Hallo!
Bieder scheinen mir seine Einwürfe eigentlich nicht, v. a. nicht das Beispiel der christlichen Märtyrer.
Jein. Lem scheint mir sehr, wie der Angelsachse sagt, "tongue in the cheek" zu schreiben. Er erklärt und diskutiert etwas im völligen Ernst (oder so scheint es wenigstens), z.B. das Problem gewaltverherrlichender Spiele, wie man heute sagen würde, und bringt genau die Argumente vor, die auch heute jeder Biedermann und damit auch jeder Politiker ins Feld führt. Man erhält den Eindruck, er meine seine Einwürfe ernst. Und dann - plötzlich - haut er einem einen christlichen Märtyrer aufs Auge und taucht damit die ganzen vorhergehenden Abschnitte in polarisiertes Licht. Und da weiss ich manchmal nicht, muss ich nun seine ironische Pointe ernst nehmen oder doch die zuerst aufgetischten Argumente?
Hier, so scheint mir, muss man doch Computerspiele und Lems Visionen ein wenig unterscheiden. Ich gebe dir darin Recht, dass die spießbürgerlichen Analysen über die Gefährlichkeit von Computerspielen bestenfalls eine Teilwahrheit enthalten, in jedem Fall aber ein nachgeordnetes Phänomen darstellen. Einfach ausgedrückt: Um eine Bedrohung darzustellen bedarf es bestimmter familiär-gesellschaftlicher Umstände, diese sind die Grundlage. Insofern sind Computerspiele ähnlich gefährlich wie das Fernsehen, das Internet, jedwede technische Errungenschaft: All diese Dinge enthalten ein Missbrauchspotential, das unter bestimmten Umständen zum Tragen kommt.
Lems Fiktionen aber sind radikaler (und gut dargestellt in jenem Beispiel, dass da eine Wirklichkeit unterstellt, wo immer noch Fiktion herrscht (der ein Abenteuer im Phantomaten (hieß das so?

) Erlebende wird entdrahtet und zum Ausgang geschickt, um dort Mord, Totschlag und Naturkatastrophen zu erleben. Auch die Entkoppelung von der phantastischen Erlebniswelt war aber ein Teil dieser Phantasie - und je perfekter die Illusion, desto schwieriger die Feststellung, wann ich mich überhaupt noch in der Wirklichkeit befinde).
Allerdings stellte sich in einem solchen Zusammenhang die Frage nach Original und Kopie (oder aber sie stellt sich nicht: Denn beide würden gleichberechtigt nebeneinander existieren, wobei sich diese orzifars langsam auseinanderentwickeln würden, da sie keinesfalls die vollkommen gleichen Erfahrungen machen könnten).
Sie stellt sich meiner Meinung nach wirklich nicht. Das Original hat sich - vor der Verdoppelung - auf einen ganz bestimmten Stuhl in einem bestimmten Büro in einer bestimmten Stadt, sagen wir Wien, gesetzt (zum Beispiel) und wurde von dort aus verdoppelt. Die Kopie muss sich zwangsläufig dann mindestens auf dem Stuhl gleich daneben materialisieren (zum Beispiel, wenn sie es nicht in Chicago tut, oder so). Selbst wenn jemand Original und Kopie besch...t und ihre Plätze vertauscht, solange sie noch in Narkose sind, bleibt es dabei, dass zumindest die Person, die deren Plätze vertauscht hat, um die Identität der beiden weiss. Die Frage ist also, ob die Frage Sinn macht, denn, wie Du, orzifar, schon gesagt hast, werden sie sich vom Moment ihrer Doppelexistenz an auch schon auseinanderentwickeln.
Dein Gedanke bezüglich Original und Kopie drängt sich natürlich auf. Dann aber wieder stellt sich die grundsätzliche Frage nach dem, was denn das ich ausmacht: Und wenn es da zwei völlig idente Materienansammlungen gibt, die sich in nichts unterscheiden (da die einzelnen Teilchen ja kein "Gedächtnis" haben und austauschbar sind), kann eigentlich keiner von sich behaupten, Original und Kopie zu sein. Natürlich dürfte man den beiden nicht mitteilen, wer denn nun das "Original" wäre - bzw. man müsste einen echten Zufallsgenerator erfinden (in Form eines quantenphysikalischen Zufalls), der auch den Beobachtern eine solche Unterscheidung (wer denn wo auf welchem Sessel sitzt) unmöglich macht.
Die Frage stellt sich auch insofern, als dass die Kontinuität einer Person Ergebnis ihres Gedächtnisses ist. Diese Kontinuität ist materieunabhängig insofern, als eben die Teilchen dieses konstituieren und "geschichtslos" sind, während ihre Anordnung der alles entscheidende Punkt ist. Wie eben dann noch von "Original" sprechen, wenn in keiner Weise ein Unterschied besteht? (Wobei - eigentlich gibt es dieser Überlegung nach keine "Geschichte", da alles eine Folge der spezifischen Anordnung ist und Geschichte dadurch entsteht.)
Wie erwähnt: Ich kann deine Überlegung natürlich nachvollziehen, sie drängt sich förmlich auf. Aber je nach Betrachtungswinkel will sie mir einmal höchst plausibel, dann aber wieder konstruiert "menschlich" erscheinen, unsere Vorstellungen diesem Experiment aufoktroyierend.
Kritischer könnte die Situation allenfalls für die kopierte Person selber sein. Vor allem wäre da die Frage, ob die Kopie damit leben könnte, eine Kopie zu sein. Rimbauds Satz "Je est un autre" (Ich ist ein anderer) könnte eine zusätzliche, u.U. fatale Bedeutung bekommen. (Was hätte Jean Paul mit seinem Leibgeber nicht noch alles Zusätzliche anstellen können, hätte er an eine solche Möglichkeit der Verdoppelung auch nur denken können. Auch E.T.A. Hoffmanns Figuren wären um eine Variante des Doppelgängertums reicher gewesen. Ich kenne Philip K. Dick's Romane nur dem Namen nach - er muss einige dieser Themen verarbeitet haben.)
Ich kenne sie - leider - auch nicht. Aber alle Doppelgängerromane thematisieren in den entsprechenden Variationen dieses Thema, die Frage nach diesem "ich". Blicken wir zurück, scheint das Ergebnis zwangsläufig (weil es ist), nach vorn öffnen sich unendliche Möglichkeiten. Das "ich" erscheint als ephemeres Phänomen, einzig der Gegenwart verhaftet. Der - scheinbare - Determinismus endet im Jetzt, scheinbar, weil durch ein endloses Meer an Zufällen bedingt, die nur retrospektiv einen deterministischen (und tautologischen) Charakter haben (in der Form "ich bin ich, weil ich ich bin").
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Die Darstellung einer fiktiven Natur in "Die Züchtung von Informationen" betrachte ich, der ich ansonsten Lems Vergleiche als sehr anschaulich empfinde, mit Skepsis. Einstein sagte einmal in diesem Zusammenhang, dass "der Herrgott raffiniert, aber nicht boshaft" sei. Und verweigert damit die Anerkennung eines irgendwie menschlich gedachten Demiurgen. Das bedeutet nicht unbedingt, dass er in jedem Fall Recht hat, aber die Annahme, dass uns die Natur hintergehen, irgendwie betrügen wolle, scheint mir doch auf spezifisch menschliche Denkmodelle hinzuweisen. Genau das aber macht Lem mit seinem Beispiel, indem er relativ willkürliche Verhaltensweisen seiner durch einen Mathematiker repräsentierten Natur zuschreibt, die dann darin gipfeln, dass er bestimmte, dem anderen, suchenden Mathematiker präsentierte Werte davon abhängig macht, ob es ihn hinter dem linken Ohr juckt. Wie gesagt ist ein solch seltsames Verhalten der Natur nicht auszuschließen, aber nichts legt den Verdacht nahe, dass es sich tatsächlich so verhalten könnte. (Möglicherweise relativiert Lem aber noch dieses Beispiel im Laufe des Kapitels.)
So nebenbei: Was Lem sicher ausgezeichnet gefallen würde und er in verschiedenen Büchern in verschiedenster Form thematisiert hat, ist die Tatsache, dass heute eine große Anzahl von Rechnern zusammengeschlossen werden, um technisch sehr aufwändige Operationen, Berechnungen durchzuführen. Diese Art von "Ameisenintelligenz" ist eines seiner Lieblingsszenarien.
--- Das Kapitel über die "Züchtung von Informationen" abgeschlossen. Ich halte es für eines der bislang schwächsten, v. a. dort, wo es eben um genau diese Züchtung sich handelt. Das Konzept ist wirr, ohne inneren Zusammenhang, einzig die in der Fußnote XIII abgeleiteten Konsequenzen sind gut dargestellt. Diese Konsequenzen bedürfen aber der "Zucht" nicht, sie sind ein grundsätzliches Problem der KI. Unter anderem ist die Flut an "wissenschaftlichen" Arbeiten (die eben bei weitem nicht alle diese Bezeichnung verdienen), überhaupt das Informationsangebot und die damit verbundene notwendige Selektion ein Problem geworden, dem man auch mit datenbankorientierten Suchalgorithmen nicht immer beikommen kann.
Andererseits das Bild aus dem Hauptkapitel über die mit Erbsen beschossenen Kinder nebst Plastikumhängen, um den Unterschied zwischen ererbten und erworbenen Eigenschaften darzustellen, gut gewählt (ohne Berücksichtigung von Mutationen), aber die daran anschließende Erläuterung der "Züchtung" wird dadurch um keinen Deut plausibler.
lg
orzifar
Wenn bloß Mitlesende genauere Informationen zu den manchmal nur kurz berührten Beispielen wünschen - bitte melden.