Author Topic: Cesare Pavese - Die einsamen Frauen  (Read 12599 times)

Offline Anita

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Re:Cesare Pavese - Die einsamen Frauen
« Reply #15 on: 13. Oktober 2009, 22.21 Uhr »
Danke mombour.

Diese Biographie werde ich mir zulegen, sobald ich sie irgendwo gebraucht und in einem guten Zustand ergattern kann, denn sie ist wohl vergriffen, schade.

LG
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Offline orzifar

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Re:Cesare Pavese - Die einsamen Frauen
« Reply #16 on: 14. Oktober 2009, 14.28 Uhr »
Warum? Ich möchte ja nicht total zickig wirken, aber die Tatsache, dass ihr Zwei männlich seid, lässt mich jetzt vermuten, ob ihr dieses Ankreiden was Pavese in „Die einsamen Frauen“ macht/ kein besonders guten Eindruck auf die Frauen abwälzt, gar nicht so spürt?

Ich sehe nicht, dass das die Männer um so vieles positiver dargestellt wären denn die Frauen. Im übrigen ist es mir (unabhängig von meinem eigenen Geschlecht) herzlich egal, ob da die Gruppe der Männlein oder Weiblein schlecht wegkommt, wenn dies im Rahmen des Romans plausibel erscheint, die Figuren glaubhaft sind. So nebenher: Dieses Unterscheiden zwischen männlicher und weiblicher Rezeption, männlicher und weiblicher Schreibweise halte ich für weitgehend belanglos. Die Gemeinsamkeiten zwischen den Geschlechtern sind sehr viel größer als die Unterschiede.

Oder dass er das schwache Geschlecht nutzt, um seine eigene Minderwertigkeit zu teilen. Also er gesellt sich entweder zu den Frauen, würde für mich heißen, er müsste schwul sein. Hier ist es aber das andere Extrem, in der Tat wischt er wohl zumindest Momina eins aus, seine Verflossene.

Er "nutzt" das "schwache" Geschlecht, um seine Minderwertigkeit zu teilen? Was bedeuten würde, dass Frauen minderwertig sind? Und wenn er sich zu den Frauen "gesellt" muss er schwul sein?? (Hier geht die Zahl der Fragezeichen gegen unendlich ...) [...] Eckige Klammer nebst Punkten steht hier für die Zurückhaltung, die ich meiner hier sich bemerkbar machenden polemischen Ader auferlegen muss. Diese "schwule Frauenverstehertheorie" ist ein wenig krude ...

Im übrigen scheint es mir für die Beurteilung eines Werkes vollkommen irrelevant, ob ein Autor seiner Ex mit der Darstellung im Roman eins "auswischen" will. Bzw. ob eine solche Darstellung gerechtfertigt sei oder nicht (was ich wohl nur schwer zu beurteilen in der Lage sein werde). Diese blasierten, gelangweilten Gesellschaftsdamen (und -herren, denn diese repräsentieren doch auch nicht das Sympathische an sich) sind glänzend dargestellt, ob er so nebenher damit seine Beziehungsproblematik aufarbeitet (und ob dies gerecht und objektiv geschieht), ist keinesfalls etwas, das in die Beurteilung des Romans einfließen kann (und um die Person Pavese zu kritisieren müsste man sich sehr viel intensiver mit ihr auseinandersetzen. Wobei ohnehin gilt: Auch Arschlöcher habe große Literatur verfasst.)

Nein das nicht unbedingt orzifar. Aber wenn man als Autor in das andere Geschlecht schlüpft, lässt das Wie sehr viel über sich blicken.

So? Ich weiß eigentlich nicht, warum die Darstellung einer Frau durch einen männlichen Autor mehr Einblicke gewähren sollte als die eines Mannes. Das klingt für mich danach, als ob das andere Geschlecht einen irgendwie hermetisch abgeriegelten Bereich repräsentierte, während das für das eigene Geschlecht nicht gilt. Ich aber habe die Erfahrung gemacht, dass mir Menschen fremd sein können - und dass mein vorhandenes (nicht vorhandenes) Einfühlungsvermögen vom Geschlecht weitgehend unabhängig ist. Von Trivialitäten wie Eierstock- (oder Nebenhoden-)entzündungen einmal abgesehen.

Und Pavese hat da ziemlich dick aufgetragen oder wie Calvino sagte: „Das ist gewiss eine neue Sicht auf die Frauen und eine lustige oder traurige Weise, sich an ihnen zu rächen.“ (Brief von Italo Calvino an Cesare Pavese vom 27. Juli 1949)

Einerseits, wie erwähnt: Ich finde die Darstellung so schlimm nicht. Andererseits: An den "Frauen" kann er sich nicht rächen, bestenfalls an der Verflossenen. Soll sein. Wer in der Umgebung eines Schriftstellers sich aufhält muss solcher Widrigkeiten gewärtig sein. Im übrigen wieder unabhängig vom Geschlecht.

lg

orzifar
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Re:Cesare Pavese - Die einsamen Frauen
« Reply #17 on: 14. Oktober 2009, 19.03 Uhr »
Wir werden diesbezüglich nicht auf einen Nenner kommen orzifar.  Ich fand die Figuren nicht authentisch, sondern ganz bewusst so geformt, damit sie ins Konzept passten. (Und die Frauen waren sehr entstellt.) Der Lebensüberdruss, die Nicht-Zugehörigkeit oder eben an der Zeit ersticken, standen im Mittelpunkt und alle Figuren maßen sich daran. Der Blick von Pavese kann meiner Meinung nach gar nicht so objektiv gewesen sein, wenn er kurze Zeit später seinen eigenen Selbstmord begeht.

Das schwache Geschlecht existierte damals noch, in dieser Aussage war mein Blick aus dieser Perspektive um mich Pavese zu nähern. 
Auch denke ich nicht, dass die weibliche Sicht aus männlicher Hand leicht wäre oder normal wäre. Mir sind da die Unterschiede im Denken einfach zu groß, das ist immer ein mutiger Spagat.

Aber, all diese Differenzen besagen ja nicht, dass wir nicht gemeinsam über diesen Roman zu vielen Schnittpunkten finden können.

Ferner würde ich gerne von euch erfahren, wo denn der Vergleich zu Camus „Der Fremde“ zu finden ist? Ich habe das Buch noch nicht gelesen, worum geht es, wo sind die Gemeinsamkeiten? (Braucht nur eine knappe Aussage zu sein oder Stichworte, ich erwarte keinen langen Bericht, den ich aber auch mit Interesse lesen würde.)

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Anita
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Offline orzifar

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Re:Cesare Pavese - Die einsamen Frauen
« Reply #18 on: 14. Oktober 2009, 21.12 Uhr »
Auch denke ich nicht, dass die weibliche Sicht aus männlicher Hand leicht wäre oder normal wäre. Mir sind da die Unterschiede im Denken einfach zu groß

off topic - in aller Kürze (und hoffentlich nicht allzu missverständlich): Genau an solchen Aussagen spießt es sich. Dies nicht nur deshalb, weil ich nun unbedingt "Recht" haben will, sondern, weil solche - vermeintlichen - Besonderheiten bei den ins Auge gefassten Gruppen schließlich zu konstruierten, meist fatal sich auswirkenden Unterschieden führen. Ich kann im Denken zwischen Männern und Frauen (Weißen und Schwarzen, Grünen und Gelben, Juden und Arabern, Türken und Deutschen - ad infinitum) meist wenig Unterschiede ausmachen - außer in einem Punkt (und gerade dadurch gleichen sie sich wieder): Im Wunsch, dass es da irgendwelche Unterschiede geben _müsse_. Das wird dann belegt mit schwammigen Begriffen wie Sozialisation, Mentalität, historischen Wurzeln und was weiß ich noch für seltsamen Begrifflichkeiten. Diese Unterschiede, die zuerst mühsam erfunden werden, dienen schließlich als Nährboden für Vorurteile jedweder Art. Wobei: Selbst _wenn_ es diese noch so wichtigen Differenzen gäbe, wären sie aus philosophischen Gründen (Induktionsproblem) irrelevant, weil eben die Tatsache, dass heute die Sonne aufgegangen ist, keine Aussage darüber zulässt, ob sie auch morgen aufgeht. Heißt für alle Katalogisierer jedweder Provenienz: Man kann nie von einer Person einer Gruppe auf eine andere schließen.

Ich persönlich habe mit Frauen und Männern Umgang und wähle diesen Umgang offensichtlich so, dass ich - vom Biologischen, Physiologischen einmal abgesehen - kaum Unterschiede feststellen kann. Es gibt dumme, arrogante, bornierte, kluge, geistreiche, gefühlvolle Individuen in jeder Gruppe. Abgesehen davon, dass, wenn eben in einer statistischen Untersuchung festgestellt würde, dass Männer im Durchschnitt wesentlich dümmer als Frauen sind, dies gleichfalls bedeutungslos wäre, weil ich nicht mit der Gaußschen Glockenkurve kommuniziere sondern mit einzelnen Individuen.

Der Blick von Pavese kann meiner Meinung nach gar nicht so objektiv gewesen sein, wenn er kurze Zeit später seinen eigenen Selbstmord begeht.

??? Was hat die Objektivität mit dem Selbstmord des Autors zu tun? Scheint es nicht im Gegenteil so zu sein, dass eine gewisse emotionale Vertrautheit mit dem Thema konstituierend ist für eine plausible Darstellung?

Ferner würde ich gerne von euch erfahren, wo denn der Vergleich zu Camus „Der Fremde“ zu finden ist? Ich habe das Buch noch nicht gelesen, worum geht es, wo sind die Gemeinsamkeiten? (Braucht nur eine knappe Aussage zu sein oder Stichworte, ich erwarte keinen langen Bericht, den ich aber auch mit Interesse lesen würde.)

Wieder in aller Kürze (wenn sandhofer seinen Haus- und Hofumbau früher abschließen würde, könnten wir uns dem ausführlicher widmen - aber bis 2012 wurden die Leserunden schon verschoben :)): Bei Camus entsteht das Gefühl der Absurdität auch aus einem "Blick in den Spiegel", aus dem Heraustreten aus der nicht hinterfragten Rolle, dem plötzlichen Gewahrwerden eines Fremdseins, einer absurden, weil sinn-losen Existenz. Eine Absurdität, die bei ihm auf den ersten Blick zum Nihilismus, moralischen Indifferenz führt, die - wie bei Rosetta - zur Frage überleitet, ob denn das Leben überhaupt gelebt werden solle. Ob es lohnt. (Im Gegensatz zur oft vertretenen Meinung ist Camus ein Befürworter des Lebens und gelangt in seinen Schlüssen zu einer Art "quantitativen Lebensbejahung" im Sinne seines Don Juan im "Mythos von Sisyphos", später wird in "Der Mensch in der Revolte" dieser Gedanke noch differenzierter - auch in Bezug auf moralphilosophische Überlegungen - erläutert.)

Rosetta ist einer dieser "absurden" Menschen, sie erkennt diese ewig Wiederkehr des immer Gleichen, auch die anderen leiden unter dieser Sinnlosigkeit. Rosetta: "Es ist schön hier oben, nur morgen ist es schon weniger schön." Und Momina: "Es genügt zunächst ein Tag. Bringen wir den erst mal durch ...". Diese ganze blasierte Dekadenz streift die absurde Sinnlosigkeit, moralische Indifferenz; der Mensch, plötzlich nicht mehr Tag für Tag mit Überleben beschäftigt, sieht in seiner Muße sich selbst im Spiegel. Clelia, die einzig Tätige, ist am weitesten von solcher Dekadenz entfernt: Sie arbeitet. Wenngleich auch ihr die Sinnlosigkeit ihres Tuns immer wieder vor Augen tritt. Wie auch alle, die hier lesen und schreiben, so weit von Rosetta und Monima nicht entfernt sind: Zumindest sind wir diesem Völkchen sehr viel näher als die meisten anderen auf dem Globus. Es ist exklusives Wohlstandsrecht, in dieser Form über andere und sich selbst zu räsonieren.

Also sandhofer, fertig arbeiten und dann blasiert über den Sinn des Ganzen nachdenken nebst mehreren Leserunden zu Camus ;)

lg

orzifar
« Last Edit: 14. Oktober 2009, 22.12 Uhr by orzifar »
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Offline sandhofer

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Re:Cesare Pavese - Die einsamen Frauen
« Reply #19 on: 15. Oktober 2009, 07.49 Uhr »
wenn sandhofer seinen Haus- und Hofumbau früher abschließen würde

Ich habe gerade mal begonnen ...  ;)

Im Gegensatz zur oft vertretenen Meinung ist Camus ein Befürworter des Lebens

Gibt's da tatsächlich eine gegensätzliche Meinung?  :o
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Offline Anita

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Re:Cesare Pavese - Die einsamen Frauen
« Reply #20 on: 15. Oktober 2009, 13.46 Uhr »
Rosetta ist einer dieser "absurden" Menschen, sie erkennt diese ewig Wiederkehr des immer Gleichen, auch die anderen leiden unter dieser Sinnlosigkeit.

Ja okay, da können wir jetzt mal ansetzen. Sagen wir mal so, diese Gedanken sind mir überhaupt nicht fremd, neige aber insgesamt dann eher zu Camus.
Im Roman sind allerdings alle Figuren extrem, absurd und skurril gezeichnet, außer dieser Dekorateur, und das kann doch nicht authentisch, realistisch sein, oder? Das ist nicht die Zeit, Pavese pickt sich Extreme heraus, vielleicht so wie in diesem Forum, alles außergewöhnliche Menschen, wir machen aber nicht die Masse aus, wir sind ein kleiner Prozentsatz. Also ist der Blick Paveses verzerrt, da er diese kleine Menge als Ganzes darstellt, die ihn anekelt und er widerlich findet. Das ist doch dann subjektiv. (Ich muss aber zugeben, dass ich ein Problem mit Selbstmördern habe, für mich kann die Welt nie so aussichtslos sein, dass ich nur noch den Abschied herbeisehne, obwohl mich sehr vieles ankotzt.)

Meinst du wirklich Männer und Frauen denken gleich, ähnlich  ???  Vielleicht denke ich dann eben nur grundsätzlich anders, darüber würde ich gerne allgemein mal plaudern.

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Anita
« Last Edit: 15. Oktober 2009, 15.28 Uhr by Anita »
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Offline orzifar

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Re:Cesare Pavese - Die einsamen Frauen
« Reply #21 on: 15. Oktober 2009, 20.19 Uhr »
Im Roman sind allerdings alle Figuren extrem, absurd und skurril gezeichnet, außer dieser Dekorateur, und das kann doch nicht authentisch, realistisch sein, oder?

Du bist nicht oft zum "Brunch" geladen oder bei Buchpräsentationen, Vernissagen und dergleichen? Dort sind die Monimas und Mariellas in der Überzahl - und du wirst erhebliche Schwierigkeiten gewärtigen bei der Suche nach nur einer vernünftigen Person ;). Also: Ich kenne solche Damen.

Meinst du wirklich Männer und Frauen denken gleich, ähnlich  ???  Vielleicht denke ich dann eben nur grundsätzlich anders, darüber würde ich gerne allgemein mal plaudern.

Stellt sich die umgekehrte Frage: Worin unterscheidet sich denn das Denken zwischen Mann und Frau? Auch wenn es Unterschiede im "biologischen Programm" geben wird: Sie scheinen mir bei den weitgehenden Übereinstimmungen zwischen den Geschlechtern vernachlässigbar. In jedem Fall ist für mich den Umgang betreffend das Geschlecht vollkommen irrelevant: Es sind menschlich-moralische Kriterien nebst einer gewissen intellektuellen Grundausstattung, die entscheidend sind. Ich fühle mich jedenfalls von Männern nicht besser (oder schlechter) verstanden als von Frauen (wobei unter meinen Bekannten - über den Daumen gepeilt - der weibliche Anteil geringfügig höher sein dürfte).

Viele dieser männlich-weiblich-Schemata sind anerzogen, gesellschaftlich sanktioniert und akzeptiert. Während man heute darüber lächelt, dass man früher eine Frau für den Beruf als Ärztin als ungeeignet angesehen hatte, weil sie in Zeiten der Menstruation nicht arbeiten könne, halten sich heute immer noch ähnlich obskure Zuweisungen. Unbegabung in Mathematik, gefühlvoller etc. (Im übrigen ist gerade diese Mathematik-Sprachen-Dichotomie ein reines Vorurteil: Wer jemals selbst unterrichtet hat bzw. die eigene Schulzeit erinnert, weiß, dass es hauptsächlich gute und schlechte Schüler gibt, welche, die in Latein und Mathe durchfallen oder solche, die in allen Fächern Einsen haben. Solch einseitige Begabungen sind vielmehr die Ausnahme als die Regel. Ebenso wie die Zuschreibungen, dass Buben in Mathe besser seien, obgleich dem durch die falsche Annahme, dass es so wäre, Vorschub geleistet wird.)

Zusätzlich kommt für mich hinzu, dass, selbst wenn es solche Unterschiede gäbe, diese eben im konkreten Fall überhaupt keine Rolle spielten. Es zählt ausschließlich der Mensch an sich mit seinen Eigenschaften, Vorlieben, Verhalten etc. Wie im letzten Posting erwähnt: Eine solche Beurteilung schiene mir ähnlich wie die nach Nationalität. Wenngleich es selbstredend (allerdings wieder übergreifende) Eigenschaften gibt, die (für mich) den Umgang schwierig machen: Wer etwa sein Gesicht in den Nationalfarben (ob deutsch, türkisch, österreichisch oder burmesisch) beschmiert, weil irgendeine Sportskanone gerade gegen die Kanone eines anderen Landes antritt, ist mir suspekt (wurscht, welcher Nation oder welchen Geschlechts. Wobei: Das spricht nicht gegen den Sport an sich.). Ebenso all jene, die in einem Teil des Großhirns (immer zuungunsten der Denkfähigkeit) einen Heiligenaltar aufrichten (wer immer dort sitzt: Ob die Jungfrau Maria, irgendein Prophet, buddhistischer Teufel oder Huitzilopochtli - auch Vitzliputzli genannt - der hat wenigstens einen lustigen Namen). Klarer: Die Tatsache, dass jemand ernsthaft ein semitisches Hirtenmädchen verehrt, dass vom Heiligen Geist oder auch einem Erzengel besprungen worden ist, macht den Umgang schwer. Nicht das Geschlecht. Und selbst wenn man nun nachweisen könnte, dass 60 % dieser Verehrer männlichen oder weiblichen Geschlechts seien, wäre diese Verteilung für mich bedeutungslos, weil ich ja mit einer ganz konkreten Person Umgang pflege. Und dies glaubt den Schmarrn oder auch nicht.

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orzifar

Vielleicht sollten wir die Mann-Frau-Diskussion abtrennen und irgendwo hinverschieben. Mal sehen, ob ich das hinkrieg ...
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Offline mombour

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Re:Cesare Pavese - Die einsamen Frauen
« Reply #22 on: 16. Oktober 2009, 10.55 Uhr »

Im Roman sind allerdings alle Figuren extrem, absurd und skurril gezeichnet, außer dieser Dekorateur, und das kann doch nicht authentisch, realistisch sein, oder? Das ist nicht die Zeit, Pavese pickt sich Extreme heraus,

Berücksichtigen wir doch mal, der Roman spielt kurz nach dem Ende des zweiten Weltkriegs. Der Krieg hat vielen Menschen den Boden unter den Füßen weggerissen. Diese jungen Leute, die nun rätseln, ob sie ein Schauspiel aufführen sollten oder nicht, hängen in der Schwebe. Sie treiben durch die Lokale ohne festen Sinn. Mich erinnert diese Atmosphäre an Hemmingways „Fiesta“ Dort ist das ähnlich. Diese Melancholie, die sich ausbreitet, wenn man sich sinnlos treiben lässt. Clelia ist die einzige Frau im Roman, die ein festes Standbein im Berufsleben hat. Trotzdem ist sie unschlüssig, lässt alles offen, was ihre Beziehung zu Männern betrrifft. Becuccio will sie küssen und Clelia zaudert. Dann kommt sie mit ihm mit, sagt aber, er solle daran denken, es sei ein Geschenk für eine Nacht. „Denk daran“. Sie hält sich hier eine Flucht offen, mag sich nicht binden (Kap.XXV).

Ich finde das Verhalten Mominas gegenüber Rosetta sehr merkwürdig. Sie provoziert schon etwas sadistisch (Kap. XVI).

Quote from: Pavese
...und du erzählst uns, wie es kam, dass du hier gelandet bist und dich in der Dosis vertan hast...Ich glaube immer noch nicht...

Es kann allerdings sein, dass auch Momina so selbstmörderisch ist, dass sie nicht verstehen kann, wie jemand an der Ausführung dessen scheitern kann. An anderer Stelle beweist sie ihr Interesse daran, wie wir im Tod sind (Ende Kap.XII).

(Ich muss aber zugeben, dass ich ein Problem mit Selbstmördern habe, für mich kann die Welt nie so aussichtslos sein, dass ich nur noch den Abschied herbeisehne, obwohl mich sehr vieles ankotzt.)

Für mich stellt sich die Frage, was in Selbstmördern vor sich geht. Vor ein paar Tagen hat sich ein Freund eines Kollegen vor einem Zug geworden, weil ihm seine Freundin verlassen hat. Er war zwanzig Jahr alt. In jungen Menschen, die kaum Chance haben, eine Arbeit zu findet, breitet sich auch in unseren Zeiten eine Perspektivlosigkeit aus.

Liebe Grüße
mombour
« Last Edit: 16. Oktober 2009, 12.31 Uhr by mombour »
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
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Re:Cesare Pavese - Die einsamen Frauen
« Reply #23 on: 16. Oktober 2009, 10.59 Uhr »
Dort sind die Monimas und Mariellas in der Überzahl - und du wirst erhebliche Schwierigkeiten gewärtigen bei der Suche nach nur einer vernünftigen Person ;). Also: Ich kenne solche Damen.

Kennen tue ich solche Frauenzimmer auch.

Eine andere Frage ist aber, was gerade bei Clelia so auffällt, warum wendet sie dieser Gesellschaft nicht den Rücken zu? Und letztendlich ja auch Pavese, Clelia stellt ja Pavese dar. Was hindert sie daran? Dann wären wir dann beim Thema Einsamkeit, hausgebacken ...


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Re:Cesare Pavese - Die einsamen Frauen
« Reply #24 on: 16. Oktober 2009, 11.31 Uhr »
Berücksichtigen wir doch mal, der Roman spielt kurz nach dem Ende des zweiten Weltkrieg. Der Krieg hat vielen Menschen den Boden unter den Füßen weggerissen. Diese jungen Leute, die nun rätseln, ob sie ein Schauspiel aufführen sollten oder nicht, hängen in der Schwebe. Sie treiben durch die Lokale ohne festen Sinn.

Ja, aber das machen sie ja nur aus dem Hintergrund heraus, da sie Geld wie Heu besitzen um dieses Lotterleben führen zu können. Die Realität sieht für mich wieder anders aus. In Deutschland gab es zur gleichen Zeit die Trümmerfrauen, und Europa ist insgesamt durch Arbeit wieder zu dem geworden was wir jetzt sind.
Clelia sieht meiner Meinung nach absolut das Problem dieser "Verrückten", absurd ist sie für mich wie schon oben erwähnt, weil sie von dieser Gesellschaft nicht lassen kann und glücklich mit ihrer Arbeit wird, z. B. eben mit diesem Becuccio.

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Re:Cesare Pavese - Die einsamen Frauen
« Reply #25 on: 19. Oktober 2009, 01.53 Uhr »
Hallo!

Clelia unterscheidet sich schon von ihren "Freundinnen": Sie wächst ärmlich auf und alle ihre Erfolge gründen auf Arbeit. Aber trotz ihres Erfolges weiß sie um das Ephemere ihres Tuns, des ganzen Lebens. Sie richtet das Geschäft ein, plant, organisiert, gestaltet und erwähnt irgendwann beiläufig, dass "doch wieder alles umgestoßen werden wird". Es ist eine Scheinwelt, deren Sinn ein zweifelhafter ist, sie ist Ablenkung, leer. Eigentlich erfahren wir von Clelias Innenleben sehr wenig (obschon sie die Hauptfigur ist), irgendwann war sie ehrgeizig (und verstand es offenbar, ihre Ziele zu erreichen), aber wir wissen kaum etwas von ihren Gefühlen, Sehnsüchten (so sie denn überhaupt vorhanden sind). Ihre Freundinnen bewundern, beneiden sie: Weil sie ihre Arbeit habe - und damit der Welt - vermeintlich - einen Sinn zu unterlegen vermag. Von ihr selbst erfahren wir hingegen nirgends, dass diese ihre Tätigkeit sie erfüllt. Auch ihre Beziehungen bleiben zufällig, äußerlich, ohne Tiefgang, nirgends Erschütterungen oder verzweifelte Szenen.

Clelia mag in ihrem Erleben dem Autor vergleichbar sein: Er hat sich etwa ein Jahr nach Erscheinen des Romans das Leben genommen, berühmt, erfolgreich, wie es sich ein Schriftsteller seiner Generation nur wünschen konnte. Die Sinnlosigkeit aller Geschäftigkeit seiner Welt im letzten Eintrag seines Tagebuchs paraphrasierend: "Nicht Worte, Taten."

Quote from: Anita
Das ist nicht die Zeit, Pavese pickt sich Extreme heraus, vielleicht so wie in diesem Forum, alles außergewöhnliche Menschen, wir machen aber nicht die Masse aus, wir sind ein kleiner Prozentsatz.

Nur zur Klar- respektive Richtigstellung: Ich wollte mit meiner zuvor erfolgten Feststellung keineswegs sagen, dass wir hier im Forum "außergewöhnliche Menschen" seien (abgesehen von der trivialen Aussage, dass dies bis zu einem gewissen Grad auf jeden noch so durchschnittlich durch die Gegend hampelnden Menschen zutrifft), sondern dass wir hier (im Forum und in unserer materiellen Sicherheit) anderen mindestens so dekadent erscheinen wie die Figuren dieses Romans. Angesichts der Tatsache, dass nach kürzlich veröffentlichten UN-Bericht etwa 1 Milliarde Menschen Hunger leiden, könnte unter denen beim Lesen der Beiträge der Verdacht aufkeimen, dass wir mit Diskussionen über die Figuren eines Romans der Inbegriff der Dekadenz sind. Dies nur zur Relativierung der Sichtweise ;).

Ich finde das Verhalten Mominas gegenüber Rosetta sehr merkwürdig. Sie provoziert schon etwas sadistisch

Das tut sie. Aber merkwürdig? Ich habe solches Verhalten häufig gegenüber Personen nach einem misslungenen Suizidversuch überlebt. Das - möglicherweise manchmal berechtigte - Unterstellen, alles sei bloß Show gewesen. Wenn die Person dann den Beweis ihrer Ernsthaftigkeit antritt und erfolgreicher agiert, kommt es dann - schlechten Gewissens wegen? - häufig zu obskuren Argumentationen, warum solches Tun verwerflich sei.

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Re:Cesare Pavese - Die einsamen Frauen
« Reply #26 on: 19. Oktober 2009, 11.46 Uhr »
Nur zur Klar- respektive Richtigstellung: Ich wollte mit meiner zuvor erfolgten Feststellung keineswegs sagen, dass wir hier im Forum "außergewöhnliche Menschen" seien (abgesehen von der trivialen Aussage, dass dies bis zu einem gewissen Grad auf jeden noch so durchschnittlich durch die Gegend hampelnden Menschen zutrifft), sondern dass wir hier (im Forum und in unserer materiellen Sicherheit) anderen mindestens so dekadent erscheinen wie die Figuren dieses Romans. Angesichts der Tatsache, dass nach kürzlich veröffentlichten UN-Bericht etwa 1 Milliarde Menschen Hunger leiden, könnte unter denen beim Lesen der Beiträge der Verdacht aufkeimen, dass wir mit Diskussionen über die Figuren eines Romans der Inbegriff der Dekadenz sind. Dies nur zur Relativierung der Sichtweise ;).

Diese Ergänzung gefällt mir, damit bin ich sehr einverstanden.

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Re:Cesare Pavese - Die einsamen Frauen
« Reply #27 on: 08. November 2009, 14.13 Uhr »
Weiter oben schrieb und zitierte ich folgendes:


Ein interesssanter Satz ist dieser:

Quote from: Pavese
Ich kannte eine Kassiererin in Rom, die wahnsinnig wurde, weil sie sich dauernd im Spiel sah, im Spiegel hinter der Theke...Sie dachte, sie sei eine andere.

Paveses Erzählung "Die Selbstmörder" beginnt so:

Quote
"Es gibt Tage, wo die Stadt, in der ich lebe, die Leute, der Verkehr, die Bäume, wo alles am Morgen mit einem seltsamen Aussehen erwacht, gewohnt und doch fremd, etwa wie in jenen Augenblicken, wenn man sich in den Spiegel betrachtet und fragt: >Wer ist das wohl? Für mich sind das die einzigen liebenswerten Tage im Jahr."

Was für ein Zufall, dass ich nach unserer Paveselektüre Herta Müllers „Reisende auf einem Bein“ gelesen habe. Zu Beginn des Romans als Motto ein Zitat Paveses „Aber ich war nicht mehr jung“, welches warscheinlich aus Cesare Paveses Roman „Der Teufel auf den Hügeln“ stammt. Der Romantitel wird in Müllers Roman zitiert. Das Motto bezieht sich warscheinlich darauf, dass sich Irene, die Protagonistin sich vielleicht leichter in Deutschland hätte einleben können, wenn sie jünger gewesen wäre. Müllers Roman handelt wie bei Pavese von Einsamkeit, von der Langenweile des Lebens, die Entfremdung der Protagonistin vor sich selbst. Nun gut.  In „Reisende auf einem Bein“ kommt auch, wie in dem Roman „Die einsamen Frauen“ eine Stelle mit einem Spiegel vor:

Quote from: Herta Müller
Ich seh nur in den Spiegel und rechne nicht mit meinem Gesicht.

Müller verwendet dieses Bild auch als Entfremdung der Protagonistin vor sich selbst. Eine andere ähnliche Stelle, nur hier kein Spiegel, sondern ein Foto, welches die Protagonistin anschaut:
Quote from: Herta Müller
Eine bekannte Person, doch nicht wie sie selbst. Und da worauf es ankam, an den Augen, am Mund, und da, an der Rinne zwischen Nase und Mund, war eine fremde Person gewesen. Eine fremde Person hatte sich eingeschlichen in Irenes Gesicht.

Ähnlich dem Spiegelbeispiel und warscheinlich von Pavese inspriert.

Liebe Grüße
mombour
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
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