Hallo,
Bei mir erweckte er nachgerade den Eindruck, dass er die Evolution als gesteuerten Prozess betrachtet. Also in Richtung "intelligent Design". Was ich nicht gerade schätzte.
Vom Vorwurf, dass er eine Art von ID in der Evolution entdecken würde, muss ich ihn freisprechen. Jedenfalls sind mir keine diesbezüglichen Textstellen aufgefallen. Hingegen hat seine technologische Evolution durch die menschliche Leitung durchaus Züge des ID.
Hm ... wenn ich Sätze lese wie: "Interessante Resultate könnten sich bei dem Versuch ergeben, einen schematischen Baum der technologischen Evolution zu skizzieren" (Fussnote I, 1. Satz), dann bin ich schon skeptisch. Diese Parallelsetzung von technischer und "natürlicher" Evolution1) lässt zumindest den Schluss zu, dass, wenn hinter der technischen Evolution "intelligent Design" steht, das auch bei der Bioevolution der Fall sein könnte. Die langen Zeiträume, die Lem als Argument anbringt, dass dies nicht der Fall ist, sind irrelevant. Der liebe Gott hat ja unendlich viel Zeit zur Verfügung, da sind die paar Jahrmillionen vom Einzeller in der Ursuppe bis zu Armstrong auf dem Mond für ihn ein Klacks.
jetzt habe ich diesen Absatz zweimal gelesen und meine nun erst verstanden zu haben, wie du zu dieser Überlegung kommst. Ich vermute aber (und Lems skeptische Haltung gegenüber allen irgendwie metaphysischen Einflüsterungen legt mir das nahe), dass es Lem keineswegs um Gleichsetzung von Bioevolution (seine technisierende Ausdrucksweise amüsiert mich eher und dürfte seinem Technikglauben geschuldet sein, auch dem Versuch einer Verwissenschaftlichung) und technischer Evolution geht, sondern dass diese von jener lernen könne. Und dass sich nun auf menschlich-künstlicher Ebene eine zweite Evolution, Revolution vollzieht.
Gegen ID sprechen auch seine Gedanken bezüglich außerterrestrischer Intelligenz (wobei ich ID-Theorie so gut nicht kenne, dass ich sagen könnte, was genau dem entspricht oder widerspricht - und ich zweifle sehr, ob sich eine solche Auseinandersetzung lohnt). Er führt die von allen Seiten oftmals geäußerte Überlegung ad absurdum, das Leben auf der Erden hätte unglaublich vielen Zufällen seine Entstehung zu verdanken, weshalb das Ereignis einmalig, andererseits gesteuert sein müsse, nicht bedenkend, dass dies nur dann ein unwiederholbarer Zufall ist, wenn man genau diese Form von Leben als die einzig mögliche betrachtet. Das wäre so, wenn ich aus der Tatsache, dass mein Sohn einen bestimmten genetischen Code besitzt, der in aller Zukunft nie mehr in dieser Form existieren wird, schließe, dass keine Kinder mehr geboren werden können, weil sie alle meinem Kleinen gleichen müssen.
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Der Geist in der Maschine ist nun wieder ein gelungenes Kapitel, v. a. die Beschreibung, wann denn nun von einem "Bewusstsein" bei einer Maschine gesprochen werden kann. Man stößt auf ähnliche Probleme wie bei der Definition des Begriffes Leben, dessen exakte Abgrenzung nicht gelingt, weil es ein spezifisch menschlicher Begriff ist und wir einerseits diese Trennlinie willkürlich (anhand von Definitionen), andererseits auch von Fall zu Fall neu ziehen müssen.
Lem beschreibt dieses Problem anhand des Turing-Tests (wobei es keine Rolle spielt, ob der Test mittlerweile obsolet ist). Entscheidend ist die Überlegung, dass ein Programm, Computer (irgendeine KI-Entität) dahingehend überprüft wird, ob sie denn nun Intelligenz, Bewusstsein besitze, indem man eben festzustellen versucht, ob man die KI in einer beliebigen Unterhaltung von einem Menschen unterscheiden kann. Jedesmal, wenn dies nicht der Fall ist (in einer endlichen Anzahl von Fällen, die aber sehr groß sein kann), wird die Maschine entsprechend geändert, bis eine solche Unterscheidung (nach z. B. 1 Million Modifikationen) nicht mehr möglich ist und die Maschine deshalb Bewusstsein besitzt. Lems Trick ist nun, den Leser damit zu überraschen, dass er den Programmierer keine Modifikationen am bereits bestehenden Gerät vornehmen lässt, sondern jeweils eine neue KI mit den Verbesserungen baut, sodass es schließlich nach allen Verbesserungen 1 Million solcher Geräte gibt. Diese würden dann den sukzessiven Übergang von unbewusstem Programm (Nr. 1) zu Bewusstseinsmaschine (Nr. 1 000 000) repräsentieren, wobei sich die Frage stellt, wann genau dieser Übergang erfolgt. Damit wird schön gezeigt, welche Schwierigkeiten mit solch spezifisch menschlichen Abgrenzungen verbunden sind. (Auch: Welche Lebewesen würden wir als individuell intelligent bezeichnen? Pantoffeltierchen, Grottenolme, Katzen (so wie sich mein Viech gerade eben benommen hat - ein klares Nein), Affen, Menschen?) Individuell intelligent deshalb, weil eine ganze Art in ihrer Evolution eine Art Intelligenz entwickelt (indem etwa Eigenschaften ausgebildet werden, um z. B. das Gefressenwerden zu verhindern, etwas, was man beim Individuum als Antizipation und spezifisch intelligent bezeichnenen würde).
Zweifel und Antinomien, 1: Lange Zeit war es eine, eigentlich die Herausforderung für Programmierer, ein Schachprogramm zu entwickeln, dass den besten menschlichen Spieler zu schlagen imstande sein sollte. Ich kann mich noch an Diskussion in der zweiten Hälfte der 80iger Jahre erinnern, als - mit häufig eher "intuitiven" Argumenten - von Schachspielern ein solches Computerprogramm als urrealisierbar bezeichnet wurde. Tatsächlich waren die Leistungen der meisten Computer erschütternd schwach, ich hatte einen von Scicys, der, wie damals der Regelfall, mit geschlossenen Stellungen so gut wie gar nichts anfangen konnte und im Endspiel praktisch chancenlos war. Viele sahen in einem "Computerschachweltmeister" den Untergang der Menschheit, das Fallen der letzten Bastion des homo sapiens. Was ich schon damals nicht verstand, weil die Existenz einer Maschine, die irgendetwas besser als ein Mensch kann, keinesfalls Wettbewerbe zwischen Personen verhindert. (Nur weil ein Roboter schneller über 100 Meter läuft oder mehr Gewicht zu heben imstande ist, wurden weder Leichtathlektik- noch Gewichtheberkonkurrenzen abgeschafft.) Offenbar wurde aber die Eitelkeit des homo sapiens durch die Schachcomputer, überhaupt "denkende" Maschinen schwerer verletzt - wobei: Die ersten Taschenrechner haben dieses geistige Selbstverständnis weniger angekratzt, kaum jemand hat es als furchtbar empfunden, dass nun der kleine batteriebetriebene Kasten schneller multiplizierte als sein Besitzer.
Allerdings: Mit dem Terminus "denkend" muss man allerdings vorsichtig umgehen, alle derzeit (mir) bekannten Computer arbeiten nach dem Prinzip der Geschwindigkeit bzw. der großen Zahl. Alle Rückkoppelungen sind algorithmusgesteuert, daher nicht "frei". Wobei sich die (nicht grad neue) Frage stellt, ob nicht Willensfreiheit zum einen eine Schimäre ist, zum anderen aus einer bloß unübersichtlich großen Zahl an Möglichkeiten von Reaktionen besteht. Wäre etwa ein Supercomputer, der auf einen bestimmten Input durch einen Zufallsmechanismus auf Milliarden an Varianten der Reaktion zurückgreifen könnte (mit den entsprechenden weiteren Verästelungen) denn möglicherweise nichts anderes als ein denkender Mensch? Und wann entsteht im Laufe der Evolution dieses Denken (bzw. die scheinbare(?) Willensfreiheit)? Wieder der Durchlauf wie oben: Einzeller, Pflanze, Tier, Mensch?.
2: Hier faselt Lem wieder von einer "Theorie der sozialen Systeme" - an die ich schon aus logischen Gründen nicht zu glauben vermag. Eine Theorie dient im Grunde immer dazu, bestimmte Dinge vorherzusagen - und ein soziales System dürfte diese Vorhersage nicht kennen, da sie sie sonst konterkarieren würde. Dieses Nichtkennen ist aber undurchführbar - und wäre es doch durchführbar, hätten wir eine Theorie, die niemand kennt, wodurch das Ganze hinwiederum vollkommen belanglos wäre.
Ein paar Seiten noch, dann komme ich auch zur Prolegomena. Gerade gebricht's mir an Zeit, später vielleicht noch ein paar Sätze zum letzten Punkt.
lg
orzifar