Im letzten Abschnitt noch einmal Kurioses: Lems Ausführungen bezüglich der Anthropophagie (dass dieselbe zu einer Auslese der Klügsten geführt habe, weil die Jagd einiges an Intelligenz erfordere) sind - vorsichtig ausgedrückt - abenteuerlich. Denn selbstredend ließe sich auch die gegenteilige These aufstellen, dass Pflanzenfresser deshalb im Vorteil sind, weil sie auf ihre Ernährung sehr viel weniger Zeit aufwenden müssen (da Pflanzen fast überall zur Verfügung stehen und außerdem beim Gefressenwerden brav stillhalten). Das sind so Theorien, die ich gar nicht liebe, sie haben Beliebigkeitscharakter, entspringen einer spontanen Idee, die keiner weiteren Kritik mehr unterzogen wird. Auch das, was er dann zu "guten" und "bösen" Absichten des Menschen von sich gibt, verdient keinerlei Beachtung. - Anderes hingegen mutet längst nicht mehr futuristisch an: Etwa die Überlegungen zur computerisierten Partnerwahl (einzig die genetische Vorauswahl lässt noch auf sich warten).
Man muss Lem zugestehen, dass er in diesem 1964 erschienenen Buch vieles recht gut prognostiziert hat (etwa im Bereich der Genetik), auch seine Spekulationen geistreich und anregend sind, wenn sie auch - aber das ist bei einem solchen Unternehmen unvermeidlich - teilweise durch die Wirklichkeit Lügen gestraft wurden. Zum Teil atmet das Buch den Geist der 60iger: V. a. in Bezug auf die euphorische Aufbruchstimmung, was die Weltraumfahrt und mit ihr zusammenhängende Themen (etwa die Frage nach außerirdischer Intelligenz) betrifft. Auch die Frage nach der KI, ihren Möglichkeiten, ihrer Realisierung hat vorläufig noch keine Antwort im Sinne Lems gefunden, dass solche selbstregulierenden Systeme (nebst Blackbox und dgl.) möglich geworden wären. Bislang wurden die entsprechenden Ergebnisse (z. B. bei Schachprogrammen) durch die unglaublich verbesserte Verarbeitungsgeschwindigkeit erzielt, nicht aber durch eine Art selbstregulierender Intelligenz.
Vielleicht ist es kein Zufall, dass Lems prägnanteste Vorhersagen aus dem Bereich der Biologie bzw. Medizin kommen, da er selbst eine entsprechende Ausbildung genossen hat. Vielleicht aber liegt es auch daran, dass zur Zeit des Erscheinens der "Summa" die für diese Bereiche entscheidenden Entdeckungen bereits gemacht worden waren: V. a. jene von Watson und Crick. Davon ausgehend konnte sinnvoller über mögliche genetische Manipulationen gesprochen werden als über viele andere von ihm behandelte Themen (z. B. seine Überschätzung der kybernetischen Möglichkeiten bezüglich des Soziallebens).
Auch auf die Lösung des Energieproblems wartet die Menschheit bislang vergebens - im Gegenteil: Hier scheint sich eine Verschärfung der Situation abzuzeichnen. Die Kernfusion ist weiterhin Zukunftsvision - aber selbst wenn dieses Energieproblem (und damit auch das Umweltproblem) gelöst werden sollten, teile ich nicht die - implizit spürbare - optimistische Auffassung Lems, dass sich damit auch die sozialen Probleme lösen lassen. Die grundsätzlichen Probleme des Zusammenlebens werden fortbestehen - sowohl auf individueller als auch kollektiver Ebene. Wenigstens kann ich bislang in jenen Teilen der Welt (etwa hier in Europa) kein größeres Maß an Vernunft, Bescheidenheit, Altruismus feststellen, nur weil die allermeisten diese ihre Grundbedürfnisse (Wohnen, Essen, Gesundheitsvorsorge) befriedigen können. Insofern scheint der Mensch, seine - evolutionäre - Ausstattung ein größeres Problem zu sein als die durch den technischen Fortschritt erreichbaren Wohlfahrtsergebnisse. Die Entdeckung eines Bescheidenheits- oder Altruismusgens (nebst Implementierung) dürfte also mindestens so sehr geboten sein wie die Herstellung materieller Sicherheiten.
lg
orzifar