Author Topic: Fritz Zorn: Mars  (Read 20684 times)

Offline orzifar

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Fritz Zorn: Mars
« on: 12. Februar 2011, 19.42 Uhr »
Hallo!

Im Vorwort werden alle psychoanalytischen Plattheiten und Halbwahrheiten ausgebreitet (naja, Adolf Muschg, für mich seit seiner Keller-Biographie der Inbegriff des Flachdenkers an sich): Mit der mehr als unseligen Conclusio, dass der Krebs des Schriftstellers Zorn seine Ursache einzig in der seelischen Verfasstheit desselben habe. Nun ist derlei Unsinn (selbst wenn der Unsinn als solcher noch so leicht zu durchschauen wäre) in weiten Teilen der Bevölkerung en vogue, führt sich manchmal selbst ad absurdum (etwa im Fall Hackethals), treibt grausame Blüten (wie bei dem 7jährigen Mädchen aus Österreich, bei dem auf eine Tumorbehandlung zugunsten esoterisch-wunderheilerhafter Behandlung so lange verzichtet wurde, bis er halbe Fußballgröße erreichte und den Eltern schließlich das Sorgerecht entzogen werden musste, um eine Behandlung - gerade noch rechtzeitig - zu ermöglichen) - er führt aber eben aus Kritik an einer falsch verstandenen Wissenschaftlichkeit, im Wunsch nach Transzendenz ein blühendes Leben. Und solches Denken eignet sich ideal als Religionsersatz, als Wohlfühlmittelchen auf der spirituellen Esoterikmatratze. Tatsächlich wird ein Prinzip mittelalterlichen - besser: vorwissenschaftlichen Denkens wieder eingeführt: Der Traum eines metaphyisischen Ursache-Wirkung-Prinzips, das in vordenklichen Zeiten verständlich, heute aber ein Mittelding zwisch dumm und verbrecherisch darstellt.

Unzweifelhaft der Zusammenhang zwischen Geist und Körper: Die Körperchemie eines positiven, glücklichen Menschen birgt mehr Möglichkeit zur Genesung, verhindert wohl auch Erkrankungen. Ebenso evident ist die Tatsache, dass dies ein Aspekt unter vielen für die Gesundung und Gesundheit des Menschen ist und dass es nirgendwo signifikante Hinweise auf klar erkennbare Zusammenhänge zwischen Misanthropie und Krebserkrankung gibt (Kreuzkorrelationen dieser Art haben eher die Aussagekraft von Erhebungen, die eine Verbindung zwischen Meniskusschäden, der Farbe des Gartenzauns und der Schornsteinhöhe feststellen). Handfestere Zusammenhänge zwischen Rauchen, Alkohol und exzessiven Schweinebratenverzehr werden da weniger oft zur Kenntnis genommen, wahrscheinlich sind sie dem esoterisch angehauchten Krankheitsinterpreten schlicht zu trivial. Noch häufiger aber sind Krankheiten wie Krebs ein reines Zufallsprodukt: Das zu akzeptieren fällt am schwersten, da kann sich das Menschlein nun gar nicht mehr wichtig nehmen, ähnelt sein Schicksal doch plötzlich dem Zerfall radioaktiver Isotope und ist für das Weltganze nicht wichtiger als eine beliebige strahlende Masse.

Was im Mittelalter mangels Wissen nicht möglich war - nämlich rationale Erklärungsmodelle für Phänomene zu entwerfen (weshalb Wetterunbillen, Naturkatastrophen von Gott gesandt und in weiterer Folge als vom Menschen verursacht betrachtet wurden), feiert heute wieder fröhliche Urständ. Denn die psychische Verfasstheit als ursächlich für (z. B.) Krebserkrankungen anzusehen, bedeutet immer auch Schuldzuweisungen - und wie sich der vorwissenschaftliche Mensch gefragt haben wird, ob nicht bestimmte im Ehebett vollzogene Sexualpraktiken das Hagelunwetter ausgelöst haben, rekurriert auch das psychoanalytisch-esoterische Gewäsch auf derart dubiose Zusammenhänge von Kastrationsängsten, Inzestphantasien und Mordgedanken bezüglich des Erzeugers. Und schließlich wird irgendwas zutage gefördert (was durch den Wunsch des Patienten bedingt natürlich ein leichtes Unterfangen ist) und dadurch nebulöse Ursache an Ursache gereiht, um schließlich die märchenhaft-phantastischen Spekulationen zur Wahrheit zu erheben. Aber lieber ist der Mensch offenbar an seiner eigenen Erkrankung schuld, als dass er akzeptieren könnte, dass seine physische Unversehrtheit weitgehend von Zufällen abhängig ist, deren Auswirkungen zu minimieren unsere einzige Möglichkeit darstellt.

Ich hoffe inständig, dass das Buch nicht ausschließlich aus solchen willkürlichen, geistreich für den bereitwilligen Empfänger esoterischer Wahrheit klingenden, dafür aber umso geistlos seienderen Zusammenhängen besteht, sondern auch eine Beschreibung der bourgeoisen Lebenswelt in all ihrer Bigotterie und Verklemmtheit liefert. Ansonsten wird dies kein langes Lesevergnügen.

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re:Fritz Zorn: Mars
« Reply #1 on: 12. Februar 2011, 20.50 Uhr »
Hallo!

Ach ... Muschg ... Lesen wir das Vorwort überhaupt? Ich finde den Beginn des eigentlichen Textes viel spannender:

"Ich bin jung und reich und gebildet; und ich bin unglücklich, neurotisch und allein."

Schon mit diesem Satz alleine macht Zorn seinem Pseudonym alle Ehre.

Grüsse

sandhofer
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Re:Fritz Zorn: Mars
« Reply #2 on: 13. Februar 2011, 21.08 Uhr »
Hallo!

Muschg - nebenbei gesagt - gehört zu der Trias von Autoren, wo ich sagen muss, dass ich den älteren dem jüngeren vorziehe. Also nicht den älteren Adolf Muschg dem jüngeren, sondern den älteren Muschg dem jüngeren. Im Falle der beiden Walser besteht m.W. keine Verwandtschaft, bei Süskinds ist's der Vater, den ich dem Sohn vorziehe, bei Muschg der ältere Halbbruder dem jüngeren.

Zu Zorn: Den ersten Teil habe ich mittlerweile gelesen. Ich mag seinen Stil - es ist auch, unterm Strich, der meine: Helvetisch geprägt mit "welschen" Einsprengseln. Selbst sein Humor kommt mir bekannt vor.

sondern auch eine Beschreibung der bourgeoisen Lebenswelt in all ihrer Bigotterie und Verklemmtheit liefert.

Muschg wirft Zorn ja indirekt vor, dass er auf jedwede Analyse verzichtet. Ich persönlich finde es schön, wie Zorn beschreibt; Zusammenhänge zwar bildet, sie aber auf der sprachlichen Ebene belässt, ohne psychoanalytische Modelle herbeizuziehen oder marxistische. Ich erkenne diese seine Welt ja wieder - es war in vielem auch (noch) die meine, so wie sie in noch viel mehr auch die Muschgs war. Die helvetische Welt des Kalten Krieges halt, wo sich ein allzu rasches Hervorpreschen mit seiner Meinung rasch am Hervorpreschenden zu rächen pflegte.

Grüsse

sandhofer
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Offline orzifar

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Re:Fritz Zorn: Mars
« Reply #3 on: 14. Februar 2011, 01.18 Uhr »
Kann dir nur zustimmen, habe allerdings nur 10 Seiten gelesen, die aber mit einigem Vergnügen. Wird auch nur sehr, sehr langsam vorwärts gehen, unvorhersehbare Kalamitäten vom Schlimmsten  :(. Alles beschissen hoch drei - und ein Ende nicht wirklich absehbar. Also nur wenige Seiten pro Tag möglich ...

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re:Fritz Zorn: Mars
« Reply #4 on: 14. Februar 2011, 20.24 Uhr »
Nun, dann wünsche ich Dir, dass Deine Kalamitäten sich bald- und bestmöglich auflösen. Im übrigen geht es mir ja auch so: Nur wenige Seiten pro Tag möglich ...
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Offline orzifar

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Re:Fritz Zorn: Mars
« Reply #5 on: 15. Februar 2011, 00.01 Uhr »
Hallo!

Eine bislang sehr ansprechende Lektüre, Beschreibung eines Kindheitsalptraums, wie er so selten nicht ist. Mit den entsprechenden Änderungen könnte ich viele ähnliche Situationen aus meiner eigenen Vergangenheit zutage fördern - und das Kuriose daran: Wenngleich in manchen Dingen das genaue Gegenteil dessen, was Fritz Zorn beschreibt, so sind es doch die Ausprägungen desselben (gut-)bürgerlichen Nachkriegsdenkens, die Abhängigkeit von Konventionen, gesellschaftlichem Ansehen, allgemein akzeptierter Meinungen, apodiktische Vorurteile und dergleichen mehr.

Sehr schön das, was Zorn über den Harmoniezwang schreibt, über die Selbstverständlichkeit, mit der man die Meinung des pater familias als gottgegeben hinnimmt, offenbarte Wahrheit, wobei der bloße Gedanken an ein Hinterfragen dieser Wahrheit schon eine Unverzeihlichkeit wäre. Das Totschlagen von Kindern mit Schlagworten (nennt man sie deshalb so?), alles Gesagte ein Sprechen ex cathedra, das Verstümmeln, Kastrieren, Niederhalten dieser kleinen Menschen in all seiner Perfidie, um dann ähnlich verkrüppelte Erwachsene zu erzeugen, welche im Betonen darin, wie wenig ihnen die Erziehung geschadet habe, gerade diesen Schaden bekennen.

So viel Bekanntes: Die Hegelschen Erfolgsformeln, der Akademiker, Erfolg-Reiche, Anerkannte als ein zu Bewundernder, während der Arme implizite Schuld trägt an seinem bedauernswerten Sein: Er hätte doch auch ... und könnte sich ein Beispiel nehmen, Mitleid ja, aber möglichst kostengünstig, der Hang zum Katholizismus und zur Ablassbequemlichkeit: Der sonntägliche Obolus im Klingelbeutel enthebt von aller Schuld und einem schlechten Gewissen, das diese Bezeichnung nicht verdient.

Sehr schön auch das, was er über Geben und Nehmen schreibt, über den Egoismus derer, die nichts annehmen wollen oder aber sofort mit Gegengeschenken bei der Hand sind, einfach aus Angst (und Selbstherrlichkeit), jemanden nur ja nichts schuldig zu bleiben, sondern die anderen zu verpflichten (und im Zweifelsfall auf die eigene, so oft bewiesene Uneigennützigkeit zu rekurrieren).

Bisher wenig psychosomatische Plattheiten - und sehr lesbar.

lg

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Offline sandhofer

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Re:Fritz Zorn: Mars
« Reply #6 on: 15. Februar 2011, 11.10 Uhr »
Hallo!

Das nun wiederum:

So viel Bekanntes: Die Hegelschen Erfolgsformeln, der Akademiker, Erfolg-Reiche, Anerkannte als ein zu Bewundernder, während der Arme implizite Schuld trägt an seinem bedauernswerten Sein: Er hätte doch auch ... und könnte sich ein Beispiel nehmen, Mitleid ja, aber möglichst kostengünstig, der Hang zum Katholizismus und zur Ablassbequemlichkeit: Der sonntägliche Obolus im Klingelbeutel enthebt von aller Schuld und einem schlechten Gewissen, das diese Bezeichnung nicht verdient.

möchte ich für Zorn aufgebröselt haben. Der Teil:

So viel Bekanntes: Die Hegelschen Erfolgsformeln, der Akademiker, Erfolg-Reiche, Anerkannte als ein zu Bewundernder, während der Arme implizite Schuld trägt an seinem bedauernswerten Sein [...]

wird wohl auch Bestandteil des Zorn'schen Milieus gewesen sein. Max Weber hat ja die protestantische Ethik als Wurzel des kapitalistischen Erfolgsdenkens bezeichnet. Auch wenn Zwingli m.W. die Gnadenwahl Calvins, die hinter diesem Denken stehen soll, gemäss Weber, verworfen hat, so sind dem Protestantismus Zwingli'scher Provenienz solche Ideen sicher nicht fremd.

Der zweite Teil allerdings ist für Zorn sicher nicht relevant. Die protestantische Ethik leidet lieber an den Sünden, als sie sich ablassen zu lassen.

Grüsse

sandhofer
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Offline orzifar

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Re:Fritz Zorn: Mars
« Reply #7 on: 15. Februar 2011, 13.34 Uhr »
Der zweite Teil allerdings ist für Zorn sicher nicht relevant. Die protestantische Ethik leidet lieber an den Sünden, als sie sich ablassen zu lassen.

Da hast du natürlich Recht, der Übergang von der Zornschen zur Orzifarschen Kindheit war fließend. Wobei es schon Parallelen gibt, denn der Ablass befreit ja v. a. gesellschaftlich, wird gesehen mit Blick auf die anderen.Vielleicht mehr dazu, wenn ich Zeit finde.

lg

orzifar
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Offline mombour

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Re:Fritz Zorn: Mars
« Reply #8 on: 15. Februar 2011, 20.19 Uhr »
Hallo,

das erste Kapitel habe ich gelesen. Auch Zorn erwähnt auf der ersten Seite die seelischen Ursachen des Krebses. Natürlich ist das nicht richtig. Es gibt diverse Ursachen von Krebs, die sog. seelische...das hat sich auch nach wikipedia nicht bestätigt. Wenn es so wäre, dann wäre Zorns Kerbsursache seine Depression. Das ist natürlich barer Unsinn. Die Angst des Menschen vor gefährlichen Krankheiten geht manchmal, und das leider, irrationale Wege. Die Frage, die man sich stellt, warum muss ausgerechnet ich mit 32 an Krebs sterben, ist natürlich beklemmend.  Damit dieses überhaupt einen Sinn bekommen kann, denken sich Mensch Möglichkeiten aus, warum sie diese Krankheit bekommen haben. Auch wenn versucht wird, aus Verzweiflung dieses rational zu erfassen, landen viele Leute in irrationale Fantasien, d.h. esoterische Ursachenforschung, esoterische Praxis. Ich persönlich kenne einen Fall, auch Krebs, aber im allerfrühsten Zustand inzwischen geheilt. Doch diese Person hat ihre Ernährung radikal umgestellt (tendenziell fanatisch), liest dann diverse esoterische Literatur, Reinkarnationstherapie usw. Es ist tragisch, was  Angst mit Menschen anstellen kann. Außerdem, diese Person ist strengkatholisch...man möge ja glauben, die Religion helfe gerade in solcher Not - aber Pustekuchen.

Fritz Zorn arbeitet mit Wiederholungen, erläutert die gekünstelte Harmonie in seiner Kindheit von sehr vielen Seiten. Ich bin überrascht, was Zorn hier alles eingefallen ist, und es ist auch sehr schön für mich, das zu lesen. Diese Vermeidung von Streitgespräch, dieses fatale Unternehmen, alle in der Familie müssen einer Meinung sein, d.h. der Vater hat eine Meinung, die sich auf die anderen Familienmitglieder drüberstülpt, ist ein seelisches Korsett, was dort jemand zu tragen hat, der in solch einer Familie lebt. Zorn besitzt eine kleine Dosis Humor, und führt diesen Harmonieunsinn selbst ins absurdum. Von einem Schulkamerad wird er gefragt, ob er Autos mag. Zorn denkt, er mag Autos und sagt "Ja". Es stellt sich aber heraus, der Kamerad mag keine Autos. Zorn auch nicht, aber er hatte gelogen. Dieses erste Kapitel ist wirklich gute Literatur: die gekonnten Wiederholungen oder einfallsreichen Absurditäten wie die mit dem Auto, oder auch die mit den guten und schlechten Bucher. Das ist gute Literaturkost. Ich hoffe, es bleibt so gut.

Liebe Grüße
mombour
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
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Offline orzifar

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Re:Fritz Zorn: Mars
« Reply #9 on: 16. Februar 2011, 16.30 Uhr »
Auch Zorn erwähnt auf der ersten Seite die seelischen Ursachen des Krebses. Natürlich ist das nicht richtig. Es gibt diverse Ursachen von Krebs, die sog. seelische...das hat sich auch nach wikipedia nicht bestätigt. Wenn es so wäre, dann wäre Zorns Kerbsursache seine Depression. Das ist natürlich barer Unsinn. Die Angst des Menschen vor gefährlichen Krankheiten geht manchmal, und das leider, irrationale Wege. Die Frage, die man sich stellt, warum muss ausgerechnet ich mit 32 an Krebs sterben, ist natürlich beklemmend.  Damit dieses überhaupt einen Sinn bekommen kann, denken sich Mensch Möglichkeiten aus, warum sie diese Krankheit bekommen haben. Auch wenn versucht wird, aus Verzweiflung dieses rational zu erfassen, landen viele Leute in irrationale Fantasien, d.h. esoterische Ursachenforschung, esoterische Praxis.

Zorns Überlegungen kann ich nachvollziehen: Betroffen von einem schlimmer Schicksal stellt sich ganz automatisch die Frage nach dem Grund desselben, der Wunsch, einen solchen Grund auszumachen ist auch der Wunsch, aufgrund der sich einstellenden Erkenntnis Heilung zu erlangen. Anders ausgedrückt: Die psychologische Verfassung, die den Betroffenen zum Wunderheiler gehen lässt (oder eben die obskursten "Gründe" ausfindig macht) ist absolut nachvollziehbar. Mache ich Ursachen für meinen Zustand aus, so vermag ich möglicherweise auch auf diese Ursachen einzuwirken. Nichts scheint schwerer, denn ohnmächtig ertragen zu müssen, in sein eigenes Schicksal nicht eingreifen zu können.

Diese Erklärungsmodelle gibt es allüberall: Ein Jugendfreund von mir machte etwa den Ausgang eines Fußballspiels davon abhängig, ob er auf seinem Weg auf eine gerade oder ungerade Zahl von Kanaldeckeln treffen würde oder ob der bärtige bzw. der glatzköpfige Spaziergänger als erster bei irgendeiner Ecke anlangen würden, ein anderer hatte nach einer langen Siegesserie eines österreichischen Schirennläufers die Erklärung für dessen erste Niederlage parat: Er (der Bekannte) habe - ausnahmsweise - gerade dieses Rennen auf dem Fernsehgerät in der Küche angesehen, während er ansonsten immer im Wohnzimmer die Rennen verfolge. Usf. Je nebulöser der Zusammenhang zwischen prognostiziertem Ereignis und der für diese Prognose herangezogenen Dinge ist, desto eher verfällt der Wundergläubige diesen seinen Prognosen. Die schon im Eingangsposting erwähnte Erklärung von Naturkatastrophen, Unwettern etc. fällt in diese Kategorie (wenn man etwa nach Hagelschlag jahrelang intensiv auf den Felder betet und tatsächlich über einige Zeit die Unwetter ausbleiben, bis sich - nach erneuter Vernichtung der Ernte - diese Maßnahmen wieder als unzureichend herausstellen, intensiviert oder geändert werden müssen). Das könnte man nun als Vergangenheit angehörig bezeichnen, ein Bericht des Schweizer Fernsehens (vor einigen Tagen) belehrte mich aber eines Besseren (zugegeben, dieser Belehrung war ich nicht wirklich bedürftig): Hier ein (älterer) Bericht, mittlerweile hat der Papst die Erlaubnis erteilt, für das Gletscherwachstum zu beten und die um diese Erlaubnis einkommende Gemeinde ist von der Wirksamkeit felsenfest überzeugt. Exotische Heilungsmethoden und der ganze esoterische Klimbim funktionieren nach ebendieser Methode.

Wie gesagt: Aus Sicht des Betroffenen absolut verständlich, da dieser (wenn auch nur vermeintlich) eine gewissen Macht über das Schicksal zurückerlangt. Genau mit diesem Gedanken scheint Zorn auch zu spielen, eine Aufarbeitung seiner Erziehung soll ihm den Schlüssel für die Heilung zur Hand geben.

Zorns Erziehung scheint mir im übrigen nicht so außergewöhnlich zu sein (worauf er auch selbst hinweist). Allerdings ist seine Reaktion auf diese Bevormundung im Sinne des gesellschaftlichen Funktionierens über einen sehr langen Zeitraum eher selten: So kommt es zumeist schon in der Jugend zu intensivem Widerstand, da (etwa die erwachende Sexualität, auch die Anerkennung durch Peer-Groups) unmissverständlich ihre Forderungen stellen und dieser Bedürfnisse wegen der Gehorsam aufgekündigt wird. Gerade diese jugendliche Selbstfindung (in der Generation Zorns stärker noch als heute), die in einem Abgrenzen, auch einer oft ungerechten Kritik der Erwachsenenwelt besteht, fehlt bei ihm vollkommen, erst nach Kenntnis der Krankheit fasst er den Mut, den vorhandenen latenten Wünschen explizit Ausdruck zu verleihen. Und er wirkt (verständlicherweise) auch mit seinen dreißig Jahren noch unreif, dort, wo er etwa über Sexualität spricht, die er auch in diesem Alter ähnlich überschätzt wie es für einen 14jährigen normal ist.

lg

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Offline sandhofer

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Re:Fritz Zorn: Mars
« Reply #10 on: 16. Februar 2011, 21.03 Uhr »
Allerdings ist seine Reaktion auf diese Bevormundung im Sinne des gesellschaftlichen Funktionierens über einen sehr langen Zeitraum eher selten:

Wobei dieses lange Stille-Halten zum Teil wohl doch dem Milieu geschuldet ist. Die Vor-68er Jeunesse dorée vom rechten Zürichsee-Ufer (bis heute nicht zu Unrecht im Volksmund "Goldküste" genannt) kannte selbst da eigene Spielregeln.
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Re:Fritz Zorn: Mars
« Reply #11 on: 18. Februar 2011, 16.33 Uhr »
Hallo!

Bei allem, was Zorn über Sexualität schreibt, ist es schon befremdlich zu wissen, dass das von einem 32jährigen kommt. Seine romantisierenden Vorstellungen, sein Träumen, sich unfähig fühlen sind für einen Pubertierenden völlig normal; hingegen ist es schon erstaunlich, dass der Schreibende auch 15 Jahre später keine andere Position einzunehmen in der Lage ist, dass er (da hat ihn wohl Freud ziemlich verdorben) in der Sexualität das um und auf des Lebens sieht, ihr eben jenen Wert zuerkennt, den sie für einen Jugendlichen natürlicherweise besitzt. (Auch seine Gleichsetzung von Liebe und Sexualität sind Hinweis darauf, dass er mit beiden - durchaus unterschiedlichen Begrifflichkeiten - nur Träume verbindet, Sehnsüchte, dass er in einer nie stattgehabten sexuellen Erfahrung die Erfüllung seiner ganzen Wünsche sieht. Und die Psychoanalyse liefert ihm das theoretische Rüstzeug, eine Welt, in der es nichts gibt, was nicht irgendwie mit Sexualität in Verbindung gebracht werden konnte. - Bei solchen Menschen mit derartigen Interessenlagen muss ich an Kraus' Aphorismus denken, dass die Psychoanalyse eben jene Krankheit sei, für deren Therapie sie sich hält. Zorn scheint dafür beispielhaft.)

Was mich - bislang blieb das im Buch völlig unerwähnt - interessieren würde, ist der Werdegang, die Entwicklung seines Bruders. Denn mir scheint dieses Buch mehr das Psychogramm eines schweren Neurotikers zu sein als Gesellschaftskritik und der implizit ausgesprochene Vorwurf, dass einzig die verquere, moralinsaure Erziehung die Probleme (und Krankheit) des Protagonisten ausgelöst hätte, könnte durch die Schilderung des Werdegangs des Bruders einige Aufhellung erfahren.

Zorn erinnert mich stark an einen Bekannten, der, mittlerweile Uni-Professor, ebenfalls Sohn von reichen, gutbürgerlichen Eltern, sich auch in späteren Jahren noch jene pubertäre Überzeugung (keiner kann mich mögen, ich bin hässlich, furchtbar, eine Überzeugung, denen wahrscheinlich alle Jugendlichen irgendwann anhängen) zueigen machte, die im Laufe der Entwicklung sich normalerweise irgendwann verflüchtigt. Auf S. 104 findet sich ein verräterischer Satz, wie ich ihn mutatis mutandis von dem erwähnten Bekannten auch gehört habe: Er beklagt als Student seine Zeit zu verbummeln, aber eben nicht "richtig", denn "er besoff sich nicht, trieb sich nicht in Spielhöllen und Bordellen herum und verführte nicht den ganzen Tag schöne Studentinnen (was ja tatsächlich auch eine Möglichkeit gewesen wäre, und vielleicht nicht die schlechteste)" (Hervorhebung meinerseits).

Das vermittelt ein höchst seltsames Bild von Beziehungen bzw. deren Entstehung, da er diese Verführung als eine Art Tätigkeit begreift wie Kegelschieben oder Briefmarken sammeln, was genau dazu führt, dass ein solcher Mensch eben niemanden abkriegt, da sich Frauen von dieser Haltung zurückgestoßen, instrumentalisiert fühlen. Man verführt nicht, man ist ganz einfach (auch wenn das - je jünger, je schwieriger - so "einfach" nicht ist), man spricht, hört zu, versteht, widerspricht - was auch immer. Aber man "verführt" nicht (außer als professioneller Gigolo auf Ibiza, wobei genau dieser seltsame "Idealtypus" des Verführers vor dem geistigen Auge solcher Menschen wie Zorn auftaucht), das würde im übrigen aus dem Objekt der Begierde tatsächlich ein "reines" Objekt machen, sondern man versteht sich eben mehr-weniger gut, findet sich sympathisch, interessant, lacht gemeinsam, spottet usf. Woraus sich dann manchmal "etwas" ergibt, wobei der Typus Zorn dann einen weiteren Fehler begeht: Er setzt eben Liebe (nebst Variationen) explizite mit Sexualität gleich, während es aber unzählige Zwischenstufen gibt; dass selbst ein Blick, eine wie zufällige Berührung etc. erotisch sein können, dass es dann manchmal auch dabei bleibt und nichts weiter geschieht (was häufig vor Enttäuschungen bewahrt ;)), leuchtet solchen Menschen überhaupt nicht ein, die dann im bloßen Geschlechtsakt ihre Erfüllung zu finden meinen (wobei die Enttäuschung vorprogrammiert ist, so es denn soweit kommt).

Halte auf S. 115, geht nur langsam voran.

lg

orzifar
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Re:Fritz Zorn: Mars
« Reply #12 on: 20. Februar 2011, 07.54 Uhr »
Hallo!

Halte auf S. 115, geht nur langsam voran.

Sagt einer, der schon mehr als doppelt so weit ist wie ich ...    :D

Wie weit Zorn individuell und wie weit er milieubedingt im sexuellen Rückstand ist, kann ich nicht abschätzen. Sexualität war natürlich in den Kreisen, in denen er aufgewachsen ist, tabu. (Sie "störte", so, wie auch sonst ein Besuch störte.) Da der Protestant zwar wie der Katholik das Verbot vor- und ausserehelicher Sexualität kennt, aber im Gegensatz zu diesem - wenn er denn mal dagegen verstossen haben sollte - nicht die Erleichterung, dass er das Ganze dem Priester beichten kann, der ihm garantiert (auch im Namen Gottes) die Sünde ablässt, sondern sich direkt einem zornigen, eifernden Gott ausgesetzt sieht, dessen Reaktionen unvorhersehbar sind, mag das Tabu sogar noch härter sein, die Moral noch rigider. Nicht umsonst gelten wohl die protestantischen Länder als prüder.

Kurzschlüsse dort, wo Zorn seine Krebserkrankung direkt seiner Erziehung zuschreibt. Ist der Begriff der "Christian Science" hier schon gefallen? "Krankheit ist ein Irrtum." Im Grunde genommen kann sich Zorn gerade dort, wo er vorgibt, sich von seiner Erziehung zu lösen, am wenigsten davon lösen. Nur, dass er keinen Weg mehr sieht, seine Krankheit zu bekämpfen.

Grüsse

sandhofer

PS. Wollen wir den Thread nicht in die Leserunden verschieben?
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Re:Fritz Zorn: Mars
« Reply #13 on: 22. Februar 2011, 01.39 Uhr »
Hallo!

Ich bekenne, dass mir Zorn immer mehr auf die Nerven geht. Und mir fehlt im Buch die Gesellschaftskritik, die Beschreibung dieser bürgerlichen Scheinheiligkeit, während die verquasten Innenansichten und Selbstbeweihräucherungen meine Geduld strapazieren. Unzweifelhaft, Zorn ist ein armes Schwein, in sich selbst gefangen und andererseits nur in den Köpfen der anderen lebend, alle Konventionen brav erfüllend. (Er macht dies im übrigen konsequent: Auch sein Hang zur Psychotherapie ist nun so revolutionär nicht, er delegiert gewissenmaßen die Verantwortlichkeit dadurch wieder an eine gesellschaftlich anerkannte Institution, an eine Autorität (wie die seiner Eltern), aber ihm scheint bis zu seinem Tode nie bewusst geworden zu sein, wofür er denn wirklich Interesse hat, was denn er sich wirklich wünscht, denn seine Wünsche (etwa die nach einer Partnerin) sind vorgestellte, sind theoretischer Natur, es sind die Prinzessinnenträume des 14jährigen, dem noch nicht klar wird, dass auch dieser erträumte Zustand erarbeitet werden muss - mit Enttäuschungen, Bemühungen, Kämpfen, Traurigkeit - und dass es diese Allharmonie nicht gibt, sondern nur in Ansätzten - und unter Mühen - erreicht werden kann.)

Dann Feststellungen wie auf S. 132: "Diese Erklärung [dass das angestaute Leid sich in seinem Inneren nicht mehr komprimieren ließ und dadurch zur Geschwulst wurde] scheint schon deshalb einleuchtend zu sein, weil es sonst eigentlich keine andere gibt." Nun, ich könnte ihm schon einige weitere Erklärungen liefern, aber die würden wohl nicht in sein Weltbild passen. Wie schon zuvor erwähnt: Ich verstehe ja den Wunsch nach solchen einleuchtenden Zusammenhängen (wie etwa bei astrologisch angekränkelten Menschen, wobei die Astrologie eine sie verständlich machende Vorgeschichte besitzt, die erst heute obsolet geworden ist), aber der Wunsch allein bedeutet natürlich nicht, dass es einen solchen Zusammenhang auch gibt.

--- Da ward mir eine prophetische Gabe zueigen: Gegen Ende des ersten Buches entblödet sich Zorn nicht, über den Mond im vierten Hause, Widder, Skorpion und andere Einflüsse der Gestirne auf seine Krankheit bzw. seine familiären Probleme zu räsonieren. Und dann gleich nochmals Prophetie: Seine angebliche Besserung aufgrund der Therapie, die er zuvor konstatierte, nahm ich ihm nicht ab und siehe da: Gleich zu Beginn des zweiten Buches erfolgt auch von seiner Seite die Bestätigung, dass es ihm nun noch schlechter gehe.

Im Grunde genommen kann sich Zorn gerade dort, wo er vorgibt, sich von seiner Erziehung zu lösen, am wenigsten davon lösen.

Genau. Auch in seinem Weg in die Therapie wandelt er auf diesen bürgerlichen Spuren, immer noch gehorcht er gesellschaftlichen Konventionen, erwartet von dieser Gesellschaft auch seine Heilung und pflegt und hegt auf diese Weise sein Neurosenpflänzchen. Wobei - das ist schon ein ausgewachsener Baum in seiner Beziehungsunfähigkeit, seinem Mangel an Empathie jeder Art, seiner absoluten Humorlosigkeit, die v. a. im völligen Fehlen an Selbstironie zutage tritt: Vielleicht spürt man gerade in diesem Bierernst am stärksten die Auswirkungen seiner puritanischen Erziehung.

Im zweiten Teil scheint er insofern einen Fortschritt gemacht zu haben, als dass er hier stärker Gefühle zeigt: Er poltert und wütet gegen die Gesellschaft, sein Elternhaus - und selbst wenn dies manchmal ungerecht zu sein scheint, macht es in dieser Wut einen Menschen aus ihm. Und wenn er in Bezug auf die Gedulds- und Leidensfähigkeit des Protagonisten in der Hiobgeschichte feststellt, Gott sei das "größte Schwein des Universums" (was angesichts der Geschichte ein Wahrspruch wäre), so wird hier wenigstens ein erstes Stück Emotionalität sichtbar.

Aber weiterhin wird er von Orwellschem Zwiedenken beherrscht: Er erkennt zwar das Seltsame einer Sinngebung durch die christliche Religion, zieht aber nicht die - sich eigentlich aufdrängende - Konsequenz, ein solches Konzept gänzlich fallen zu lassen, sondern versucht es für sein eigenes Leben zu retten, phantasiert irgendwas zusammen von Glück, vom Sinn des Lebens (wobei ihm die Idee, dass ein glücklicher Mensch nach diesem Sinn nicht zu fragen pflegt, nicht kommt), schließlich will er Klarheit erreichen, um allem und jedem die Schuld zuzuweisen, wobei sich die Frage nicht stellt, ob er damit Recht hat. Denn eines ist tatsächlich klar: Selbst wenn er Recht hätte (was ich der Pauschalierungen wegen keinesfalls glaube), so ist das für ihn letztendlich irrelevant, v. a. für seinen Versuch, sich aus diesem Sumpf zu befreien. (Erinnert mich an einen bereits über 50jährigen Alkoholiker, der nie müde wurde, seine Eltern - der Vater war schon 20 Jahre tot - die Schuld für diesen seinen Alkoholismus zu geben. Auch hier war der Punkt überschritten, ob diese Schuldzuweisung nun teilweise (ganz wohl nie) zu Recht bestand: Es hatte etwas Seltsam-Bedrückendes, einen eigentlich alten Mann über seine lieblose (damals 90jährige) Mutter reden zu hören wie einen 14jährigen.)

Trotzdem: Der zweite Abschnitt war für mich - teilweise - lesbarer, wenigstens ein wütender, um sich schlagender Mensch, während bei Teil eins nur der Beginn erträglich war, der Rest eine Art Beweihräucherung nebst psychoanalytischem Schwulst.

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Re:Fritz Zorn: Mars
« Reply #14 on: 22. Februar 2011, 15.47 Uhr »
Hallo,

Quote from: sandhofer
Da der Protestant zwar wie der Katholik das Verbot vor- und ausserehelicher Sexualität kennt, aber im Gegensatz zu diesem - wenn er denn mal dagegen verstossen haben sollte - nicht die Erleichterung, dass er das Ganze dem Priester beichten kann, der ihm garantiert (auch im Namen Gottes) die Sünde ablässt, sondern sich direkt einem zornigen, eifernden Gott ausgesetzt sieht, dessen Reaktionen unvorhersehbar sind, mag das Tabu sogar noch härter sein, die Moral noch rigider.

Das ist mir noch gar nicht aufgefallen, dass Katholiken es in Bezug von Sünden leichter hätten. Was überstrapazierte strenge Religiosität an Kindern ausrichten kann, da vergleiche man das Schicksal von Hermann Hesse, Flucht aus dem Kloster Maulbronn usw. Das die Sexualität im Abendland als etws Böses und Sündhaftes angesehen wurde, ist auch der katholischen Kirche anzulasten; man lese Deschner: "Das Kreuz mit der Kirche."

Die Mentalität von Zorns Eltern ist, man kann es nur so nennen, verlogen, unehrlich. Sie belügen sich doch selber, wenn sie die Kirche für respektabel halten, von Gott aber nichts wissen wollen. Warscheinlich liegt dem ein Gesellschaftszwang  zugrunde. Andere gehen in die Kirche, also wir dann auch. Das sich der Vater für Predigtinhalte nicht interessiert hat, ist ja bezeichnend.

Quote from: orzifar
Bei allem, was Zorn über Sexualität schreibt, ist es schon befremdlich zu wissen, dass das von einem 32jährigen kommt. Seine romantisierenden Vorstellungen, sein Träumen, sich unfähig fühlen sind für einen Pubertierenden völlig normal; hingegen ist es schon erstaunlich, dass der Schreibende auch 15 Jahre später keine andere Position einzunehmen in der Lage ist...

Ich bin jetzt noch beim 15 Jährigen im 1V. Kapitel. Was man mit jungen Menschen anrichten kann, wenn  Eltern mit ihren Nachwüchslern nie über Sexualität reden, kann man hier nachlesen. Diese extreme Schüchternheit, dann die Erwartungshaltung anderer "Na, hast du schon 'ne Freundin" muss dem Zorn doch tief auf einen Nerv eingeschlagen haben. Mädchen nur in der Fantasie des Jungen, quasi hat er den Anschluss verpasst. Diese Vorstellung, Kinder werden gezeugt, indem man eine Frau mit der Hand berührt, Schweißtropfen dann überspringen usw....da weiß ich nicht mehr, was ich dazu sagen soll.

Quote from: Zorn
Das ganze Leben aber ist Sexualität
, heißt es, und:
Quote from: Zorn
Wer sich vereinigt, lebt, wer sich fernhält, stirbt.

Er weiß, dass ihm etwas entgeht. Sagen wir mal so: Es ist doch kein Wunder, dass ein Mensch mit so einer Vergangenheit depressiv werden kann.

Zorn sagt , er sei nicht der einzige mit solch einem Schicksal, bloß nicht jeder schreibt eben seine Momoiren darüber. Zorn also repräsentiert nur eine betroffene Person von vielen? In Ansätzen habe ich vergleichbares wie Zorn erlebt. Zu meiner Zeit waren damals die kritischen Thesen zur Kirche von Uta Ranke-Heinemann in Umlauf. Als wir diese Thesen am Tisch diskutierten, hatte mein Vater nicht den Mund aufgemacht und saß nur versteinert da; das bedeutet: die Kirche darf man nicht kritisieren. Wir hatten also einen Tabubruch begangen. Über Sexualität wurde auch nicht gesprochen. Ausrede: "Das kriegste schon später mit".  Protestantisches Umfeld, tja.

Ich will jetzt noch einen Schwung weiterlesen.....

Liebe Grüße
mombour
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe