Author Topic: Stanislaw Lem: Summa technologiae  (Read 15590 times)

Offline orzifar

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Stanislaw Lem: Summa technologiae
« on: 17. Juli 2010, 22.20 Uhr »
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Hallo!

Suhrkampausgabe von 1981, zerlesenes Exemplar. Los geht's!

Schon nach wenigen Seiten (der Einleitung für den deutschen Leser) wird klar: Hier schreibt jemand, der einiges an Verstand sein eigen nennt. Futurologen (oder wie immer sie sich nennen mögen) sind ja ein zweifelhaftes Völkchen und können zumeist in zwei Gruppen eingeteilt werden: Die einen sehen das Himmelreich am Horizont, alle halten Händchen und singen Halleluja und Hosianna, während es Manna vom Himmel regnet, während die hauptberuflichen Misanthropen und Pessimisten sich an Tod- und Zerstörungsphantasien laben und ein baldiges Ende der Welt prophezeihen.

Lem nimmt gleich zu Anfang Bezug auf Poppers "Elend des Historizismus" und meint, dass "wir nichts wissen können". Vor allem nicht Zukünftiges. Damit relativiert er - diplomatisch klug - alles das, was da noch kömmt in seinem Buche, dass sich doch hauptsächlich mit diesem Nichtvorhersagbaren beschäftigt. Aber: Er will Umrisse erkennen, ferne Möglichkeiten mit einer unbestimmten Realisierungswahrscheinlichkeit. Dazu eine enorm wichtige, für ein einigermaßen vernünftiges Buch konstutierende Einsicht: Keine teleologischen Anwandlungen, keine dumm-dämlichen Träume, dass gar der Mensch auf dem Wege sei irgendwohin.

Einer seiner Hauptgedanken besteht darin, die biologische und die technische Entwicklung zu vergleichen. Das macht er manchmal mit einem Augenzwinkern, wenn er etwa bestimmte "unnütze" Auswüchse der Evolution, die einzig mittelbar der Fortpflanzung dienen, indem sie einen Partner attraktiv erscheinen lassen, mit den modischen Auswüchsen an Autos (Spoiler & Co) vergleicht (und unausgesprochen auf einen möglicherweise ähnlichen Zweck hinweist). Oder ernsthafter, wenn er auf homöostatische Prinzipien bei Lebewesen, aber auch in der fortschreitenden Technologie aufmerksam macht.

Dann ein wichtiger Fingerzeig: Er weist auf die obskuren Zukunftsprognosen vergangener Zeiten hin, darauf, dass wir in unserer Welt befangen sind (sein müssen), weshalb die Zukunft nur als eine irgendwie vergrößerte Gegenwart oder Vergangenheit vorgestellt werden kann. (Ein schönes Beispiel: Römer hätten sich die Zukunft der Schifffahrt wahrscheinlich mit irgendwie überdimensionalen Rudern vorgestellt, eine irgendwie realistische Vorstellung konnten sie einfach nicht haben.) Uns Heutige kann ein Blick in TV-Serien diese Vorstellungswelt näherbringen: Mondbasis Alpha oder die ersten Enterprise-Staffeln sind solche Beispiele für mangelnde Phantasie. Lem mahnt diese Dinge in der Literatur an, es seien umgekehrte historische Romane des 19. Jahrhunderts, in denen Pharaonen mit rezenten Motiven und Überlegungen ausgestattet werden. Außerdem ist Literatur durch den Aufbau beschränkt: Anfang, Mitte, Ende - und all das (eben grundsätzlich nicht zielgerichtet) kann eine futurologische Schau nicht bieten. Dazu kommt bei der Technologie (wie in der Evolution) der Zufallsfaktor: Man weiß nicht, welche Implikationen sich aus neuen Technologien, Entdeckungen ergeben. (So war etwa ein engl. Mathematiker, der sich mit Primzahlenforschung beschäftigte, fest davon überzeugt, dass dies "reine Forschung" sei und niemals einen praktischen Nutzen haben könne: Während heute die gesamte Kryptographie auf riesigen Primzahlen fußt und der Welthandel, würde eine praktikable Formel zu deren Errechnung entdeckt, vorübergehend zusammenbrechen würde. Also wieder nix mit reine Forschung ...)

Wichtig ist ihm die Vergleichbarkeit von technischer und biologischer Evolution. Wobei diese den Vorteil hat, nicht auf den blinden Zufall angewiesen zu sein, sie von Menschen teilweise gesteuert werden kann (wenn eben auch die Ergebnisse nicht genau vorhersehbar sind). Aber eben doch auch kein "blinder Uhrmacher" (dieser Zufall bzw. die Tatsache, dass es sich hier um zufällige Realisationen anhand eines Materials bzw. der Bedingungen auf der Erde handelt, mag mit ein Grund sein für die Schwierigkeiten vieler Menschen, diesen Prozess anzuerkennen. Man nimmt sich eben gern wichtig, man ist Krone oder auf dem Weg dorthin, während man tatsächlich nur einer von vielen Bastarden der Natur ist). Auch etwas anderes wird schon zu Anfang deutlich: Wenn bislang jede "Technik" nur eine mehr-weniger große Verbesserung der natürlichen Ausstattung des Menschen war, so spielt Lem bereits mit dem Gedanken der KI, mit Black Boxes und emergenten Eigenschaften von Systemen. Auch wenn die Entwicklung der KI nicht in dem Tempo vor sich ging, wie er sich das möglicherweise vorgestellt hat, so neige ich dennoch dazu, hier ein riesiges Potential zu sehen, dass noch ganz ungeahnte Möglichkeiten birgt. Denn bei allen eher mühselig-langsamen Weiterentwicklungen muss man berücksichtigen, dass die Beschäftigung mit diesem Themenbereich erst seit - evolutionär gesehen - ungeheuer kurzer Zeit stattfindet. Sofern wir nicht irgendwann im selbstproduzierten Dreck ersticken oder aber rückkoppelnde, irreversible Prozesse in der Umwelt auslösen und uns damit aus der Evolutionsgeschichte verabschieden, stünden hier über die Jahrtausende, Jahrmillionen ungeahnte Möglichkeiten vor uns, Möglichkeiten, die unser Vorstellungsvermögen noch weit mehr überschreiten würden als die Computertechnik einen durchs Mittelpleistozän wandernden Homo.

Auch mit einem weiteren, weitverbreiteten Vorurteil räumt er auf: Es kann auf der Ebene der KI und/oder Robotik nicht darum gehen, einen besser funktionierenden Menschen zu erschaffen, die natürliche Evolution nachzuäffen, sondern die Möglichkeiten zu nutzen, die technikspezifisch sind.

Ich halte auf Seite 44, laufe allerdings Gefahr, manches vorwegzunehmen, da es sich bei mir ja um ein Wiederlesen handelt und ich schon weiß, worauf Lem abzielt. Aber schon nach wenigen Seiten merke ich, dass mir die Lektüre richtig Spaß macht. Ob ich allerdings so ausführlich weiterposten kann, wage ich kommenden Zeitmangels wegen zu bezweifeln. (Außerdem werd ich bei diesen Büchern immer ganz gierig darauf, Programmiertechnisches auszuprobieren, was dann einiges an Zeit zusätzlich in Anspruch nimmt.)

lg

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Re:Stanislaw Lem: Summa technologiae
« Reply #1 on: 18. Juli 2010, 17.22 Uhr »
Hallo!

Ich habe mittlerweile ebenfalls begonnen. Meine antiquarisch erstandene Ausgabe ist 1980 im Verlag Volk und Welt erschienen. Speziell für die DDR-Ausgabe mit einem Vorwort von Lem versehen: Zwanzig Jahre später. Er distanziert sich darin von der Futurologie, welche Mode, schreibt er, erst aufgekommen ist, nachdem er sein Buch beendet hatte. Ein Kernsatz dieses Vorworts: Das Weltbild des Menschen in jeder Epoche ist grundsätzlich von lückenloser Geschlossenheit. Deshalb können Voraussagen für die Zukunft im Grunde genommen immer nur nach der "Ballonmethode", wie er sie nennt, gemacht werden. Aktuelle Daten werden ballonmässig aufgeblasen und als Zukunft ausgegeben.

Die Unvorhersagbarkeit einer neuen Erfindung spielt jedem Futurologen einen Streich.

Lem selber wählt dafür offenbar den Weg eines Vergleichs von biologischer mit technischer Entwicklung. Ob der Vergleich Sinn macht? Er impliziert m.M.n., dass irgendwo hinter der biologischen Evolution eine Art Gemeinschaft von Wissenschafter steckt, die ähnlich testet und probt, wie der menschliche Wissenschafter oder Ingenieur. Im übrigen - ich bin jetzt auf S. 164, vor dem Intelligenzverstärker - kann man natürlich alle Themen Lems, die man aus seinen Romanen kennt, auf den ersten 100 Seiten oder so schon wiederfinden: Die Möglichkeit, dass fremde Intelligenz auf die Herausforderung der Umwelt u.U. ganz anders reagiert hat, als die irdischen Lebensformen mit der Herausbildung von cerebraler Intelligenz. (Die Schwarmintelligenz des Unbesiegbaren.) Verbunden mit der wahrscheinlichen Unmöglichkeit, mit solchen Lebensformen zu kommunizieren. (Eden. Der Unbesiegbare. Solaris.) Die Problematik, dass eine Reise mit annähernder Lichtgeschwindigkeit die Reisenden in eine ihnen völlig fremde menschliche Zivilisation zurückbringen würde. (Die Astronauten.)

Ich finde Lems evolutionären Ansatz interessant, ob er was taugt, kann ich noch nicht sagen.

Ach ja: Einen Vorwurf an Lem (oder seinen Übersetzer) muss ich noch loswerden: Die Wahrscheinlichkeit, bei einem Wurf mit 10 Würfeln 10 Sechsen zu erzielen, ist nicht grösser, wenn 10 Millionen Spieler miteinander würfeln (oder ein Spieler 10 Millionen mal), als wenn es ein einziger einmal tut. Ich erwarte bei 10 Millionen Würfen einfach nur, dass ich dieses Resultat irgendwo vorfinde. Aber das beeinflusst die Wahrscheinlichkeit nicht. Bei einem Wurf erwarte ich dieses Eintreffen nicht. Aber ich kann auch bei 10 Millionen Würfen noch enttäuscht werden. Oder mit einem einzigen Wurf gleich das gewünschte Resultat erzielen. Dann spreche ich von Zufall, oder von Glück.

Grüsse

sandhofer

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Re:Stanislaw Lem: Summa technologiae
« Reply #2 on: 18. Juli 2010, 22.14 Uhr »
Ach ja: Einen Vorwurf an Lem (oder seinen Übersetzer) muss ich noch loswerden: Die Wahrscheinlichkeit, bei einem Wurf mit 10 Würfeln 10 Sechsen zu erzielen, ist nicht grösser, wenn 10 Millionen Spieler miteinander würfeln (oder ein Spieler 10 Millionen mal), als wenn es ein einziger einmal tut. Ich erwarte bei 10 Millionen Würfen einfach nur, dass ich dieses Resultat irgendwo vorfinde. Aber das beeinflusst die Wahrscheinlichkeit nicht. Bei einem Wurf erwarte ich dieses Eintreffen nicht. Aber ich kann auch bei 10 Millionen Würfen noch enttäuscht werden. Oder mit einem einzigen Wurf gleich das gewünschte Resultat erzielen. Dann spreche ich von Zufall, oder von Glück.


Einspruch: Ich fürchte du irrst hier. Was du zu meinen scheinst, ist, dass die Wahrscheinlichkeit für jeden solchen Wurf für sich genommen gleich bleibt (Ziehen mit Zurücklegen bzw. Roulette: Die Wahrscheinlichkeit für Rot, nachdem _zuvor_ Rot gekommen ist (egal wie oft) ist immer 18/37). Allerdings erhöht sich mit jedem Versuch natürlich die Wahrscheinlichkeit, ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen. Dein Beispiel lässt sich über Gegenwahrscheinlichkeit berechnen: Die Wahrscheinlichkeit, mit 10 Würfeln bei einem Wurf nicht 10 Sechsen zu würfeln ist 1 - (1/6^10) oder 0,99999998346182831207979813375332. Diese Zahl hoch 10 Millionen ergibt immerhin 0,84757010935469087129789576066752, was wiederum eine Wahrscheinlichkeit von gut 15 % für das Eintreten des Ereignisses bedeutet. Wenn ich mich auf die Schnelle nicht verrechnet hab ;).

lg

orzifar

Nachsatz: Verwunderung hoch drei. Du bist schon auf Seite 164? Nach einem Tag?  :o :o :o :o
« Last Edit: 19. Juli 2010, 00.07 Uhr by orzifar »
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Re:Stanislaw Lem: Summa technologiae
« Reply #3 on: 19. Juli 2010, 19.56 Uhr »
So herum betrachtet, hast Du natürlich Recht.

Ich bin sogar noch ein bisschen weiter. Im Bewusstsein, dass ich für den Rest der Woche kaum mehr gross zum Lesen komme. Ich kämpfe schon ein bisschen mit der Zeitgebundenheit von Lems Text. Irgendwie ist mir diese doch recht grosse Technikgläubigkeit unheimlich. Aber vielleicht hat ja - in the long run - Lem auch Recht. Ich werde heute nicht zum Lesen kommen  ;) ;D .
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Re:Stanislaw Lem: Summa technologiae
« Reply #4 on: 20. Juli 2010, 00.31 Uhr »
Ich kann deine Lesegeschwindigkeit nicht halten. Zur Technikgläubigkeit: So falsch ist sie ja nicht gewesen, bedenkend, wo überall heute sich bereits "Regelkreise" befinden. Allerdings war Lem - wie alle Futurologen - in seinen Vorstellungen befangen: Was über Raumfahrt, außerirdische Intelligenz bzw. deren Entdeckung oder Energiegewinnung gesagt wird, atmet eben den Geist der 60iger. Wo v. a. Kosmologie und Raumfahrt zur Leidenschaft einer Generation wurde. (Wenn ich daran denke, mit welcher Faszination ich als Pimpf bei einem Nachbarn, der als einziger in unserer Gasse einen Fernseher besaß, die verwackelten Bilder ersten Mondlandung ansah. Ein paar Jahre darauf habe ich mit ebensolcher Begeisterung die etwa 100 neu eingetroffenen SF-Romane der Stadtbibliothek gelesen, die nicht selten in einer "fernen" Zukunft spielten: Etwa dem Jahr 1986 ;)).

Wir leben heute wahrscheinlich technisierter, als Lem sich das damals vorstellte: Aber auch anders, denn er erliegt eben auch der Vorstellung einer ins Gigantischen vergrößerten Gegenwart. Nirgendwo kam man auf die Idee, dass heute alle mit allen vernetzt sein könnten und jeder einen Computer mit eigentlich gigantischer Rechenkapazität sein eigen nennt. (Erinnerung: Der Kauf des ersten - abgespeckten 486 war verbunden mit einer sauteuren, exklusiven Erweiterung: Einer 80 MB-Festplatte, von der übereinstimmend Verkäufer und der mich beim Kauf begleitende DI erklärten: Die kriegst du nie voll  ;D. Und so lang ist das noch nicht her.)

Interessant finde ich die Überlegungen, wann (bzw. ob) der Zeitpunkt kommen wird, wo sich nach der Lösung eines Problems nicht mehr für das alte einige neue finden, sondern man erstmals vom Gipfel der noch offenen Fragen bergab wandern kann.

lg

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Re:Stanislaw Lem: Summa technologiae
« Reply #5 on: 20. Juli 2010, 20.12 Uhr »
Ich kann deine Lesegeschwindigkeit nicht halten.

Oh, ich bin seit dem Wochenende nicht mehr weiter gekommen, keine Angst.

Zur Technikgläubigkeit: So falsch ist sie ja nicht gewesen, bedenkend, wo überall heute sich bereits "Regelkreise" befinden.

An die Zeit, wo alles kybernetisch erklärt wurde, kann ich mich auch noch gut erinnern.

Wir leben heute wahrscheinlich technisierter, als Lem sich das damals vorstellte: Aber auch anders, denn er erliegt eben auch der Vorstellung einer ins Gigantischen vergrößerten Gegenwart.

Ist ja auch sehr schon zu sehen in S. Butlers "Erewhon", wo die Angst vor einer selbständigen, die Menschheit überflügelnden Entwicklung der technischen Apparate bereits thematisiert wird. Es sind - - - Dampfmaschinen, vor denen sich die Bewohner Erewhons fürchteten ... (Übrigens habe ich vergebens auf einen Hinweis auf Butler gewartet. Kannte ihn Lem nicht, wollte er die naheliegende Assoziation vermeiden?)

Interessant finde ich die Überlegungen, wann (bzw. ob) der Zeitpunkt kommen wird, wo sich nach der Lösung eines Problems nicht mehr für das alte einige neue finden, sondern man erstmals vom Gipfel der noch offenen Fragen bergab wandern kann.

Habe ich überlesen oder ich bin noch nicht so weit. Wo steht das?

Und, ach ja: Meine erste RAM-Erweiterung. Von einem auf zwei Megabyte ...
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Re:Stanislaw Lem: Summa technologiae
« Reply #6 on: 22. Juli 2010, 13.58 Uhr »
Interessant finde ich die Überlegungen, wann (bzw. ob) der Zeitpunkt kommen wird, wo sich nach der Lösung eines Problems nicht mehr für das alte einige neue finden, sondern man erstmals vom Gipfel der noch offenen Fragen bergab wandern kann.
Habe ich überlesen oder ich bin noch nicht so weit. Wo steht das?

Fußnote I. Meine Ausgabe hat 602 Seiten plus Anmerkungen. Ist das bei dir gleich?

Und, ach ja: Meine erste RAM-Erweiterung. Von einem auf zwei Megabyte ...

*grinsel* - und dann gab's da so ein Programm mit farbigen Kästchen auf der DOS-Ebene, das die Speicherverwaltung der ersten 512 KB erlaubte. Da konnte man sich Speicherbedarf freischaufeln, wenn's mit dem RAM knapp wurde. Oder die Kiste abschießen.

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Intelligenzverstärker: Inwieweit diese sich von der intellektronischen Verstärkung unterscheiden (sollen?) wird mir nicht klar. Bzw. wie durch diese Verstärker eine Überwindung der vorher konstatierten Beschränkung der übermittelbaren Information erreicht werden soll. (Welcher Unteschied besteht denn zwischen diesen beiden Varianten?) Lem will Information "wachsen" lassen, züchten - und nimmt als Beispiel die genetischen Informationen, die ohne ein eingreifendes, regulatives Gehirn solche Informationen gewinnt. Aber gerade auch dieser Form der Informationsgewinnung sind mehr als enge Grenzen gesetzt, da sie ja zufällig, nicht leitend agiert, außerdem ist nicht zu sehen, warum hier sich keine Grenzen auftun sollten. (Und natürlich sind Computer längst "Intelligenzverstärker", das Vier-Farben-Theorem wurde auf diese Weise gelöst, auch wenn solche Lösungen nicht eigentlich "intelligent" sind, sondern "nur" auf Geschwindigkeit beruhen. Allerdings stellt sich hier die Frage, ob zwischen dieser Geschwindigkeit und der Evolution mit ihren unendlichen Zeiträumen, die die Möglichkeit eines vielfältigen Ausprobierens schaffte, überhaupt ein Unterschied besteht.)

Seine Spekulationen bezüglich der Black-Box (bzw. inwieweit sich solche Konzepte nützen ließen) sind für mich nicht einleuchtend. Die Black-Boxes der Natur (wir, alle Organismen) funktionieren eben deshalb so gut, weil, wie Lem dann auch eingesteht, diese im trial-error Verfahren entstanden sind, weshalb auf keiner Stufe (bis jetzt) es notwendig (auch nur nützlich) gewesen wäre, den zugrunde liegenden Algorithmus zu kennen. Auch die Beispiele mit den Stahlwerken sind dürftig - bzw. sie würden mit ziemlicher Sicherheit in der vorgestellten Weise nicht funktionieren: Er glaubt da feinsäuberlich zwischen gewinnorientiert und "für die Allgemeinheit von Nutzen" unterscheiden zu können. Unser derzeitiges Wirtschaftssystem versucht ähnlich ideale Trennungen - und bedarf einer ständigen Korrektur. Gerade dieser Bereich wird solchen Boxes niemals zugängig sein, weil wir auch niemals eine "objektive" Zielvorgabe machen können. Allerdings relativiert Lem seine Aussagen im Laufe des Kapitels auch selbst, merkt auch, dass hier der Vergleich mit der Bioevolution nicht greift, da diese eben kein Ziel hat, nicht irgendwie moralisch ist und daher völlig anders agiert.

Ich habe den Eindruck, dass Lem sich der Einwände, die man gegenüber seinen kybernetischen Sozialvorstellungen machen kann (und diese sind Legion - von moralischer und logischer Natur), sehr wohl bewusst ist. Aber er ist halt verliebt in seine Idee, und wenn ihn seine Liebe auch hintergeht und so manches Mal ganz verlässt, so hält er denn doch an ihr fest. Das führt dann zu Sätzen wie "der kybernetische Soziologe befaßt sich mit der Erforschung historischer Gesellschaftsordnungen und stellt die Theorie für die Konstruktion von optimalen Modellen der Soziostase auf" - und weil er dann spürt, dass die "optimalen Modelle" mehr als erklärungsbedürftig sind, ja zu ihrer Definition und Allgemeingültigkeit einen Rattenschwanz an zusätzlichen Definitionen nach sich ziehen, setzt er hinzu "optimal im Hinblick auf bestimmte, frei gewählte Parameter", was nichts anderes bedeutet als "irgendwie" ;).

Ich halt auf S. 187 und weiß nicht, ob ich bei 36 Grad im Schatten sehr viel weiter kommen werden.

lg

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Re:Stanislaw Lem: Summa technologiae
« Reply #7 on: 22. Juli 2010, 20.51 Uhr »
Fußnote I. Meine Ausgabe hat 602 Seiten plus Anmerkungen. Ist das bei dir gleich?

Nein. Meine hat 566 Seiten + Anmerkungen. Und die Anmerkungen habe ich erst heute gefunden. Ich habe zwar gesehen, dass es welche gibt, aber irgendwie haben sich Anmerkungen wie Inhaltsverzeichnis verkrochen, als ich sie letztes Wochenende suchte. Gut, muss ich nachholender Weise lesen.

Intelligenzverstärker: [...] Lem will Information "wachsen" lassen, züchten - und nimmt als Beispiel die genetischen Informationen, die ohne ein eingreifendes, regulatives Gehirn solche Informationen gewinnt.

Bei mir erweckte er nachgerade den Eindruck, dass er die Evolution als gesteuerten Prozess betrachtet. Also in Richtung "intelligent Design". Was ich nicht gerade schätzte.

Seine Spekulationen bezüglich der Black-Box (bzw. inwieweit sich solche Konzepte nützen ließen) sind für mich nicht einleuchtend.

Da konnte ich ihm, ehrlich gesagt, auch nicht folgen. Ich kann doch keine Black-Box herstellen, ohne zu wissen, wie sie inwendig funktioniert. Eine Black-Box ist für mich eine Black-Box, weil mir diese Informationen mangeln, nicht weil das Ding als Black-Box konstruiert wurde. Es sei denn, es sei eine methodische Black-Box - aber dann nähern wir uns Schrödingers Katze. Oder?

Edit: Tippfehler korrigiert
« Last Edit: 22. Juli 2010, 21.04 Uhr by sandhofer »
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Re:Stanislaw Lem: Summa technologiae
« Reply #8 on: 22. Juli 2010, 22.32 Uhr »
Bei mir erweckte er nachgerade den Eindruck, dass er die Evolution als gesteuerten Prozess betrachtet. Also in Richtung "intelligent Design". Was ich nicht gerade schätzte.

Vom Vorwurf, dass er eine Art von ID in der Evolution entdecken würde, muss ich ihn freisprechen. Jedenfalls sind mir keine diesbezüglichen Textstellen aufgefallen. Hingegen hat seine technologische Evolution durch die menschliche Leitung durchaus Züge des ID.

Da konnte ich ihm, ehrlich gesagt, auch nicht folgen. Ich kann doch keine Black-Box herstellen, ohne zu wissen, wie sie inwendig funktioniert. Eine Black-Box ist für mich eine Black-Box, weil mir diese Informationen mangeln, nicht weil das Ding als Black-Box konstruiert wurde. Es sei denn, es sei eine methodische Black-Box - aber dann nähern wir uns Schrödingers Katze. Oder?

Seine Art von Black-Box ist eine Art von Paradoxon: Er will sie nicht programmieren, der Algorithmus soll per se unbekannt sein, trotzdem aber soll sie bestimmte Aufgaben lösen. Das kann m. E. nicht klappen. Die Evolution hingegen reagiert über lange Zeiträume zufallsbestimmt, durch die große Zahl an Versuchen gelingen ihr die Lösungen. Sie erzeugt "Black-Boxes", weil es eben bislang überhaupt keinen Sinn zu haben schien, die Mechanismen bewusst zu machen.

Eigentlich glaubte ich, dass Lem auf "emergente Eigenschaften" hinauswill. Aber nachdem diese per definitionem ungewollt, spontan auftreten, können auch sie nicht geplant werden.

*lol* - grad miaut's vor meiner Tür und ich will was von Schrödingers Mieze schreiben   ;D. Ich habe also mein schwarzweißes Tierchen am Schoß (mit kollabierter Wellenfunktion, Superposition beendet, das System Katz hat bereits mit seiner Umgebung (mir) wechselgewirkt (schönes Wort). Was ich sagen will: Ich weiß nicht, ob für die Lemsche Black-Box die Schrödingergleichung wirklich als Beispiel taugt. (Noch einmal mit der Katz wechsegewirkt: Einen Zeck entfernt!).

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Ich habe noch ein wenig weitergelesen und bin zweigeteilt: Mich erinnert die Lektüre ein wenig an meine ersten Schopenhauererfahrungen, Erfahrungen, die sich leider ständig wiederholen. Da hat jemand eine gute Idee und sieht, dass diese für bestimmte Bereiche ein großes Erklärungspotential besitzt. Alsbald aber soll aus der Idee eine Welterklärung werden, sie wird auf jedes erdenkliche Phänomen angewendet und dadurch entwertet. So ähnlich verhält es sich mit der kybernetischen Intelligenz Lems. Während die Kybernetik, die KI in allen ihren Variationen für viele Bereiche nützlich ist, auch weitere Entwicklungsmöglichkeiten bietet, will er sie auf jedes und alles anwenden, u. a. im Bereich der Soziologie, der Geisteswissenschaften. Und dort pflegen solche Konzepte meist alsbald lächerlich zu wirken und auch kläglich zu scheitern. Popper hat im Elend des Historizismus einen Teil des Elends aufgezeigt, das durch einen falsch verstandenen Methodenfetischismus erzeugt wird.

Beispielsweise ist das Kapitel über "experimentelle Metaphysik" witzig und intelligent geschrieben, auch seinen Schlussfolgerungen kann man weitgehend beipflichten. Dann kommt er zu den "Glaubensvorstellungen der Elektrogehirne" - und schon wird's ziemlich abstrus. Ein paar nette Gedanken, der Rest aber SF, in einem Roman gut aufgehoben, hier hingegen sind die Überlegungen - auch - deshalb unpassend, weil sie das Sachbuch als gesamtes angreifbar machen. (Erwähnenswert hingegen die Stelle, wo er sich über die psychoanalytischen Schulen auslässt und anmerkt, dass die Patienten der Freudianer gemäß den theoretischen Anweisungen Freuds träumen, während Patienten aus der Schule Jungs brav dessen Traumlinie befolgen ;)).

Ich bin nun beim "Geist in der Maschine", bei mir S. 217.

lg

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Re:Stanislaw Lem: Summa technologiae
« Reply #9 on: 24. Juli 2010, 09.59 Uhr »
Bei mir erweckte er nachgerade den Eindruck, dass er die Evolution als gesteuerten Prozess betrachtet. Also in Richtung "intelligent Design". Was ich nicht gerade schätzte.

Vom Vorwurf, dass er eine Art von ID in der Evolution entdecken würde, muss ich ihn freisprechen. Jedenfalls sind mir keine diesbezüglichen Textstellen aufgefallen. Hingegen hat seine technologische Evolution durch die menschliche Leitung durchaus Züge des ID.

Hm ... wenn ich Sätze lese wie: "Interessante Resultate könnten sich bei dem Versuch ergeben, einen schematischen Baum der technologischen Evolution zu skizzieren" (Fussnote I, 1. Satz), dann bin ich schon skeptisch. Diese Parallelsetzung von technischer und "natürlicher" Evolution1) lässt zumindest den Schluss zu, dass, wenn hinter der technischen Evolution "intelligent Design" steht, das auch bei der Bioevolution der Fall sein könnte. Die langen Zeiträume, die Lem als Argument anbringt, dass dies nicht der Fall ist, sind irrelevant. Der liebe Gott hat ja unendlich viel Zeit zur Verfügung, da sind die paar Jahrmillionen vom Einzeller in der Ursuppe bis zu Armstrong auf dem Mond für ihn ein Klacks.

Seine Art von Black-Box ist eine Art von Paradoxon: Er will sie nicht programmieren, der Algorithmus soll per se unbekannt sein, trotzdem aber soll sie bestimmte Aufgaben lösen. Das kann m. E. nicht klappen. Die Evolution hingegen reagiert über lange Zeiträume zufallsbestimmt, durch die große Zahl an Versuchen gelingen ihr die Lösungen. Sie erzeugt "Black-Boxes", weil es eben bislang überhaupt keinen Sinn zu haben schien, die Mechanismen bewusst zu machen.

Da hat wohl wieder der SF-Autor die Überhand über den Wissenschafter-Bindestrich-Futurologen bekommen. Diese Lem'sche Black-Box erinnert mich ein wenig an Robert A. Heinlein. Der hat in einigen seiner Romane ein Form der Energiegewinnung benutzt, die physikalisch eigentlich unmöglich ist, da offenbar mehr rauskommt, als man reingesteckt hat. Er hat aber nie erklärt, wie diese Black-Box funktioniert, da sie einerseits Produktionsgeheimnis des Herstellers war und er sie andererseits immer über seine Protagonisten schilderte. Die natürlich eh nicht wussten, wie dieses Ding funktionieren könnte. (Weiss ich denn, wie der Verbrennungsmotor in meinem Auto funktioniert? Oder das automatische Getriebe? Oder das Internet?)

Da hat jemand eine gute Idee und sieht, dass diese für bestimmte Bereiche ein großes Erklärungspotential besitzt. Alsbald aber soll aus der Idee eine Welterklärung werden, sie wird auf jedes erdenkliche Phänomen angewendet und dadurch entwertet.

*seufz* Ja. Schillers Versuch, Kants Philosophie auf die Ästhetik anzuwenden.

(Erwähnenswert hingegen die Stelle, wo er sich über die psychoanalytischen Schulen auslässt und anmerkt, dass die Patienten der Freudianer gemäß den theoretischen Anweisungen Freuds träumen, während Patienten aus der Schule Jungs brav dessen Traumlinie befolgen ;)).

Das war schön, ja.  ;D

Ich habe jetzt meine Anmerkungen nachgelesen und fahre weiter mit den Prolegomena der Allmacht. Mal schauen, ob ich was von Kant drin finde ...  :)

1)Die Lem bezeichnenderweise "Bioevolution" nennt und so verwissenschaftlicht, vertechnisiert.
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Re:Stanislaw Lem: Summa technologiae
« Reply #10 on: 24. Juli 2010, 13.56 Uhr »
Hallo,

Bei mir erweckte er nachgerade den Eindruck, dass er die Evolution als gesteuerten Prozess betrachtet. Also in Richtung "intelligent Design". Was ich nicht gerade schätzte.

Vom Vorwurf, dass er eine Art von ID in der Evolution entdecken würde, muss ich ihn freisprechen. Jedenfalls sind mir keine diesbezüglichen Textstellen aufgefallen. Hingegen hat seine technologische Evolution durch die menschliche Leitung durchaus Züge des ID.

Hm ... wenn ich Sätze lese wie: "Interessante Resultate könnten sich bei dem Versuch ergeben, einen schematischen Baum der technologischen Evolution zu skizzieren" (Fussnote I, 1. Satz), dann bin ich schon skeptisch. Diese Parallelsetzung von technischer und "natürlicher" Evolution1) lässt zumindest den Schluss zu, dass, wenn hinter der technischen Evolution "intelligent Design" steht, das auch bei der Bioevolution der Fall sein könnte. Die langen Zeiträume, die Lem als Argument anbringt, dass dies nicht der Fall ist, sind irrelevant. Der liebe Gott hat ja unendlich viel Zeit zur Verfügung, da sind die paar Jahrmillionen vom Einzeller in der Ursuppe bis zu Armstrong auf dem Mond für ihn ein Klacks.

jetzt habe ich diesen Absatz zweimal gelesen und meine nun erst verstanden zu haben, wie du zu dieser Überlegung kommst. Ich vermute aber (und Lems skeptische Haltung gegenüber allen irgendwie metaphysischen Einflüsterungen legt mir das nahe), dass es Lem keineswegs um Gleichsetzung von Bioevolution (seine technisierende Ausdrucksweise amüsiert mich eher und dürfte seinem Technikglauben geschuldet sein, auch dem Versuch einer Verwissenschaftlichung) und technischer Evolution geht, sondern dass diese von jener lernen könne. Und dass sich nun auf menschlich-künstlicher Ebene eine zweite Evolution, Revolution vollzieht.

Gegen ID sprechen auch seine Gedanken bezüglich außerterrestrischer Intelligenz (wobei ich ID-Theorie so gut nicht kenne, dass ich sagen könnte, was genau dem entspricht oder widerspricht - und ich zweifle sehr, ob sich eine solche Auseinandersetzung lohnt). Er führt die von allen Seiten oftmals geäußerte Überlegung ad absurdum, das Leben auf der Erden hätte unglaublich vielen Zufällen seine Entstehung zu verdanken, weshalb das Ereignis einmalig, andererseits gesteuert sein müsse, nicht bedenkend, dass dies nur dann ein unwiederholbarer Zufall ist, wenn man genau diese Form von Leben als die einzig mögliche betrachtet. Das wäre so, wenn ich aus der Tatsache, dass mein Sohn einen bestimmten genetischen Code besitzt, der in aller Zukunft nie mehr in dieser Form existieren wird, schließe, dass keine Kinder mehr geboren werden können, weil sie alle meinem Kleinen gleichen müssen.

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Der Geist in der Maschine ist nun wieder ein gelungenes Kapitel, v. a. die Beschreibung, wann denn nun von einem "Bewusstsein" bei einer Maschine gesprochen werden kann. Man stößt auf ähnliche Probleme wie bei der Definition des Begriffes Leben, dessen exakte Abgrenzung nicht gelingt, weil es ein spezifisch menschlicher Begriff ist und wir einerseits diese Trennlinie willkürlich (anhand von Definitionen), andererseits auch von Fall zu Fall neu ziehen müssen.

Lem beschreibt dieses Problem anhand des Turing-Tests (wobei es keine Rolle spielt, ob der Test mittlerweile obsolet ist). Entscheidend ist die Überlegung, dass ein Programm, Computer (irgendeine KI-Entität) dahingehend überprüft wird, ob sie denn nun Intelligenz, Bewusstsein besitze, indem man eben festzustellen versucht, ob man die KI in einer beliebigen Unterhaltung von einem Menschen unterscheiden kann. Jedesmal, wenn dies nicht der Fall ist (in einer endlichen Anzahl von Fällen, die aber sehr groß sein kann), wird die Maschine entsprechend geändert, bis eine solche Unterscheidung (nach z. B. 1 Million Modifikationen) nicht mehr möglich ist und die Maschine deshalb Bewusstsein besitzt. Lems Trick ist nun, den Leser damit zu überraschen, dass er den Programmierer keine Modifikationen am bereits bestehenden Gerät vornehmen lässt, sondern jeweils eine neue KI mit den Verbesserungen baut, sodass es schließlich nach allen Verbesserungen 1 Million solcher Geräte gibt. Diese würden dann den sukzessiven Übergang von unbewusstem Programm (Nr. 1) zu Bewusstseinsmaschine (Nr. 1 000 000) repräsentieren, wobei sich die Frage stellt, wann genau dieser Übergang erfolgt. Damit wird schön gezeigt, welche Schwierigkeiten mit solch spezifisch menschlichen Abgrenzungen verbunden sind. (Auch: Welche Lebewesen würden wir als individuell intelligent bezeichnen? Pantoffeltierchen, Grottenolme, Katzen (so wie sich mein Viech gerade eben benommen hat - ein klares Nein), Affen, Menschen?) Individuell intelligent deshalb, weil eine ganze Art in ihrer Evolution eine Art Intelligenz entwickelt (indem etwa Eigenschaften ausgebildet werden, um z. B. das Gefressenwerden zu verhindern, etwas, was man beim Individuum als Antizipation und spezifisch intelligent bezeichnenen würde). 

Zweifel und Antinomien, 1: Lange Zeit war es eine, eigentlich die Herausforderung für Programmierer, ein Schachprogramm zu entwickeln, dass den besten menschlichen Spieler zu schlagen imstande sein sollte. Ich kann mich noch an Diskussion in der zweiten Hälfte der 80iger Jahre erinnern, als - mit häufig eher "intuitiven" Argumenten - von Schachspielern ein solches Computerprogramm als urrealisierbar bezeichnet wurde. Tatsächlich waren die Leistungen der meisten Computer erschütternd schwach, ich hatte einen von Scicys, der, wie damals der Regelfall, mit geschlossenen Stellungen so gut wie gar nichts anfangen konnte und im Endspiel praktisch chancenlos war. Viele sahen in einem "Computerschachweltmeister" den Untergang der Menschheit, das Fallen der letzten Bastion des homo sapiens. Was ich schon damals nicht verstand, weil die Existenz einer Maschine, die irgendetwas besser als ein Mensch kann, keinesfalls Wettbewerbe zwischen Personen verhindert. (Nur weil ein Roboter schneller über 100 Meter läuft oder mehr Gewicht zu heben imstande ist, wurden weder Leichtathlektik- noch Gewichtheberkonkurrenzen abgeschafft.) Offenbar wurde aber die Eitelkeit des homo sapiens durch die Schachcomputer, überhaupt "denkende" Maschinen schwerer verletzt - wobei: Die ersten Taschenrechner haben dieses geistige Selbstverständnis weniger angekratzt, kaum jemand hat es als furchtbar empfunden, dass nun der kleine batteriebetriebene Kasten schneller multiplizierte als sein Besitzer.

Allerdings: Mit dem Terminus "denkend" muss man allerdings vorsichtig umgehen, alle derzeit (mir) bekannten Computer arbeiten nach dem Prinzip der Geschwindigkeit bzw. der großen Zahl. Alle Rückkoppelungen sind algorithmusgesteuert, daher nicht "frei". Wobei sich die (nicht grad neue) Frage stellt, ob nicht Willensfreiheit zum einen eine Schimäre ist, zum anderen aus einer bloß unübersichtlich großen Zahl an Möglichkeiten von Reaktionen besteht. Wäre etwa ein Supercomputer, der auf einen bestimmten Input durch einen Zufallsmechanismus auf Milliarden an Varianten der Reaktion zurückgreifen könnte (mit den entsprechenden weiteren Verästelungen) denn möglicherweise nichts anderes als ein denkender Mensch? Und wann entsteht im Laufe der Evolution dieses Denken (bzw. die scheinbare(?) Willensfreiheit)? Wieder der Durchlauf wie oben: Einzeller, Pflanze, Tier, Mensch?.

2: Hier faselt Lem wieder von einer "Theorie der sozialen Systeme" - an die ich schon aus logischen Gründen nicht zu glauben vermag. Eine Theorie dient im Grunde immer dazu, bestimmte Dinge vorherzusagen - und ein soziales System dürfte diese Vorhersage nicht kennen, da sie sie sonst konterkarieren würde. Dieses Nichtkennen ist aber undurchführbar - und wäre es doch durchführbar, hätten wir eine Theorie, die niemand kennt, wodurch das Ganze hinwiederum vollkommen belanglos wäre.

Ein paar Seiten noch, dann komme ich auch zur Prolegomena. Gerade gebricht's mir an Zeit, später vielleicht noch ein paar Sätze zum letzten Punkt.

lg

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Re:Stanislaw Lem: Summa technologiae
« Reply #11 on: 24. Juli 2010, 20.32 Uhr »
Ich vermute aber (und Lems skeptische Haltung gegenüber allen irgendwie metaphysischen Einflüsterungen legt mir das nahe), dass es Lem keineswegs um Gleichsetzung von Bioevolution (seine technisierende Ausdrucksweise amüsiert mich eher und dürfte seinem Technikglauben geschuldet sein, auch dem Versuch einer Verwissenschaftlichung) und technischer Evolution geht, sondern dass diese von jener lernen könne. Und dass sich nun auf menschlich-künstlicher Ebene eine zweite Evolution, Revolution vollzieht.

Mag sein - sehr wahrscheinlich sogar - dass es Lem nicht darum geht. Aber die Parallelisierung legt den Umkehrschluss nahe. Offenbar hat Lem Butlers Erewhon wirklich nicht gekannt, wo der Brite tatsächlich jene Parallelisierung vollzogen hat - in bewusster Abgrenzung von beiden, übrigens: der Kirche wie Darwin.

Das Kapitel zur Phantomatik ist übrigens eher Science Fiction als Science. Blade Runner und Matrix lassen grüssen. (Zugegeben: Lem war zuerst.) Alleine schon die Bezeichnungen erinnern mich fatal an Wilbers Sucht nach (pseudo-)wissenschaftlicher Etikettierung. Im übrigen bin ich mir nicht sicher, ob Lem - wie Heisenberg oder Einstein - nicht doch einfach nach einer Weltformel sucht. Jedesmal, wenn ich denke: "Jetzt hab' ich ihn, das ist die Weltformel!", macht er wieder einen methodischen Rückzieher.
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Re:Stanislaw Lem: Summa technologiae
« Reply #12 on: 25. Juli 2010, 18.58 Uhr »
Alleine schon die Bezeichnungen erinnern mich fatal an Wilbers Sucht nach (pseudo-)wissenschaftlicher Etikettierung.

Nana, nicht übertreiben. Terminologie hin oder her: Lems Überlegungen haben schon eine einigermaßen solide wissenschaftliche Basis.

Im übrigen bin ich mir nicht sicher, ob Lem - wie Heisenberg oder Einstein - nicht doch einfach nach einer Weltformel sucht. Jedesmal, wenn ich denke: "Jetzt hab' ich ihn, das ist die Weltformel!", macht er wieder einen methodischen Rückzieher.

Das fände ich nun nicht weiter schlimm (auch wenn ich glaube, dass ihn das nicht im geringsten umtreibt).

Was er "will" oder zu beschreiben versucht: Er konstatiert eine seit gut 200 Jahren einsetzende, technische Entwicklung, die in verschiedensten Bereichen ein exponentiales Wachstum zur Folge hatte. Und er sieht in dieser Technik etwas fundamental Neues - bzw. er sieht hier einen künstlichen Prozess im Gange, für den er die Bioevolution als Vergleich nimmt. Wohl auch als Vorbild. Nun versucht er abzuschätzen, was dies für unsere Zukunft bedeuten könnte - an Möglichkeiten, Chancen, Risiken. Seine KI-Faszination bzw. die Eingebundenheit in eine recht technikgläubige Zeit (v. a. in Bezug auf Astronomie, Kosmologie, Kybernetik) lässt ihn immer wieder übers Ziel hinausschießen (v. a. dann wenn er meint, soziale Systeme auf diese Weise nachbilden, kontrollieren, entwerfen zu können).

Diese technische "Evolution" zu steuern, ihre Implikationen vorherzusehen und sich vorzustellen ist sein Ziel. Allerdings spielt ihm Phantasie und die von ihm selbst beschriebene Zeitgebundenheit manchmal einen Streich.

Was die Bedeutung und Einzigartigkeit dieser Entwicklung in der Erdgeschichte anlangt stimme ich ihm vollkommen zu, dies ist eine Umwälzung, die nichts Vergleichbares hat. (Bedeutung ist relativ: Für uns bedeutend, auch wenn es natürlich im Grunde vollkommen wurscht ist, was wir hier auf der Erde treiben: Ob wir die Kugel vergiften, in die Luft sprengen, atomar verseuchen oder sonst irgendwas tun ist nicht von größerer Bedeutung als der häufig zitierte, der Schwerkraft gehorchende Sack aus dem Reich der Mitte).

Die grundsätzliche Frage ist, ob der Vergleich von Techno- und Bioevolution plausibel ist. Für Lem ein klares ja, ich allerdings bevorzuge ein österreichisches naja, teils-teils ;). Vor allem ist der Zeitraum zu kurz, um das beurteilen zu können. Und wenn ich persönlich eine Prognose machen müsste, so würde ich vermuten, dass die Technoevolution in ihrer bisherigen Form eher etwas zu sein scheint, das sich selbst aus der Geschichte sang- und klanglos eliminieren wird. Mitsamt seinen Erzeugern. Zumindest macht mir dieser homo sapiens nebst Auswüchsen keinen sehr gesunden Eindruck.

Das, was Lem unter Antinomien (2) schreibt, ist in seinen Schlussfolgerungen durchaus plausibel: Wir sind in unserer technisierten Welt mittlerweile von technischen Steuerungssystemen in großem Maße abhängig. Heute weitaus mehr als vor 50 Jahren, als dieses Buch entstand. (Mich erinnernd an eine Frage eines 15jährigen vor einigen Wochen, wie wir (also die Uraltgeneration) im handylosen Zeitalter unsere Rendezvous organisiert hätten (bei mir zu Hause gab es nicht mal ein Telefon). Oder: Der Besuch einer jungen Dame, meine Kaffeemaschine gibt den Geist auf - und sie findet sich mit der Tatsache ab, dass es dann eben keinen Kaffee gäbe. Mich anstaunend, als ich eine Topf auf den Herd setze und händisch Wasser aufgieße ;)).

Es stimmt auch, dass wir diese Regelsysteme nicht beliebig ändern können und dass wir die Verflechtungen nicht mehr wirklich kennen. (Das computergesteuerte Kaufen und Verkaufen von Wertpapieren hat Rückkoppelungseffekte ausgelöst, die mehr als ungewollt waren.) Tatsächlich wäre ein schleichende "Machtübernahme" der Technik möglich - nicht als SF-Version eines machtbesessenen Computers, sondern als die plötzlich zu konstatierende Unmöglichkeit, in das System einzugreifen, da jeder Eingriff eine mittlere Katastrophe zur Folge hätte und niemand mehr das Gesamtsystem zu überblicken imstande ist. (Unser - stark technisiertes - Wirtschaftssystem scheint zumindest eine Tendenz in dieser Hinsicht aufzuweisen. Experten werden befragt und widersprechen einander, weshalb so wenig wie irgend möglich getan wird in der Hoffnung, es werde schon "irgendwie" weitergehen.)

lg

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Re:Stanislaw Lem: Summa technologiae
« Reply #13 on: 25. Juli 2010, 20.21 Uhr »
Hallo

Eigentlich wollte ich heute noch etwas Längeres zu Lem schreiben. Ich war aber heute Nachmittag noch weg, auf einem Geburtstagsfest eines Freundes. Und da muss wohl das letzte Bierchen schlecht gewesen sein; jedenfalls bin ich mit heftig brummendem Schädel heimgekommen. Morgen bin ich den ganzen Tag ohne Internet, da auf Achse, übermorgen wohl auch noch. Ich bitte also um ein wenig Geduld.

Ganz kurz: Mag sein, dass ich Lem zu wenig im historischen Kontext lese. Und ich habe nun auch eine Passage gefunden, wo er ganz klar gegen eine Personalisierung der Evolution spricht. Was mich als im Grunde genommen anarchistischen Geist am meisten irritiert, ist, dass Lem die Information und die Wissenschaft offenbar zu kanalisieren und zu leiten versucht. (Hätt' ich beinahe "kastrieren" geschrieben; das wäre aber ein wunderschöner Freud'scher gewesen, denn genau das wäre es meiner Ansicht nach.) Lem selber gibt zu, dass viele grosse Entdeckungen nicht geplant oder vorhergesehen waren. Weshalb also diese Tendenz, die Forschung zu steuern? Lem selber braucht zu Beginn des Buchs mal den Vergleich mit Scylla und Charybdis, die er beide nach Möglichkeit vermeiden wolle, und wenn schon, dann lieber die Charybdis als die Scylla wähle. Mir scheint es manchmal, dass er eher wie ein Pingpong-Ball zwischen den beiden hin- und hergeworfen wird.

Das die Organisation des Wissens mit dem Internet eine Dimension erhalten hat, die sich Lem nicht träumen liess, ist eine der Ironien der Weltgeschichte, die so manchen Futurologen alt aussehen lässt.

Nun geh' ich noch mit dem Hund Gassi und dann leg' ich mich aufs Ohr.

Gute Nacht und gute Besserung dem Junior-Homöostat. ;)

sandhofer
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Re:Stanislaw Lem: Summa technologiae
« Reply #14 on: 27. Juli 2010, 15.37 Uhr »
Auch noch nicht das Längere, sondern eine paar kurze Bemerkungen:

Es ist natürlich einfach, Lem daran aufzuhängen, dass er das Internet nicht vorhergesehen hat. Das hat zu jenem Datum wohl keiner. Verblüffend ist dafür, wie nahe die diversen Spielekonsolen seiner Phantomatik schon gekommen sind. (Auch wenn Lems Begriff fürchterlich ist ...) Bestrebungen in Richtung einer weiteren Involvierung des Spielers sind ja da meines Wissens auch schon im Gange. Interessant auch, welche Argumente pro und kontra Phantomatik, bzw. gewisse mögliche Auswüchse, Lem bringt. Sie sind 1:1 wiederzufinden in der heutigen Diskussion um sog. Ego-Shooter.

Ein weiterer Punkt, der mir aufgefallen ist: Lem geht offenbar davon aus, dass die technische Entwicklung

a) die einzig mögliche der Menschheit ist und
b) quasi im luftleeren Raum stattfinden kann. Kein Wort zu den (wie man auf neudeutsch so schön sagt:) sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen. Dabei wäre doch der Kapitalismus bzw. das Verhalten der grossen und kleinen Aktiengesellschaften, Aktionären etc. ein wunderschönes Modell für evolutionäres Verhalten, für den Kampf ums Dasein. (Selbst wenn man auf den kruden Vulgär-Darwinismus verzichtet, den diese Firmen und Leute gern im Munde führen.)
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