Salve!
Weiter geht's mit Goethes Sizilienreise April/Mai 1787:
Die klassische Bildungsreise im 18.Jahrhundert, "le grand tour", endete in Neapel, allenfalls in Sorrent. Goethe und Kniep sind daher fast so etwas wie Pioniere, obwohl sie auf den Spuren Johann Herrmann von Riedesels (Verfasser von Goethes sizilianischem Reiseführer) wandeln.
Vier Tage dauert die Passage mit dem
Paketboot, wohlgemerkt ein Segelschiff, von Neapel nach Palermo, Verzögerungen durch ungünstige Windverhältnisse inklusive.
Es ist Goethes erste Seereise. Für die Überfahrt hat er sich ein literarisches Pensum vorgenommen, die Überarbeitung des
Tasso. Da Kniep von nun an für ihn die visuellen Eindrücke, hier Küsten- und Inselkonturen, zeichnerisch
sichert, kann er sich seiner Seekrankheit, dem Schreiben und natürlich seinen Beobachtungen hingeben:
Schön, die Schilderung der Seereise, man hört förmlich die Takelage knirschen, die Segel knattern, man sieht die bunt zusammengewürfelten Passagiere, meist Tänzer und Opernsäger mit Engagement in Palermo, Meeresschildkröten und Delphine werden durch "Fernröhre" beobachtet.
Und natürlich filtert Goethe für sich den Bildungswert des Erlebnisses heraus:
Hat man sich nicht ringsum vom Meer umgeben gesehen, so hat man keinen Begriff von Welt und von seinem Verhältnis zur Welt. Als Landschaftszeichner hat mir diese große simple Linie ganz neue Gedanken gegeben.
Man wüsste gern welche.
Die Landschaft Siziliens scheint Goethe der beste
Kommentar zu Homers
Odyssee. In Palermo erwirbt er ein Exemplar, das er in Gärten und Parks eifrig liest und das ihn bald zu eigener Produktion anregt.
Nausikaa heißt sein dramatisches Projekt. Odysseus findet schiffbrüchig Aufnahme durch die Phäakentochter, aber anders als in der Odyssee sollte es tragisch enden, mit dem Selbstmord Nausikaas. Es sollte nichts geringeres als
ein dramatisches Konzentrat der Odyssee werden!
So irrlichtern die Irrfahrten und Nausikaa durch die Sizilien-Kapitel der
Italienischen Reise. Einmal sitzt Goethe sogar dichtend in einem Orangenbaum. In einem Kapitel, überschrieben
Aus der Erinnerung, das wohl ausnahmslos vom alten Goethe stammt, bekennt er,
dass ich darüber meinen Aufenthalt in Palermo, ja den größten Teil meiner übrigen sizilianischen Reise vertäumte.Die Tragödie ist Fragment geblieben. Schöne Verse, die Goethes sizilianisches Landschaftserleben, wie er es in der IR beschreibt, widerspiegeln, in denen die abundante Vegetation, Pflanzen die gleichzeitg blühen und Früchte tragen, aber auch die Insellage, kurz das geschildert wird, was für ihn die Eigenart Siziliens ausmacht.
Ein weiteres Projekt, ja fast eine fixe Idee, die ihn während seiner Sizilienreise nicht loslässt, ist die
Urpflanze, die er im Pflanzenreichtum der Felder, Gärten und Parks Siziliens vergeblich zu finden hofft.
In Bagheria bei Palermo besuchen Goethe und Kniep das in wucherndem Barockstil grotesk gestaltete Anwesen des Principe di Palagonia. Obwohl er ausdrücklich davor warnt, ein "Nichts" durch Darüber-Reden oder-Schreiben zu einem "Etwas" aufzuwerten, regt er sich seitenlang über den "Unsinn des Prinzen Palagonia" auf und gibt seinem Abscheu und seinem Unverständnis über die Skurrilität des
palagonischen Barock wortreich Ausdruck. Vielleicht weil er so quasi ex negativo sein Ideal der Ausgewogenheit, des Ebenmaßes, der Symmetrie usw. entwickeln kann, denn er ist überzeugt, dass
das Gefühl der Wasserwaage und des Perpendikels uns eigentlich zu Menschen macht ... Der Besuch bei Cagliostros Familie, über den seitenlang berichtet wird, überhaupt das Interesse an dem Hochstapler und Salbader ist mir unverständlich. Hat jemand eine Idee? In Goethes
Großkophta und Schillers
Geisterseher taucht ja diese Gestalt wieder auf(?),was macht sie für unsere
Klassiker so interessant?
Die Liste dessen, was Goethe und Kniep in Sizilien nicht besuchen, ist beträchtlich: die Mosaiken von Monreale
(Byzantinisches soll im 18. Jahrhundert noch nicht ins Bewusstsein gerückt sein), die normannische Kathedrale von Palermo mit der Gräbern der Staufer, das maurische Erbe, die Tempelruinen von Selinunt, die Stadt Syrakus...(Diese wird ausgelassen, um einen Ritt(!) quer durch die Insel, durch die
Kornkammer Italiens zu unternehmen.)
Aber natürlich besuchen sie den Tempel von Segesta, Agrigent, das Amphitheater von Taormina, den Monte Rosso (Ätna ist zu gefährlich), Catania und Messina.
Von Messina geht es wieder per Schiff nach Neapel. Ausgerechnet vor Capri gerät das Schiff bei extremer Windstille in einen Sog und droht an den Klippen zu zerschellen. Goethe verhindert eine Panik unter den Passagieren, indem er die richtigen Worte findet!
Schließlich kann man doch noch die
gefährliche Felseninsel umschiffen und erreicht wohlbehalten Neapel.