Author Topic: Cesare Pavese - Die einsamen Frauen  (Read 12604 times)

Offline Anita

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Cesare Pavese - Die einsamen Frauen
« on: 10. Oktober 2009, 11.08 Uhr »
Dann starte ich mal diese Leserunde, da ich gestern Abend schon begonnen habe und einen großen Schritt getan habe. Vielleicht zu meiner Person, ich bin nicht gerade die beste LR-Partnerin, da ich keine Inhaltsbeschreibungen niederschreibe, setze ich einfach voraus, und auch keine Charakterstudien oder sonstige Spekulationen zu Figuren von mir gebe. Meist sind meine Beiträge kurz und knapp. Na ja, ich gebe mir Mühe …

Bis Seite 65 Kapitel X

Dies ist der zweite Teil der Turiner-Reihe. Im ersten Teil „Der schöne Sommer“ begegnen wir einem jungen Mädchen, welches zur Frau reift, ihre erste Erfahrung macht, Neugierde und Erwartung an die große Liebe und Enttäuschung.
Nun scheint dieses Mädchen gereift zu sein, eine Frau geworden zu sein, die taff ihren eigenen Weg geht. Clelia ist eine willensstarke, ledige und kinderlose Frau in den 40 er letztes Jh.. Sie stammt aus einem Hinterhof, wird Schneiderin und ernährt sich selber. Das ist dieser Figur ganz wichtig, selber schaffen und sinnvoll zu leben, Reichtum ist ihr zu wider.

Die Sprache des Autors, wenn man das bei einer Übersetzung sagen darf, gefällt mir sehr. Sie fließt! D. h. bei mir immer, sie trägt mich, ist weich und angenehm, hat einen Leserhythmus, sie entspannt mich wie eine Art von Musik. Für mich ist das fast das wichtigste Kriterium bei einen Roman, ich will getragen werden.

LG
 Anita
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.  Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

Offline mombour

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Re:Cesare Pavese - Die einsamen Frauen
« Reply #1 on: 10. Oktober 2009, 18.22 Uhr »
da ich keine Inhaltsbeschreibungen niederschreibe, setze ich einfach voraus, und auch keine Charakterstudien oder sonstige Spekulationen zu Figuren von mir gebe.

Hallo Anita,

Schade ;D,

ich frage mich, wo denn eine Diskussion hinauslaufen könnte, bleibt dann nur die Sprache übrig, obwohl, natürlich die Sprache und die literarischen Mittel des Autors sehr wichtig sind. Kurz: Schlecht geschriebene Romane sind immer schlecht, egal, was für einen Inhalt sie haben. Ich lese in der neuen Übersetzung von Maja Pflug, die auch in meinem Geiste leicht fließt.

Einsamkeit ist kein Charakter. Es geht um einsame Frauen, deswegen eine kurze Beobachtung aus den ersten neun Kapitel zum Thema Einsamkeit:

Clelia kommt nach siebzehn Jahren nach Turin zurück. Mit dem Mädchen, das sie einmal war, hat Clelia nichts mehr zutun. Ihre Jugend ist angestreift. Alle aus ihrer Familie sind tot. Sie hat also jeglichen Anschluss verloren, an dem sie hätte vielleicht wieder anknüpfen können. Dann die Parties und Gesellschaften zu denen Clelia mitgeschleppt wird. Einige Diskussionen schweifen ziemlich ab vom unmittelbar realen Leben; z.B. die Diskussion um das Kinder haben wollen. Keine der Frauen dort ist schwanger, trotzdem wird über diese Thematik herumdiskutiert. Es zielt auf diesen Satz hin:

Quote from: Pavese
Keine Kinder zu haben hieß, Angst vor dem Leben zu haben.

Diese Frauen also, die keine Kinder haben, noch nicht mal schwanger sind, laufen in Gefahr, keine familiären Bindungen aufbauen zu können (oder zu wollen). Wenn sie es wollten, könnten aber nicht, wäre das schon ziemlich einsam. (siehe Kapitel IX).

Die Einsamkeit spiegelt sich auch im Äußeren, in den Straßen von Turin. So heißt es in Kapitel IV:

Quote from: Pavese
Der Krieg hat ein fürchterliches Loch gerissen....

Zerstörungen in der Stadt, Clelias Familie tot.

Typisch für Pavese ist, dieses einsame flüchtige herumirren in den Turiner Straßen. Siehe Kapitel II:

Quote from: Pavese
Und niemand ging einfach spazieren, alle wirkten beschäftigt. Auf der Straße lebten die Leute nicht, sie hatten es nur eilig.

Hiermit beschreibt Pavese, was auch wir zu verlieren drohen. Die Kunst des Flanierens.

Liebe Grüße
mombour
« Last Edit: 10. Oktober 2009, 18.58 Uhr by mombour »
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Re:Cesare Pavese - Die einsamen Frauen
« Reply #2 on: 11. Oktober 2009, 11.32 Uhr »
Einsamkeit.

Ich weiß nicht, ob sie alleine deshalb herrührt, da keine der Anwesenden schwanger ist, Kinder hat.  Mein Gefühl lenkt mich da eher in die Richtung, ob diese Frauen ein aufkommendes Problem mit der Emanzipation haben? Für sich selber aufkommen, arbeiten, schaffen, selber Geld verdienen, ist neu und emanzipiert.

Quote
Keine Kinder zu haben hieß, Angst vor dem Leben zu haben.
Heißt, die Doppelverpflichtung aufnehmen, Beruf und Kinder, nebensächlich auch einen Mann haben, der höchstwahrscheinlich noch keine Stütze ist. Ich denke, dass die ersten Frauen, die diese Richtung gegangen sind , natürlich Angst hatten, aber auch insgesamt sehr mutig waren.

Ich rätsel noch ein wenig damit, was es mit dem Selbstmordversuch auf sich hat ...

LG
Anita
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Offline Anita

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Re:Cesare Pavese - Die einsamen Frauen
« Reply #3 on: 11. Oktober 2009, 23.59 Uhr »
Seite 114

 Irgendwie ist mir der Roman ziemlich suspekt, ganz klar komme ich mit den Figuren nicht. Clelia ist nicht nur einfach emanzipiert, sondern sie emanzipiert sich ja von jeglicher Gesellschaft und verselbstständigt sich. Momina ist der Vamp und Rosaletta verkörpert die Sehnsucht nach Einsamkeit und Ruhe, wohin sie mit ihren Selbstmordversuch fliehen wollte.
Entweder muss man jetzt die Biographie des Autors sehr gut kennen, oder man wirft diese drei Frauen in einen Pott und fischt sich dabei den Autor heraus.

Warum nutzt Pavese eigentlich diese Frauengestalten, wenn er im Grunde nur seine eigene Einsamkeit schildern möchte? Also mir kommt das so vor.


Schade ;D,

ich frage mich, wo denn eine Diskussion hinauslaufen könnte, bleibt dann nur die Sprache übrig, obwohl, natürlich die Sprache und die literarischen Mittel des Autors sehr wichtig sind.

Über Interpretations Varianten spekuliere ich während der Lektüre ständig und habe dabei auch keine Hemmungen. Aber warum Clelia so ist wie sie ist, darüber halt nicht  ;D

Ach ja die Sprache, edit, sie wird nun in den Dialogen oft derb  ;) Tut dem Werk aber keinen Abbruch, ich lese es gerne.

LG
Anita
« Last Edit: 12. Oktober 2009, 11.05 Uhr by Anita »
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Re:Cesare Pavese - Die einsamen Frauen
« Reply #4 on: 12. Oktober 2009, 15.59 Uhr »
Hallo allerseits,

ich lese die Übersetzung von Catharina Gelpke (1984, Claassen Verlag). @anita: Zwischen "Inhaltsangaben" (die im Rahmen einer Leserunde wohl, wenn man nicht explizit Nichtmitlesende ansprechen will, tatsächlich redundant sind) und einer Analyse eines Handlungsablaufes besteht ein Unterschied. Überhaupt will sich mir (ähnlich wie mombour) eine willkürliche Beschränkung auf bestimmte Bereiche des Buches in einer Leserunde nicht erschließen. Als ob man bei der Beurteilung eines Gerichtes sich ausschließlich auf die Konsistenz des Servierten konzentrierte und sich weigerte, alles andere zur Kenntnis zu nehmen bzw. in sein Urteil einfließen zu lassen.

Ich bin bei Kapitel VII. Gelungene Stimmungsbilder, eine blasierte und dekadente Nachkriegsgesellschaft, der die bisherige Hauptfigur Clelia staunend, angewidert, verwundert gegenübersteht. Der Oberflächlichkeit dieser gehobenen Schichten setzt sie ihre eigene Biographie entgegen, sie, die kein materiell abgesichertes, höheres Töchterchen war, sich offenbar ihre Karriere als Modeschneiderin erarbeiten musste. Unausgesprochen bisher der Sinn eines solchen Unternehmens, die latenten Zweifel an einem solchen Aufstieg: Denn es führt sich in eben jene Gesellschaft, die sie nur durch Ironie und Verachtung zu ertragen vermag, ihr Erfolg scheint sie nicht glücklich zu machen, es mangelt ihr an der Fähigkeit, sich diese neu eroberte Welt schön zu lügen.

Ein Sujet, das bei Pavese häufig zu finden ist, auch in seinem eigenen Leben: Das Erreichen vermeintlich erstrebenswerter Ziele, der Erfolg stellen sich als Enttäuschung heraus, dieser Erfolg schmeckt schal, wirkt anziehend nur aus der Entfernung. Alles ist eitel, Schall und Rauch, trotz Erreichen seiner Ziele bleibt man außerhalb, vermag nicht die Augen zu verschließen vor der sich eröffnenden Sinnlosigkeit. Pavese gelingt es immer wieder (nicht nur in diesem Buch), eine ungeheuer authentische Melancholie zu erzeugen, latenten Lebensüberdruss darzustellen, ohne sich des bei anderen Autoren dümmlichen Selbstmörderpathos zu bedienen. Es bedurfte wohl nur eines Blickes ins eigene Innenleben, um diese Authentizität zu erzeugen, seine Figuren stehen im Gegensatz zum mühsam vorgestellen, meist dümmlichen Weltschmerzpersonal eines Thomas Bernhard, der da mit seinen vanitasverliebten Pseudogenies in fast jedem Buch hausieren geht. Untertitel: Wie sich Klein-Maxi das Sterben vorstellt.

Ich konnte den 10. als Lesebeginn unvorhergesehener Umstände wegen nicht einhalten, werde aber die nächsten Tage sicher zu Ende lesen können. (Es sei denn, dass der Knieriemsche Komet mich daran hindere ...)

lg

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Re:Cesare Pavese - Die einsamen Frauen
« Reply #5 on: 12. Oktober 2009, 18.33 Uhr »
Pavese gelingt es immer wieder (nicht nur in diesem Buch), eine ungeheuer authentische Melancholie zu erzeugen, latenten Lebensüberdruss darzustellen, ohne sich des bei anderen Autoren dümmlichen Selbstmörderpathos zu bedienen. Es bedurfte wohl nur eines Blickes ins eigene Innenleben, um diese Authentizität zu erzeugen, seine Figuren stehen im Gegensatz zum mühsam vorgestellen, meist dümmlichen Weltschmerzpersonal eines Thomas Bernhard, der da mit seinen vanitasverliebten Pseudogenies in fast jedem Buch hausieren geht.

Wer sind denn diese anderen Autoren außer Bernhard? Denn als Pathos kommt mir dieser Selbstmordversuch sehrwohl vor, aber vielleicht müsste ich da noch mehr Vergleichslektüre lesen. Mein Eindruck ist schon, dass dieser Weltenschmerz äußerst grenzhaft ist.

Vergesst einfach meine Eingangsworte, waren ja ganz anders gemeint als jetzt aufgefasst. Eigentlich wollte ich nur erwähnen, dass ich meist sehr kurz und knapp und selten lange Kommentare verfasse  ::)

Ich lese auch die neue Ausgabe von Maja Pflug übersetzt.

LG
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Re:Cesare Pavese - Die einsamen Frauen
« Reply #6 on: 12. Oktober 2009, 20.28 Uhr »
Wer sind denn diese anderen Autoren außer Bernhard? Denn als Pathos kommt mir dieser Selbstmordversuch sehrwohl vor, aber vielleicht müsste ich da noch mehr Vergleichslektüre lesen. Mein Eindruck ist schon, dass dieser Weltenschmerz äußerst grenzhaft ist.

Die ersten Verdächtigen sind hier Hesse, Coelho, aber auch Auster im "Buch der Illusionen", der Schwachsinn par excellence bei Don DeLillo (Körperzeit), Christopher Coake, Pascal Mercier, Bernhard Schlink, wahrscheinlich ließe sich diese Liste noch lange fortsetzen. Das Thema Selbstmord ist publikumswirksam und birgt Dramatik, ähnlich wie das von Geisteskranken - einzig: Es sind ausgedachte Selbstmörder und Geisteskranke (und/oder Genies), es sind Kitschkarikaturen einer pseudointelligenten Literatur, ebenso weltfremd und idealisiert wie Figuren bei Hedwig Courts-Mahler oder in einem Groschenroman, Figuren, die eben bloß dümmliche Klischees bedienen.

Als "Weltschmerz" würde ich die Befindlichkeit nicht bezeichnen, eher als müden Lebensüberdruss. Der Anlass für den Suizid des Mädchens ist eine Liebesgeschichte (und nicht die philosophische Verzweiflung an der Welt wie etwa bei Bernhard, für die Beispiele zu finden in realiter schwer sein würde), es werden keine Absonderlichkeiten erzählt, keine literarisch aufgemotzten Vorstellungen bedient. Und die Reaktion der Umwelt ist ebenso: Ein wenig dumm, egoistisch, blasiert.

Pathos mag sich in diesem Selbstmordversuch finden, aber eines, das realitätsnah ist. Und dass das Ganze sehr trivial (über die Liebesgeschichte) motiviert ist, versöhnt mich damit; wohingegen eine Figur wie Roithamer in Bernhards "Korrektur" ein bisschen pubertär-lächerlich wirkt. (So nebenbei lesen wir ja demnächst Burger, dessen Behandlung dieses Themas sehr viel gehaltvoller ist.)

lg

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Re:Cesare Pavese - Die einsamen Frauen
« Reply #7 on: 12. Oktober 2009, 22.11 Uhr »
Der Anlass für den Suizid des Mädchens ist eine Liebesgeschichte

oh, das wird wohl noch erwähnt, oder habe ich das überlesen? Ich befinde mich am Ende des XVII. Kapitels, hier versucht Rosetta zu erzählen, warum sie sich umbringen wollte. Sie kann garnicht direkt den Grund sagen, es ist ihr Ekel vor dem Alleinsein, ihr Grauen vor einsamen Nächten. Bemerkenswert, dass sie vor der Nacht in dem Hotel noch fröhlich auf dem Ball war. Diese Fröhlichkeit oder Gelassenheit vor einen Selbstmord, trifft man häufig bei Selbstmördern (das habe ich irgendwo mal aufgeschanppt). Warscheinlich hat man innerlich schon mit dem Leben abgeschlossen, deswegen die Erleichterung. Ziemlich hart, wenn ich das lese, dass sie mehr oder weniger zufällig das Veronal in ihrer Handtasche fand. In dieser Passage spiegelt sich das als völlig sinnlos empfundene Leben - eben der Lebensüberdruß.

Ein interesssanter Satz ist dieser:

Quote from: Pavese
Ich kannte eine Kassiererin in Rom, die wahnsinnig wurde, weil sie sich dauernd im Spiel sah, im Spiegel hinter der Theke...Sie dachte, sie sei eine andere.

Paveses Erzählung "Die Selbstmörder" beginnt so:

Quote
"Es gibt Tage, wo die Stadt, in der ich lebe, die Leute, der Verkehr, die Bäume, wo alles am Morgen mit einem seltsamen Aussehen erwacht, gewohnt und doch fremd, etwa wie in jenen Augenblicken, wenn man sich in den Spiegel betrachtet und fragt: >Wer ist das wohl? Für mich sind das die einzigen liebenswerten Tage im Jahr."

Das Nichterkennen seines Spiegelbildes kann andeuten, dass die Person eigentlich schon aus dem Leben weggetreten ist. Man erkennt sein eigenes Leben nicht mehr.
Rosetta hat in unserem Roman gar nicht in den Spiegel geschaut, weil sie Angst vor sich selber hat. "Dir hat der Mut gefehlt, Rosetta...", sagt Momina. Demnach ensteht der Ekel und der Lebensüberdruß aus Angst vor dem Leben. Rosetta hat quasi ihre Lebensspur verlassen.

Liebe Grüße
mombour


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Re:Cesare Pavese - Die einsamen Frauen
« Reply #8 on: 12. Oktober 2009, 22.50 Uhr »
Die ersten Verdächtigen sind hier Hesse, Coelho, aber auch Auster im "Buch der Illusionen", der Schwachsinn par excellence bei Don DeLillo (Körperzeit), Christopher Coake, Pascal Mercier, Bernhard Schlink, wahrscheinlich ließe sich diese Liste noch lange fortsetzen.

Oh, da kommst du jetzt mit Autoren, die ich gar nicht mit Pavese verglichen hätte.  Anfang des Jahres habe ich von Klaus Mann den „Wendepunkt“ gelesen, oder auch Annemarie Schwarzenbach, die beide sehr diesen Lebensüberdruss beschrieben, und ja auch eine ähnliche Laufbahn wie Pavese vorweisen, in diese Richtung lag mein gedanklicher Vergleich. Beide haben mit sehr viel weniger Pathos gearbeitet. Obwohl ich Pathos in gewissen Situationen sehr mag, bei Schlink in „Lea“ fand ich ihn genial, da hat ein Vater richtig seine Gefühle ausgebrüllt. Aber jetzt schweife ich sehr vom Thema ab, Pavese ist hier sehr gefühlvoll in einer Weise (durch diese dreifache Sicht der Frauen), die mir teilweise missfällt. Allerdings ist er Südländer, er bekommt also einen Sonderbonus.
Ich merke gerade bei mir, dass ich das Buch immer wieder auf seinen eigenen Tod, Pavese, beziehe; ich sehe da anscheinend den Schlüssel.

LG
Anita
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Re:Cesare Pavese - Die einsamen Frauen
« Reply #9 on: 13. Oktober 2009, 00.35 Uhr »
Oh, da kommst du jetzt mit Autoren, die ich gar nicht mit Pavese verglichen hätte.  Anfang des Jahres habe ich von Klaus Mann den „Wendepunkt“ gelesen, oder auch Annemarie Schwarzenbach, die beide sehr diesen Lebensüberdruss beschrieben, und ja auch eine ähnliche Laufbahn wie Pavese vorweisen, in diese Richtung lag mein gedanklicher Vergleich. Beide haben mit sehr viel weniger Pathos gearbeitet.

Ich wollte nicht Pavese mit den genannten Autoren vergleichen (das schlüge in jedem Fall zugunsten Paveses aus, wobei das nicht einmal viel bedeuten würde), sondern habe die grundsätzliche Darstellung dieses (bei Pavese gelungenen) Lebensüberdrusses mit dem anderer Literaten verglichen (wobei diese erste Gegenüberstellung Pavese - Bernhard eben eine war, die den Unterschied aufzeigen sollte zwischen diesem aufgesetzten und ausgedachten Lebensschmerz Bernhards und Paveses Beschreibungen). Deine Nachfrage "Wer sind denn diese anderen Autoren außer Bernhard?" hat also zu einer Aufzählung jener Autoren geführt, die sich solcher Szenarien ebenfalls in spekulativer Weise bedienten; keineswegs aber sollten damit die Schriftsteller verglichen werden.

Klaus Mann und Pavese werden häufig in einem Atemzug genannt. Allerdings vermag ich außer dem Selbstmord der Beiden nicht viel Gemeinsames erkennen.

Obwohl ich Pathos in gewissen Situationen sehr mag, bei Schlink in „Lea“ fand ich ihn genial, da hat ein Vater richtig seine Gefühle ausgebrüllt. Aber jetzt schweife ich sehr vom Thema ab, Pavese ist hier sehr gefühlvoll in einer Weise (durch diese dreifache Sicht der Frauen), die mir teilweise missfällt. Allerdings ist er Südländer, er bekommt also einen Sonderbonus.
Ich merke gerade bei mir, dass ich das Buch immer wieder auf seinen eigenen Tod, Pavese, beziehe; ich sehe da anscheinend den Schlüssel.

Schlink und Mercier ("Lea" ist von letzterem) halte ich für - wenig positive - Auswüchse der vorhin erwähnten "Klischeeliteratur mit Anspruch" (aber das wäre ein anderes Thema). Während ich Pavese für einen großen Schriftsteller halte. Und natürlich ist der Selbstmord eines Schriftstellers nicht zu trennen von der Darstellung der Selbstmörder in seinem Werk. Man darf annehmen, dass seine eigenen diesbezüglichen Gedanken in das Buch eingeflossen sind. Was zumindest in seinem Fall zu einer authentischen Darstellung geführt hat (wozu aber einer auch erst fähig sein muss).

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« Last Edit: 13. Oktober 2009, 01.04 Uhr by orzifar »
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Re:Cesare Pavese - Die einsamen Frauen
« Reply #10 on: 13. Oktober 2009, 00.47 Uhr »
Der Anlass für den Suizid des Mädchens ist eine Liebesgeschichte

oh, das wird wohl noch erwähnt, oder habe ich das überlesen? Ich befinde mich am Ende des XVII. Kapitels, hier versucht Rosetta zu erzählen, warum sie sich umbringen wollte. Sie kann garnicht direkt den Grund sagen, es ist ihr Ekel vor dem Alleinsein, ihr Grauen vor einsamen Nächten. Bemerkenswert, dass sie vor der Nacht in dem Hotel noch fröhlich auf dem Ball war. Diese Fröhlichkeit oder Gelassenheit vor einen Selbstmord, trifft man häufig bei Selbstmördern (das habe ich irgendwo mal aufgeschanppt). Warscheinlich hat man innerlich schon mit dem Leben abgeschlossen, deswegen die Erleichterung. Ziemlich hart, wenn ich das lese, dass sie mehr oder weniger zufällig das Veronal in ihrer Handtasche fand. In dieser Passage spiegelt sich das als völlig sinnlos empfundene Leben - eben der Lebensüberdruß.

Ich bin noch nicht weit gekommen und habe die Spekulationen der Umwelt bezüglich Affäre für wahr genommen. (Das liegt daran, dass ich weniger im Pavese lese als vielmehr Bücher der Art: "Alle Tiere gehen schlafen"  ;D

Deine zitierten Passagen dokumentieren eindrucksvoll, dass eben Pavese zur Motivation des Selbstmordes kein Spektakulum vonnöten hatte. Camus' Fremden wird die heiße Mittagssonne zum "Anlass" für den Mord. Um, wie du schreibst, "die Lebensspur zu verlassen" bedarf es möglicherweise auch keiner großen Ereignisse. Etwa bloß eines fremd wirkenden Spiegelbildes. Wenngleich sich solches Fremdsein wohl auch vorbereitet.

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Re:Cesare Pavese - Die einsamen Frauen
« Reply #11 on: 13. Oktober 2009, 11.17 Uhr »
Den Roman beendet (Briefe und Nachwort folgen)

Meine ganz subjektive Meinung und auch Empfindung zum Buch sind zweigeteilt. Sprachlich und vom Stil gefiel mir das Werk, aber der Ton der Thematik nicht. Und auch hier kann ich nicht ganz nachvollziehen, warum Pavese seinen eigenen Grundtenor, den weiblichen Figuren unterjubelt. Okay nur Rosetta bringt sich letztendlich um, weil sie sich aus dem Lärm der Welt befreien möchte. Aber auch die beiden anderen Frauen, die nach außen so taff wirken, sind ja sehr gebrechliche Figuren, die unter der Oberfläche fast vergehen, ihr Leben kaum ertragen können. (Was ich damit zum Ausdruck bringen möchte, dass ich mich ernstlich frage ob Pavese homosexuell war, dann könnte ich seine Vorgehensweise nachvollziehen, aber bisher habe ich darüber nichts gefunden.)
Bei mir bleibt ein jämmerlicher Grundton zurück, der sich auch gerade zum Schluss bestätigt. Allerdings bin ich neugierig auf diesen Autor geworden, so dass ich mir jetzt eine Biographie von ihm zulegen werde, denn den Grund für diesen Überdruss und Weltenschmerz würde ich gerne verstehen können.

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Re:Cesare Pavese - Die einsamen Frauen
« Reply #12 on: 13. Oktober 2009, 13.57 Uhr »
Meine ganz subjektive Meinung und auch Empfindung zum Buch sind zweigeteilt. Sprachlich und vom Stil gefiel mir das Werk, aber der Ton der Thematik nicht. Und auch hier kann ich nicht ganz nachvollziehen, warum Pavese seinen eigenen Grundtenor, den weiblichen Figuren unterjubelt. Okay nur Rosetta bringt sich letztendlich um, weil sie sich aus dem Lärm der Welt befreien möchte. Aber auch die beiden anderen Frauen, die nach außen so taff wirken, sind ja sehr gebrechliche Figuren, die unter der Oberfläche fast vergehen, ihr Leben kaum ertragen können. (Was ich damit zum Ausdruck bringen möchte, dass ich mich ernstlich frage ob Pavese homosexuell war, dann könnte ich seine Vorgehensweise nachvollziehen, aber bisher habe ich darüber nichts gefunden.)

Meines Wissens war Pavese nicht homosexuell, sein eigener Selbstmord war, sofern man der Sekundärliteratur bzw. seinem Tagebuch vertrauen kann, wenigstens teilweise durch eine unglückliche Liebe zu einer Frau motiviert. - Davon abgesehen will sich mir nicht erschließen, warum du Paveses Darstellung der Frauen dann nachvollziehen könntest, wenn er schwul gewesen wäre. Ein Homosexueller erwirbt sich durch seine sexuelle Neigung das Recht, weibliche Charaktere darzustellen?? Weibliche Hauptpersonen sind doch nicht das Privileg weiblicher (und für mich noch seltsamer - homosexueller) Autoren. Und selbstverständlich findet sich etwas vom Schriftsteller in den Figuren. Flaubert meinte etwa: Mme Bovary - c' est moi. Und Thomas Mann lässt seinen Goethe in der "Lotte" räsonieren: "Autobiographie ist's immer."

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Re:Cesare Pavese - Die einsamen Frauen
« Reply #13 on: 13. Oktober 2009, 19.10 Uhr »
Warum? Ich möchte ja nicht total zickig wirken, aber die Tatsache, dass ihr Zwei männlich seid, lässt mich jetzt vermuten, ob ihr dieses Ankreiden was Pavese in „Die einsamen Frauen“ macht/ kein besonders guten Eindruck auf die Frauen abwälzt, gar nicht so spürt? Oder dass er das schwache Geschlecht nutzt, um seine eigene Minderwertigkeit zu teilen. Also er gesellt sich entweder zu den Frauen, würde für mich heißen, er müsste schwul sein. Hier ist es aber das andere Extrem, in der Tat wischt er wohl zumindest Momina eins aus, seine Verflossene.
Wenn man nun dieses Nachwort der neuen Ausgabe liest, wird mir einiges klar, mein Gedanke war direkt, der arme Kerl. Also ich kann nun auch diesen Pathos verstehen, oder diese Aufdringlichkeit mit der er diese Thematik behandelt.


Weibliche Hauptpersonen sind doch nicht das Privileg weiblicher (und für mich noch seltsamer - homosexueller) Autoren.

Nein das nicht unbedingt orzifar. Aber wenn man als Autor in das andere Geschlecht schlüpft, lässt das Wie sehr viel über sich blicken. Und Pavese hat da ziemlich dick aufgetragen oder wie Calvino sagte: „Das ist gewiss eine neue Sicht auf die Frauen und eine lustige oder traurige Weise, sich an ihnen zu rächen.“ (Brief von Italo Calvino an Cesare Pavese vom 27. Juli 1949)

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Re:Cesare Pavese - Die einsamen Frauen
« Reply #14 on: 13. Oktober 2009, 21.53 Uhr »

 Allerdings bin ich neugierig auf diesen Autor geworden, so dass ich mir jetzt eine Biographie von ihm zulegen werde, denn den Grund für diesen Überdruss und Weltenschmerz würde ich gerne verstehen können.

Ich habe die Biografie von Davide Lajolo: Kadenz des Leidens, Claassen Verlag, 1964.

Lajolo war mit Pavese befreundet und wuchs in einem Nachbardorf auf. In der Biografie gibt es ein Kapitel "Frauengestalten in Paveses Werk". Hier kann man nachlesen, wie schlecht  Frauen in Paveses Werken wegkommen. Vielleicht hast du auch Interesse den Thread zu den Erzählungen Paveses durchzustudieren. :D. Pavese erscheint öfters in seinen Werk, mal heißt er Berto, und hier, in den einsamen Frauen ist es Clelia, die auch Lajolo mit Pavese gleichzusetzen vermag. Paveses Beziehungen zu Frauen war eher tragisch, so mag er sich, wie Calvino sagt, in seinem Werk an den Frauen gerächt zu haben.

Liebe Grüße
mombour
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