Author Topic: Fritz Zorn: Mars  (Read 20685 times)

Offline sandhofer

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Re:Fritz Zorn: Mars
« Reply #30 on: 12. März 2011, 17.23 Uhr »
Hallo

Nun bin ich ebenfalls durch. Der zweite Teil, mit seiner Gleichsetzung von Neurose und Krebs ist tatsächlich wenig ertragreich; der Schluss, wo Zorns Angst und Wut durchschlagen, ist dann wieder bedeutend interessanter, auch wenn ich finde, dass von einem Romanisten mehr präzise Logik zu erwarten wäre. (Ach ja, zumindest Sartre und Camus hat er doch gelesen...)

Grüsse

sandhofer
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Offline orzifar

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Re:Fritz Zorn: Mars
« Reply #31 on: 12. März 2011, 18.25 Uhr »
Der Zusammenhang zwischen Romanist und Logik will sich mir nicht erschließen ;). Dass er im letzten Teil (aber nicht nur, hierin ist er konsequent) auf stringente Beweisführung verzichtet ist wohl auch der (für mich wohltuenden) Wut geschuldet.

lg

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Offline sandhofer

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Re:Fritz Zorn: Mars
« Reply #32 on: 14. März 2011, 08.12 Uhr »
Hallo!

Nun ja: Die "romanistische Literatur" (darunter verstehe ich die portugiesische, die spanische, die italienische und die französische Literatur, die ich mehr oder weniger kenne) zeichnet sich für mich durch einen hohen Grad an intellektueller Durchtränktheit aus. Selbst der verrückte Don Quijote ist auf eine sehr intellektuelle, rationale, kühle Art verrückt. Und irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass ein Romanist all diese Schriften studieren soll, ohne dass das Rationale, Kühle, (Selbst-)Beobachtende auf ihn abfärben soll. Witzigerweise kann ich die vom Vater herrührenden sexuellen Probleme von Chessex' nicht-autobiografischem Protagonisten weit besser nachvollziehen als die des autobiografischen Fritz Zorn. Vieles mag Zorns Wut und Angst geschuldet sein, die das grosse Plus dieses Romans ist, aber die intellektuelle Durchdringung der Probleme ist Chessex besser gelungen.

Grüsse

sandhofer
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Re:Fritz Zorn: Mars
« Reply #33 on: 27. Juni 2011, 20.00 Uhr »
Hoi zäme

Ich spreche zu Euch quasi als Wiedergeburt Fritz Zorns. Das Buch war wohl nicht zufällig eine enorme Identifikation und sehr prägend für mich. Habe es mehr durch Zufall entdeckt. Zum ersten Mal davon gehört habe ich in einem Buch "Die Sehnsucht Opfer zu sein" oder so (über Binjamin Wilkomirskis Fall). Dann dachte ich, das Interessiert mich. Paar Monate später hatte ich von der Arbeitslosenkasse eine Beschäftigungsstelle in einer Bibliothek. Und beim Einräumen liegt genau das noch auf dem Tablar... Es gibt manchmal so Zufälle, wo man zweifelt, ob es wirklich Zufälle sind. Habe mir dann sogar den Strapazin-Band antiquarisch bestellt, in dem die Gebrüder Varenne ein Comic über ihn machten. Und DeRoulets "Double" gelesen, wobei ich finde, dass dieser Möchtegern-Revolutionär Zorns Namen nur als Zugpferd brauchte, dass jemand das Buch kauft. Über Zorn stehen darin nur Mutmassungen, dass er glaubt, er hätte ihn mal gesehen usw. Wie ehrlich DeRoulet ist, sieht man ja im Buch, wo er uns Lesern glaubs sagt, er hätte das Springerhaus nicht angezündet usw., und kaum als es verjährt war, ging er an die Presse.

Aber ich bin abgeschweift: Für mich war Zorn genau richtig, wie er war. Das Buch hatte für mich überhaupt keine Längen, es hätte fünfmal so lang sein dürfen! Es war, als würde er zu mir sprechen, und ich dachte, endlich mal redet einer Klartext. Das Wohltuende daran ist sein Empören über eine Gesellschaft, wo nur die Starken lieben. "Das ist in der Natur auch nicht anders.", kann man sagen, aber der bewusste Mensch sollte das Chaos überwinden durch Kultur.

Ich bin 27 und hatte mit Frauen auch nie etwas, wegen einer leichten Behinderung. Vor ca. 10 Jahren bin ich in den "sozialen Tod" und die Neurose und Depression verfallen, als ich keine Lehrstelle fand (Was aber nur die Spitze des Eisbergs war, vorausgegangen war Ausgrenzung in überfremdeten Schulhäusern in Kombination mit meiner Labilität, und mangelnder Sensibilität des Umfelds). Mit 8 und mit 16 erneut zur Psychiaterin, die nur Belangloses plauderte (Ich wünschte, die Psychiaterin hätte euren Scharfsinn gehabt. Aber die las wohl nur Fachbücher - in der Studienzeit damals.) Habe körperlich selber nichts, bin sehr zufrieden mit dem Körper. Aber jemand anderes in unserer problematischen Familienkonstellation hat Leukämie. Mir hat die Literatur sehr über die schwierige letzte Dekade hinweggeholfen (und das, obwohl ich als langsamer Leser absolut gesehen nicht so viele ganze Bücher las) und mir geholfen, meine zersplitterte Welt wieder zusammenzusetzen. Heute geht es mir trotz allem gut, weil ich (dank der Literatur) die richtige Einstellung habe, und irgendwann werde ich von der IV loskommen, und Arbeit finden. Ob auch eine Freundin, ist nicht so sicher, denn das Schicksal vieler historischer Persönlichkeiten (Jesus, Hitler, Tintin) war es, ihre Sexualität unterdrücken zu müssen.

Ich kann also Fritz Zorn sehr gut intuitiv verstehen. Was ich nicht verstehe, ist Eure Belustigung darüber, was für hohe Erwartungen Zorn in die Liebe steckt. Auch für mich ist die Vorstellung von Liebe eine sehr tragende Hoffnung. M.E. ist die Liebe immer nur so heilig, wie man sie hält ("Der einzige Fortschritt, den es gibt, ist der Fortschritt der Liebe." Anthony de Mello)

Ihr als frauengewohnte Literaturbeaus seid höchstwahrscheinlich einfach viel erfolgsverwöhnter bei Frauen als ich, und darum abgestumpft ;) Ich interessiere mich halt auch mehr für die östlichen Sachen wie Tantra und Karezza, normalen GV möchte ich gar nicht. M.E. ist eine richtige Liebesumarmung gegen oben offen und ist Poesie, das hat nichts mehr mit dem "alten Rein-Raus-Spiel" zu tun.

Es gibt Leute, die Wie Bonobos Sex als Mittel zum Zweck sehen, als sozialer Kitt und bargeldlose Zahlungsmöglichkeit. Andere wie ich betrachten Sex als den Zweck an sich. Gerade Zorn als ziemlich sicher genitaler Charakter (Probleme mit der Identitätsfindung), genau solche Menschen bräuchten es eigentlich am meisten. Ein analer oder oraler Charakter kann er nicht sein (sagt ja, es ist ihm nicht so wichtig, ob das Essen gut ist.)

Zorn war darum für mich ein Typ, der zu "gut" für diese Welt war. Er hätte vielleicht gewünscht, er könne einen leichtfertigeren Umgang mit Sex haben, aber dazu war er zu edel. So ist es, und man wird immer edler. Wenn Du Jahre gewartet hast, willst Du nicht in irgendein Bordell.

Das Problem grösste als Depressiver ist m.E., dass man nicht nur das eigene Leben für trist ansieht, sondern bald das Leben generell, und gar nicht mehr sieht, dass es ein gutes Leben geben kann. Sex ist noch der augenfälligste, plumpste Ausdruck von Glück, darum wohl die Fixiertheit darauf. Sex ist nicht alles, aber ohne Sex ist alles nichts. Eine Freundin wäre für Zorn der Schlüssel zum Leben gewesen, dazu, eine Persönlichkeit zu bekommen.

Was Zorn sagt, hat ausserdem wirklich grössere Dimensionen, für mich ist das nicht nur Grössenwahn. Der orientierungslose Bürger der Schweiz ist in einem Wechselbad aus Autorität und Überbehütung.

Offline orzifar

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Re:Fritz Zorn: Mars
« Reply #34 on: 27. Juni 2011, 21.35 Uhr »
Hallo,

das dürfte nun weniger ein Diskussion über Literatur denn über psychosoziale Umstände des Erwachsenwerdens mit einem Gran Psychologie werden.

Nur ein paar Dinge, die mir in deinem Posting auffielen:

Ich bin 27 und hatte mit Frauen auch nie etwas, wegen einer leichten Behinderung.

Das ist eine Begründung, die, wenngleich ich dich nicht kenne, so nicht stimmt bzw. stimmen kann. Weil ich Menschen mit Behinderung und Beziehung kenne. Bestimmte Umstände machen es vielleicht schwerer, aber man könnte nur dann von einem kausalen Zusammenhang sprechen, wenn alle Menschen mit der entsprechenden Einschränkung ebenfalls beziehungslos wären. Offenbar ziehst du etwas als Begründung heran, was dir plausibel erscheint, erscheinen will, tatsächlich aber sind die Gründe mit Sicherheit vielfältig und in der Gesamtheit der Person begründet (und ein Teil davon ist diese Behinderung).

Zorn erwartet sich von der Sexualität zu viel, nicht von der Liebe - und er setzt die beiden Dinge gleich (wie es auch du zu tun scheinst). Bei dir scheint das ähnlich zu sein, deine Gedanken drehen sich um den Vollzug (oder Nichtvollzug) des Geschlechtsverkehrs, um bestimmte Liebespraktiken (die ich noch nicht mal kenne). In realiter (Erfahrungen eines literarischen Beaus ;)) verläuft die Sache anders: Kennenlernen, Sprechen, Erzählen, Zuhören, Unterhalten, Lachen (ganz wichtig), Spüren, dass man dem anderen - möglicherweise - nicht ganz unsympathisch ist. Wer all dieses Sprechen aber mit "einem im Hinterkopf erigierten Penis" betreibt und so gar nicht diesen seinen Wunsch verbergen kann (und meiner Erfahrung nach spüren Frauen und Mädchen das zumeist seeeehr gut, was und ob das Gegenüber "etwas" erwartet) wird wohl recht leicht enttäuscht werden. Die entsprechende Dame mag eine Dumpfbacke sondergleichen sein, sexuelle Avancen, das Fixiertsein auf Sexualität, spürt sie zumeist mit beachtlicher Sensibilität.

Zorn erinnerte mich in seiner Obsession an einen Bekannten, mittlerweile Uni-Dozent, also gesellschaftlich etabliert, normal aussehend (er allerdings begründet - vielleicht wie du - seinen mangelnden Erfolg durch sein Aussehen), der auch ständig die Erlösung seiner Leiden in der Sexualität sah. Ich habe dann mal Bekannte gefragt, warum er für sie als Partner nicht in Frage käme: Alle haben (wenngleich er sehr zurückhaltend war, schüchtern) sofort gewusst, dass er auf der Suche ist, er "fixiert" sei und ihn aus genau diesem Grund als irgendwie seltsam, verstörend, beunruhigend eingeschätzt. "Er ist nett, witzig, klug, aber auch komisch und fixiert, selbst wenn er lacht glaubt man, es diene nur einem Zweck". Unter diesen Frauen waren einige, denen psychologisches Feingefühl ansonsten fremd wie nur irgendetwas war, ihn aber haben sie trotz aller Manöver sofort durchschaut (vielleicht kann ja eine der anwesenden Damen auch noch etwas zu diesem Typus beitragen).

Ich selbst (unsicher wie jeder andere) hab ziemlich bald begriffen, dass ich "einfach nur sein muss". Der Dozent hat mich damals gefragt, worüber ich mit Frauen reden würde, "so zu Anfang" - und ich hab ihn gar nicht recht verstanden, einfach weil ich mir nie eine Strategie zurecht legte. Damals hatte ich grad eine unglaublich nette Studentin kennengelernt, die ich irgendwann zum Essen einlud. Wir redeten bis Mitternacht oder darüber hinaus - und der neugierige Dozent fiel aus allen Wolken, als ich ihm erzählte, dass ich mich hauptsächlich über Selbstmord an diesem Abend unterhalten hatte. Weil ich eben mit einer diesbezüglichen literarhistorischen Arbeit beschäftigt war und ich nicht im Traum auf den Gedanken gekommen wäre, dass dies kein "passendes" Gesprächsthema sei. Alles, einfach alles ist passend. Außer vorbereitete Gespräche, mit denen man imponieren, was auch immer, will.

Außerdem scheinst du leider schon von deiner Psychologin infiziert zu sein: Vergiss sämtliche genitalen, oralen, analen Charaktere. Es gibt Menschen, die man mag - und von denen man gemocht wird. Mit denen man vielleicht mal im Bett landet und mehr oder weniger Spaß hat. Jeder mag so seine versteckten Träume haben, aber die sind so wichtig nicht. Meiner Erfahrung nach (ich spreche wieder als Beau) sind es keinesfalls die Stunden, die man gemeinsam im Bett verbringt, die sich am meisten einprägen, am schönsten sind. Es ist oft das Kennenlernen, das erste, leise Spüren, das Herzklopfen, der Quadratzentimeter Haut, den man wie zufällig berührt, die Hand, die bei einer leisen Berührung nicht wegzuckt, wie zufällig liegen bleibt - das Herz klopft bis zum Hals, während man zitternd, schluckend, scheinbar aber souverän über Heideggers Fundamentalontologie spricht (zu sprechen vorgibt). Später ein Gefühl der Sicherheit, Geborgenheit, das Wissen, dass da jemand ist, der einen (und man hat wohl lebenslang den Eindruck) ein wenig unberechtigt zu gern mag.

So weit so gut ...

lg

orzifar
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Re:Fritz Zorn: Mars
« Reply #35 on: 27. Juni 2011, 23.05 Uhr »
Danke für Deine Ratschläge. Meine Behinderung hat eben genau Kontaktschwierigkeiten zum Inhalt, das "Aspergersyndrom", wobei ich diesen Befund eigentlich nicht glaube, sondern eher, dass ich ein extremer Topneurotiker bin, was ich aber immer zu verbergen wusste, auch vor mir selbst. Es durfte nicht gemerkt werden, dass ich neurotisch war (dann hätte man den Dingen auf den Grund gehen müssen), da war so ein Stempel einfacher. Wäre ich in ein akademisches Umfeld reingeboren worden, wäre sowas evtl. gar nie als "Behinderung" aufgefallen. Meine Fähigkeiten hätten sich in eine entsprechendere Richtung entwickelt, und dann hätte ich es evtl. sogar ans Gymnasium geschafft. Zorn hat also Recht, dass das Umfeld eine grosse Rolle spielt, wie jemand sich entwickelt. Aber seine Eltern waren ja anscheinend gebildet, das geht mir nicht in den Kopf.

Jahrelang hat es mich vor Begehren zum Teil fast in den Irrsinn getrieben, aber heute, dank den asiatischen Energiekultivierungsübungen und Hypnose via MP3 kann ich Energie aus mir selber generieren und brauche eine Frau vor allem noch emotional. Was Du beschreibst ist eigentlich genau das, was ich vermisse, aber natürlich gehört sicher alles zusammen.

Ich bin einverstanden, dass man Psychoanalyse nicht zu totalitär würdigen sollte, aber das, was Freud so sagt, ist schon nicht einfach an den Haaren herbeigezogen! Ich habe es selber als Kind gespürt, diese Gefühle waren zum Schneiden dick: Die Geschichte von Davids Kampf gegen Goliath hat in mir als Kind immer ein sehr beklemmendes Gefühl ausgelöst, das ich nicht verstand... Ausserdem habe ich in der Beratungsrubrik der "Schweizer Jugend" mal eine Erklärung vom Ödipuskomplex gelesen, und ab dann hatte ich Angst, dass ich das wirklich tun würde. Ich hatte generell eine enorme Aggressionshemmung. "Dank" selbem Heft begriff ich auch erstmals, wie der Geschlechtsakt abläuft - und verstand die Welt nicht mehr (Genau wie Zorn es beschreibt)

Es verblüfft mich auch, dass Zorn alleine wohnte bzw. in einer WG, und es trotzdem nicht besser wurde. Irgendwo stand mal Zorn hätte sogar Feste gegeben und alle eingeladen, und sei nicht so eine graue Maus gewesen, sondern aufgetreten wie ein spanischer Grande (Möglicherweise im Buch "Lettre à Fritz Zorn" von Monique Verrey, von dem ich selber nur Rezensionen las.) In der heutigen Zeit hätte er via Internet ziemlich wahrscheinlich eine Freundin gefunden, und heute muss auch niemand mehr Hemmungen haben, Frauenbesuch in seiner Wohnung zu empfangen (Wenigstens ein Vorteil davon, dass man einander nicht mehr so kennt in den Häusern)

Und was, wenn er dann doch Krebs bekommen hätte? Dann hätte er nichtmal eine Erklärung dafür gehabt, es wäre nur Sprachlosigkeit geblieben.

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Re:Fritz Zorn: Mars
« Reply #36 on: 28. Juni 2011, 13.49 Uhr »
Hallo,

du hast meines Erachtens Recht, wenn du die Diagnose "Asperger-Syndrom" anzweifelst. Häufig sind Behandelnder und Behandelter einfach nur froh, einen Namen gefunden zu haben für das, was sie zu therapieren wünschen bzw. sie beeinträchtigt. Damit ist dann - außer der Katalogisierung - nichts gewonnen, einzig der Patient hat das mehr-weniger wohltuende Gefühl, an einer ganz spezifischen Krankheit zu leiden und damit auch das Recht an diesem seinen Zustand erwirkt zu haben. Ähnlich inflationär wird bei auffälligen Jugendlichen mit dem Borderline-Syndrom umgegangen, in beiden Fällen gibt es eine Aufzählung von Kriterien, die - bei entsprechender kreativer Auslegung - auf beinahe jeden Menschen zutreffen.

Das, was dich an Zorn verblüfft, sollte dich nicht verblüffen ;). Zumeist erscheinen andere Umstände als erstrebenswert, schön, wie ja auch Zorn irgendwo schrieb, dass er gerade seine spezifischen Umständ für besonders schrecklich erachtet hat: Das Leben an der "Goldküste", das Wohlbehütetsein etc., weshalb ihm ein Dasein in einem weniger exklusiven Milieu als eine Art Rettung erschienen ist. Ich glaube auch nicht, dass das Internet Zorn zu einer Beziehung verholfen hätte: Denn es war ja nicht der Mangel an Gelegenheiten, wenn man seinem Buch Glauben schenken darf (wobei ich mir diesbezüglich nicht immer ganz sicher bin).

Und nein: Nicht alles, was Freud sagte, ist einfach nur falsch (er hat im Gegenteil als erster bestimmte psychische Phänomene angesprochen). Aber vieles ist doch Nonsens, vereinfachend (u. a. seine Überbetonung von Sexualität). Oder aber es benennt ein Gefühl, das häufig vorkommt: So ist es nicht verwunderlich, dass in einer Gesellschaft mit patriachalen Strukturen so mancher heranwachsende Jugendliche (Mädchen inklusive) den Wunsch verspürt, seinem Vater die Rübe zu spalten (kenn ich ;)). Ob man das allerdings großartig mit einem ödipalen Komplex bezeichnen muss, will ich bezweifeln (und der zweite Teil der Sehnsucht einer Kopulation mit Mama bedarf meist erst einer "therapeutischen" Behandlung).

Gerade was dieses "Begreifen" des Geschlechtsaktes anlangt ist es wohl ganzen Generationen ähnlich gegangen. Auch bei uns kursierte so eine Aufklärungsbroschüre mit den entsprechenden Zeichnungen (die mir allerdings kein wirkliches Verständnis vermittelten). Außer dass die Sexualität damit (für mich) in den medizinischen Bereich verschoben, zu einem Abstraktum wurde, das mit dem, was mich beschäftigte (nämlich der Sehnsucht nach Umarmung, irgendeiner Form von Liebe, die ich genau gar nicht hätte benennen können), nichts zu tun hatte. Meine Aufklärung fand später auf der Straße statt.

Eigentlich will ich keine "Ratschläge" geben: Bestenfalls zeigen, dass dein Zustand so besonders denn doch auch wieder nicht ist, was aber keinesfalls bedeuten soll, dass ich dein Leiden an diesem Zustand unterschätze. Wie ich überhaupt der Meinung bin, dass man in der Beurteilung der Probleme anderer Vorsicht walten lassen sollte: Nach Camus ist das, was ein Grund zu leben ist, immer auch ein Grund zu sterben. Das aber bedeutet, dass, wenn man zum Glück nur ganz wenig braucht, man dieses Wenige auch dazu benutzen kann, sich einen Strick zu kaufen.

lg

orzifar
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Re:Fritz Zorn: Mars
« Reply #37 on: 28. Juni 2011, 17.38 Uhr »
Das mit dem Strick stimmt absolut. Wenn einem alles sinnlos ist, kann einem genausogut alles sinnvoll sein. Es kann in jede Richtung kippen. Wenn man genug verzweifelt ist, lacht man ja eigentlich mehr vor Verzweiflung als dass man weinen würde. Und aus der (überwundenen) Depression kann auch eine grosse Kraft kommen, die sonst unmöglich wäre.

Ich glaube, der Ausgang des Ödipuskonflikts bei Zorn war so, dass er sich sagte, ich gebe auf. Dieser Konflikt kann eh keinen guten Ausgang nehmen für das Kind, wenn die Eltern den Ödipuskonflikt ernster nehmen als es selbst...

Es gibt Männer, die ihre Frau und ihren Sohn (unbewusst) zu Mollusken werden lassen. Die "Lächerlichkeit", die Zorn erwähnt, ist ein Schlüssel zum Verständnis davon: Zorns Familie war wohl wirklich lächerlich, im weitesten Sinn, wie ich und meine Familie. Ich erinnere mich daran, wie mal in ein Lager meine Eltern mit meinem Grossvater auf Besuch kamen (generell keine gescheite Idee..) und dann haben die anderen Kinder irgendwie über sie gelacht. Aber Vielleicht nicht absolut lächerlich, sondern nur in dem Zusammenhang, alle anderen waren ganz anders sozialisiert, Schlüsselkinder mit Migrationshintergrund. Und meine Eltern bringen auch noch Schoggistängeli für alle vorbei, für die Klasse, wo drei Viertel mich schmähen.

Zorn scheint mir ausserdem auch eher eine kleine Verwandtschaft gehabt zu haben, was weiter zur Isolation und zum Um-Sich-Selbst-Drehen der Kleinfamilie führte, ein Komplexherd. Ich hatte gerademal 2 Cousins väterlicherseits (wovon einer adoptiert), während z.B. die Italos zahlreiche Cousins und Cousinen hier in der Schweiz hatten.

Wenn der Vater lächerlich ist (Sonderschuljahre als Kind, Harthörig ohne ein Hörgerät kaufen zu wollen, Wortfindungsstörungen), dann verdrängt das die Familie, denn er ist ja immerhin der Vater und man mag ihn ja.

Der Vater kann trotz der tieferen Schwächen und auch ohne besonders Aussehen ein rätselhaft attraktiver Mann à la Dick Laurent aus "Lost Highway" sein, solche Männer wie wandelnde Penisse, die bis auf die Knochen obszön sind (unterschwellig), sodass ihnen die Frauen zufliegen (ein Penis so gross, dass man nicht sieht, dass es einer ist. Cola kann haushohe Plakate kleben und niemanden störts, während der neueröffnete Coiffeursalon fast niedergebrannt wird, weil er paar Wurfzettel verteilt.) Jedenfalls wird um so einen Mann herum alles andere weiblich... Und der Sohn will nicht glänzen und nimmt sich körperlich und geistig zurück, will den Vater nicht übertrumpfen (Darum die Kunst als Ausflucht, weil es in der Kunst keine Konkurrenz gibt, alles ist einzigartig und "man kann es nicht vergleichen"). Trotzdem wird auf eine Art der Vater bald zum Sohn, und der unterdrückte Sohn zum Vater, weil er (ein Leichtes) geistig bald reifer ist. Noch bisschen verbale Gewalt, und voilà, das labile Kind hat die schönsten Komplexe. Die sind so mannigfach, dass es mir wirklich vorkommt, wie Zorn sagt: Zurückschlagen eines Vorhangs, und dahinter ist ein weiterer Vorhang, hinter dem noch mehr Schrecken ist usw. Man muss aber das Gute sehen: Man kann sich nach jedem Vorhang freuen, dem Leben einen Schritt näher zu kommen. Es hilft auch viel, sich nicht so ernst zu nehmen.

"Dick Laurent-Männer" bekommen alles, was sie wollen, denn den Penis will niemand verletzten oder zurückweisen. Vielleicht wegen den Fruchtbarkeitskulten von früher, vielleicht auch, weil die Leute unbewusst denken: "He, fuchtel nicht mit dem Ding hier rum!", und alle geben ihm alles, nur damit er verschwindet... Diese "Dickheads" umgehen rationale Schranken in der Frau und sprechen irgendwie unbewusste animalische Wünsche an.

Der Sohn muss aber bald merken, dass er sich nicht auf dieselbe Art den Frauen nähern kann, im Gegenteil... Es wird hier nicht mit gleichen Ellen gemessen, bei ihm gilt es sofort als Belästigung. Vielleicht auch nur weil er sensibler ist, und allzu deutlich merken kann, dass die anderen ihm signalisieren, dass es lästig ist.

So ein Mann baut eine Harmonie auf, notfalls mit (verbaler) Gewalt, durch raffinierte Schuldgefühle wagt es das Kind nicht, die Harmonie zu verletzen und z.B. nicht mit in die Ferien zu gehen (Daheimbleiben geht umso schlechter als dass es keine Freunde hat, sodass es dumm aussähe, zu sagen: Ich bleibe lieber ganz alleine zuhause, obwohl es stimmt.) Aber irgendwann beginnst Du dich zu fragen, wer hat diese Harmonie überhaupt am meisten nötig? Harmonie auch in dem Sinn, dass diese Männer jetzt ihre Jagdphase abgeschlossen haben, weil sie schon alle hatten, und jetzt umso monogamer sind. Verlogen wie die Einsiedler, zuerst das Leben geniessen, und dann, wenn man wund ist und den Kater hat, den Heiligen spielen. Sie wollen auch nicht, dass der Sohn wird wie sie, darum vermeiden sie, dass er sturmfrei oder sonstige Gelegenheiten bekommt.
 
M.E. potenzierte sich die Lächerlichkeit erst recht dadurch, dass Zorns Vater jemand war, der sich ernst nahm, mit seiner rein-säkulären Arbeit mit den Kirchen (Verlogener geht es nicht) Der Beruf des Vaters des antichristlichen Federicos ist somit eine grosse Ironie, der von meinem Vater auch (Erotik-Zulieferbranche). Solche Eltern arbeiten auch mit Drohungen wie "Iss auf, denk an die Kinder in Afrika usw.", dabei kümmern sich genau jene Eltern überhaupt nicht darum, was für politische Verhältnisse dazu führen, dass es in Afrika solche Misstände gibt...

Nennt mich abergläubisch, aber solche Unaufrichtigkeit beschwört einfach Flüche hinauf! Mit der Bedeutung, mit dem Sinn zu spassen, kann nicht gut sein, weil alle dann immer mehr in Frage stellen, am Schluss das Leben selbst, und immer mehr Substanz bröckelt weg. Man hat ja gesehen, was aus dem Sohn, des Laienpredigers Crowley, der Alkohol verteufelte, unter der Woche aber selber braute, geworden ist...
« Last Edit: 28. Juni 2011, 17.44 Uhr by VivaElSocialismo »