Anstatt mich weiter mit Zenos Gewissen zu beschäftigen, habe ich mich gestern in einen Roman vertieft, der ebenfalls im merkantilen Milieu einer mittelgroßen Hafenstadt spielt und den Niedergang ihres Bürgertums nachzeichnet. Mein Augenmerk war besonders auf eine Gestalt gerichtet, lebensuntüchtig, wenngleich aus dem Besitzbürgertum stammend, unfähig zu bürgerlichem Broterwerb, geschweige denn zu unternehmerischem verantwortungsvollen Handeln, störend und allen auf die Nerven gehend, peinlich, lächerlich, sich in Krankheiten flüchtend: ja - auf Christian Buddenbrook. Die ganze Zeit während der Zeno-Lektüre hatte mich das Gefühl begleitet, die Gestalt Zenos - über ihre Zugehörigkeit zum Typus des passiven Anti-Helden hinaus - irgendwoher schon zu kennen.
Die Übereinstimmungen gehen bis in Einzelheiten: Das zu früh sich lichtende Haar (übrigens auch Svevos Problem) die psychosomatischen Ticks, die linke Seite, die bei Bedarf schmerzt( bei Christian sind die Nerven dort zu kurz , bei Zeno, glaub ich, ist was mit der linken Hüfte), die Untragbarkeit im väterlichen Geschäft, der Hang zur Kunst (auch Zeno kratzt ja auf der Geige) usw...
Und doch: Christian ist nur eine Nebenfigur, in Zaum gehalten durch seine Familie, besonders seinen sich gegen die Entwicklung noch stemmenden Bruder, er ist dessen etwas clowneske lächerliche Variante. Und alles wird vermittelt durch einen bedächtigen, verlässlichen Erzähler!
Ja, und zwanzig Jahre ( und einen Weltkrieg ) später ist diese Nervensäge zum Protagonisten und Erzähler geworden (man könnte auch sagen, Svevo hat den Mut gehabt, ihn zur Hauptperson zu machen), aus dessen seltsamer Perspektive wir die Welt sehen.
Im Anschluss an die Buddenbrooks-Lektüre habe ich noch etwas im Zeno Cosini gelesen. Es war, als wäre man aus einem mit Stativ-Kamera in einen mit Handkamera gedrehten Film übergewechselt.
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@ Anita: Viel Erfolg, was die Umzugspläne betrifft!