauptperson zu machen), aus dessen seltsamer Perspektive wir die Welt sehen.
Im Anschluss an die Buddenbrooks-Lektüre habe ich noch etwas im Zeno Cosini gelesen. Es war, als wäre man aus einem mit Stativ-Kamera in einen mit Handkamera gedrehten Film übergewechselt.

__________________
@ Anita: Viel Erfolg, was die Umzugspläne betrifft!

Offline Anita

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Re:Italo Svevo: Zenos Gewissen
« Reply #22 on: 11. März 2011, 16.59 Uhr »
Im Anschluss an die Buddenbrooks-Lektüre habe ich noch etwas im Zeno Cosini gelesen. Es war, als wäre man aus einem mit Stativ-Kamera in einen mit Handkamera gedrehten Film übergewechselt.

Hast du also auch dieses szenische Gefühl bei Svevo, sprich filmmäßig. Als du von dem Staccato-Stil bei der Übersetzung von Kleiner sprachst, kam mir direkt der Gedanke, ja da haben wir den Grund: gehetzt und atemlos, gar nicht mehr richtig beschreibend, sondern ein Dahinwerfen.

Ich kann meist nur schreiben was ich beim Lesen empfinde, dass dahinter dann diese oder jene Literaturtheorie steht, darauf weisen mich meist andere hin  ;D

Ist daraus dann später der Bewusstseinsstrom entstanden?

LG
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Offline orzifar

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Re:Italo Svevo: Zenos Gewissen
« Reply #23 on: 11. März 2011, 17.30 Uhr »
ja - auf Christian Buddenbrook. Die ganze Zeit während der Zeno-Lektüre hatte mich das Gefühl begleitet, die Gestalt Zenos - über ihre Zugehörigkeit zum Typus des passiven Anti-Helden hinaus - irgendwoher schon zu kennen.

Den Christian habe ich nie als Nervensäge empfunden, eher liebenswert (gut, man kann beides sein: Liebenswert und nervend), der hat alles, dessen Zeno ermangelt: Er ist witzig, traurig, seltsam, tragisch. Der Vergleich ist sehr gut gewählt und macht klar, welch exorbitante Unterschiede zwischen diesen Werken bestehen. Bzw. zwischen Mann und Svevo.

lg

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Re:Italo Svevo: Zenos Gewissen
« Reply #24 on: 11. März 2011, 21.06 Uhr »
Tja, Anna, du  liest ja auch die Übersetzung von Piero Rismondi, wir anderen die modernere hochgelobte von Barbara Kleiner:

Von Rismondis eigenwilliger Bearbeitung des Texts habe ich auch gelesen, natürlich erst, nachdem ich das Buch gekauft habe. Normalerweise ärgern mich solche Eingriffe sehr, aber in diesem Fall scheinen sie der Lesbarkeit des Romans zugute gekommen zu sein, denn „Zeno Cosini“ in meiner Version wird es zwar sicher nicht unter meine Top 10 schaffen, aber so furchtbar langweilig finde ich ihn auch nach dem fünften Kapitel nicht. Die psychologischen Beobachtungen sind ja durchaus richtig, die Selbsttäuschungen, die Stimmungsschwankungen, die Eigentümlichkeit von Gefühlen (wenn es beispielsweise Zeno nicht weiter belastet, dass er seinen Rivalen Guido beinahe von der Mauer gestoßen hätte, wohl aber, dass er indiskreterweise Augusta von Guidos Hass auf die Frauen erzählt hat). Apropos Frauenhass: Otto Weiningers „Geschlecht und Charakter“ scheint einigen Einfluss auf die Schriftsteller jener Zeit ausgeübt zu haben, jedenfalls stolpere ich immer wieder über seinen Namen.

Auf die Parallelen zu Christian Buddenbrook bin ich gar nicht gekommen. Ich habe Zeno eher mit dem Ich-Erzähler bei Proust verglichen. Beide sind ja ähnlich verzärtelt, hypochondrisch und neurotisch. Auch wenn die Erzählintention bei Proust eine andere ist, fällt die Beschreibung der eigenen Gefühlslage und der Verhaltensweise anderer Personen bei ihm erheblich diffiziler und feinfühliger aus als bei Svevo. Auch Humor und Ironie sind mir im „Zeno“ zu grob gestrickt. Allein schon die Sache mit den drei Heiratsanträgen am selben Abend ist viel zu übertrieben und erscheint einfach idiotisch. Da lobe ich mir die subtile Ironie Prousts oder die Fähigkeit Thomas Manns, all seine Personen mehr oder weniger zu karikieren, ohne aus ihnen Witzfiguren zu machen. Zeno Cosini dagegen wirkt wie ein ziemlich nervtötender Hanswurst.

Auch von dem Schauplatz der Handlung bekommt man wenig mit. Bei Proust hat man Combray, Balbec und die Pariser Salons vor Augen stehen, Svevos Triest, dem die Herausgeber im Anhang meines Buchs eigens einen Aufsatz gewidmet haben, ist zumindest im ersten Drittel des Romans kaum gegenwärtig.

Aber gut, das kann ja noch kommen. Ich werde es jedenfalls weiter zwingen.

Gruß
Anna
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Re:Italo Svevo: Zenos Gewissen
« Reply #25 on: 12. März 2011, 16.37 Uhr »
Das Leseerlebnis des Jahres wird aus diesem Buch nimmermehr. Das ganze Geschreibsel mutet wie ein Entwurf zu einem Roman an, übergangslos wird von einer Szene zur anderen gehampelt, wie in einer Ideensammlung, die Handlungen sind motivationslos und selbst nach über 200 Seiten hat man überhaupt keinen Eindruck vom Verhältnis der Figuren zueinander, manche Bemerkungen kommen für mich völlig überraschend (etwa, wenn der Protagonist plötzlich feststellt, das ihm seine Schwiegermutter zuwider ist, was sich aus dem Vorangehenden überhaupt erschließen lässt). Oder sein Verhältnis zu Guido, von Mordgedanken bis Freundschaft wechselt da alles kunterbunt durcheinander - innerhalb kürzester Zeit, und weder das eine noch das andere ist aus dem Handlungsverlauf plausibel zu erklären. Dazu immer wieder Einleitungssätzchen, die in ihrer Naivität an die Behandlung von Schulaufsätzen erinnern ("Mein schönstes Ferienerlebnis"). Raffiniert? - daran kann ich schon deshalb nicht glauben, weil es in diesem Roman bisher wirklich nichts, aber schon gar nichts gibt, was nur im entferntesten auf eine solche Raffinesse schließen ließe.

lg

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Re:Italo Svevo: Zenos Gewissen
« Reply #26 on: 12. März 2011, 18.10 Uhr »
Zwei Beispiele für diese unausgegorene Schreibweise: Auf S. 235 heißt es: "Ich weiß nicht, warum ich ihm nicht sagen wollte, daß mir jede Zügellosigkeit fernlag, und zwar schon seit geraumer Zeit." Eine Seite später denkt er mit der "Schauder des Begehrens an alle Frauen", die er der eigenen wegen vernachlässigt und führt dann weiter aus, wie wichtig die sekundären Geschlechtsmerkmale dieser Fremden sei usf.

S. 240: Er will sich vor einer "lästigen Angelegenheit" drücken, nämlich die Dankesbekundungen einer Frau entgegenzunehmen, zwei Absätze später ist er "gut gelaunt, denn ich ging ja die meiner Menschenfreundlichkeit geschuldete Dankbarkeit einsammeln". Wenn er trotz vorher in Abrede gestellter "Zügellosigkeit" (müsste man wohl definieren) mit der jungen Dame ein Verhältnis anfangen würde, wäre meine Verwunderung gering zu nennen.

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Re:Italo Svevo: Zenos Gewissen
« Reply #27 on: 15. März 2011, 00.04 Uhr »
Mich beschleicht ein grauenhafter Verdacht: Ich bin der einzige auf der Svevoschen Folterbank, alle anderen sitzen im Auditorium und delektieren sich hohnlachend an meinem Schmerzensgeschrei ...

« Last Edit: 15. März 2011, 00.11 Uhr by orzifar »
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Re:Italo Svevo: Zenos Gewissen
« Reply #28 on: 15. März 2011, 04.43 Uhr »
Mich beschleicht ein grauenhafter Verdacht: Ich bin der einzige auf der Svevoschen Folterbank, alle anderen sitzen im Auditorium und delektieren sich hohnlachend an meinem Schmerzensgeschrei ...

 ;D ;D ;D

Ich komme nicht so recht voran. Momentan habe ich Besuch von zwei munteren Mädchen aus Deutschland, die mich mit den witzigen Schilderungen ihrer diversen Liebesabenteuer erheblich besser unterhalten als Zeno mit seiner lang und breit erzählten Ehebruchsgeschichte. Heute versuche ich, das sechste Kapitel zu beenden, aber allmählich beginnt mich der Roman auch zu langweilen. Bei seinem Erscheinungsdatum 1923 mag das anders gewesen sein, aber heute bietet diese ganz auf sich selbst fixierte Nabelschau des Protagonisten nichts Neues oder Interessantes mehr. Auch wenn die Gedankensprünge und Stimmungsschwankungen Zenos eine Vorform des stream of consciousness sein mögen, ist – wie orzifar schon sagt - sein Wankelmut streckenweise nicht mehr nachzuvollziehen. Gedanken und Verhalten Zenos wirken völlig kindisch. Mir fehlt nach wie vor das Drumherum, also Lokalkolorit, Atmosphäre usw. Die Schilderung des Ehebruchs zieht sich hin, ohne einen durch psychologischen Scharfsinn zu frappieren. Das habe ich alles schon besser (und kürzer) dargestellt gelesen.

Gruß
Anna
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Re:Italo Svevo: Zenos Gewissen
« Reply #29 on: 15. März 2011, 21.02 Uhr »

Hallo liebe Svevo- Leserundler!

Ihr seid nicht allein! Bei den grauenvollen Nachrichten der letzten Tage konnte ich mich einfach nicht auf Literatur - schon gar nicht auf Svevo konzentrieren.

Vielleicht morgen wieder...

Herzlich grüßt
G.