Hallo!
Ich glaube auch nicht, dass ein großer Unterschied zwischen protestantischer und katholischer Sexualmoral, Ethik besteht - und dass die Beichte in dieser Hinsicht tatsächlich erleichtert, kann ich mir nicht vorstellen: Da damit ja kein Problem gelöst wird, keinesfalls die verqueren Vorstellungen von Sexualität geändert werden - im Gegenteil: Sie werden explizite als Sünde gebrandmarkt.
Unser aller Sexualerziehung dürfte sich ohnehin kaum unterschieden haben, in meinem Elternhaus war dieses Thema ein absolutes Tabu, alles, was nur entfernt damit zu tun hatte, wurde totgeschwiegen (ich habe etwa meine Eltern niemals nackt gesehen, das wäre völlig undenkbar gewesen). Aufklärung gab es übehaupt nicht (ich wurde von der "Straße" aufgeklärt), die Unsicherheit dadurch natürlich geschürt. Andererseits halte ich Zorns Vorstellungen (in der Pubertät) für nichts Besonderes, die Unsicherheit Mädchen gegenüber scheint normal, sie wurde nur bei ihm über einen "normalen" Zeitraum hinaus prolongiert. (Für mich selbst stand auch fest, dass ich nie jemanden kriegen würde (bis 16), dann genau eine (wobei ich mir sicher war, dass die Betreffende einen Knall haben müsse, wenn sie sich ausgerechnet mich aussuche) - schließlich verschwand dieses Gefühl und vor allem machte ich auch die Erfahrung, dass meine "Erfolge" umso größer waren, je weniger ich meiner Umwelt (in Gestalt der begehrten Weiblichkeit) irgendwas vorspielte, je mehr ich dem durch die Erziehung verschütteten Gefühl "nett zu sein" nachgab. Vielleicht habe ich einfach diesbezüglich Glück gehabt, indem ich relativ früh begriff, dass das, womit man zu imponieren glaubt, keinesfalls Eindruck macht und man sich im Gegenteil als sympathisch und menschlich erweist, wenn man "Schwächen" eingesteht.)
Das Paradoxon scheint darin zu bestehen, dass Zorn in seiner Kritik an Eltern und Gesellschaft völlig Recht hat, andererseits sich aber gar nicht davon lösen kann. Das ist auch die Crux an seiner Situation, an Depressionen, Traurigkeiten im allgemeinen: Dass eben die Krankheit verhindert, jene Mechanismen wirken zu lassen, die eine Besserung bewirken würden, dass man einem Depressiven zwar sagen kann, er möge sich aus seiner Lethargie befreien, er möge - wenn auch nur irgendetwas - tun, leben, dass aber seine Krankheit genau darin besteht, dass er eben genau das nicht kann. Ich unterschätze nicht das Verzweifelte eines solchen Teufelskreises, im Gegenteil: Ich habe in meiner Vergangenheit genau solche katastrophal endenden Geschichten miterleben müssen.
lg
orzifar