Author Topic: Italo Svevo: Zenos Gewissen  (Read 17496 times)

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Re:Italo Svevo: Zenos Gewissen
« Reply #30 on: 16. März 2011, 14.42 Uhr »
Hallo!

Eines der Probleme des Romans besteht in seiner Erzählstruktur: Die Ich-Form kombiniert mit den sarkastischen, zynischen Attitüden wirkt unglaubwürdig. Erzählte man von Zeno als von einer dritten Person würde das alles weniger plump und aufgesetzt wirken, dadurch aber, dass er zum einen als ein durchaus intelligenter Mensch erscheint, intellektuell interessiert, gebildet, schreibend wirken die amoralischen Bemäntelungen seines Tuns künstlich und konstruiert und scheinen in nichts mit seiner anderen Person in Einklang zu bringen zu sein. Ich meine ständig den Autor hinter Zeno zu spüren, nirgendwo will dieser mir als eine - auch in seiner Zerrissenheit - eingängige Figur erscheinen, er wirkt ausgedacht und keinesfalls authentisch.

Als Anita das Adjektiv "stümperhaft" gebrauchte, wollte ich mich noch dagegen verwehren - aber es trifft die Schreibweise doch ganz gut. Der Romanfigur nimmt man seine Handlungen nicht ab, er dient als bloßes Behältnis für irgendwelche Ideen des Autors, welche, ob passend oder nicht, dieser Figur aufoktroyiert werden. Da ja auch die Übersetzerin sich nicht entblödet, die Namen Proust und Joyce in den Mund zu nehmen und Svevo neben sie zu stellen: Bei beiden habe ich nirgendwo, selbst nicht in den kleinsten, unwichtigsten Szenen einen derartigen Dilettantismus am Werk gesehen.

lg

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Re:Italo Svevo: Zenos Gewissen
« Reply #31 on: 17. März 2011, 00.04 Uhr »
Im Anschluss an die Buddenbrooks-Lektüre habe ich noch etwas im Zeno Cosini gelesen. Es war, als wäre man aus einem mit Stativ-Kamera in einen mit Handkamera gedrehten Film übergewechselt.

Hast du also auch dieses szenische Gefühl bei Svevo, sprich filmmäßig ... gehetzt und atemlos, gar nicht mehr richtig beschreibend, sondern ein Dahinwerfen.

Ja, das wollte ich mit dem Bild der Stativ- und der Handkamera andeuten: Während in den Buddenbrooks ein Erzähler quasi von einer höheren Warte aus sichtet, filtert und das Verhalten der Personen in ein Ganzes einordnet, ist der Leser von Zenos Gewissen den Ergüssen des Protagonisten direkt und unvermittelt ausgesetzt und muss dem Zickzackkurs seines Bewusstseins folgen. Nach der vergleichsweise geruhsamen Erzählweise der Buddenbrooks versetzte mir die anschließende Zeno –Lektüre so etwas wie einen Modernitätsschock: ich befand mich (wieder) auf dem schwankendem Boden der Moderne.

Quote from: von Anna Datum/Zeit: 11. März 2011, 21.06 Uhr
Die psychologischen Beobachtungen sind ja durchaus richtig…… die Eigentümlichkeit von Gefühlen (wenn es beispielsweise Zeno nicht weiter belastet, dass er seinen Rivalen Guido beinahe von der Mauer gestoßen hätte, wohl aber, dass er indiskreterweise Augusta von Guidos Hass auf die Frauen erzählt hat).

Das zieht sich durch den ganzen Roman, diese versetzten, deplacierten, nicht angemessenen, widersprüchlichen Gefühle. Zeno scheint in der Welt, in der er lebt, ja, in seinem Leben, nicht richtig zu Hause zu sein. Er ist immer irgendwie daneben. Nichts passt, das Selbstverständliche, Einfache und Natürliche ist kompliziert, das Vertraute fremd. Mir kommt da das gute alte Wort Entfremdung in den Sinn:
Entfremdung bezeichnet einen individuellen oder gesellschaftlichen Zustand, in dem eine ursprünglich natürliche Beziehung (zwischen Menschen, Menschen und Arbeit, Menschen und dem Produkt ihrer Arbeit sowie von Menschen zu sich selbst) aufgehoben, verkehrt oder zerstört wird.(Wikipedia)
Ja, er hat diesen fremden Blick auf alles und schert aus allen sozialen Rollen irgendwie (halbherzig) aus. Weder ist er ein Sohn comme il faut, noch ein guter Freund, weder ein überzeugter und überzeugender Ehemann und Vater, noch ein gescheiter Geliebter! Dem Fremden in Camus' Roman wird (vom Gericht) vorgeworfen, dass er am Todestag seiner Mutter eine Kinovorstellung besucht habe. Christian B. aus L. hält ein Nickerchen, während seine Geschwister am Sterbebett der Mutter auf ihre letzten Worte warten, ist dann aber wach genug, um - während die Leiche aufgebahrt im Nebenzimmer liegt - lautstark Geschirr und Möbel einzufordern.( Meinen wir eigentlich dieselbe Person, orzifar, den späteren Ehemann der Aline Puvogel?) Ja, und Zeno spielt beim Tod des Vaters mehr den betroffenen Sohn, als dass er mit seinen Gefühlen nachkommt. Die Geste des Vaters ist der groteske Schlusspunkt eines unwürdigen Schauspiels ( die Metaphorik nur ein Nebeneffekt). Bezeichnenderweise grämt sich Zeno in der Todesstunde seines Vaters weniger über dessen Hinscheiden als darüber, dass ein Anwesender diesen Eklat weitererzählen und er als Sohn schlecht dastehen könnte. Wie schon erwähnt empfindet er erst später eine (sentimentale) Liebe für seinen Vater.

Zeno hat eine höchst verzwickte Gefühlsökonomie. Vieles ist ihm nur möglich, wenn er sich gleichzeitig mit schlechtem Gewissen und guten Vorsätzen kasteien kann. So ist er nie so glücklich mit seiner Geliebten, die ihm ja bereits auf die Nerven geht, nie ist die Liebe so köstlich wie an dem Tag, als sie den Entschluss fassen, die Beziehung zu beenden. Nur dass es Carla im Gegensatz zu ihm  Ernst  ist mit dem Schlussmachen und  sie sein Spiel mit dem letzten Mal nicht mitspielt … Auch das intrigante Spiel mit Guido, seine Indiskretion gegenüber seiner Frau, von der er weiß, dass sie alles brühwarm ihrer Schwester erzählen wird, ist begleitet von schlechtem Gewissen.
 
Im Grunde weiß Zeno, dass er so etwas wie eine paradoxe Symptomverschreibung bräuchte. Bezogen auf sein Rauchen: Man müsste ihn zwingen zu rauchen, dann würde er aufhören können. Er sucht das Weite und ist angewidert von seiner Geliebten, als er auf ihr Drängen hin eine (ganze) Nacht mit ihr verbringen soll, was problemlos möglich wäre, weil seine Frau außerhäusig ist. So kommt er  gerade durch die Möglichkeit, sein „Laster“ ausleben zu können bzw. zu sollen, dem Vorsatz, seiner Frau treu zu sein, bedrohlich nahe.

Zeno ist ein Narziss, er entzieht sich der Verantwortung, laviert sich durchs Leben. Doch wie  Christian B. und anderen Lebensuntüchtigen kann man ihm nicht recht böse sein, denn er verweigert sich ja den Anforderungen einer gnadenlosen Geschäftswelt und einer verlogenen maroden Gesellschaft und legt damit den Finger auf die Wunden der Zeit …


Ich kann eure Klagen verstehen, ich selbst stoße mich auch an manchem und würde den Roman - Weltliteratur hin oder her -  nicht unbedingt weiterempfehlen, schon gar nicht als „Lesegenuss“, wie es hier immer so schön  heißt. Aber ich meine doch  so allmählich dahinterzukommen, was die Modernität des Romans und damit seine Bedeutung ausmacht ….
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Quote from:  von orzifar Datum/Zeit: Heute um 14:42
Eines der Probleme des Romans besteht in seiner Erzählstruktur: Die Ich-Form kombiniert mit den sarkastischen, zynischen Attitüden wirkt unglaubwürdig. Erzählte man von Zeno als von einer dritten Person würde das alles weniger plump und aufgesetzt wirken, dadurch aber, dass er zum einen als ein durchaus intelligenter Mensch erscheint, intellektuell interessiert, gebildet, schreibend wirken die amoralischen Bemäntelungen seines Tuns künstlich und konstruiert…

Man darf den Adressaten nicht aus den Augen verlieren. Es ist geschrieben für seinen Analytiker und manchmal kommt es mir so vor, als würde Zeno Erfundenes "beichten", wie ein Dreizehnjähriger im Beichtstuhl, dem der Sündenstoff ausgegangen ist.






Offline orzifar

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Re:Italo Svevo: Zenos Gewissen
« Reply #32 on: 17. März 2011, 00.27 Uhr »
Hallo!

Das zieht sich durch den ganzen Roman, diese versetzten, deplacierten, nicht angemessenen, widersprüchlichen Gefühle. Zeno scheint in der Welt, in der er lebt, ja, in seinem Leben, nicht richtig zu Hause zu sein. Er ist immer irgendwie daneben. Nichts passt, das Selbstverständliche, Einfache und Natürliche ist kompliziert, das Vertraute fremd. Mir kommt da das gute alte Wort Entfremdung in den Sinn:
Entfremdung bezeichnet einen individuellen oder gesellschaftlichen Zustand, in dem eine ursprünglich natürliche Beziehung (zwischen Menschen, Menschen und Arbeit, Menschen und dem Produkt ihrer Arbeit sowie von Menschen zu sich selbst) aufgehoben, verkehrt oder zerstört wird.(Wikipedia)

Kann man natürlich so sehen. Ich aber habe den Eindruck, dass das, was da "nicht passt", bloß die Unfähigkeit des Autors ist. Camus' Entfremdung ist eine andere, sie holpert nicht so hilflos daher, Christians (ich nehme schon an, dass wir denselben meinen, jenen mit den "auf einer Seite verkürzten Nerven") Hypochondrie kann man nachfühlen (sie ist meines Wissens auch einem Verwandten Thomas Manns nachgebildet, der über diese Darstellung nicht sehr erbaut war), während bei Svevo alles immer ein wenig klappert, hilflos wirkt, mühselig erfunden. Und zwar auf eine Weise, die - mir - nicht beabsichtigt scheint, sondern schlicht auf mangelndes schriftstellerisches Können zurückzuführen ist.

Zeno hat eine höchst verzwickte Gefühlsökonomie. Vieles ist ihm nur möglich, wenn er sich gleichzeitig mit schlechtem Gewissen und guten Vorsätzen kasteien kann. So ist er nie so glücklich mit seiner Geliebten, die ihm ja bereits auf die Nerven geht, nie ist die Liebe so köstlich wie an dem Tag, als sie den Entschluss fassen, die Beziehung zu beenden. Nur dass es Carla im Gegensatz zu ihm  Ernst  ist mit dem Schlussmachen und  sie sein Spiel mit dem letzten Mal nicht mitspielt …

Selbst hier, wo nun durchaus nachvollziehbare Gefühle im Spiel sind, wirkt das alles aufgesetzt: Wieviel eleganter hat etwa Schnitzler schon Jahre zuvor diese Problematik im Anatol-Zyklus aufgelöst, wieviel eingängiger, genauer.

In der zweiten Hälfte des Romans (ich halte auf S. 480) wird der Heuchler, Intrigant und eingebildete Kranke  (dem ich im übrigen weder Mitleid noch Verständnis entgegenbringen kann, man (ich) kann ihm durchaus böse sein im Gegenteil zu Christian, was für die Beurteilung natürlich irrelevant ist) nachvollziehbarer, greifbarer, immer noch aber habe ich den Eindruck, dass die Brüche nicht gewollt sind, dass Svevo seinen Stoff einfach nicht im Griff hat. Sehr häufig entgleitet ihm das Geschehen - und was dann modern anmutet, scheint mir Unvermögen, auch deshalb, weil ich eben nirgendwo besondere Fähigkeiten zu entdecken vermag und mir die Erklärung "sprachlich-inhaltliche Überforderung" sehr viel wahrscheinlicher anmutet als besonderes Raffinement.

Ich bin echt froh, wenn ich diese meine persönliche literarische Kernschmelze überstanden habe.

lg

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Re:Italo Svevo: Zenos Gewissen
« Reply #33 on: 18. März 2011, 01.52 Uhr »
Hallo!

Es ist vollbracht. Die letzten Teile haben mir etwas besser gefallen, sowohl jene über die geschäftlichen Aktivitäten als auch das berührend-komische Ende mit dem Ausbruch des Krieges zwischen Österreich und Italien, der Cosini nach einer kleiner Wanderung wegen einer inzwischen installierten Grenztruppe nicht mehr zu seinem Milchkaffee zurückkehren lässt. Ein wenig hat mich das alles versöhnt, Lobeshymnen, wie etwa im Nachwort von Wilhelm Genazino gesungen, bleiben mir dennoch ein Rätsel.

Aber in diesem Nachwort kommt teilweise auch die Hilflosigkeit des zur Hommage Entschlossenen zum Ausdruck: Denn über den "Zeno" weiß er nicht viel mehr zu sagen, als dass dieser zwischen Frau und Geliebter lavierend schließlich zu Sicherheit und Ruhe zurückkehrt. Ansonsten wird gerade der Zeno mit Schweigen bedacht. Und dann ein Satz, der mir einiges verständlicher erscheinen lässt: Angeblich hat Svevo nur 14 Tage an diesem Roman geschrieben - und das würde einiges, vieles erklären. Denn sowohl Handlung als auch Ausführung scheinen von großer Nachlässigkeit zu zeugen, möglicherweise hätte Svevo bei einer Überarbeitung einiges glätten, streichen können und damit das Buch vor diesen oftmals wirren Passagen bewahren können.

Ob die anderen Romane besser sind, durchdachter? (Anita scheint dieser Meinung nicht zu sein ;).) Ich warte nun mal auf euer Resumee, aber wirklich Lust auf mehr vom gleichen Autor hat der Roman nicht gemacht.

lg

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Re:Italo Svevo: Zenos Gewissen
« Reply #34 on: 18. März 2011, 15.06 Uhr »
Quote from:  orzifar Heute um 01:52
…dem (Zeno) ich im übrigen weder Mitleid noch Verständnis entgegenbringen kann, man (ich) kann ihm durchaus böse sein im Gegenteil zu Christian…

Mitleid - nein, das bringe ich ihm auch nicht entgegen, aber so etwas wie Sympathie, weil er sich (wie gesagt) ja einer Welt verweigert und entzieht, die es nicht besser verdient hat. Mit ihm ist kein Staat zu machen, er ist Sand im Getriebe … Ich habe diesen Verweigerungs-und Überlebenskünstler während der Lektüre immer vor mir gesehen, wie er sich ins Fäustchen lacht und leise Je suis de la mauvaise herbe, braves gens… singt.

Das Schlusskapitel liegt nun auch hinter mir.
Waren schon die vorangegangenen Kapitel unruhig, widersprüchlich, konfus, so trägt das Schlusskapitel dazu bei, den Leser vollends zu verwirren: Hat Zeno Guido nun gehasst, in den Tod getrieben oder beschützt und geliebt? War Anna seine große Liebe oder Augusta, war er mono-oder polygam, wer weiß? Ist überhaupt alles nur erstunken und erlogen? Müsste alles neu geschrieben werden? Auch das erwägt er, alles scheint möglich.
Sicher ist nur eins: Das Leben, die Wirklichkeit ist brüchig, fragil, in der Erinnerung, in der Rückschau kaum zu rekonstruieren. Was dabei herauskommt, ist ein Trug-, Such- oder Vexierbild, bei dem mal dieses, mal jenes ins Auge springt und seine Bedeutung ändert, je nach Blickwinkel des Betrachters.

Quote from: orzifar Heute um 01:52
Die letzten Teile haben mir etwas besser gefallen…… das berührend-komische Ende mit dem Ausbruch des Krieges zwischen Österreich und Italien, der Cosini nach einer kleiner Wanderung wegen einer inzwischen installierten Grenztruppe nicht mehr zu seinem Milchkaffee zurückkehren lässt.

Ja, erinnert das nicht ein bisschen an Schwejk? Ich sagte ja, Schelmenroman. Berührt hat mich auch besonders der Umstand, dass Zeno sich in unmittelbarer Nähe von Görz/Gorizia befindet. Von diesem Ort kehrt er mit der Bahn nach Triest zurück. Das Trauma des ersten Weltkrieges ist (jedenfalls für Italiener) mit diesem Namen verbunden (Gorizia, tu sia maledetta, per ogni cuore che sente coscienza…)
Das alles schwelte ja schon vorher, kommt für Zeno jetzt aber scheinbar ganz überraschend…

Quote from: orzifar Heute um 01:52
…in diesem Nachwort kommt teilweise auch die Hilflosigkeit des zur Hommage Entschlossenen zum Ausdruck….

Ja  ;D , übrigens begegnet einem das allenthalben. Bis auf dürftige Inhaltsangaben und markige Lobsprüche wie  Harald Schmidts Italo Svevo, Das ist ein Gigant habe ich nichts zum Zeno gefunden.
Auch Claudio Magris' Artikel in der Zeit bewegt sich sehr im Allgemeinen und Vagen.

Quote from: orzifar Heute um 01:52
Ob die anderen Romane besser sind, durchdachter?

Ich kenne noch Senilità, ein, wie ich finde, lesenswerter Roman, melancholischer und ohne den etwas derben Humor des Zeno. Bestimmt werde ich noch Una vita, Svevos ganz frühen Roman lesen und irgendwann seinen letzten Il vecchione (Der Greis), denn der alte Svevo gefällt mir.

Wie gesagt, Italo Svevo, das ist ein Gigant. ;)
« Last Edit: 21. März 2011, 00.49 Uhr by Gontscharow »

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Re:Italo Svevo: Zenos Gewissen
« Reply #35 on: 18. März 2011, 17.30 Uhr »
Also Sympathie zu empfinden gelingt mir gar nicht. Zeno ist Egomane, sein Denken dreht sich einzig um ihn selbst und zu so etwas wie Liebe (im Sinne von Gegenseitigkeit, Gleichberechtigung) ist er überhaupt nicht fähig. Weder liebt er Augusta (wobei sich das nicht unbedingt darin äußert, dass er sie betrügt; wenn er sich die Entdeckung seiner Untreue überlegt, bedauert er gar nicht so sehr seine Frau, sondern seine verlorene Ruhe), noch Carla, die für ihn einfach nur ein erotisches Objekt ist (das er nicht liebt, aber auch keinem anderen wirklich vergönnt), er begehrt auch in Ada bestenfalls ihr Aussehen, ihre Unerreichbarkeit.

Ebenso sind seine Freundschaft oder Hilfe (im Falle des fallierenden Guido) von egoistischen Überlegungen motiviert, er überlegt einzig, welchen Eindruck diese Unterstützung auf die Umgebung (z. B. Ada) haben würde, aber es scheint ihm nirgendwo um Guido zu gehen, dessen Selbstmord er ein wenig bedauert, weil er ja eigentlich ein Unfall und nicht wirklich beabsichtigt gewesen ist.

Zeno instrumentalisiert seine Umgebung, sie dient ihm als Spiegel seiner kleinen Eitelkeiten, ist ihm Anlass zu Reflexionen, aber tatsächliches Mitgefühl oder Anteilnahme konnte ich nirgendwo entdecken. Der Tod seines Vaters, Coplers, Guidos - hier ist kein Schmerz des Verlustes wegen zu spüren, hier werden nur einige philosophische Reflexionen angestellt, die Auswirkungen auf ihn selbst untersucht.

Das Übermaß an Heuchelei ist das eine; dass aber Zeno als ein eigentlich kluger Mensch sich in seinen Reflexionen immer noch als "gut" oder "mitfühlend" beschreibt, wirkt auf mich unglaubwürdig. Man könnte diese Selbstbeurteilung als ironisch, sarkastisch, bewusst überhöht bezeichnen: Mir aber schien es auf ein Ungenügen Svevos hinzuweisen. Womit wir wieder beim Anfang wären ;).

lg

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Re:Italo Svevo: Zenos Gewissen
« Reply #36 on: 21. März 2011, 00.44 Uhr »

Quote from: orzifar, 18. März 2011, 17.30 Uhr
Also Sympathie zu empfinden gelingt mir gar nicht. Zeno ist Egomane, sein Denken dreht sich einzig um ihn selbst und zu so etwas wie Liebe …. ist er überhaupt nicht fähig. Weder liebt er….., noch….

Sympathie habe ich für Zeno auch nicht wegen seiner vorhandenen oder nicht vorhandenen Liebesfähigkeit oder seines Altruismus, du hast recht, darum ist es schlecht bestellt, sondern wie gesagt nur deshalb:

Quote from:  Gontscharow, 18. März 2011, 15.06 Uhr
...  er verweigert sich ja den Anforderungen einer gnadenlosen Geschäftswelt und einer verlogenen maroden  Gesellschaft und legt damit den Finger auf die Wunden der Zeit …
Mitleid - nein, das bringe ich ihm auch nicht entgegen, aber so etwas wie Sympathie, weil er sich (wie gesagt) ja einer Welt verweigert und entzieht, die es nicht besser verdient hat. Mit ihm ist kein Staat zu machen, er ist Sand im Getriebe…

Mit der Egomanie Zenos hast du natürlich recht.

Quote from: orzifar,18. März 2011, 17.30 Uhr
… es scheint ihm nirgendwo um Guido zu gehen, dessen Selbstmord er ein wenig bedauert, weil er ja eigentlich ein Unfall und nicht wirklich beabsichtigt gewesen ist.

Es ist noch viel perfider. Nach seinem ersten Selbstmordversuch, über den Zeno aus verschiedenen Gründen verärgert ist und den er mit Häme bedenkt, erkundigt sich Guido bei ihm, dem Chemiker, wie man sich mit Veronal umbringt und was man tun müsse, um es beim Versuch zu belassen. Der zweite Selbstmordversuch geht tödlich aus und Zeno erkennt an dem, was G. eingenommen hat, dass dieser nicht hat sterben wollen, da er seine (Zenos) entsprechende Anweisung bezüglich Einnahme befolgt hat. Es sieht (bei anderen Interpretationsmöglichkeiten) doch sehr danach aus, dass er den Tod seines Freundes durch eine bewusste(?) Fehlinformation mit herbeigeführt hat.

Ja, was den Umgang mit seinen Mitmenschen und Nächsten betrifft, kein angenehmer Zeitgenosse!
Aber: Von wem wissen wir das alles? Von ihm selbst! Würde ein platter Egomane und Heuchler (wie du sagst) nicht seine Schandtaten eher beschönigen, umdeuten oder gänzlich verdrängen und verschweigen als sie minutiös zu dokumentieren? Ist da nicht auch so etwas wie Selbsterforschung und – kritik am Werk?
Und Liebe im Sinne von Gegenseitigkeit, Gleichberechtigung ,wem gelingt schon diese (heute politisch korrekte) Form der Liebe, die du als Gradmesser aufstellst? Nach meiner Erfahrung sind die Gründe und Motive, warum sich Menschen ineinander verlieben, sich zusammentun, zusammenbleiben und sich „lieben“ vielfältig und nicht immer so hehr, uneigennützig und frei von Instrumentalisierung, wie es sich den Anschein geben möchte.
Konsequent eigentlich, dass Zeno die heuchlerische, pseudoromantische bürgerliche Liebesheirats- Praxis entlarvt, indem er sich erst den geeigneten Schwiegervater aussucht, wohlhabend und in seinen Kreisen angesehen,ehe er sich daran macht, sich in eine seiner Töchter zu verlieben.
Und warum soll das, was ihn mit seiner Frau verbindet, nicht wider Erwarten Liebe sein, eben weil sie ihm überraschend zugefallen ist, sie ihn erwählt hat, er nicht unter Erwartungsdruck steht usw.?

Dieses Oszillieren zwischen verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten, die Widersprüche, Dissonanzen und scheinbaren Unvereinbarkeiten unterlaufen Svevo nicht, sondern sind Programm. Der ältere Zeno im Schlusskapitel, ein ganz anderer Mensch,wie ausgewechselt, gefestigt und in sich ruhend, bringt es so auf den Punkt:

Quote from: Svevo
Wenn der Doktor diesen letzten Teil meines Manuskriptes bekommen hat, sollte er mir das ganze zurückgeben. Ich würde es mit echter Klarsicht neu schreiben, denn wie konnte ich mein Leben verstehen, solange ich diese letzte Phase noch nicht kannte?

Warum enthält Svevo dem Leser den mit Klarsicht umgeschriebenen Text vor und konfrontiert ihn mit dem unausgegorenen? ;)



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Re:Italo Svevo: Zenos Gewissen
« Reply #37 on: 21. März 2011, 01.30 Uhr »

Quote from:  Gontscharow, 18. März 2011, 15.06 Uhr
...  er verweigert sich ja den Anforderungen einer gnadenlosen Geschäftswelt und einer verlogenen maroden  Gesellschaft und legt damit den Finger auf die Wunden der Zeit …
Mitleid - nein, das bringe ich ihm auch nicht entgegen, aber so etwas wie Sympathie, weil er sich (wie gesagt) ja einer Welt verweigert und entzieht, die es nicht besser verdient hat. Mit ihm ist kein Staat zu machen, er ist Sand im Getriebe…

Nunja, er verweigert sich aus guten Gründen (und nicht etwa, weil er implizite Kritik an der kapitalistischen Welt üben will): Er hat berechtigte Selbstzweifel, was seine geschäftlichen Fähigkeiten anlangt und er ist schlicht und einfach faul (was denn nun keine schlechte Eigenschaft sein muss ;)), scheut die Übernahme der Verantwortung. (Im übrigen ist eine conclusio aus der ganzen Geschichte jene, dass dieses Delegieren von Verantwortung, dieses Dahinleben einer der Gründe für den hypochondrischen, leidenden Zustand Zenos gewesen ist, da er sich - nachdem er durch den Krieg zur Arbeit gezwungen wird - wesentlich wohler fühlt und erst dann gefestigt und in sich ruhend wirkt. Aber er ist kein Revolutionär in irgendeiner Form, seine Verweigerung erfolgt nur aus Gründen der Bequemlichkeit, er ist ziellos, dilettiert da und dort, studiert dies und das, versinkt in Grübeleien - und rennt schließlich zum Psychoanalytiker.

Aber: Von wem wissen wir das alles? Von ihm selbst! Würde ein platter Egomane und Heuchler (wie du sagst) nicht seine Schandtaten eher beschönigen, umdeuten oder gänzlich verdrängen und verschweigen als sie minutiös zu dokumentieren? Ist da nicht auch so etwas wie Selbsterforschung und – kritik am Werk?

Das ist tatsächlich ein bedenkenswerter Punkt, auf den ich im übrigen auch hingewiesen habe: Die Tatsache, dass wir alle diese Dinge in der Ich-Form erzählt bekommen, wirkt schon äußerst seltsam. Sie wirkt eben auch unglaubwürdig, weil sie in einem nonchalanten Ton die größten Schweinereien von sich selbst erzählt, ohne diese von dir erwähnte Beschönigung. Auf mich macht das häufig den Eindruck des Unausgegorenen (wobei eben diese 14 Tage Schreibarbeit, wenn denn diese Angabe stimmt, einiges erklären würde).

Konsequent eigentlich, dass Zeno die heuchlerische, pseudoromantische bürgerliche Liebesheirats- Praxis entlarvt, indem er sich erst den geeigneten Schwiegervater aussucht, wohlhabend und in seinen Kreisen angesehen,ehe er sich daran macht, sich in eine seiner Töchter zu verlieben.

Naja, also Zeno entlarvt gar nichts, er kriegt bloß nicht die, die er sich wünscht ;). Auf diese Entlarvung hätte er offenbar gerne verzichtet.

Und warum soll das, was ihn mit seiner Frau verbindet, nicht wider Erwarten Liebe sein, eben weil sie ihm überraschend zugefallen ist, sie ihn erwählt hat, er nicht unter Erwartungsdruck steht usw.?

Das kann durchaus so sein, angeblich sind ja Liebesheiraten die glücklichsten nicht. Aber liebt er sie wirklich, seine Frau, oder ist sie nicht nur auch ein sehr nützliches Utensil, ähnlich Olivio, der für ihn die Geschäfte führt? Und scheint nicht gerade diese utilitaristische Einrichung seiner Welt das Hauptübel zu sein, ein Mensch, der keine Verantwortung, keine Verpflichtungen hat, eigentlich ein Dekadent in Reinkultur, dessen gesamte Beschäftigungen nur darauf hinauslaufen, sich die Zeit zu vertreiben (unter diesem Gesichtspunkt ist ja auch seine Tätigkeit bei Guido zu betrachten, denn, als er sie zu verlieren droht, fürchtet er die Langeweile mehr als alles?).

Interpretationsmöglichkeiten lässt der Roman natürlich zu, das aber ist für mich noch kein Kriterium für Qualität (auch nicht für's Gegenteil). Mich haben einfach manche hanebüchenen Konstruktionen, diese seltsam unglaubwürdige Ich-Form, das häufig Platte der Beschreibungen gestört (wenn ich auch nach Ende des Romanes weniger hart urteile als zur Hälfte). Die Erwähnung der Zwei-Wochen-Schreibarbeit rennt bei mir offene Türen ein: Genau so (schlampig, unausgegoren) wirkt der Roman auf mich.

lg

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Re:Italo Svevo: Zenos Gewissen
« Reply #38 on: 21. März 2011, 15.35 Uhr »
Quote from:  orzifar,Heute um 01:30
(Zeno) ist schlicht und einfach faul, scheut die Übernahme der Verantwortung …

Herrgott ja  ;D, das haben wir ja nun zur Genüge festgestellt! Was ich sagen wollte: Zeno hat den (anarchischen) Charme der Nichtsnutze, Taugenichtse, Lebensuntüchtigen(wie Christian), die durch ihre Existenz die Gesellschaft indirekt in Frage stellen. Daher der Anflug von Sympathie. Und natürlich sind es keine Revolutionäre!
 
Quote from: Heute um 01:30Autor: orzifar
Naja, also Zeno entlarvt gar nichts ...

Nein? Nach bürgerlicher Liebesheirats-Ideologie wird so getan, als habe die Liebe in der Partnerwahl Priorität, eigentlich stehen aber meist Versorgungstechnisches und materielle Interessen im Vordergrund, die bemäntelt werden. Indem Zeno sich vorab für einen solventen, akkreditierten Schwiegervater entscheidet, ohne die Töchter auch nur zu kennen, dreht er (auf zugegeben etwas künstlich komödienhafte burleske Weise) diese ungeschriebenen Gesetze um und entlarvt ihren wahren Charakter.

Quote from: Autor: orzifar Heute um 01:30
er kriegt bloß nicht die, die er sich wünscht Wink. Auf diese Entlarvung hätte er offenbar gerne verzichtet.

Das glaube ich nicht, denn er wird mit der, die er sich nicht wünscht, glücklich (das wird noch mal im Schlusskapitel betont!) Ja, das geht nach dem Motto des chinesisch/ tibetanischen Sprichwortes, das da lautet: Gott bewahre uns vor der Erfüllung unserer Wünsche. Es ist ein bisschen wie im Märchen Hans im Glück – Er tauscht "Höherwertiges" gegen "Geringeres" ein und  entdeckt darin sein Glück. Oder wie Oblomov, der seine große Liebe vernachlässigt, um dann in den molligen Armen einer Kleinbürgerin in der Vorstadt die "wahre Liebe" zu finden und  glücklich zu werden.

Quote from:  orzifar,Heute um 01:30
Im übrigen ist eine conclusio aus der ganzen Geschichte jene, dass dieses Delegieren von Verantwortung, dieses Dahinleben einer der Gründe für den hypochondrischen, leidenden Zustand Zenos gewesen ist, da er sich - nachdem er durch den Krieg zur Arbeit gezwungen wird - wesentlich wohler fühlt und erst dann gefestigt und in sich ruhend wirkt.

Also, ich will nicht hoffen, dass Svevo hier zu einer Apologetik des Krieges als dem großen Erzieher und Therapeuten der Menschheit ansetzt! Dann würde ich das Buch wirklich an die Wand werfen.
Wieso zur Arbeit gezwungen? Warum sollte er nicht weiter von den Zinsen seines Vermögens oder vom Kapital selber leben können. Warum bleibt er eigentlich in Triest, während sein Geschäftsführer, seine Familie, sein Therapeut in der Schweiz bzw. irgendwo in Italien sind? Und was hat es mit diesen seltsamen Weihrauch- statt Harz- Geschäften auf sich? Ich habe ein sehr schönes Buch von Claudio Magris über Triest,  in dem auch immer wieder Svevos Beitrag zur Triester Literaturszene gestreift wird. Ich werde mir mal das Kapitel über Triests Rolle im 1.Weltkrieg genauer anschauen, um Klarheit über diese Fragen zu bekommen. Zur Arbeit gezwungen und dadurch geheilt , da ist es ja zum Arbeitsscheue in Arbeitslager! nicht weit! Ich glaube nicht, dass das die (eine) Botschaft des Buches ist. Eher hat die Befreiung u. a. von dem bevormundenden Olivio, der ja wie ein Zerberus zwischen Zeno und der Arbeit stand, seine Arbeitslust beflügelt(?)
 
Also, nach wie vor: vieles gilt es in dem Buch noch zu entdecken. Ein Qualitätsurteil will und kann ich (noch) nicht abgeben. Auf jeden Fall ist der Roman aber für mich kein plattes Psychogramm, das Schillernde, Widersprüchliche und Seltsame ist beabsichtigt und kein Fehler oder Zeichen literarischen Unvermögens.

Übrigens halte ich das mit den 14 Tagen für eine Legende! Das wären ja 35 Seiten pro Tag. Eine entsprechende pure Abschreibarbeit könnte man in dieser Zeit kaum schaffen. Ich glaube eher, dass Svevo in dem Kreativitätschub, den die positive Bewertung seiner frühen Romane durch Joyce auslöste, doch einiges mit verwertet hat, was er während seiner zwanzigjährigen literarischen Abstinenz schon geschrieben und in der Schublade abgelegt hatte.



« Last Edit: 21. März 2011, 15.42 Uhr by Gontscharow »

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Re:Italo Svevo: Zenos Gewissen
« Reply #39 on: 21. März 2011, 16.15 Uhr »
Das glaube ich nicht, denn er wird mit der, die er sich nicht wünscht, glücklich (das wird noch mal im Schlusskapitel betont!)

Ja, das schon. Aber er wollte sie nicht und es ist ihm weder bei der Heirat noch bezüglich der Unternehmung um eine "Entlarvung" irgendwelcher bürgerlicher Scheinheiligkeiten zu tun. Alle diese Dinge unterlaufen ihm (Entlarvung von was auch immer würde ich als ein aktives, bewusstes Handeln sehen, etwas, das man sich vornimmt und durchführt), er wird aber zum bestenfalls unbewussten Instrument solchen Tuns. (Hier ergeben sich bei mir gleich  wieder Schwierigkeiten: Denn einerseits ist er eben klug, reflektiert, andererseits einfältig und naiv, sodass sich Zeno für mich als eine unglaubwürdige Romanfigur präsentiert - im Gegensatz zu dem von dir erwähnten Oblomov, dem man seine gesamte Nachlässigkeit, Müdigkeit, auch das Widerfahren seiner im Endeffekt glücklichen Beziehung abnimmt: Während der Oblomov in Plüschpatschen nicht die geringsten Schwierigkeit bereitet was seine Imagination (für mich) betrifft, erscheint mir Zeno als konstruiert literarische Figur ohne Entsprechung. Nur einzelne Teile Zenos sind authentisch, ihre Gesamtheit macht mir den Eindruck, als hätte man einen Menschen mehr-weniger willkürlich aus verschiedenen Teilen zusammengefügt (aber man kann das natürlich als Entfremdung, picassoartige Ausstaffierung sehen und nicht als einen Mangel)).

Dass er in Triest bleibt, habe ich auf pragmatisch-staatsbürgerliche Gründe zurückgeführt (allerdings ohne ein Beleg im Buch zu finden): Ich nahm an, dass Olivi aufgrund seiner Herkunft nach Italien zurückkehren musste, während Zeno als Österreicher zum Verbleib in Triest genötigt war. (So nebenbei: Triest ist eine der Städte, welche ich heuer - auch aufgrund Milo Dors Beschreibungen - besuchen möchte, wiewohl eigentlich nur einen Katzensprung entfernt, war ich bloß einmal als Kind in dieser Stadt, wobei als einzige Erinnerung das Schloss Miramare figuriert).

lg

orzifar
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Offline Anna

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Re:Italo Svevo: Zenos Gewissen
« Reply #40 on: 24. März 2011, 16.08 Uhr »
Hallo!

Nur eine kurze Zwischenmeldung. Ich habe das Buch immer noch nicht beendet, weil ich wegen meines Besuchs kaum zum Lesen gekommen bin. Mein Schlussresümee folgt also noch. Auf jeden Fall gefällt mir der zweite Teil des Romans besser als der erste.

Gruß
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Offline Gontscharow

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Re:Italo Svevo: Zenos Gewissen
« Reply #41 on: 30. März 2011, 13.34 Uhr »

Quote from:  orzifar,Datum/Zeit: 21. März 2011, 17.15 Uhr
Nur einzelne Teile Zenos sind authentisch, ihre Gesamtheit macht mir den Eindruck, als hätte man einen Menschen mehr-weniger willkürlich aus verschiedenen Teilen zusammengefügt

Da ist etwas dran. Das empfinde ich ähnlich.

Quote from:  orzifar,Datum/Zeit: 21. März 2011, 17.15 Uhr
(aber man kann das natürlich als Entfremdung, picassoartige Ausstaffierung sehen und nicht als einen Mangel)).

Danke, dass du mögliche Einwände meinerseits vorwegnimmst!  ;) Ja, und ich finde in der Tat, man kann in den kubistischen Porträts Picassos, in denen so  etwas wie die Simultanität verschiedener Ansichten und Perspektiven versucht wird, gewisse Entsprechungen zur Darstellung Zenos sehen. Ich muss gestehen, dass weder die  zerhackten Frauenköpfe Picassos noch der gespaltene und zersplitterte Charakter von  Svevos Romanheld mir besonders gefallen. Aber sie sind  Ausdruck eines Gestaltungswillens…

Quote from:  orzifarDatum/Zeit: 21. März 2011, 17.15 Uhr
Ich nahm an, dass Olivi aufgrund seiner Herkunft nach Italien zurückkehren musste, während Zeno als Österreicher zum Verbleib in Triest genötigt war.

Von Olivi wird meines Wissens nicht gesagt, dass er Bürger des Königreichs Italien ist, auch von Zenos Familie oder Sale wird das nicht gesagt. Sie alle sind Triestiner und von daher zu der Zeit Bürger des Habsburger Reiches. Triest war eine multinationale Stadt. Die meisten Einwohner nach Sprache und Kultur Italiener (und dem Anschluss an Italien meist nicht abgeneigt), zweitstärkste Gruppe waren die Slowenen, aber es gab auch Kroaten, viele (meist deutsche) Juden (wie Svevos Vater), Serben, Griechen u. a. Es gibt einige Anspielungen darauf im Roman, eine besonders deutliche und fast satirische in der Szene, in der Zeno Friedhöfe verschiedener Nationalitäten und Religionen abklappert auf der Suche nach der Trauergemeinde seines Freund Guido, von dem er nicht weiß, wo er beerdigt wird.
Magris schreibt in seinem Triest-Buch, dass viele Einwohner während des Krieges die Stadt verließen ( zu pro-italienische wurden auch interniert!), auch dass Triestiner z. T. auch aus ein- und derselben Familie an verschiedenen  Fronten gegeneinander kämpften usw. Zeno scheint aus freien Stücken (ohne seine Familie) und eigentlich ohne Grund in Triest zu bleiben. Interessant für den Roman ist Magris’ Beschreibung des Lebens in der Stadt während des Krieges:
Zwischen 1915 und 1918 … steht das Leben in der Stadt gewissermaßen still. Der Krieg und die Nähe der Front paralysieren den Hafen und die ökonomisch- kommerziellen Aktivitäten….
Ist doch seltsam: just in dieser Zeit der allgemeinen Stagnation erblüht Zeno zum  Geschäftsmann, wird endlich aktiv, hat Freude an der Arbeit und Erfolg. Also ist er (zum Glück) wohl doch nicht zur Arbeit gezwungen und dadurch gereift? Eher ganz der alte: anachronistisch, aus der Reihe tanzend , immer anders als andere und anders als erwartet.

In Magris’ Triest-Buch, Untertitel: Eine literarische Hauptstadt in Mitteleuropa, finden sich einige Äußerungen zu Svevos literarischer Bedeutung, z.B.:
…mit Svevo entstand eine große Dichtung der Krise des zeitgenössischen Individuums… eine ironische und tragische Dichtung, in höchstem Maße luzid…
Svevo und Saba machen Triest zu einer seismographischen Station der geistigen Erdbeben, die sich anschickten, die Welt zu erschüttern ...
Das möchte ich ja alles gern glauben, leider belegt Magris das aber nicht anhand des Svevo'schen Werkes, schon gar nicht des Zeno- Romans. 

Quote from:  orzifarDatum/Zeit: 21. März 2011, 17.15 Uhr
So nebenbei: Triest ist eine der Städte, welche ich heuer - auch aufgrund Milo Dors Beschreibungen - besuchen möchte

Ich war zweimal dort, vor langer Zeit. Jedes Mal war ich verzaubert von der Stadt mit ihrer 'deplazierten' Ringstraßenarchitektur und ihrem morbiden Charme. Milo Dor habe ich mir notiert!

P.S.: Fahr nicht kurz vor Triest achtlos an dem am Meer gelegenen Schloss von D. vorbei!

Offline orzifar

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Re:Italo Svevo: Zenos Gewissen
« Reply #42 on: 31. März 2011, 01.58 Uhr »
Eigentlich scheinen wir in der Beurteilung so weit gar nicht auseinander zu liegen. Und je länger die Lektüre zurückliegt, desto eher vermag ich in den Brüchen, im "kubistischen" Charakter Zenos einige Absicht (und möglicherweise Sinn) zu erkennen. Allerdings ist die konjuntivische Formulierung nicht zufällig ;).

Triest wäre doch ein schöner Ort für ein Forumstreffen  ;D, auf besagtem Schloss mit den Elegien auf den Lippen. Geographisch wäre ich im Vorteil.

lg

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