Author Topic: Claudio Magris: Donau  (Read 29838 times)

Offline orzifar

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Re:Claudio Magris: Donau
« Reply #15 on: 21. August 2009, 02.26 Uhr »
ach, ich bin ja schon in Bratislava...aber lese  einige Kapitel noch einmal, wenn wir darüber diskutieren.  Ich muss ja lesen, wie mir die Zeit Lesezeit schenkt. So lese ich auch im Zug, wenn ich von der Arbeit kommt und der Zug, der fährt vor Regensburg über die Donau. :)

Wenngleich ein passabler Schwimmer werde ich dich mit Sicherheit nicht mehr einholen (ich habe erst die "Traufe" abgeschlossen und werde meine Lesegeschwindigkeit nicht nennenswert steigern. Würde wohl auch damit dem Buch unrecht tun.)

Dass Heidegger seinen Heimatbegriff nur auf den Schwarzwald bezogen sah, ist schon sonderlich und hier muss ich mich fragen, hatte das auch Auswirkungen auf seine Philosophie? Nur weil die Braunen auch in seiner Heimat waren, hatte er diese kurze unsägliche Episode? Hier eröffnen sich mehr Fragen als Antworten.

Magris scheint - Ähnliches legt auch das Kapitel über Céline nahe - immer wieder auf die Beschränktheit der Phantasie im Denken von Menschen hinweisen zu wollen. Menschen, die sich eine kleine eigene, geistige und/oder territoriale Welt schaffen und in dieser in sich stringenten Konstruktion verbleiben, vergessend, dass solche Welten allüberall entstehen und dass der Anspruch, die eine möge der anderen überlegen sein, mit gleichem Recht von allen erhoben werden kann. Er schreibt am Ende des Céline-Kapitels vom "leichten Spiel der Verachtung", das jeder betreiben kann, der eine Tiefe des Lebensabgrundes wahrgenommen zu haben glaubt. Denn die Verachtung kann wieder verachtet werden, da jeder auf eine solche metaphysische Tiefe sich berufen kann - und argumentelos wird der Streit von Kindern nachgeahmt, die da einer dem anderen immer die selben Schimpfwörter an den Kopf werfen.

Zufällig (im Sinne geographischer Nähe) war Heideggers Mesalliance mit dem Faschismus wohl nicht (was Magris mit dem Satz beschreibt: "Das faschistische Mißgeschick Heideggers ist kein zufälliger Unglücksfall gewesen, denn Faschismus ist, auf einer weniger niederträchtigen, wenngleich nicht minder zerstörerischen Ebene, auch ebendiese Haltung, sich als guter Freund des früheren Schulkameraden zu erweisen, ohne sich darüber klarzuwerden, daß auch andere Menschen sich ihren Schulkameraden als gute Freunde erweisen können.") Der Satz beschreibt nicht nur Heideggers Affinität zu solchen Strukturen (wobei ich mit der Philosophie Heideggers nicht vertraut genug bin, um eingehender darüber urteilen zu können), sondern auch ein Grundübel des Lebens: Das Solidarisieren mit anderen aufgrund zufälliger Zusammengehörigkeiten ohne eine faktische Prüfung solcher Solidarisierung nebst gleichzeitigem Vergessen, dass auch die andere Gruppe gleich agiert. Der Patriotismus in allen Schattierungen lebt gut davon ...

Liebe Grüße

orzifar
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arbor

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Re:Claudio Magris: Donau
« Reply #16 on: 21. August 2009, 08.02 Uhr »
ad 1 - Das habe ich m.E. ausgeführt - auch ein Zitat ist eine Meinung.

Warum etwas wiederholen, was schon besser gesagt worden ist?

Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.

ad 2 - Zitate mit Quellenangabe sind keine Urheberrechtsverletzungen (das kann man in allen einschlägigen Kommentaren zum Urheberrechtsgesetz nachlesen).

Und wenn ich mit Quellenangabe ein ganzes Buch zitiere, dann begehe ich keine Urheberrechtsverletzung? Scusi - für dumm verkaufen kann ich mich selber. Aber heute ist es mir zu heiss dafür. Sagen wir einfach: Es ist in diesem Forum nicht gern gesehen, dass man seine Meinung hinter Zitaten versteckt. OK?

1. Du weißt ganz genau, dass Wittgenstein etwas ganz anderes meinte - außerdem versteckst du dich nun selbst hinter einem Zitat.

2. Ich habe nie vom Zitieren eines ganzen Buches gesprochen; es geht ja nur um einzelne Sätze mit Quellenangabe. Und vom Urheberrecht habe ich womöglich mehr Ahnung als du mir zutraust, ich habe schließlich auch selbst einmal als Kleinverleger gearbeitet.

3. Ich habe den Eindruck, dass dir meine Statements nicht passen; du kannst meinen Account ja dann gerne löschen. Aber ich verlasse das Forum nicht, ohne zu sagen, dass das in meinen Augen eine Art von Zensur ist.
Wenn du nur deine Meinung im Forum hören willst, wozu dann ein Forum?

Offline mombour

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Re:Claudio Magris: Donau
« Reply #17 on: 25. August 2009, 12.47 Uhr »
Hallo orzifar,

In einem Kapitel widmet sich Magris dem Ingenieur Ernst Neweklowsky, der ein umfangreiches Buch, sein Lebenswerk, über 2000 Seiten, über die Donau geschrieben hat. „Schiffahrt und Flößerei im Rahmen der oberen Donau" (1952-1964), ein Buch, dass heute hohe Antiquariatspreise erziehlt, d.h. für den Normalsterblichen kaum erschwinglich. Neweklowsky  war  besessen auf Vollständigkeit, deswegen beschäftigte er sich wohl auch sein Leben lang mit der Donau. Natürlich kann man sich fragen, woher diese Besessenheit kommt, es ist eben das Streben nach Vollkommenheit, wie wenn einer Briefmarkensammelt und möchte alle Briefmarken haben, die es gibt. Dieses Vollkommenheitsstreben richtet sich hier allerdings nur auf materielle Güter. Schlimm finde ich z.B., wenn jemand sämtliche Erstausgaben irgendeines Autors sammelt und sich dann darüber aufregt, dass in einer Buchausgabe ein Knick ist. Ich denke schon, ist es nicht sinnvoller, sich diesem Vollständigkeitsdrang zu entledigen und sich auf der Suche nach innerer Zufriedenheit und Glück zu begeben. Nun ist es aber trotzdem schön, dass es das Buch von Neweklowsky  gibt, denn sonst wäre vieles Wissen wohl verlorengegangen. So listet der auf Vollständigkeit bedachte Ingenieur, wenn er über die Reise  der Kaiserin Maria, Gemahlin von Ferdinand III.(1645), von Linz nach Wien schreibt, alle 52 Schiffe auf, und erläutert genau, für wen diese Schiffe bestimmt waren: für den Oberkämmerer usw...

Meine Ausführungen zu Josef Mengele vom 18. August möchte ich noch ergänzen:
 
Erschreckend ist, dass Verbrecher wie Mengele so grausam gehandelt haben, weil es ihre Umgebung zugelassen hat, weil es quasi erwartet wurde. Keine Krankheit? Zumindest ist doch dieser extrem ausgeartete Sadismus genau das, was wir für das Böse halten. Wenn es im Menschen das Gute und das Böse gibt, möge das Böse lieber übergibst werden, sodass es im Untergrund des Unbewussten erstarrt und sich nicht entfesseln kann.

Regensburg

Claudio Magris war in Regensburg, vor meiner Zeit...Sehr schön hat Magris die nostalgische Seite der Stadt eingefangen. Schon Maximilian I. von Habsburg (1459-1519) sprach von einer Vergangenheit, als er vom Reichtum der berühmten und blühenden Stadt sprach. Heute kommen Touristen nach Regensburg, um sich das alte Gemäuer der Stadt aus der Blütezeit anzusehen. Seit 1663  Sitz des  immerwährende Reichstages der Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, darauf die Stadt heute noch Stolz ist. Es hört sich schon tragischkomisch an,  wenn wir bei Magris lesen, dass diese Institution damals schon „längst erstarrt und entleert“ gewesen sei. Die Welt über die regiert werden sollte, befand sich längst im Abschwung. Inzwischen hat Regensburg allerdings durch seine Universität den Faden zur Gegenwart gefunden, infolgedessen wir in dieser schönen einst blühenden Mittelalterstadt die größte Kneipendichte Bayerns haben. Das konnte Claudio Magris, als der das Buch schrieb, nicht wissen. In dieser Universtät wird u.v. a. natürlich auch das Mittelalter erforscht. Der Historiker Horst Fuhrmann  war von 1971 bis 1994 Präsident der Monumenta Germaniae Historica und Ordinarius für Geschichte an der Universität Regensburg.  Im Jahre 2000 veröffentliche er das Buch „Einladung ins Mittelalter“.

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mombour
« Last Edit: 25. August 2009, 12.53 Uhr by mombour »
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Re:Claudio Magris: Donau
« Reply #18 on: 26. August 2009, 16.23 Uhr »
Hallo mombour - und Mitlesende!

Ich bin noch kaum über Ulm hinausgekommen, aber beim Herrn Neweklowsky war ich bereits auf Besuch. Die Monomanie, die der Erforscher der oberen Donau an den Tag legt, hat etwas Bewundernswürdiges - aber auch immer (für mich) etwas Beunruhigendes. Mag sein, dass ein solcher Mensch im Tun selbst sein Glück erfährt und nicht den Zaudernden und ewig Hoffenden gleicht, die ihre Ziele immer wieder nach hinten verschieben, sodass ihr Leben von einem ständigen Hoffen zerstört wird, wie Magris meint. Andererseits kann von diesen von einer Sache Besessenen auch einiges an Unglück ausgehen, immer abhängig von der in Frage stehenden Sache. Im Falle der Beschäftigung mit der oberen Donau ist diese natürlich unverdächtig.

Viel Erwähnenswertes, etwa der Archivar der Grobheiten Thrän, der einzig aus den Ungerechtigkeiten, die er erfährt, sein Leben bestreitet und darüber penibel Buch führt. Und dann zu meiner großen Überraschung das Kapitel "Ein Laib Brot": Die Erwähnung des Schriftstellers Rudolf Brunngraber und seines Romans "Karl und das 20. Jahrhundert", ein mittlerweile völlig vergessener Autor, den ich hier zum ersten Mal zitiert finde. Das Buch außergewöhnlich und bemerkenswert, eine Collage von statistischen Daten, Radiomeldungen und der Verzweiflung des Individuums in dieser fremden Wirtschaftswelt, endend mit dem Tod des Protagonisten. Allen, die des Buches irgendwie habhaft werden können, sei es ans Herz gelegt; außer in Bibliotheken oder - ganz selten - antiquarisch wird es nirgendwo zu finden sein. Einer Renaissance dieses Schriftstellers stehen eigenartigerweise seit vielen Jahren die Erben und Nachlassverwalter entgegen, der Schriftwechsel wird - so er denn überhaupt noch existiert - nicht freigegeben, Bemühungen, die Biographie Brunngrabers zu schreiben (und dadurch seine Werke auch wieder einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen) werden so unmöglich. (Selbst der mittlerweile verstorbene prominenteste Germanist Österreichs, Wendelin Schmidt-Dengler ist mit seinen Anfragen gescheitert, möglicherweise gibt es einiges kompromittierende Material über Brunngrabers seltsame Beziehung zum Nationalsozialismus, das man von seiten der Erben (der Tochter) lieber unterdrücken möchte. Bedauerlich das alles, sind seit dem Tode des Schriftstellers doch schon rund 50 Jahre vergangen.)

Wenn ich in Regensburg bin, könnten wir uns auf eine Tasse Kaffee treffen. Bei meiner Lesegeschwindigkeit wird das noch dauern.

lg

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Re:Claudio Magris: Donau
« Reply #19 on: 28. August 2009, 15.44 Uhr »
Hallo,

Regensburg liegt hinter mir, das mit dem Kaffee müssen wir auf ein ander Mal verschieben. - Das Buch ist zunehmend angenehmer zu lesen, weniger verstiegene Satzkonstruktionen, weniger Bildungshuberei. Dafür ein schönes Kapitel über Agnes Bernauer und das Dümmliche des Hegelschen Weltgeistes, welchen der Herzog Ernst - noch unbekannterweise, aber in der Argumentation doch schon demselben auf der Spur - zu bemühen sich anschickte.

 Dann ein schöner Vergleich der Ruhmeshalle Ludwig des I. mit einem Gasometer und die Walhalla als Wachsfigurenkabinett für den Steinmetz. Ich wusste nicht, dass man der erlauchten Größe nach entsprechendem bürokratischen Aufwand auch heute noch Aufnahme gewährt (weiß jemand, wer das jüngste Mitglied Walhalls ist?), ob es aber erstrebenswert wäre, dort in Stein gehauen neben Klopstock und Goethe rumzulungern, darf bezweifelt werden. (Ein Thomas Mann hätte sich über eine solche Ehrung womöglich gefreut, Grass traue ich derlei auch zu, allerdings wird die frühere Mitgliedschaft in einem ganz anderen Verein einer solchen Kanonisierung wohl abträglich sein.)

lg

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Re:Claudio Magris: Donau
« Reply #20 on: 28. August 2009, 16.21 Uhr »
Hallo,

im Jahre 2003 kam Sophie Scholl in die Ruhmeshalle, und dann kamen noch Carl Friedrich Gauß (2007), Edith Stein (2008) und Heinrich Heine (2009) hinzu. Die Walhalla ist eine genaue Kopie des Parthenon-Tempels zu Athen, jedenfalls der äußere Blickfang. Es kamen sogar schon griechische Archäölogen zu Besuch, die den Tempel in Athen restauriert haben. Von Regensburg aus, von der berühmten alten Brücke aus, fahren Schiffe bis zur Walhalla. man geht dort eine steile Treppenanlage hoch. Die Treppe hinabzugehen bereitet mir Schwindel, darum bin ich lieber den Berg mit dem Auto hochgefahren.


 Die Erwähnung des Schriftstellers Rudolf Brunngraber und seines Romans "Karl und das 20. Jahrhundert", ein mittlerweile völlig vergessener Autor, den ich hier zum ersten Mal zitiert finde. ...
Allen, die des Buches irgendwie habhaft werden können, sei es ans Herz gelegt; außer in Bibliotheken oder - ganz selten - antiquarisch wird es nirgendwo zu finden sein.

Also, das Brunngraber-Buch interessiert mich mächtig. Man kann es schon in gängigen Internertantiquariaten finden. Ich habe es schon einmal bestellt, um es zu verschenken. Eine Lektürinhalation meinerseits wird folgen. Gerade in der Zeit unserer Wirtschaftskrise wird das Buch wieder aktuell.

Ja, die Regensburger-und Straubingerkapitel sind sehr schön lesbar, auch das über das Kloster Windberg bei Bogen. Dort habe ich mal wegen eines Chorwochenendes übernachtet, also dort wo Eichmann....(habe ich damals natürlich nicht gewusst). In Windberg gibt es in einem Lokal die größten Windbeutel zu essen (wohl die größten Bayerns). Die schmecken ausgezeichnet. ;D

Ich habe mich gewundert, warum Magris im Bernauer-Kapitel nicht die Oper von Carl Orff erwähnt.

Liebe Grüße
mombour
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Re:Claudio Magris: Donau
« Reply #21 on: 28. August 2009, 16.50 Uhr »
Hallo,

Regensburg liegt hinter mir, das mit dem Kaffee müssen wir auf ein ander Mal verschieben.

och ja, aber dann den Kaffee mit Blick auf die Donau und die alte Brücken. Ich wüßt' da einen Biergarten (wir können natürlich auch ein Bierchen schlucken ;D ).

Herzliche Kaffeegrüße
mombour
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Re:Claudio Magris: Donau
« Reply #22 on: 28. August 2009, 17.05 Uhr »
och ja, aber dann den Kaffee mit Blick auf die Donau und die alte Brücken. Ich wüßt' da einen Biergarten (wir können natürlich auch ein Bierchen schlucken ;D ).

Unbedingt. Wenngleich ich für meine Person dann doch lieber beim Kaffee bleibe; trotz diverser rauschhafter Anspielungen ist mein Lebensstil eher zwischen spartanisch und asketisch angesiedelt. Was nicht immer so war.

Regensburg kenne ich kaum, wenngleich ich unzählige Male daran vorbeifuhr (und die Stadt fast immer ihrem Namen gerecht wurde). Ich hoffe, die Donau bereitet dort noch einen wirklich erhebenden Eindruck, frei von öligem Gestinke, wenig gustiösen Schaumkronen. Und wenn doch: So werde ich mich an die Brücken halten. Oder den Dom.

Weiter im Buch: Ein sehr schönes Kapitel über Linz und Stifter. Dieser hat mit einem Rasiermesser sein Ende beschleunigt (wobei Magris von einem "hypochondrischen Anfall" spricht, was meinen Informationen über das jahrelange Leiden des Schriftstellers an Leberzirrhose widerspricht), ein Ende, das manchmal unverständlicherweise in einem Gegensatz zu seinen Büchern gesehen wird. Stifter als jemand, der sich dem Kult des Abgründigen, Abnormen versagt, der dem die Regelhaftigkeit und das Maß gegenübersetzt, ohne einer zu sein, der deshalb das Exzessive und Leidenschaftliche des Lebens nicht kennt. Dem Kult des Außergewöhnlichen, auch heute noch in hohen Ehren, hat er sich widersetzt in seinen Büchern - und, weniger erfolgreich, in seinem Leben. (Jedoch, ich muss gestehen, dass mich manchmal beim Beschneiden der Rosen, der Darstellung hochherziger Liebe ein wenig Langweile befallen hat.)

Musil wird oft er erwähnt, das schöne Wort vom "es ist passiert", dafür verwendet, wenn anderswo etwas geschehen ist. Österreichisch passiert etwas - und mit mir passiert auch etwas, etwas ganz Seltenes: Ich fühle mich österreichisch in dieser nachlässigen Unaufgeregtheit, ich wünsche sie mir oft und öfter, wenn mich Bekannte und Freunde heim- oder aufsuchen, die dann von Plänen, Vorhaben, Unternehmungen erzählen, die ihnen unerlässlich scheinen und in die sie mich einzubeziehen nicht geringe Lust verspüren. Ich will dann raus in meinen Urwald, der Katze rufen, sehen, dass meine Fenstergeranien das Hochwild gut ernähren und kann den vielen Vorschlägen nichts abgewinnen. Wenn dieses Musilwort in seiner Unaufgeregtheit (weil es, wie Menschen ohne Eigenschaften zu wissen pflegen, auch immer ganz anders hätte kommen können) österreichisch ist, dann bin ich es auch einmal - ganz ausnahmsweise; und sehr viel mehr als bei anderen Gelegenheit, die mir eher seltsam und karnevalistisch anmuten: Schirennen etwa, die man rotweißrot geschminkt und rechtschaffen besoffen mit viel Getöns zu feiern pflegt.

lg

orzifar
« Last Edit: 28. August 2009, 22.04 Uhr by orzifar »
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Re:Claudio Magris: Donau
« Reply #23 on: 29. August 2009, 00.26 Uhr »
Ein Nachtrag noch zum Kapitel "Mauthausen": Magris betont die Schwierigkeiten bei der Schilderung des Grauens der Lager hin, "bei Th. Mann oder Brecht, hätten sie den Versuch unternommen, wäre wohl eine Art gehobener Unterhaltungsliteratur daraus geworden". Und er weist auf Primo Levi hin, der das für mich bislang eindrucksvollste Dokument über Auschwitz verfasst hat, der seltene Glücks(??)fall, dass ein außergewöhnlich begabter Schriftsteller dies erlebt, _über_ lebt hat. (Denn Levi hat nicht nur über dieses Grauen Hervorragendes verfasst, sein gesamtes Werk gehört zum Besten der Literatur, etwa "Der Ringschlüssel").

Und dann:
Quote from: Magris
Vielleicht sind die angemessensten Zeugnisse jener Realität gar nicht von den Opfern, geschrieben worden, sondern von den Schlächtern, Eichmann oder Rudolf Höss, dem Kommandanten von Auschwitz - wahrscheinlich ist es so, denn um zu sagen, was dieses Inferno wirklich gewesen ist, braucht man es nur wörtlich zu zitieren, ohne Kommentar, ohne menschliches Engagement."
(Hervorhebung von mir) Hier stimme ich ihm zu, denn nichts ist schlimmer, als über solche Dinge mit immer wieder moralinsauren Einschüben informiert zu werden. Es bedarf keine expliziten Erörterung des Schreckens, Bilder, Texte, vor allem von den Tätern selbst, sprechen eine sehr viel beredtere Sprache als es jeglicher Kommentar könnte.

Vergleichbar ist das mit manchen Dokumentationen. In Österreich gab es vor Jahren eine Sendereihe mit dem Namen "Alltagsgeschichten" von Elizabeth T. Spira, die vor allem deshalb so eindrucksvoll gerieten, weil sie bei den Aufnahmen nie moralisierend eingriff, die Leute reden, erzählen ließ, hier etwa einer, der schon vorher vom Kommen eines "kleinen" Hitlers schwärmt, vom einbrechenden Tschuschen zum einbrechenden Inländer (und arbeitenden Ausländer) gelangt, ohne auch nur in Ansätzen sich des Widerspruches bewusst zu werden. Vergleichbares gibt es bei M. Moores "Bowling for Colombine", der einen Waffenfanatiker interviewt und ihn schließlich fragt, ob er auch für die Freigabe von Atomwaffen sei. Nach kurzem Nachdenken und irrem Blick meint er, möglicherweise besser nicht. "Zu viele Irre da draußen." (Das Interview mit Harris beginnt hier ab 3:25, wird dann zu Ende dieser Sequenz fortgesetzt, die von mir gemeinte Stelle befindet sich ganz Ende dieser (der eigentlichen selben) Sequenz , die aber qualitativ ansonsten schlechter ist.)

Die Bilder, Sätze sprechen für sich, man sollte sich nicht kommentieren, dadurch verwässern. Wie die von Magris erwähnten Eichmannprotokolle oder Höss' Buch über Auschwitz. Nichts kann dem mehr hinzugefügt werden.

lg

orzifar
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Re:Claudio Magris: Donau
« Reply #24 on: 29. August 2009, 09.54 Uhr »
(wobei Magris von einem "hypochondrischen Anfall" spricht, was meinen Informationen über das jahrelange Leiden des Schriftstellers an Leberzirrhose widerspricht), ein Ende, das manchmal unverständlicherweise in einem Gegensatz zu seinen Büchern gesehen wird.

Stifter hatte unsäglich große Schmerzen gehabt wegen seiner Leberzirrhose. Man sollte das gewiss nicht als Gegensatz zu seinen Büchern sehen, denn Stifter befand sich in einer Ausnahmesituation. Ist halt tragisch. Auch wenn ich zu manch seinen Erzählungen immer etwas zu meckern fand, sei es Bergkristall, Brigitta oder Turmalin, übt dieser Schriftsteller eine Anziehungskraft auf mich aus, als ob er ein Geheimnis verberge. Vielleicht liegt das Geheimnis in der Natur, hinter diesen Idyllen, hinter denen sich das Tragische, die Gefahr, verbirgt. Den Nachsommer habe ich leider nur zur Hälfte gelesen, obwohl mir das recht gefallen hat (aber auch an diese Langsamkeit muss man sich gewöhnen ;) ).

Und er weist auf Primo Levi hin, der das für mich bislang eindrucksvollste Dokument über Auschwitz verfasst hat, der seltene Glücks(??)fall, dass ein außergewöhnlich begabter Schriftsteller dies erlebt, _über_ lebt hat. (Denn Levi hat nicht nur über dieses Grauen Hervorragendes verfasst, sein gesamtes Werk gehört zum Besten der Literatur, etwa "Der Ringschlüssel").


Vielleicht würde Magris heute noch Imre Kertész dazuzählen "Roman eines Schichsallosen" konnte er damals nicht kennen.

Bruckners und Adalbert Stifters Kunst entstehe aus der Ehrfurcht vor der sanften und idyllischen österreichisch-böhmischen Landschaft, sagt Magris. „Das Leben in den Wäldern entsteht und verändert sich zwar, doch in so langsamen Rhythmen, das es den einzelnen Individuum völlig unbeweglich erscheint...“  Adalbert Stifter werden die langsamen Rhythmen aufgefallen sein. In seinem Nachsommer erreicht er fast einen Stillstand der Handlung. Magris erwähnt Stifters Erzählungen Abdias und Turmalin (enthalten in „Bunte Steine“),um aufzuzeigen, dass hinter der Harmonie der Natur auch das Zerstörerische  lauert, die „Grausamkeit des Schicksals“ und der „Verfall der Dinge“. Magris mag diese Erzählungen, weil sie „ohne moralische Predigten und ideologischen Protest“ daherkommen, nur ein stumpes Verwundern hinterlassen. Trotzdem hat mir „Turmalin“ von der Struktur nicht gefallen. Es gibt darin nämlich einen Bruch, einen Wechsel der Erzählperspektive. Die Tragödie finde ich außerdem überzogen. Alles nur weil der Rentherr mal von seiner Frau betrogen worden ist.

Endlich erwähnt Magris mal Kunstmaler. Albrecht Altdorfer (um 1480-1538) hat auf dem Sebastiansaltar von Sankt Florian erschütternde Bilder von der Passion und des Martyrium des Heiligen hinterlassen. In diesen Bildern entflammt der Himmel, „wird eine bestialische, dumpfe Gewalttätigkeit“ gegen die Verurteilten entfesselt. Magris erwähnt das unweit vom Sebastianaltar zu sehende Gemälde von Wolf Huber (1485-1553) zu sehen wie auf Sebastian brutal eingeschlagen wird. Es ist ja bekannt, was für fratzenhafte höllische Gestalten auf christlichen Bilderwerken erscheinen, so bei Huber „ein verblödetes perverses Kind“, welches auf den Märtyrer einschlägt. Gerne würde ich jetzt sehen, ob der Blick des Heiligen noch sanftmütig bleibt. Magris meint, hier schreie dem Beschauer in wilden Farben auch der Wahnsinn der Konzentrationslager (Mauthausen) entgegen. Himmel und Hölle im ehrwürdigen Sankt Florian.

Liebe Grüße
mombour
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arbor

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Re:Claudio Magris: Donau
« Reply #25 on: 29. August 2009, 11.19 Uhr »
Und er weist auf Primo Levi hin, der das für mich bislang eindrucksvollste Dokument über Auschwitz verfasst hat, der seltene Glücks(??)fall, dass ein außergewöhnlich begabter Schriftsteller dies erlebt, _über_ lebt hat. (Denn Levi hat nicht nur über dieses Grauen Hervorragendes verfasst, sein gesamtes Werk gehört zum Besten der Literatur, etwa "Der Ringschlüssel").

Was die Wertschätzung Primo Levis angeht, stimme ich zu; aber ich gebe zu bedenken, ob er das Grauen wirklich überlebt hat (denn schließlich hat er es irgendwann nicht mehr tragen können und den Freitod gewählt - wie andere, z.B. Jean Améry, auch - diese Spätfolgen des Holocaust sollten auch im Blick bleiben.)

Was die literarische Verarbeitung des Grauens betrifft, ist mir das Lakonische, meist nur Kommentarhafte auch schon aufgefallen; man kann dies an vielen Berichten nachlesen und überprüfen; ich habe es mal untersucht an
Erich Fried, Meine Puppe in Auschwitz (aus: Fast alles Mögliche, Berlin 1975)
Peter Weiss, Meine Ortschaft (aus: Rapporte, Frankfurt 1968)
Heinar Kipphardt, Bruder Eichmann, Reinbek 1983

Sehr lesenswert fand ich in diesem Zusammenhang, obwohl er die Sprache "der anderen" untersucht, Viktor Klemperer, LTI (Lingua Tertii Imperii) - Notizbuch eines Philologen, Köln 1987

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Re:Claudio Magris: Donau
« Reply #26 on: 29. August 2009, 17.31 Uhr »

Was die Wertschätzung Primo Levis angeht, stimme ich zu; aber ich gebe zu bedenken, ob er das Grauen wirklich überlebt hat (denn schließlich hat er es irgendwann nicht mehr tragen können und den Freitod gewählt - wie andere,

wobei es bei Primo Levi unsicher ist, ob es Selbstmord war oder ein Unfall; siehe hier. Außerdem: Kertész, Semprún, Elie Wiesel und Ruth Klüger leben.

Liebe Grüße
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« Last Edit: 29. August 2009, 17.37 Uhr by mombour »
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Re:Claudio Magris: Donau
« Reply #27 on: 29. August 2009, 18.34 Uhr »
Ja, Entschuldigung, man darf da nicht aufrechnen... - aber es hat sehr viele (auch namenlosere) Fälle gegeben, in denen noch nach Jahren und Jahrzehnten die Auswirkungen dieses Grauens sich verhängnisvoll zeigten (es gibt ja auch die Forschungen über die Kinder dieser Generation, die oft unter dem Schweigen litten).

Und einer, der das Grauen wirklich bewältigt hat und sein Überstehen des Ganzen sogar in positive Kraft umgemünzt hat war ja der Psychologe Viktor E. Frankl.

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Re:Claudio Magris: Donau
« Reply #28 on: 29. August 2009, 19.00 Uhr »
Hallo!

Ein außergewöhnlich kluges Kapitel - "Kyselak", benannt nach einem Registraturakzessisten, der seinen Namen allüberall an der Donau in Ölfarbe hinterlassen hat. Von ihm, der auch Reiseskizzen geschrieben hat heißt es u. a.:
Quote from: Magris
Kyselak ist einer jener Verächter der Massen, die noch heute überaus zahlreich, einer neben dem anderen zusammengedrückt im überfüllten Autobus oder auf der Autobahn im Stau stehen und sich, einer wie der andere, für Bewohner sublimer Einsamkeiten oder raffinierter Salons halten und dabei, einer wie der andere, den jeweiligen Nachbarn verachten, ohne zu ahnen, daß ihnen mit gleicher Münze heimgezahlt wird, oder aber jemandem zublinzeln, um ihm zu verstehen zu geben, daß sie in diesem Gedränge die einzig auserwählten, geistvollen Seelen seien, gezwungen, den engen Raum mit der Herde zu teilen.

Und weiter:
Quote from: Magris
Der standardisierte Hochmut gegenüber der Masse ist ein typisches Massenverhalten. Wer von der allgemeinen Dummheit spricht, sollte wissen, daß er nicht dagegen immun ist, denn manchmal schläft auch der gute Homer; er sollte sie auf sich nehmen als gemeinsames Risiko und Schicksal der Menschen, und sich dessen bewußt sein, daß er bisweilen intelligenter, bisweilen dümmer ist als sein Wohnungsnachbar oder sein Gegenüber in der Straßenbahn, denn der Wind weht, wo er will. [...] Die Dummheit ist nicht zuletzt auch ein zeitgebundenes Phänomen, ihre Formen und Konnotationen entsprechen der historischen Situation, sie bedroht somit und betrifft alle und jeden - nicht nur die anderen, wie Kyselak meinte. Der geringschätzige Schriftsteller, der wahllos jeden verspottet, verletzt in Wirklichkeit niemanden, da er sich an jeden seiner Leser wendet und diesen glauben macht, daß er ihn für die einzige intelligente Person in einer Masse von Idioten hält - während er sich dergestalt an eine Masse von Lesern wendet. Die Technik ist im allgemeinen erfolgreich, da der Leser sich als ebenjene Ausnahme empfinden kann, die der Verächter der Masse aus dieser hervorhebt, ohne sich dessen bewußt zu werden, daß der Autor dies ja mit allen seinen Leser macht. Doch die wirkliche Literatur ist nicht die, welche dem Leser schmeichelt, ihn in seinen Vorurteilen und Gewißheiten bestätigt, sondern die, die ihn bedrängt, ihn in Schwierigkeiten bringt und ihn zwingt, seine Welt und seine Selbstsicherheit zu überdenken.

Das hier in aller Ausführlichkeit aus mehr-weniger aktuellem Anlass. Selbst ohne einen solchen wäre es des Zitierens wert, bringt es doch sehr genau die Psychologie des Autors und des Lesers auf den Punkt. Dieser, der sich geadelt fühlt, weil ihm ein mehr an Wissen und Intelligenz konzediert wird (nicht merkend oder nicht registrieren wollend, dass ein solches Hochgefühl fast jedes noch so trivial durch die Welt hampelnde Menschlein zuweilen befällt), jenen, weil er sich mit pseudoklugen Identifikationsfiguren beim prospektiven Kunden anbiedert. Eines der schlechtesten Bücher, die ich je gelesen habe, bedient genau dieses Klischee: Coelhos "Veronika", welche zu sterben beschließt, aber uns leider an ihrem Innenleben bis zum - nicht statthabenden - Freitod auf zweifelhafte Weise teilhaben lässt. Mutatis mutandis kann man hier auch fast alle Hessebücher aufzählen, alle Bücher, welche Künstler- und Geniebiographien erfinden und/oder nacherzählen, die bloß billige Identifikationsmuster anbieten für alle und jeden. Das funktioniert - nicht nur bei Büchern, auch in der Werbung: "Sehr geehrter Herr Josef Meier, wir haben Sie ausgewählt, an unserem exklusiven Gewinnspiel teilzunehmen." Da freut sich der Meier und fühlt sich erhoben, das ist der Ehre fast zu viel, hat er doch immer schon geahnt, etwas Besonderes zu sein.

Zu den manchmal widerspenstigen Satzkonstruktionen Magris': Könnten diese nicht - auch - an der Übersetzung liegen? So seltsam geschachtelte Satzgefüge sind oft dem Bedürfnis geschuldet, den Sinn des Originals möglichst unverfälscht zu übertragen.

lg

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Re:Claudio Magris: Donau
« Reply #29 on: 31. August 2009, 13.57 Uhr »
Hallo!

Mein Vergnügen an der Lektüre wächst, wenn sich auch immer wieder Kapitel finden, die verstiegen und seltsam schwammig den Leser im Unklaren darüber lassen, was ihm da eigentlich mitgeteilt werden soll. "Lukács in Wien" ist ein solches, da finden sich dann Sätze wie diese: "Wien ist die Stadt der Postmoderne, in der die Realität hinter ihrer eigenen Darstellung und hinter ihrer Erscheinung zurücktritt; die feststehenden Kategorien zersetzen sich, das Universale bewahrheitet sich im Transzendenten oder löst sich auf im Ephemeren, der Mechanismus der Bedürfnisse schließlich saugt alle Werte in sich auf." Das klinget so herrlich, das klingtet so schön - aber halt auch ein bisschen nach Tralala, und möglicherweise wird die Feder geführt von einem tatsächlich transzendenten Zwang, der solche Sätze immer dann dem Schreiber abnötigt, wenn er ein Wort wie Postmoderne in einem Absatz verwendet.

Dann wieder Treffliches, z. B. über die Wiener Gruppe. Originalitätstümelei anarchistisch-revolutionärer Prägung, man ist originell dadurch, dass man besoffen an die Wand pinkelt oder das vermeintlich beste Stück vor aller Leute in ein Bierglas steckt. Man ist nonkonform bis zum Exzess und entwickelt in diesem Bemühen um Nonkonformität einen Zwang, der dem ursprünglichen um nichts nachsteht. Sexualität, Nacktheit und Skatologisches in allen Schattierungen eignen sich für solchen Aktionismus hervorragend, diese Dinge stehen taxfrei zur Verfügung. Allerdings sollte bedacht werden, dass man sein nacktes Hinterteil zwar medienwirksam in die Kamera halten kann, ein Arsch aber doch immer nur ein Arsch bleibt. Was denn zumeist als hinreichende Legitimation für künstlerisches Schaffen ein wenig dürftig ist.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

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Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany