Goethe ist in Venedig angekommen!
Die Taschenbuchausgabe von Fischer, die ich lese, ist leider keine gute Wahl! Ihr liegt zwar die Hamburger Ausgabe, Band XI zugrunde und sie verfügt über
Daten zu Leben und Werk und einen Auszug aus Kindlers Literaturlexikon, es fehlen aber Erläuterungen! Bedauerlich, denn die wären - im Gegensatz zu den biographischen Daten, die man überall nachlesen kann - schon vonnöten! Konnte ich z. B. noch "türkisches Korn" als
granturco= Mais ergoogeln und aus dem Zusammenhang entnehmen, dass es sich bei dem daraus gekochten Brei, der die
mitttäglichen Tiroler angeblich krank aussehen lässt, wohl um Polenta handelt, so häufen sich jetzt erklärungsbedürftige Anspielungen und Bezüge, bei denen google nicht mehr weiterhilft!
Von wem z. B. sind die Bilder in San Giorgio/ Verona, die Goethe mit leisem Spott, aber anerkennend beschreibt?
Aber die unglückseligen Künstler, was mussten die malen! und für wen! Ein Mannaregen, vielleicht dreißig Fuß lang und zwanzig hoch! ...Die Künstler haben sich die Folter gegeben, um solche Armseligkeiten bedeutend zu machen. Und doch hat, durch diese Nötigung gereizt, das Genie schöne Sachen hervorgebracht. Ein Künstler, der die heilige Ursula mit den eilftausend Jungfrauen vorzustellen hatte, zog sich mit großem Verstand aus der Sache. Die Heilige steht im Vordergrunde, als habe sie siegend das Land in Besitz genommen. Sie ist sehr edel, amazonenhaft jungfräulich..., in der alles verkleinernden Ferne hingegen sieht man ihre Schar aus den Schiffen steigen und in Prozession herankommen...
Ist das Carpaccio mit seinem Ursula-Zyklus? Eher nicht..., denn der ist ja in der Accademia in Venedig. Vielleicht kann mir hier einer weiterhelfen?
Die Stelle ist bezeichnend für Goethe. Was zwischen Antike und Renaissance angesiedelt ist, belegt er mit Spott oder mit Nichtbeachtung. So hören wir auf seiner Reise durchs Veneto nichts von Giotto (Padua), einiges hingegen von Canaletto, Veronese, Tintoretto, Tizian, viel über Palladio, vor allem aber über antike Relikte wie das römische Amphietheater in Verona etc.
Goethe beginnt sein Venedig-Kapitel mit einem pompösen Satz:
So stand es denn im Buche des Schicksals auf meinem Blatte geschrieben, dass ich 1786 den achtundzwanzigsten September, abends nach unserer Uhr um fünfe, Venedig zum erstenmal, aus der Brenta in die Lagunen einfahrend, erblicken und bald darauf diese wunderbare Inselstadt, diese Biberrepublik betreten und besuchen sollte.
Würde mich nicht wundern, wenn Mann sich zu der effektvollen Ankunft Aschenbachs zu Schiff in Venedig durch Goethe hat inspirieren lassen.
Erstaunt hat mich das Wort "Biberrepublik". Ich hörte es erstmalig aus dem Munde des Bürgermeisters von Venedig als Entgegnung auf die morbide, dekadente Fama der Stadt. Dass es von Goethe stammt, wußte ich nicht.