Hallo!
@mombour: Wie weit bist du? "Eine Frage der Traufe" abgeschlossen?
Magris ist in seinem Schreiben mehr Literaturprofessor denn Schriftsteller - und dieser Umstand macht sich - leider - bemerkbar. In Kapitel 9 (Bissula) könnte ein Hinweis darauf verborgen sein, dass er sich dessen durchaus bewusst war, wenn er von Ausonius berichtet, dem Professor, der ein sorgfältiger Handwerker, aber bestimmt kein Dichter gewesen sei trotz der ihm von der Liebe eingegebenen Distichen. Und er habe auch ein langweiliges Elaborat über die Mosel verfasst. Wenn es nun auch nicht nur Selbstkritik ist, die aus diesen Zeilen spricht, so kann ich mir kaum vorstellen, dass Magris nicht beim Niederschreiben dieser Zeilen an die Gefahr dachte, in der er selbst schwebt.
Das Buch kommt eben allzu gelehrt daher - und dass ihm so viel an Lob zuteil wird, liegt wohl daran, dass gelehrt und klug allzu gern verwechselt wird, dass man allenthalben eine Neigung sehen kann, die dem Unverständlichen, oft Obskuranten tiefen Respekt entgegenbringt. "Es glaubt der Mensch - wenn er nur Worte hört, es müsse sich dabei doch auch was denken lassen." Und so sind diese Bücher geschrieben für die Famuli (die nicht immer Wagner heißen müssen) der Welt, die im Wunsche, alles wissen zu wollen, übersehen, dass damit das Entscheidende verloren geht.
Dennoch: Es gibt viel Lesenswertes in diesem Buch (wenngleich Sebalds oder Ransmayrs Reisebeschreibungen von ungleich größerer Qualität sind). Das von mombour erwähnte Kapitel über Heidegger (das tatsächlich an zwei, drei sehr unverständlich formulierten Absätzen krankt) ist davon abgesehen ausgezeichnet und erfährt gerade durch diesen Thread eine gewisse Aktualität: Denn es handelt u. a. vom Mangel an Phantasie, der Heidegger eignete, wenn er seine Schwarzwald-Heimat-Authentizität zelebrierte, dabei vergessend, dass mutatis mutandis solcher Heimatbegriff auch außerhalb des Schwarzwaldes seine Berechtigung habe. Ihm wurden die "anderen Bauern, Wälder, Bräuche und Gewohnheiten jenseits der Berge und Meer (...) abstrakt, ideologisch, irreal." Und so ist das faschistische "Missgeschick", das Heidegger widerfuhr, tatsächlich kein zufälliger Unglücksfall gewesen, vergleichbar Eichmann, der sich über die Mitteilung entsetzte, dass der Vater des von ihm geschätzten jüdischen Hauptmanns Less in Auschwitz umgekommen sei.
"Die deklamatorische Erklärung der eigenen Authentizität wird zur Pose eines Parvenu, wenn man gegen die Masse polemisiert und dabei vergisst, dass man selbst dazugehört." Das in Bezug auf Heidegger erinnert mich an einen schnell hingeschriebenen (und dann nicht geposteten) Absatz meiner selbst:
"Wer nun aber gar an seiner Umwelt zu leiden vorgibt aus Gründen der Dummheit, der sollte (weil schon für sich selbst eine Metaposition beanspruchend) doch dessen gewärtig sein, dass er oftmals nicht alleine leidet, dass er selbst ebenfalls ein solches Leiden zu verursachen imstande ist (und dies - paradoxerweise - gerade jener Ursachen wegen, die ihm selbst das vorgebliche Leiden bescheren). So könnte ich etwa bezüglich eines von Dora zitierten Satzes, dass dem Menschen ein Menschsein nur dann zugesteht, wenn ihm Bildung (was immer das sei) zukäme, einiger Qual teilhaftig werden (eignete mir nicht glücklicherweise eine gewisse Indolenz) und tatsächlich spüre ich ein leichtes Ziehen und Zirpen, untrüglicher Hinweis auf gedankliche Inkontinenz."
Wie ich überhaupt zum Aphoristischen einer Meinung noch etwas loswerden muss und will (da ich hier meine eine Art von "Beratungsresitenz" zu spüren):
Relativ sinnfreies Zitieren von einzelnen Sätzen wie “... denn die eigentliche Tragödie des Lebens ist die, dass es selbst nur eine einzige Unerträglichkeit darstellt” mögen ihre Wirkung in Weltschmerz- und Todessehnsuchtsforen entfalten, sie erinnern an traurige Pubertierende, welche mit 15 unfehlbar Cioran lesen und das Glas der Bitterkeit schon bis zur Neige geleert zu haben meinen. Dieser jugendlichen Traurigkeit will ich gar nicht zu nahe zu treten, sie ist schwer zu tragen, wenngleich man sich irgendwann nicht mehr an Kurt Cobains Todestag die Lippen schwarz anmalt oder sich einen Totenkopf tätowieren lässt. Denn er gedeiht, der Mensch, und kann es, "wenn er denkt".
Selbstverständlich unterstütze ich den Wunsch meines hochgeschätzten Moderatorenkollegen nach einem mehr an eigener Meinung, glaube aber in seinem Sinne zu sprechen, wenn ich hier nochmals den Hinweis auf Absatz 5, Forenregeln einbaue. So ein Argument mit einem Gran Begründung ist was Schönes und erfreut das Herz des Mitlesenden und -schreibenden.
Der Aphorismus aber ist überhaupt ein schlüpfriges Pflaster, der Weg zum Sprichwort nur mal eben über die Straße, zwei Häuser weiter wohnt der Klospruch und die Bibelsentenz zum Katholikentag drei Stiegen tiefer. Aphoristisches Posten aber ist ein Forensündenfall, denn ein Forum ist mitnichten die Pinnwand vorerwähnter 15jähriger, die ihren Weltschmerz an die Korktafel tackert. Schläft man erst mit den Sudelbüchern unterm Kopfpolster, ist der Weg nicht weit zu
"Es ist der Zahn der Bisamratte,
nicht härter als die Morgenlatte!"
Hier ist mit Eleganz und Schwung der Bogen geschlagen von der geschlechtlichen Erregung zum Animalischen, metaphorisch wird die hormonelle Aufwallung dem Niederstürzen ganzer Wälder gleichgesetzt, der Vergänglichkeit aller Erhobenheit das Wort geredet, alles, was da sich erfrecht und gen Himmel strebt muss wieder zurück ins Irdische - und die Natur selbst macht der Natur den Garaus. Der grandiose dialektische Gedanke erfährt seine Synthese, die antagonistische Grundidee ist im Niedergang harmonisch vereint ...
Wenn er denkt ...
orzifar