Hallo!
Ich bekenne, dass mir Zorn immer mehr auf die Nerven geht. Und mir fehlt im Buch die Gesellschaftskritik, die Beschreibung dieser bürgerlichen Scheinheiligkeit, während die verquasten Innenansichten und Selbstbeweihräucherungen meine Geduld strapazieren. Unzweifelhaft, Zorn ist ein armes Schwein, in sich selbst gefangen und andererseits nur in den Köpfen der anderen lebend, alle Konventionen brav erfüllend. (Er macht dies im übrigen konsequent: Auch sein Hang zur Psychotherapie ist nun so revolutionär nicht, er delegiert gewissenmaßen die Verantwortlichkeit dadurch wieder an eine gesellschaftlich anerkannte Institution, an eine Autorität (wie die seiner Eltern), aber ihm scheint bis zu seinem Tode nie bewusst geworden zu sein, wofür er denn wirklich Interesse hat, was denn er sich wirklich wünscht, denn seine Wünsche (etwa die nach einer Partnerin) sind vorgestellte, sind theoretischer Natur, es sind die Prinzessinnenträume des 14jährigen, dem noch nicht klar wird, dass auch dieser erträumte Zustand erarbeitet werden muss - mit Enttäuschungen, Bemühungen, Kämpfen, Traurigkeit - und dass es diese Allharmonie nicht gibt, sondern nur in Ansätzten - und unter Mühen - erreicht werden kann.)
Dann Feststellungen wie auf S. 132: "Diese Erklärung [dass das angestaute Leid sich in seinem Inneren nicht mehr komprimieren ließ und dadurch zur Geschwulst wurde] scheint schon deshalb einleuchtend zu sein, weil es sonst eigentlich keine andere gibt." Nun, ich könnte ihm schon einige weitere Erklärungen liefern, aber die würden wohl nicht in sein Weltbild passen. Wie schon zuvor erwähnt: Ich verstehe ja den Wunsch nach solchen einleuchtenden Zusammenhängen (wie etwa bei astrologisch angekränkelten Menschen, wobei die Astrologie eine sie verständlich machende Vorgeschichte besitzt, die erst heute obsolet geworden ist), aber der Wunsch allein bedeutet natürlich nicht, dass es einen solchen Zusammenhang auch gibt.
--- Da ward mir eine prophetische Gabe zueigen: Gegen Ende des ersten Buches entblödet sich Zorn nicht, über den Mond im vierten Hause, Widder, Skorpion und andere Einflüsse der Gestirne auf seine Krankheit bzw. seine familiären Probleme zu räsonieren. Und dann gleich nochmals Prophetie: Seine angebliche Besserung aufgrund der Therapie, die er zuvor konstatierte, nahm ich ihm nicht ab und siehe da: Gleich zu Beginn des zweiten Buches erfolgt auch von seiner Seite die Bestätigung, dass es ihm nun noch schlechter gehe.
Im Grunde genommen kann sich Zorn gerade dort, wo er vorgibt, sich von seiner Erziehung zu lösen, am wenigsten davon lösen.
Genau. Auch in seinem Weg in die Therapie wandelt er auf diesen bürgerlichen Spuren, immer noch gehorcht er gesellschaftlichen Konventionen, erwartet von dieser Gesellschaft auch seine Heilung und pflegt und hegt auf diese Weise sein Neurosenpflänzchen. Wobei - das ist schon ein ausgewachsener Baum in seiner Beziehungsunfähigkeit, seinem Mangel an Empathie jeder Art, seiner absoluten Humorlosigkeit, die v. a. im völligen Fehlen an Selbstironie zutage tritt: Vielleicht spürt man gerade in diesem Bierernst am stärksten die Auswirkungen seiner puritanischen Erziehung.
Im zweiten Teil scheint er insofern einen Fortschritt gemacht zu haben, als dass er hier stärker Gefühle zeigt: Er poltert und wütet gegen die Gesellschaft, sein Elternhaus - und selbst wenn dies manchmal ungerecht zu sein scheint, macht es in dieser Wut einen Menschen aus ihm. Und wenn er in Bezug auf die Gedulds- und Leidensfähigkeit des Protagonisten in der Hiobgeschichte feststellt, Gott sei das "größte Schwein des Universums" (was angesichts der Geschichte ein Wahrspruch wäre), so wird hier wenigstens ein erstes Stück Emotionalität sichtbar.
Aber weiterhin wird er von Orwellschem Zwiedenken beherrscht: Er erkennt zwar das Seltsame einer Sinngebung durch die christliche Religion, zieht aber nicht die - sich eigentlich aufdrängende - Konsequenz, ein solches Konzept gänzlich fallen zu lassen, sondern versucht es für sein eigenes Leben zu retten, phantasiert irgendwas zusammen von Glück, vom Sinn des Lebens (wobei ihm die Idee, dass ein glücklicher Mensch nach diesem Sinn nicht zu fragen pflegt, nicht kommt), schließlich will er Klarheit erreichen, um allem und jedem die Schuld zuzuweisen, wobei sich die Frage nicht stellt, ob er damit Recht hat. Denn eines ist tatsächlich klar: Selbst wenn er Recht hätte (was ich der Pauschalierungen wegen keinesfalls glaube), so ist das für ihn letztendlich irrelevant, v. a. für seinen Versuch, sich aus diesem Sumpf zu befreien. (Erinnert mich an einen bereits über 50jährigen Alkoholiker, der nie müde wurde, seine Eltern - der Vater war schon 20 Jahre tot - die Schuld für diesen seinen Alkoholismus zu geben. Auch hier war der Punkt überschritten, ob diese Schuldzuweisung nun teilweise (ganz wohl nie) zu Recht bestand: Es hatte etwas Seltsam-Bedrückendes, einen eigentlich alten Mann über seine lieblose (damals 90jährige) Mutter reden zu hören wie einen 14jährigen.)
Trotzdem: Der zweite Abschnitt war für mich - teilweise - lesbarer, wenigstens ein wütender, um sich schlagender Mensch, während bei Teil eins nur der Beginn erträglich war, der Rest eine Art Beweihräucherung nebst psychoanalytischem Schwulst.
lg
orzifar