Author Topic: Claudio Magris: Donau  (Read 29837 times)

Offline mombour

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Claudio Magris: Donau
« on: 18. August 2009, 11.33 Uhr »
Es ist selbstverständlich, daß ein Buch über die Donau an der Donauquelle beginnt. Doch, wo ist die Quelle?  Die Quelle der Donau entspringt bei Donaueschingen. „Seit der Zeit des Kaisers Tiberius wird jenes Rinnsal, das aus einem Hügel hervorquillt, als die Donau gefeiert; und darüber hinaus vereinigen sich in Donaueschingen zwei kleine Flüsse, die Breg und die Brigach, die...dort, wo sie zusammenfließen, den Beginn der Donau bilden.“ Doch es gibt auch eine andere Theorie, die des Herrn Doktor Ludwig Öhrlein, der an der Quelle der Breg bei Furtwangen ein Schild aufstellen ließ, diesen Ort als die Quelle der Donau bezeichnet, „und hier wird präzisiert, daß die letztere von allen übrigen Zuflüssern die am weitesten vom Schwarzen Meer entfernte sei,..." Doch damit nicht genug. Doch damit nicht genug, schon in der Antike schwirrten Vermutungen und Untersuchungen, wo denn die Quelle sei, darüber schrieben auch berühmte Autoren wie Herodot, Strabon, Cäsar, Plinius, Ptolemäus, Erasthostenes.  Der eine schrieb, die Quellen der Donau entspringen aus dem Harz, ein anderer meinte, bei den Hyperboreern, oder auch in den Pyrenäen usw. Der Fantasie wurden keine Grenzen gesetzt. In Immedingen verschwindet die Donau in Felsspalten und tritt vierzig Kilometer als die Ach wieder zum Vorschein, fließt in den Bodensee, dann in den Rhein. Magris schlussfolgert, die Donau sei zum Teil ein Nebenfluss des Rheins und münde eher in die Nordsee als ins Schwarze Meer. Wo denn die Donau nun herkommt gipfelt in der außerordentlichen Kuriosotät eines gewissen Amedeos „renomierter Sedimentologe und geheimer Historiograph von Mißverständnissen“, über den wir leider sonst nichts weiteres erfahren, die Donau komme  aus einem Wasserhahn. Magris hat den Wasserhahn nicht gefunden. Die Donauquellen, so rätselhaft wie die des Nils.

Die Kapitel über Martin Heidegger („Die Mensner von Meßkirch“) und Louis Ferdinand Céline ( „Die Führerin von Sigmaringen“) sind für mich sehr schwierig gewesen, weil ich um ihre Lebensbiographien nichts weiß. Hier ist man wirklich auf Sekundärliteratur angewiesen.

„Das faschistische Mißgeschick Heideggers ist kein zufälliger Unglücksfall gelesen“ schreibt Magris, warum, dass wurde für mich in dem zusammengerafften Kapitel nicht ersichtlich. Im Kapitel darauf schreibt Magris über Célines Flucht auf  das Schloss Sigmaringen, dass Schloss der Hohenzollern, auf das die Mitglieder der Vichy-Regierung geflüchtet sind, geflüchtet vor den Alliierten. Céline schreibt darüber in seinem Buch „Von einem Schloß zum anderen“ .

Über Célines (restlos vergriffenes) Buch „Die Judenverfolgung in Frankreich“ schreibt Magris, es sei das erschreckendste seiner Bücher. Es ist

Quote from: Claudio Magris
eine der wenigen tatsächlichen, schuldhaften und sträflichen Überschreitungen unter so vielen harmlosen Freizügigkeiten von Literaten, die es nach Überschreitung verlangt hat, aber unter Wahrung der Immunität und mit allen Garantien der Sozialversorgung. Es ist der langatmige und langweiligste Gefühlsausbruch eines Kleinbürgers und Ladenbesitzers, der sämtlichen Vorurteilen seiner verarmten und desorientierten Schicht anhängt, doch ist es zugleich eine geniale, verzerrte Momentaufnahme des 20. Jahrhunderts, an der man nicht vorbeikommen wird. Der vom Haß getrübte, bisweilen aber auch geschärfte Blick Célines entlarvt die frenetische Betriebsamkeit der Kulturindustrie und erkennt in ihrer sterilen, kalten Aufregung, in ihrer fortwährenden, hektischen vorzeitigen Ejakulation, ein Potential dumpfer Gewalttätigkeit. Diese fieberhafte Mobilisierung, die gebieterisch das Individuum zu den Symposien, Debatten und Interviews abkommandiert, ist die Hysterie eines überfüllten Zimmers, einer Welt, an der an allen Türen dass Schild hängt. „Alles belegt.“

Dieses Zitat soll als Beispiel stehen, für Magris' teilweise hochintellektuellen überbordeten Stils, betont auf teilweise, denn es gibt genügend  weitaus leichtverdaulichere Stellen im Donaubuch. Dieses Zitat sollte nicht abschreckend wirkend.

Schließlich noch, Louis Ferdinand Célines Meisterwerk „Reise ans Ende der Nacht“ sollte unbedingt gelesen werden. Alles andere, über seinen Antisemitismus usw., ist sicher nur etwas für speziell Interessierte.

Liebe Grüße
mombour


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arbor

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Re:Claudio Magris: Donau
« Reply #1 on: 18. August 2009, 13.45 Uhr »
“Seit Heraklit ist der Fluss Sinnbild der Identitätsfrage par excellence...”

“Vielleicht bedeutet Schreiben, jene Leerstellen der Existenz auszufüllen, jenes Nichts, das sich unvermittelt in den Stunden und Tagen auftut, zwischen den Gegenständen des Zimmers, und diese in einem Strudel desolater, unendlicher Bedeutungslosigkeit mit sich reißt.”

“Die Geschichte erhält ihre Realität immer ein wenig im nachhinein, erst wenn sie vergangen ist, und die allgemeinen Zusammenhänge, die Jahre später in den Annalen festgelegt und beschrieben werden, ordnen einem Ereignis Rolle und Bedeutung zu.”

“...das Leben als Mangel, als deesse, beständig von der Hoffnung zerstört, dass die gegenwärtige schwere Stunde bereits vergangen und ihre Auswirkung überwunden sei...”
“Sobald das Leben als Mangel, als Insuffizienz, als ein deesse erfahren wird, besteht die Verteidigung in einer eigensinnigen Selbstausschließung, in der Weigerung, daran teilzuhaben.”

“... denn die eigentliche Tragödie des Lebens ist die, dass es selbst nur eine einzige Unerträglichkeit darstellt.”

“Wahrscheinlich erfindet und fingiert man jede Glückseligkeit nur auf dem Papier.”


Das sind nur ein paar Zitate aus Claudio Magris’ “Die Donau”, die m.E. belegen, das er mehr ist als nur “hochintellektuell”, dass er überaus klug und lesbar zu schreiben weiß, aus umfassender Bildung schöpft und sich dennoch auch wesentlichen Details auf dem Weg der Donau zu widmen vermag. “Die Donau” ist ein kulturgeschichtlicher Versuch von unvergleichlichem Charakter, m.E. - de gustibus... - das klügste Buch, das in den letzten Jahrzehnten geschrieben worden ist.

Offline orzifar

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Re:Claudio Magris: Donau
« Reply #2 on: 18. August 2009, 15.53 Uhr »
Hallo!

Ein Beginn mit viel Bildungsballast, mit Hegel, Wittgenstein & Co und einigermaßen komplizierten Sätzen, deren Sinn sich mir nicht immer erschließt oder aber ein wenig überschwänglich ausdrückt, was einfacher gesagt werden könnte, vielleicht müsste. Etwa dass das Leben "in den Klassifikationen seine verzehrende Oszillation enthüllt", Klassifikationen, die immer einen Rest an "Zauber und Geheimnis" zurücklassen. Nunja, einiges fällt immer durch den Rost der Katalogisierung und ich ahne hier durchaus, was Magris mir sagen will: Doch die leichte Berauschung und Extase am eigenen Wortspiel ist hier zu spüren, was dann nicht immer mein Wohlgefallen erweckt. Etwa auch: "Der (...) Professor aus Tübingen, der sich dessen bewusst ist, dass die Prosa der Welt die Odyssee, die konkrete und einmalige Erfahrung des Individuums, bedroht, faßt wieder Mut, und zitiert auf der dritten Seite Hegel, den großen Schüler aus dem theologischen Stift seiner Stadt, um mit ihm zu wiederholen, daß die Methode die Konstruktion der Erfahrung sei." Sowas als eine Art Sekundärzitat einer dem Autor zugegangenen Schrift ist, naja, entbehrlich.

Ein wenig erinnert das Buch an Sebald (z. B. "Die Ringe des Saturn"), wobei dieser ein größeres Maß an Bescheidenheit und Zurückhaltung walten lässt, was auch Magris manchmal gut angestanden wäre. Klug zu sein bedeutet nicht, alles immer aussprechen zu müssen.

Aber - Magris kann schreiben. "Donaueschingen gegen Furtwangen" ist ein höchst amüsantes Stück über den Streit, wo denn die Donau ihren Ursprung habe (Gerüchte besagen, sie entspringe einem Wasserhahn), letzteres zu verifizieren unternimmt der Autor und muss den Leser abschlägig bescheiden: Kein Wasserhahn am inkriminierten Ort. Dafür eine alte Frau im fraglichen wasserhahnlosen Haus, die für 2,50 Mark dem interessierten Wanderer ein Tonband vorspielt, die Bräuche längst vergangener Zeiten erörternd. Und zwischendrin viel Bildungsgut - von Hugo und Hesiod bis Hölderlin, um bloß beim stimmlosen Frikativ zu bleiben.

Verschnupfte Grüße

orzifar
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Offline mombour

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Re:Claudio Magris: Donau
« Reply #3 on: 18. August 2009, 17.21 Uhr »

 dass er überaus klug und lesbar zu schreiben weiß, aus umfassender Bildung schöpft und sich dennoch auch wesentlichen Details auf dem Weg der Donau zu widmen vermag.

Teils, teils eben. orzifar hat zurecht von einer Bildungslastigkeit gesprochen und von Inhalten, die man auch hätte lesbarer gestalten können. Das kann ich nur unterschreiben, denn das Kapitel über „Grillparzer und Napoleon“ musste ich mehrmals lesen, um ungefähr zu ahnen, was Magris meint. Jedenfalls habe ich über Grillparzers Drama „König Ottokars Glück und Ende“ in Wilperts Lexikon für Weltliteratur nachschlagen müssen und bin klüger geworden. In diesem Drama wollte Grillparzer in dem böhmischen König Ottokar II. eine Analogie zu Napoleon sehen, der als tatkräftiger Eroberer in die Tyrannei getrieben wurde. Bei Grillparzer wird er zum maßlosen Machtmenschen. Das Kapitel ist mir vielleicht auch schwer gefallen, weil ich von großer Politik nichts verstehe und mich höchstens für die psychologischen Hintergründe von Machtgier interessiere. Wie nun Magris auf Grillparzer und Napoleon kommt, begründet die Abtei von Elchingen nahe Ulm, in deren Nähe am 19. Oktober 1805 die „Kapitulation von Ulm“ stattfand, „die Übergabe des österreichischen Generals Mack – des >>unglücklichen Mack<<, wie ihn Tolstoi in Krieg und Frieden nennt – an Napoleon."

Um Macht geht es auch in dem Kapitel über den KZ-Arzt und Menschenquäler Josef Mengele („Der Kitsch des Bösen“), der in Günzburg geboren ward.Übrigens ein brillianter Aufsatz, in dem Magris klarstellt, dass der Nazismus „ein Höhepunkt, ein unübertroffener Gipfel der Infamie gewesen (ist), die engste Verknüpfung von gesellschaftlicher Ordnung und menschlicher Roheit. Es wäre völlig abwegig“, meint Magris, „hinsichtlich des ständig lächelnden sadistischen Arztes auf patrhologische Erklärungen zurückzugreifen, so als wäre er ein Kranker, den ein unbezwinglicher Ruptus hinriß.“ Als er sich bis 1949 in der Nähe von Günzburg in einem Kloster versteckt hielt, hat er niemanden seine Augen ausgerissen und keine Leiber zerfetzt. Magris schreibt von der Banalität des Bösen:

Quote from: Claudio Magris
Mengeles Lust zu quälen, sein stupides Lächeln bei der Ausführung seiner Mordtaten..es ist die mechanische, faszinierte Wiederholung einer Art rituellen Formel zwischen dem Refrain eines psychedelischen Lieds und einer religiösen Litanei, das Stammeln eines von Grausamkeit berauschten armseligen Geistes.

So, jetzt werde ich aber schreiberisch warten, bis orzifar mich lesetechnisch einholt.

Liebe Grüße
mombour


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arbor

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Re:Claudio Magris: Donau
« Reply #4 on: 18. August 2009, 18.07 Uhr »
Es kann gar nicht genug Klugheit in der Welt geben (wenn ich mich so umsehe, leide ich eher an der horrenden Dummheit meiner Zeitgenossen).

Bei Heinrich Mann gerade gefunden: ""Ach, die Vegetation dieser Erde birgt mehr Schlangen, und das Gift spritzt endlos, da die Dummheit kernfest ist."

Und an anderer Stelle: "Der Mensch soll gedeihen und er kann es, wenn er denkt."

D'accord einzig mit W. G. Sebald; er war in der Tat einer der letzten klugen Köpfe, denn diese Anstrengungen der Bildung will sich ja heute keiner mehr antun. (Aber nur ein gebildeter Mensch ist ein Mensch.)

Offline dora

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Re:Claudio Magris: Donau
« Reply #5 on: 18. August 2009, 19.27 Uhr »
(Aber nur ein gebildeter Mensch ist ein Mensch.)

Sag mal, Arbor, stammt dieser kluge Satz von dir? 
La chair est triste, hélas! et j'ai lu tous les livres - Stéphane Mallarmé

Offline sandhofer

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Re:Claudio Magris: Donau
« Reply #6 on: 18. August 2009, 20.43 Uhr »
Hallo zusammen!

Ist jetzt nicht abgesprochen mit meinen Co-Administratoren, aber ich fände ein klein wenig weniger aneinandergereihte Zitate berühmter oder bekannter Autoren und ein klein bisschen mehr eigene Meinung interessanter.

Sorry, aber ein bisschen Foren- :police: musste jetzt sein.

Grüsse

sandhofer
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arbor

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Re:Claudio Magris: Donau
« Reply #7 on: 19. August 2009, 07.56 Uhr »
Warum eine Meinung nicht mit Zitaten belegen, warum etwas neu sagen müssen, was schon (meist besser) gesagt wurde. Wie schon im anderen Thread ausgeführt, die Konstanten des Menschseins ändern sich nicht so wesentlich, also kann man doch auch auf schon Gesagtes zurückgreifen (ohne sich mit fremden Federn schmücken zu wollen).

Offline sandhofer

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Re:Claudio Magris: Donau
« Reply #8 on: 19. August 2009, 08.25 Uhr »
Warum eine Meinung nicht mit Zitaten belegen,

Dagegen hätte ich ja gar nichts. Aber gerade von Dir finde ich hier etwelche Postings, wo ich zwar Zitate finde, aber keine Meinung. Mag sein, das liegt an mir, aber nur ein Zitat bringen, ist für mich keine Meinung, selbst wenn der ursprüngliche Autor damit natürlich eine Meinung verknüpft hat. Bei Klopstock ist das weniger tragisch, bei zeitgenössischen Autoren aber riskieren wir als Betreiber u.U. sogar juristischen Ärger, da eine blosse Aneinanderreihung von Zitaten einem scharfen Anwalt als Urheberrechtsverletzung ins Auge stechen könnte. Auch daran bitte ich doch zu denken.  :hi:
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Offline orzifar

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Re:Claudio Magris: Donau
« Reply #9 on: 20. August 2009, 15.05 Uhr »
Hallo!

@mombour: Wie weit bist du? "Eine Frage der Traufe" abgeschlossen?

Magris ist in seinem Schreiben mehr Literaturprofessor denn Schriftsteller - und dieser Umstand macht sich - leider - bemerkbar. In Kapitel 9 (Bissula) könnte ein Hinweis darauf verborgen sein, dass er sich dessen durchaus bewusst war, wenn er von Ausonius berichtet, dem Professor, der ein sorgfältiger Handwerker, aber bestimmt kein Dichter gewesen sei trotz der ihm von der Liebe eingegebenen Distichen. Und er habe auch ein langweiliges Elaborat über die Mosel verfasst. Wenn es nun auch nicht nur Selbstkritik ist, die aus diesen Zeilen spricht, so kann ich mir kaum vorstellen, dass Magris nicht beim Niederschreiben dieser Zeilen an die Gefahr dachte, in der er selbst schwebt.

Das Buch kommt eben allzu gelehrt daher - und dass ihm so viel an Lob zuteil wird, liegt wohl daran, dass gelehrt und klug allzu gern verwechselt wird, dass man allenthalben eine Neigung sehen kann, die dem Unverständlichen, oft Obskuranten tiefen Respekt entgegenbringt. "Es glaubt der Mensch - wenn er nur Worte hört, es müsse sich dabei doch auch was denken lassen." Und so sind diese Bücher geschrieben für die Famuli (die nicht immer Wagner heißen müssen) der Welt, die im Wunsche, alles wissen zu wollen, übersehen, dass damit das Entscheidende verloren geht.

Dennoch: Es gibt viel Lesenswertes in diesem Buch (wenngleich Sebalds oder Ransmayrs Reisebeschreibungen von ungleich größerer Qualität sind). Das von mombour erwähnte Kapitel über Heidegger (das tatsächlich an zwei, drei sehr unverständlich formulierten Absätzen krankt) ist davon abgesehen ausgezeichnet und erfährt gerade durch diesen Thread eine gewisse Aktualität: Denn es handelt u. a. vom Mangel an Phantasie, der Heidegger eignete, wenn er seine Schwarzwald-Heimat-Authentizität zelebrierte, dabei vergessend, dass mutatis mutandis solcher Heimatbegriff auch außerhalb des Schwarzwaldes seine Berechtigung habe. Ihm wurden die "anderen Bauern, Wälder, Bräuche und Gewohnheiten jenseits der Berge und Meer (...) abstrakt, ideologisch, irreal." Und so ist das faschistische "Missgeschick", das Heidegger widerfuhr, tatsächlich kein zufälliger Unglücksfall gewesen, vergleichbar Eichmann, der sich über die Mitteilung entsetzte, dass der Vater des von ihm geschätzten jüdischen Hauptmanns Less in Auschwitz umgekommen sei.

"Die deklamatorische Erklärung der eigenen Authentizität wird zur Pose eines Parvenu, wenn man gegen die Masse polemisiert und dabei vergisst, dass man selbst dazugehört." Das in Bezug auf Heidegger erinnert mich an einen schnell hingeschriebenen (und dann nicht geposteten) Absatz meiner selbst:

"Wer nun aber gar an seiner Umwelt zu leiden vorgibt aus Gründen der Dummheit, der sollte (weil schon für sich selbst eine Metaposition beanspruchend) doch dessen gewärtig sein, dass er oftmals nicht alleine leidet, dass er selbst ebenfalls ein solches Leiden zu verursachen imstande ist (und dies - paradoxerweise - gerade jener Ursachen wegen, die ihm selbst das vorgebliche Leiden bescheren). So könnte ich etwa bezüglich eines von Dora zitierten Satzes, dass dem Menschen ein Menschsein nur dann zugesteht, wenn ihm Bildung (was immer das sei) zukäme, einiger Qual teilhaftig werden (eignete mir nicht glücklicherweise eine gewisse Indolenz) und tatsächlich spüre ich ein leichtes Ziehen und Zirpen, untrüglicher Hinweis auf gedankliche Inkontinenz."

Wie ich überhaupt zum Aphoristischen einer Meinung noch etwas loswerden muss und will (da ich hier meine eine Art von "Beratungsresitenz" zu spüren):

Relativ sinnfreies Zitieren von einzelnen Sätzen wie “... denn die eigentliche Tragödie des Lebens ist die, dass es selbst nur eine einzige Unerträglichkeit darstellt” mögen ihre Wirkung in Weltschmerz- und Todessehnsuchtsforen entfalten, sie erinnern an traurige Pubertierende, welche mit 15 unfehlbar Cioran lesen und das Glas der Bitterkeit schon bis zur Neige geleert zu haben meinen. Dieser jugendlichen Traurigkeit will ich gar nicht zu nahe zu treten, sie ist schwer zu tragen, wenngleich man sich irgendwann nicht mehr an Kurt Cobains Todestag die Lippen schwarz anmalt oder sich einen Totenkopf tätowieren lässt. Denn er gedeiht, der Mensch, und kann es, "wenn er denkt".

Selbstverständlich unterstütze ich den Wunsch meines hochgeschätzten Moderatorenkollegen nach einem mehr an eigener Meinung, glaube aber in seinem Sinne zu sprechen, wenn ich hier nochmals den Hinweis auf Absatz 5, Forenregeln einbaue. So ein Argument mit einem Gran Begründung ist was Schönes und erfreut das Herz des Mitlesenden und -schreibenden.

Der Aphorismus aber ist überhaupt ein schlüpfriges Pflaster, der Weg zum Sprichwort nur mal eben über die Straße, zwei Häuser weiter wohnt der Klospruch und die Bibelsentenz zum Katholikentag drei Stiegen tiefer. Aphoristisches Posten aber ist ein Forensündenfall, denn ein Forum ist mitnichten die Pinnwand vorerwähnter 15jähriger, die ihren Weltschmerz an die Korktafel tackert. Schläft man erst mit den Sudelbüchern unterm Kopfpolster, ist der Weg nicht weit zu

"Es ist der Zahn der Bisamratte,
nicht härter als die Morgenlatte!"

Hier ist mit Eleganz und Schwung der Bogen geschlagen von der geschlechtlichen Erregung zum Animalischen, metaphorisch wird die hormonelle Aufwallung dem Niederstürzen ganzer Wälder gleichgesetzt, der Vergänglichkeit aller Erhobenheit das Wort geredet, alles, was da sich erfrecht und gen Himmel strebt muss wieder zurück ins Irdische - und die Natur selbst macht der Natur den Garaus. Der grandiose dialektische Gedanke erfährt seine Synthese, die antagonistische Grundidee ist im Niedergang harmonisch vereint ...

Wenn er denkt ...

orzifar
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Re:Claudio Magris: Donau
« Reply #10 on: 20. August 2009, 16.55 Uhr »
Beratungsresitenz

Eine vernünftige Rechtschreibung wäre schon mal ein gutes Mittel gegen "Resitenz".

By the way: Ich wusste bislang nicht, dass es hier "Beratung" gibt. Tausend Dank dafür!

arbor

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Re:Claudio Magris: Donau
« Reply #11 on: 20. August 2009, 18.59 Uhr »
Dagegen hätte ich ja gar nichts. Aber gerade von Dir finde ich hier etwelche Postings, wo ich zwar Zitate finde, aber keine Meinung. Mag sein, das liegt an mir, aber nur ein Zitat bringen, ist für mich keine Meinung...

 Bei Klopstock ist das weniger tragisch, bei zeitgenössischen Autoren aber riskieren wir als Betreiber u.U. sogar juristischen Ärger, da eine blosse Aneinanderreihung von Zitaten einem scharfen Anwalt als Urheberrechtsverletzung ins Auge stechen könnte. Auch daran bitte ich doch zu denken.  :hi:

ad 1 - Das habe ich m.E. ausgeführt - auch ein Zitat ist eine Meinung. Warum etwas wiederholen, was schon besser gesagt worden ist?

ad 2 - Zitate mit Quellenangabe sind keine Urheberrechtsverletzungen (das kann man in allen einschlägigen Kommentaren zum Urheberrechtsgesetz nachlesen).

Offline orzifar

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Re:Claudio Magris: Donau
« Reply #12 on: 20. August 2009, 19.24 Uhr »
Eine vernünftige Rechtschreibung wäre schon mal ein gutes Mittel gegen "Resitenz".
By the way: Ich wusste bislang nicht, dass es hier "Beratung" gibt. Tausend Dank dafür!

Och, hast du einen Tippfehler gefunden? Darfst ihn behalten ... Dass da ein Wort unter Anführungszeichen gesetzt war (und dies nicht zufällig) scheint dir entweder entgangen zu sein oder aber du den Sinn nicht erschlossen zu haben.

Um es nochmal ganz klar zu sagen: Jemand, der - u. a. - der Meinung ist, dass nur gebildete Menschen Menschen sind und mit diesem Satz bestenfalls sein eigenes Unvermögen bzw. seine intellektuellen Defizite laut und deutlich kundtut, ist hier keineswegs erwünscht. Im Gegenteil: "Ungebildete" (diverse Leser sollten hier Acht haben auf die Anführungszeichen) sollen hier durchaus schreiben, nicht hingegen solche, die achtelgebildet von Moralität faseln und krude Menschseinstheorien aufstellen. Oder sich mit derlei einverstanden erklären.

orzifar
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Offline sandhofer

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Re:Claudio Magris: Donau
« Reply #13 on: 20. August 2009, 20.01 Uhr »
ad 1 - Das habe ich m.E. ausgeführt - auch ein Zitat ist eine Meinung.

Warum etwas wiederholen, was schon besser gesagt worden ist?

Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.

ad 2 - Zitate mit Quellenangabe sind keine Urheberrechtsverletzungen (das kann man in allen einschlägigen Kommentaren zum Urheberrechtsgesetz nachlesen).

Und wenn ich mit Quellenangabe ein ganzes Buch zitiere, dann begehe ich keine Urheberrechtsverletzung? Scusi - für dumm verkaufen kann ich mich selber. Aber heute ist es mir zu heiss dafür. Sagen wir einfach: Es ist in diesem Forum nicht gern gesehen, dass man seine Meinung hinter Zitaten versteckt. OK?
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Offline mombour

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Re:Claudio Magris: Donau
« Reply #14 on: 20. August 2009, 20.56 Uhr »
Hallo!

@mombour: Wie weit bist du? "Eine Frage der Traufe" abgeschlossen?

ach, ich bin ja schon in Bratislava...aber lese  einige Kapitel noch einmal, wenn wir darüber diskutieren.  Ich muss ja lesen, wie mir die Zeit Lesezeit schenkt. So lese ich auch im Zug, wenn ich von der Arbeit kommt und der Zug, der fährt vor Regensburg über die Donau. :)

Dass Heidegger seinen Heimatbegriff nur auf den Schwarzwald bezogen sah, ist schon sonderlich und hier muss ich mich fragen, hatte das auch Auswirkungen auf seine Philosophie? Nur weil die Braunen auch in seiner Heimat waren, hatte er diese kurze unsägliche Episode? Hier eröffnen sich mehr Fragen als Antworten.

Liebe Grüße
mombour
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