Author Topic: J. W. von Goethe: Italienische Reise  (Read 29042 times)

Offline thopas

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Re:J. W. von Goethe: Italienische Reise
« Reply #30 on: 20. Februar 2010, 10.43 Uhr »
Hallo zusammen,

ich bin inzwischen wieder da, habe aber in der Italienischen Reise eine kleine Pause eingelegt. D.h. Goethe ist gerade aus Sizilien wieder abgereist und ein zweites Mal in Neapel angekommen; weiter bin ich noch nicht gekommen. Ich hoffe, ich komme dieses Wochenende etwas zum Lesen, dann werde ich mehr berichten...

Viele Grüße
thopas

Offline Gontscharow

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Re:J. W. von Goethe: Italienische Reise
« Reply #31 on: 20. Februar 2010, 21.07 Uhr »

Schön, thopas, dass du wieder unter uns weilst. Ich habe Goethes ersten  Neapelaufenthalt hinter mir.

Goethe reist mit dem Maler Tischbein, der so einen herrlichen Blick in Natur als Kunst hat, nach Neapel. Die Landschaftsbeschreibungen geraten Goethe zur Landschaftsmalerei, d.h. man meint Bilder vor sich zu haben, so genau ist ein bestimmter Augenblick eingefangen:
Nun darf ich nicht weiter beschreiben und sage nur, dass, als wir von der Höhe die Gebirge von Sezza, die pontinischen Sümpfe, das Meer und die Inseln erblickten, dass in dem Moment ein starker Streifregen über die Sümpfe nach dem Meer zog, Licht und Schatten, abwechselnd und bewegt, die öde Fläche gar mannigfaltig belebten. Sehr schön wirkten hiezu mehrere von der Sonne erleuchtete Rauchsäulen, die aus zerstreuten, kaum sichtbaren Hütten hervorgingen.
Und es gibt Textstellen wie diese, wo aus Naturbetrachtung Poesie wird:
Hier fand ich am Ufer die ersten Seesterne und Seeigel ausgespült. Ein schönes grünes Blatt, wie das feinste Velinpapier, dann aber mekwürdige Geschiebe: am häufigsten die gewöhnlichen Kalksteine, sodann aber auch Serpentin, Jaspis, Quarze, Kieselbreccien, Granite, Pophyre, Marmorarten, Glas von grüner und blauer Farbe. Die zuletzt genannten Steinarten sind schwerlich in dieser Gegend erzeugt, sind wahrscheinlich Trümmern alter Gebäude, und so sehen wir denn, wie die Welle vor unsern Augen mit den Herrlichkeiten der Vorwelt spielen darf.
Solche Stellen entschädigen für das stellenweise buchstäblich Zusammengeschnippelte der Italienischen Reise.

Neapel ist für Goethe eine Steigerung von Rom: Noch fremder, noch südländischer, noch italienischer.
Man sage, erzähle, male ,was man will, hier ist mehr als alles.
Die Lage der Stadt zwischen Meer und Vulkan begeistert ihn. Er hat das bekannte Neapel-sehen-und-sterben-Gefühl.

Man mag sich hier an Rom gar nicht erinnern; gegen die hiesige freie Lage kommt einem die Hauptstadt der Welt im Tibergrunde wie ein altes, übel placiertes Kloster vor.

Dreimal besteigt er den Vesuv. Natürlich lässt er es sich nicht nehmen, ausführlichst nach Weimar zu berichten, wie er als unermüdlicher Naturforscher und Geologe nicht davon abzuhalten ist, während Tischbein ehrfürchtig Abstand hält, unter Einsatz von Leib und Leben vom Rand des Kraters aus in den Höllenschlund zu blicken und seine Beobachtungen anzustellen. Er kommt mit Asche auf dem Haupt davon.

Natürlich absolviert er auch híer wieder ein Besichtigungsprogramm, besucht Pompeji, Pästum, Herkulaneum. Immer häufiger enden seine Unternehmungen in einer Osteria oder Weinlaube, zunächst des Meeres tafelnd, in guter munterer neapolitanischer Gesellschaft. Ja, Neapel ist für Goethe eine Schule des leichten und lustigen Lebens:
Neapel ist ein Paradies, jedermmann lebt in einer Art trunkener Selbstvergessenheit. Mir ergeht es ebenso, ich erkenne mich kaum, ich scheine mir ein ganz anderer Mensch. Gestern dacht ich:"Entweder du warst sonst toll, oder du bist es jetzt."

Köstlich sind Goethes Beschreibungen des wimmelnden neapolitanischen Lebens, etwa auf der Via Toledo, wo man das ja noch heute in ähnlicher Form bewundern kann.

In den letzten Märztagen ist Goethe mit Christoph Heinrich Kniep zusammen, der für ihn Eindrücke zeichnerisch festhält. Er hat mit ihm ein Arrangement getroffen, das ihn endlich bezüglich Festhalten und Konservieren seiner Eindrücke zufrieden sein lässt. Mit Kniep - Tischbein ist bei Sir Hammilton hängengeblieben, er malt ja dann auch die Lady -  macht er sich am 29. März per Schiff auf nach Palermo.
 

Offline thopas

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Re:J. W. von Goethe: Italienische Reise
« Reply #32 on: 21. Februar 2010, 12.17 Uhr »
Dreimal besteigt er den Vesuv. Natürlich lässt er es sich nicht nehmen, ausführlichst nach Weimar zu berichten, wie er als unermüdlicher Naturforscher und Geologe nicht davon abzuhalten ist, während Tischbein ehrfürchtig Abstand hält, unter Einsatz von Leib und Leben vom Rand des Kraters aus in den Höllenschlund zu blicken und seine Beobachtungen anzustellen. Er kommt mit Asche auf dem Haupt davon.

Goethe begeistert sich sehr für den Vesuv, was ich gut verstehen kann (Vulkane haben etwas faszinierendes an sich). Heute ist der Vesuv ja weitaus weniger aktiv als damals. Da finde ich es schon sehr mutig, sich so nahe an den Krater heranzuwagen, wo da immer wieder Gesteinsbrocken nach oben fliegen...

Gestern habe ich noch Goethes zweiten Neapel-Aufenthalt gelesen. Auch da läuft wieder jede Menge Lava an den Hängen des Vesuv herab, und Goethe eilt zum Hafen, um das Schauspiel - auch bei Dunkelheit - zu genießen. Er wird ganz wehmütig, da er jetzt wieder nach Rom aufbricht und den Süden hinter sich läßt. Noch hat er ja vor, relativ bald wieder nach Hause zurückzukehren...

Viele Grüße
thopas

Offline Gontscharow

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Re:J. W. von Goethe: Italienische Reise
« Reply #33 on: 21. Februar 2010, 20.12 Uhr »

Goethe begeistert sich sehr für den Vesuv, was ich gut verstehen kann (Vulkane haben etwas faszinierendes an sich). Heute ist der Vesuv ja weitaus weniger aktiv als damals. Da finde ich es schon sehr mutig, sich so nahe an den Krater heranzuwagen, wo da immer wieder Gesteinsbrocken nach oben fliegen...

Ja, das stimmt. Aber ein bisschen, glaube ich, spielt und kokettiert er auch mit der Gefahr bzw. heischt Anerkennung und genießt die Angst, die man zu Hause um ihn hat, sonst würde er die Gefahren nicht so eingehend schildern. Denn dass man um ihn besorgt ist, weiß er! Nach der Erstbesteigung des Vesuvs, also noch vor dem Erlebnis mit dem Krater, schreibt er:

Quote
Hier schick' ich einige gedrängte Blätter als Nachricht von dem Einstande, den ich hier gegeben. Auch ein an der Ecke angeschmauchtes Kuvert eures letzten Briefes zum Zeugnis, dass er mit auf dem Vesuv gewesen. Doch muss ich euch nicht, weder im Traume noch im Wachen, von Gefahr umgeben erscheinen; seid versichert, da, wo ich gehe, ist nicht mehr Gefahr als auf der Chaussee nach Belvedere. Die Erde ist überall des Herrn! kann man wohl bei dieser Gelegenheit sagen. Ich suche keine Abenteuer aus Vorwitz noch Sonderbarkeit, aber weil ich meist klar bin und dem Gegenstand bald seine Eigentümlichkeit abgewinne, so kann ich mehr tun und wagen als ein anderer.
(Hervorhebungen von mir)

Offline orzifar

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Re:J. W. von Goethe: Italienische Reise
« Reply #34 on: 23. Februar 2010, 00.16 Uhr »
An die Stelle mit dem "angeschmauchten Kuvert" kann ich mich noch erinnern: Das ist nun wirklich wenig dezent mitsamt dem Nachsatz, sich doch keine Sorgen zu machen. (Offensichtlich machte er sich Sorgen um die nichtvorhandenen Sorgen anderer ;)).

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline Gontscharow

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Re:J. W. von Goethe: Italienische Reise
« Reply #35 on: 25. Februar 2010, 01.13 Uhr »
Salve!
Weiter geht's mit Goethes Sizilienreise April/Mai 1787:


Die klassische Bildungsreise im 18.Jahrhundert, "le grand tour", endete in Neapel, allenfalls in Sorrent. Goethe und Kniep sind daher fast so etwas wie Pioniere, obwohl sie auf den Spuren Johann Herrmann von Riedesels (Verfasser von Goethes sizilianischem Reiseführer) wandeln.
Vier Tage dauert die Passage mit dem Paketboot, wohlgemerkt ein Segelschiff, von Neapel nach Palermo, Verzögerungen durch ungünstige Windverhältnisse inklusive.

Es ist Goethes erste Seereise. Für die Überfahrt hat er sich ein literarisches Pensum vorgenommen, die Überarbeitung des Tasso. Da Kniep von nun an für ihn die visuellen Eindrücke, hier Küsten- und Inselkonturen, zeichnerisch sichert, kann er sich seiner Seekrankheit, dem Schreiben und natürlich seinen Beobachtungen hingeben:
Schön, die Schilderung der Seereise, man hört förmlich die Takelage knirschen, die Segel knattern, man sieht die bunt zusammengewürfelten Passagiere, meist Tänzer und Opernsäger mit Engagement in Palermo, Meeresschildkröten und Delphine werden durch "Fernröhre" beobachtet.
Und natürlich filtert Goethe für sich den Bildungswert des Erlebnisses heraus:
Quote
Hat man sich nicht ringsum vom Meer umgeben gesehen, so hat man keinen Begriff von Welt und von seinem Verhältnis zur Welt. Als Landschaftszeichner hat mir diese große simple Linie ganz neue Gedanken gegeben.
Man wüsste gern welche.

Die Landschaft Siziliens scheint Goethe der beste Kommentar zu Homers Odyssee. In Palermo erwirbt er ein Exemplar, das er in Gärten und Parks eifrig liest und das ihn bald zu eigener Produktion anregt. Nausikaa heißt sein dramatisches Projekt. Odysseus findet schiffbrüchig Aufnahme durch die Phäakentochter, aber anders als in der Odyssee sollte es tragisch enden, mit dem Selbstmord Nausikaas. Es sollte nichts geringeres als ein dramatisches Konzentrat der Odyssee werden!
So irrlichtern die Irrfahrten und Nausikaa durch die Sizilien-Kapitel der Italienischen Reise. Einmal sitzt Goethe sogar dichtend in einem Orangenbaum. In einem Kapitel, überschrieben Aus der Erinnerung, das wohl ausnahmslos vom alten Goethe stammt, bekennt er, dass ich darüber meinen Aufenthalt in Palermo, ja den größten Teil meiner übrigen sizilianischen Reise vertäumte.
Die Tragödie ist Fragment geblieben. Schöne Verse, die Goethes sizilianisches Landschaftserleben, wie er es in der IR beschreibt, widerspiegeln, in denen die abundante Vegetation, Pflanzen die gleichzeitg blühen und Früchte tragen, aber auch die Insellage, kurz das geschildert wird, was für ihn die Eigenart Siziliens ausmacht.

Ein weiteres Projekt, ja fast eine fixe Idee, die ihn während seiner Sizilienreise nicht loslässt, ist die Urpflanze, die er im Pflanzenreichtum der Felder, Gärten und Parks Siziliens vergeblich zu finden hofft.
 
In Bagheria bei Palermo besuchen Goethe und Kniep das in wucherndem Barockstil grotesk gestaltete Anwesen des Principe di Palagonia. Obwohl er ausdrücklich davor warnt, ein "Nichts" durch Darüber-Reden oder-Schreiben zu einem "Etwas" aufzuwerten, regt er sich seitenlang über den "Unsinn des Prinzen Palagonia" auf und gibt seinem Abscheu und seinem Unverständnis über die Skurrilität des palagonischen Barock wortreich Ausdruck. Vielleicht weil er so  quasi ex negativo sein Ideal der Ausgewogenheit, des Ebenmaßes, der Symmetrie usw. entwickeln kann, denn er ist überzeugt, dass das Gefühl der Wasserwaage und des Perpendikels uns eigentlich zu Menschen macht ...  

Der Besuch bei Cagliostros Familie, über den seitenlang berichtet wird, überhaupt das Interesse an dem Hochstapler und Salbader ist mir unverständlich. Hat jemand eine Idee? In Goethes Großkophta und Schillers Geisterseher taucht ja diese Gestalt wieder auf(?),was macht sie für unsere Klassiker so interessant?

Die Liste dessen, was Goethe und Kniep in Sizilien nicht besuchen, ist beträchtlich: die Mosaiken von Monreale
(Byzantinisches soll im 18. Jahrhundert noch nicht ins Bewusstsein gerückt sein), die normannische Kathedrale von Palermo mit der Gräbern der Staufer, das maurische Erbe, die Tempelruinen von Selinunt, die Stadt Syrakus...(Diese wird ausgelassen, um einen Ritt(!) quer durch die Insel, durch die Kornkammer Italiens zu unternehmen.)
Aber natürlich besuchen sie den Tempel von Segesta, Agrigent, das Amphitheater von Taormina, den Monte Rosso (Ätna ist zu gefährlich), Catania und Messina.

Von Messina geht es wieder per Schiff nach Neapel. Ausgerechnet vor Capri gerät das Schiff bei extremer Windstille in einen Sog und droht an den Klippen zu zerschellen. Goethe verhindert eine Panik unter den Passagieren, indem er die richtigen Worte findet!
 
Schließlich kann man doch noch die gefährliche Felseninsel umschiffen und erreicht wohlbehalten Neapel.




« Last Edit: 25. Februar 2010, 09.00 Uhr by Gontscharow »

Offline thopas

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Re:J. W. von Goethe: Italienische Reise
« Reply #36 on: 28. Februar 2010, 12.19 Uhr »
Hallo zusammen,

bei mir geht es etwas langsamer voran. Goethe ist inzwischen wieder in Rom angekommen und beschließt Anfang August, daß er nun doch etwas länger bleiben will, um genug Zeit zu haben, die schönen Künste ausführlich zu studieren und auch selbst besser zeichnen zu lernen. Er hat vor, bis Ostern des darauffolgenden Jahres zu bleiben.

Mittlerweile wird es ziemlich heiß in Rom; Goethe ist froh, das Atelier von Tischbein übernehmen zu können, der wiederum nach Neapel zurückgekehrt ist. Tischbeins Atelier ist ein größerer Saal, der die Hitze einigermaßen draußen hält; so läßt sich auch der heiße Sommer in Rom ertragen.

Dieser zweite Romaufenthalt enthält nicht nur Briefe sondern auch noch Berichte für jeden Monat, wobei sich aber die Themen meist wiederholen (zumindest, soweit ich jetzt gekommen bin). Vermutlich tut sich nicht mehr so viel und das Ganze muß etwas "aufgefüllt" werden mit Betrachtungen zu verschiedenen Themen.... Mal sehen.

Ich habe gerade etwas vorgeblättert: die Italienische Reise endet mit Goethes Abreise aus Rom. Eigentlich schade, denn auf der Rückreise nimmt er ja eine etwas andere Route und da hätte mich ein Bericht schon interessiert. Die Rückreise war wohl für Goethe nicht mehr von Bedeutung...

Aber nun erst mal weiter bei Goethes Rom-Aufenthalt,

viele Grüße
thopas


Offline Gontscharow

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Re:J. W. von Goethe: Italienische Reise
« Reply #37 on: 03. März 2010, 00.01 Uhr »

Hallo zusammen!
Hallo thopas!

Ich bin jetzt ebenfalls bis zum Zweiten Römischen Aufenthalt vorgedrungen.

Kleiner Nachtrag zur Sizilienreise:
Auf der Überfahrt von Messina nach Neapel wird Goethe von düsteren Gedanken heimgesucht:
Was er in Sizilien erlebt und gesehen hat, erscheint ihm sinn- und trostlos, die Geschichte Siziliens als ewig nutzlose Abfolge von Aufbau und Zerstörung, als vergebliches Bemühen, Gewalt und Zerstörung abzuwehren.
Das passt so gar nicht zu den bisherigen überschwänglichen Verlautbarungen über Sizilien. Hier wird einmal sehr deutlich, was ich auch sonst schon ab und an in der I.R. zu spüren meinte: so etwas wie Melancholie, Gefühl von Sinnlosigkeit und Überdruss, depressive Verstimmung. Natürlich immer übertönt von den durch den alten Goethe obendrein entsprechend retuschierten und geschnittenen Erfolgsmeldungen nach Weimar, wie schön, wie lehrreich, wie bedeutsam alles sei...
Diese wahrhaft seekranken Betrachtungen eines auf der Woge des Lebens hin und wider Geschaukelten ließ ich nicht Herrschaft gewinnen. So beschließt er seine Gedankengänge. Jeder Verhaltenstherapeut hätte seine Freude daran, wie er da an sich arbeitet.
Goethe - manisch-depressiv? Die Reise als Therapie?

Der zweite Neapel-Aufenthalt beginnt mit einem Brief an Herder, in dem Goethe sein Sizilien-Erlebnis auswertet, besonders sein Verhältnis zu Homer, durch den er dem Unterschied zwischen antiker und moderner Kunst auf die Spur gekommen zu sein meint: ... sie stellten die Existenz dar, wir gewöhnlich den Effekt. Er ist ganz begeistert von dem Gedanken und führt ihn der Länge nach aus. Von Einem bemerkt dazu lapidar, dass  Gedankengänge wie diese (vgl. z. B. Schillers Abhandlung Über naive und sentimentalische Dichtung) allgemein im Schwange waren. Schön, wie dann Goethe selber zu dem Schluss kommt:
Wenn, was ich sage, nicht neu ist, so hab ich es doch bei neuem Anlass recht lebhaft gefühlt.
Der neue Anlass ist die Begegnung mit Sizilien.

So, das war's erstmal für heute, morgen oder übermorgen geht's weiter.

Offline Gontscharow

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Re:J. W. von Goethe: Italienische Reise
« Reply #38 on: 11. März 2010, 23.00 Uhr »
Es geht weiter mit dem zweiten Aufenthalt in Neapel vom 17. Mai bis 3. Juni 1887:

Grundlage der Berichte dieses Zeitabschnitts sind unter anderem die in Wielands Teutschem Merkur kurz nach Goethes Rückkehr erschienenen Auszüge aus einem Reisejournal.

Goethe beschreibt hier liebevoll und anschaulich neapolitanisches Volksleben: die Schmausfeste, die Cocagna,  das Josephsfest.
Sinnlichkeit, Witz und Originalität des Volkes drücken sich in diesen Festen aus.
Die Esswaren hängen in Girlanden über die Straßen hinüber, große Paternoster von vergoldeten, mit roten Bändern geschnürten Würsten; welsche Hähne, welche alle eine rote Fahne unterm Bürzel tragen.

Aber nicht nur ethnologische Betrachtungen stellt Goethe an, er ist auch als Soziologe, Ökonom, ja Ökologe unterwegs. So räumt er mit dem von Volkmann in die Welt gesetzten Vorurteil auf, die Neapolitaner seien ein Volk von Müßiggängern und Tagedieben. Bei Spaziergängen kreuz und quer durch Neapel stellt er durch eigene Anschauung fest, dass besonders das niedere Volk sehr wohl sinnvollen Beschäftigungen nachgeht, dass Lastenträger , Schiffer, Fischer, Trödler und Kleinkrämer, selbst Bettler, alle emsig irgend ein Gewerbe betreiben. Er verfolgt die Warenzirkulation auf den Märkten und Trödelmärkten und die Bestrebungen der Menschen, selbst aus den Abfällen noch Kapital zu schlagen. Ja, annerkennend beschreibt er, wie man damit beschäftigt ist, das Kehricht auf Eseln aus der Stadt und auf die Felder zu bringen, um den Zirkel der Vegetation zu beschleunigen. Auch spricht er mit Respekt von den Menschen, die Tag und Nacht hinter dem Mist der Pferde her sind, und damit sowohll für Sauberkeit auf den Straßen als auch für gute Düngung sorgen. Mist vollbringt mehr Wunder als Heilige , zitierte Goethe schon mal irgendwo in der I.R. eine italienische Bauernregel!
Es ist schon irgendwie Ironie der Geschichte, dass uns Goethe just Neapel, heute Hochburg der Müllskandale, hier als vorbildlich für Recycling  präsentiert.

Am Vorabend seiner Abreise nach Rom absolviert Goethe widerwillig bei der (deutschen) Herzogin da Giovane einen Besuch, der dann unverhofft eine günstige Wendung nimmt. Die Erzählung wird zur literarischen Miniatur und ist eine jener Stellen, die die I.R. für mich lesenswert machen:

Quote
Die Dämmerung war schon eingebrochen und man hatte noch keine Kerzen gebracht. Wir gingen im Zimmer auf und ab, und sie, einer verschlossenen Fensterseite sich nähernd, stieß einen Laden auf, und ich erblickte, was man in seinem Leben nur einmal sieht. Tat sie es absichtlich mich zu überraschen, so erreichte sie ihren Zweck vollkommen. Wir standen an einem Fenster des oberen Geschosses, der Vesuv gerade vor uns; die herabfließende Lava, deren Flamme bei längst niedergegangener Sonne schon deutlich glühte und ihren begleitenden Rauch schon zu vergolden anfing; der Berg gewaltsam tobend, über ihm eine ungeheure feststehende Dampfwolke, ihre verschiedenen Massen bei jedem Auswurf blitzartig gesondert und körperhaft erleuchtet. Von da herab bis ins Meer ein Streif von Gluten und glühenden Dünsten; übrigens Meer und Erde, Fels und Wachstum deutlich in der Abenddämmerung, klar, friedlich, in einer zauberhaften Ruhe. Dies alles mit einem Blick zu übersehen und den hinter dem Bergrücken hervortretenden Vollmond als Erfüllung des wunderbarsten Bildes zu schauen ...  .und die schöne Frau, vom Monde beleuchtet, als Vordergrund dieses unglaublichen Bildes, schien mir immer schöner zu werden... Ich vergaß, wie spät es war...

Ein der Stadt Neapel würdiger Abschied!


Offline thopas

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Re:J. W. von Goethe: Italienische Reise
« Reply #39 on: 13. März 2010, 11.43 Uhr »
Hallo Gontscharow, hallo zusammen,

ja, dieser zweite Neapel-Aufenthalt hat mir auch sehr gut gefallen. V.a. auch die Überlegungen, daß Menschen, die in wärmeren Gegenden leben, viel entspannter das Leben genießen können, da sie nicht ständig für harte Zeiten (Winter etc.) vorsorgen müssen. Diese Gedanken hatte ich auch schon öfter.

Ich habe inzwischen den Oktober in Rom beendet. Goethe befindet sich in Castel Gandolfo, wo er eingeladen ist, einige Zeit zu verbringen. Er lernt zwei bezaubernde junge Damen kennen, aber als er beginnt, Zuneigung zu einer der Damen zu fassen, erfährt er, daß sie bald heiraten wird. Er bricht sofort den Kontakt ab, denn er hat keine Lust, noch einmal eine Art Werther-Geschichte durchzumachen.

Er erwähnt einige Male, daß er sich ganz schön einsam fühlt, so ohne seine guten Freunde aus Weimar. Tischbein scheint nicht so der optimale Freund zu sein, genaueres erfahren wir nicht, sodaß Goethe wohl die engeren Vertrauten abgehen. Allerdings will er auch nicht, daß seine Freunde ihm nachreisen, denn er will seinen Italien-Aufenthalt alleine genießen, unbeeinflußt von seinem Lebensumfeld aus Weimar. Er kann alles ganz intensiver und unmittelbarer wahrnehmen, wenn er alleine ist.

Viele Grüße,
thopas

Offline thopas

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Re:J. W. von Goethe: Italienische Reise
« Reply #40 on: 28. März 2010, 13.08 Uhr »
Hallo zusammen,

so gaaanz langsam nähere ich mich dem Ende der Italienischen Reise bzw. Goethes zweitem Rom-Aufenthalt. Es ist mittlerweile März geworden und Goethe bereitet sich darauf vor, demnächst abzureisen. Er besucht noch einige Sehenswürdigkeiten, die er bisher noch nicht gesehen hat; außerdem einige, die er unbedingt noch einmal sehen möchte. Man spürt deutlich die Wehmut, die ihn erfüllt, angesichts der Tatsache, daß sein Aufenthalt in Rom bald zu Ende sein wird.

Goethe hat inzwischen eingesehen, daß er nicht unbedingt das Talent zu einem großartigen Maler/Zeichner hat. Er beschließt, sich nicht weiter etwas vorzumachen. Trotzdem versucht er sich noch am Modellieren, was möglicherweise auch daran liegt, daß er zu einem Bildhauer gezogen ist (denn Tischbein ist mittlerweile wieder zurückgekehrt und beansprucht nun wieder sein Atelier).

Vielleicht schaffe ich es heute noch, das Buch zu beenden...

Ein schönes Rest-Wochenende wünscht
thopas

Offline Gontscharow

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Re:J. W. von Goethe: Italienische Reise
« Reply #41 on: 28. März 2010, 14.04 Uhr »
Hallo thopas!
Hallo zusammen!

Auch meine Lektüre nähert sich dem Ende.

Goethe hat inzwischen eingesehen, daß er nicht unbedingt das Talent zu einem großartigen Maler/Zeichner hat.

Meine Vermutung ist, dass er das von Anfang an gewusst hat und die Übungen im Zeichnen, Malen und Modellieren u.a. ein Vorwand waren, um seinen verlängerten Aufenthalt in Rom zu rechtfertigen.
Was wäre noch zu ergänzen? Vielleicht seine Beschäftigung mit der Musik, speziell  dem Singspiel in Zusammenarbeit mit Kayser. Seine literarischen Arbeiten an Egmont, Tasso, Wilhelm Meister, seine Kunstbetrachtungen, besonders Raffael betreffend.

Am 14. März schreibt er:
Mein Abschied von hier betrübt drei Personen innigst. Sie werden nie wieder finden, was sie an mir gehabt haben, ich verlasse sie mit Schmerzen. In Rom hab' ich mich zuerst gefunden, ich bin zuerst übereinstimmend mit mir selbst glücklich und vernünftig geworden, und als einen solchen haben mich diese dreie in verschiedenem Sinne und Grade gekannt, besessen und genossen.

Wer sind diese drei Personen eurer Meinung nach?

Offline thopas

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Re:J. W. von Goethe: Italienische Reise
« Reply #42 on: 29. März 2010, 11.18 Uhr »
Am 14. März schreibt er:
Mein Abschied von hier betrübt drei Personen innigst. Sie werden nie wieder finden, was sie an mir gehabt haben, ich verlasse sie mit Schmerzen. In Rom hab' ich mich zuerst gefunden, ich bin zuerst übereinstimmend mit mir selbst glücklich und vernünftig geworden, und als einen solchen haben mich diese dreie in verschiedenem Sinne und Grade gekannt, besessen und genossen.

Wer sind diese drei Personen eurer Meinung nach?

Hallo Gontscharow,

meine Ausgabe sagt hierzu, daß es sich dabei um Angelica Kaufmann und Karl Philipp Moritz handelt. Die dritte Person ist angeblich Goethes Geliebte in Rom, die er allerdings in der Italienischen Reise nicht nennen wollte. Aha.... Ich kann verstehen, daß Goethe nicht unbedingt alles öffentlich machen wollte. Interessant wäre es allerdings schon gewesen, da mehr zu erfahren. V.a. da es ja noch diese schöne Mailänderin gab, zu der er sich hingezogen fühlte; der Abschied von ihr ist ihm wohl auch nicht leicht gefallen.

Ich habe das Buch nun beendet. Der Schluß ist Goethe sehr gut gelungen; in den Anmerkungen wird erwähnt, daß der Schluß urspünglich etwas anders gedacht war. Da hat der alte Goethe wohl noch etwas daran gefeilt, bis alles hunderprozentig gepaßt hat...

Ich muß sagen, daß mir der "erste Teil", also die Reisebeschreibungen bis einschließlich dem zweiten Neapel-Aufenthalt, besser gefallen hat als der "zweite Teil", also der zweite Rom-Aufenthalt. Laut Anmerkungen in meiner Ausgabe gab es keine wirklich inhaltlich interessanten Briefe (also für das allg. Publikum) während des zweiten Rom-Aufenthalts, weshalb Goethe andere Texte zwischengeschaltet und auch jeweils Berichte für die einzelnen Monate ergänzt hat. Ich kann verstehen, daß für Goethe gerade der zweite Rom-Aufenthalt das bedeutendere Erlebnis war (eine Art Selbstfindung), mir sind allerdings die Berichte während der Reise lieber. Weshalb ich auch gerne noch über seinen Aufenthalt in Florenz und Mailand etwas erfahren hätte. Aber ich sehe ein, daß solche Beschreibungen (evtl. noch die Ankunft mit der Kutsche in Weimar) rein kompositorisch nicht denselben Eindruck machen wie diese Mondnacht am Kapitol, die wehmütige Stimmung des Abschieds und das Ovid-Zitat.

Viele Grüße
thopas

Offline Gontscharow

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Re:J. W. von Goethe: Italienische Reise
« Reply #43 on: 02. April 2010, 18.41 Uhr »

Hallo thopas!

meine Ausgabe sagt hierzu, daß es sich dabei um Angelica Kaufmann und Karl Philipp Moritz handelt. Die dritte Person ist angeblich Goethes Geliebte in Rom, die er allerdings in der Italienischen Reise nicht nennen wollte.

Danke für den Hinweis. Ich nenne ebenfalls die Ausgabe mit dem Kommentar von Einems mein eigen, habe aber im Laufe der Lektüre immer seltener hineingeschaut, weil er mir wenig hilfreich erschien. Außerdem lese ich den Text in einer anderen unkommentierten Ausgabe.
Ja, auf die drei habe ich auch getippt. Goethe nennt Karl Phillip Moritz irgendwo in der I.R. seinen liebsten Gesellschafter.
Die Beziehung zu Angelika war wohl eine ganz besondere! Die Besichtigungen von Kunstwerken mit dieser von Goethe hochgeschätzten Malerin nebst sonntäglicher gemeinsamer Tafeleien gehören wahrscheinlich zum  besten, was Goethe in Rom widerfahren ist. Er scheint Freund und Berater der wohl nicht ganz glücklich verheirateten Angelika gewesen zu sein. In seinen Briefen lässt er einige nicht sehr schmeichelhafte Bemerkungen über ihren attenten alten Gatten fallen. Angelika war in Rom wohl so etwas wie seine Frau von Stein in Weimar, wenn auch weniger fordernd. Goethe vermerkt ihr feinsinniges Verständnis für seine Dichtungen, besonders für Iphigenie, die sie ja auch illustriert hat. Das von ihr angefertigte Porträt, das Goethe und angeblich auch sie für nicht gelungen hielten, zeigt einen schönen, schmalen von des Geistes Blässe angekränkelten Goethe, weit weniger kraftvoll, bestimmend und viril als der auf dem Tischbein'schen. Ich glaube, Angerlika liebte Goethe, zumindest fühlte sie sich wahlverwandt.
Ja, und Faustina! Von ihr und der Art ihrer Beziehung zu Goethe erfährt man in den Römischen Elegien, wie man, glaube ich, überhaupt in Goethes dichterisch fiktiven Werken mehr über ihn erfährt als in seinen autobiographischen. Wie politisch korrekt, harmlos und zudem ungereimt ist z. B. die Geschichte mit der schönen Mailänderin, die auch in seinen Briefen nicht vorkommt! Sie scheint mir zum Zwecke der Ablenkung erfunden oder zumindest aufgebauscht worden zu sein. In den Römischen Elegien, kurz nach der realen  Italienischen Reise unter dem Eindruck seiner heftigen und gesellschaftlich geächteten Beziehung zu Christiane Vulpius entstanden, in denen er die amourösen Abenteuer mit Faustina feiert, scheint er nun wiederum auch die Beziehung zu Christiane, von der eigentlich auch niemand nichts wissen darf, zu verarbeiten. Der Dichter und die Frauen!


Ich muß sagen, daß mir der "erste Teil", also die Reisebeschreibungen bis einschließlich dem zweiten Neapel-Aufenthalt, besser gefallen hat als der "zweite Teil", also der zweite Rom-Aufenthalt.

Geht mir auch so. Auf die betulichen Texte über Philipp Neri z. B. und den römischen Karneval hätte ich verzichten können. Über seine Rückreise via Forenz und Mailand und über die Ultima cena von Leonardo hätte ich auch gern etwas gehört. Aber - wie du sagst - das Kapitol bei Mondschein machte sich als Schlussakkord besser.

Während der Lektüre  habe ich mich des öfteren gefragt, ob die I.R. über ihren goethe-biographischen Nutzen hinaus lesenswert ist. Ich muss sagen, ja. Was für mich den Charme der I.R. ausmacht, sind neben den Kunstbetrachtungen, die ich schon erwähnte, vor allem Landschaftsschilderungen, skurrile Szenen aus dem  Stadtleben, Schilderungen von Stadtspaziergängen, die schönsten nachts bei Mondschein! Da läuft Goethe zu poetischer Höchstform auf und entfaltet seine Sprachmagie. Einiges habe ich in meinen Posts zitiert.

Die Lektüre ist beendet. Es war schön, sich in den kalten Monaten mit Goethe nach Italien zu träumen!

Tanti saluti e

:ciao:




Offline wanderer

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Re:J. W. von Goethe: Italienische Reise
« Reply #44 on: 29. April 2010, 13.15 Uhr »
Hallo!

Ich habe auch die Lektüre beendet. Das Buch ist für mich eine wichtige Erfahrung gewesen und in einer Zeit, in der ich mich mit vielen verschiedenen Büchern beschäftigen muss, hat auf mich Ruhe und Klarheit übertragen.

Ich schließe mich auch an, an was thopas geschrieben hat:

Ich muß sagen, daß mir der "erste Teil", also die Reisebeschreibungen bis einschließlich dem zweiten Neapel-Aufenthalt, besser gefallen hat als der "zweite Teil", also der zweite Rom-Aufenthalt.

Leider konnte ich sehr wenig an der Leserunde schriftlich beitragen. Es tut mir leid.

Mit besten Grüßen
wanderer