Im Anschluss an die Buddenbrooks-Lektüre habe ich noch etwas im Zeno Cosini gelesen. Es war, als wäre man aus einem mit Stativ-Kamera in einen mit Handkamera gedrehten Film übergewechselt.
Hast du also auch dieses szenische Gefühl bei Svevo, sprich filmmäßig ... gehetzt und atemlos, gar nicht mehr richtig beschreibend, sondern ein Dahinwerfen.
Ja, das wollte ich mit dem Bild der Stativ- und der Handkamera andeuten: Während in den
Buddenbrooks ein Erzähler quasi von einer höheren Warte aus sichtet, filtert und das Verhalten der Personen in ein Ganzes einordnet, ist der Leser von
Zenos Gewissen den Ergüssen des Protagonisten direkt und unvermittelt ausgesetzt und muss dem Zickzackkurs seines Bewusstseins folgen. Nach der vergleichsweise geruhsamen Erzählweise der
Buddenbrooks versetzte mir die anschließende
Zeno –Lektüre so etwas wie einen Modernitätsschock: ich befand mich (wieder) auf dem schwankendem Boden der Moderne.
Die psychologischen Beobachtungen sind ja durchaus richtig…… die Eigentümlichkeit von Gefühlen (wenn es beispielsweise Zeno nicht weiter belastet, dass er seinen Rivalen Guido beinahe von der Mauer gestoßen hätte, wohl aber, dass er indiskreterweise Augusta von Guidos Hass auf die Frauen erzählt hat).
Das zieht sich durch den ganzen Roman, diese versetzten, deplacierten, nicht angemessenen, widersprüchlichen Gefühle. Zeno scheint in der Welt, in der er lebt, ja, in seinem Leben, nicht richtig zu Hause zu sein. Er ist immer irgendwie daneben. Nichts passt, das Selbstverständliche, Einfache und Natürliche ist kompliziert, das Vertraute fremd. Mir kommt da das gute alte Wort
Entfremdung in den Sinn:
Entfremdung bezeichnet einen individuellen oder gesellschaftlichen Zustand, in dem eine ursprünglich natürliche Beziehung (zwischen Menschen, Menschen und Arbeit, Menschen und dem Produkt ihrer Arbeit sowie von Menschen zu sich selbst) aufgehoben, verkehrt oder zerstört wird.(Wikipedia)
Ja, er hat diesen fremden Blick auf alles und schert aus allen sozialen Rollen irgendwie (halbherzig) aus. Weder ist er ein Sohn comme il faut, noch ein guter Freund, weder ein überzeugter und überzeugender Ehemann und Vater, noch ein gescheiter Geliebter! Dem
Fremden in Camus' Roman wird (vom Gericht) vorgeworfen, dass er am Todestag seiner Mutter eine Kinovorstellung besucht habe. Christian B. aus L. hält ein Nickerchen, während seine Geschwister am Sterbebett der Mutter auf ihre letzten Worte warten, ist dann aber wach genug, um - während die Leiche aufgebahrt im Nebenzimmer liegt - lautstark Geschirr und Möbel einzufordern.( Meinen wir eigentlich dieselbe Person, orzifar, den späteren Ehemann der Aline Puvogel?) Ja, und Zeno spielt beim Tod des Vaters mehr den betroffenen Sohn, als dass er mit seinen Gefühlen nachkommt. Die Geste des Vaters ist der groteske Schlusspunkt eines unwürdigen Schauspiels ( die Metaphorik nur ein Nebeneffekt). Bezeichnenderweise grämt sich Zeno in der Todesstunde seines Vaters weniger über dessen Hinscheiden als darüber, dass ein Anwesender diesen Eklat weitererzählen und er als Sohn schlecht dastehen könnte. Wie schon erwähnt empfindet er erst später eine (sentimentale) Liebe für seinen Vater.
Zeno hat eine höchst verzwickte Gefühlsökonomie. Vieles ist ihm nur möglich, wenn er sich gleichzeitig mit schlechtem Gewissen und guten Vorsätzen kasteien kann. So ist er nie so glücklich mit seiner Geliebten, die ihm ja bereits auf die Nerven geht, nie ist die Liebe so köstlich wie an dem Tag, als sie den Entschluss fassen, die Beziehung zu beenden. Nur dass es Carla im Gegensatz zu ihm Ernst ist mit dem Schlussmachen und sie sein Spiel mit dem letzten Mal nicht mitspielt … Auch das intrigante Spiel mit Guido, seine Indiskretion gegenüber seiner Frau, von der er weiß, dass sie alles brühwarm ihrer Schwester erzählen wird, ist begleitet von schlechtem Gewissen.
Im Grunde weiß Zeno, dass er so etwas wie eine paradoxe Symptomverschreibung bräuchte. Bezogen auf sein Rauchen: Man müsste ihn zwingen zu rauchen, dann würde er aufhören können. Er sucht das Weite und ist angewidert von seiner Geliebten, als er auf ihr Drängen hin eine (ganze) Nacht mit ihr verbringen soll, was problemlos möglich wäre, weil seine Frau außerhäusig ist. So kommt er gerade durch die Möglichkeit, sein „Laster“ ausleben zu können bzw. zu sollen, dem Vorsatz, seiner Frau treu zu sein, bedrohlich nahe.
Zeno ist ein Narziss, er entzieht sich der Verantwortung, laviert sich durchs Leben. Doch wie Christian B. und anderen Lebensuntüchtigen kann man ihm nicht recht böse sein, denn er verweigert sich ja den Anforderungen einer gnadenlosen Geschäftswelt und einer verlogenen maroden Gesellschaft und legt damit den Finger auf die Wunden der Zeit …
Ich kann eure Klagen verstehen, ich selbst stoße mich auch an manchem und würde den Roman - Weltliteratur hin oder her - nicht unbedingt weiterempfehlen, schon gar nicht als „Lesegenuss“, wie es hier immer so schön heißt. Aber ich meine doch so allmählich dahinterzukommen, was die Modernität des Romans und damit seine Bedeutung ausmacht ….
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Eines der Probleme des Romans besteht in seiner Erzählstruktur: Die Ich-Form kombiniert mit den sarkastischen, zynischen Attitüden wirkt unglaubwürdig. Erzählte man von Zeno als von einer dritten Person würde das alles weniger plump und aufgesetzt wirken, dadurch aber, dass er zum einen als ein durchaus intelligenter Mensch erscheint, intellektuell interessiert, gebildet, schreibend wirken die amoralischen Bemäntelungen seines Tuns künstlich und konstruiert…
Man darf den Adressaten nicht aus den Augen verlieren. Es ist geschrieben für seinen Analytiker und manchmal kommt es mir so vor, als würde Zeno Erfundenes "beichten", wie ein Dreizehnjähriger im Beichtstuhl, dem der Sündenstoff ausgegangen ist.