Author Topic: Claudio Magris: Donau  (Read 29839 times)

Offline mombour

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Re:Claudio Magris: Donau
« Reply #30 on: 31. August 2009, 20.08 Uhr »
Hallo,

über solchen Kapiteln wie "Lukács in Wien" lese ich hinweg und dann Schwamm darüber. Hier wird über György Lukács geschrieben, und nach der Lektüre dieses Kapitels wissen wir immer noch nicht wer das war. Ich kenne ihn nur als Naphta im Zauberberg. Da gefallen mir Kapitel wie "Froh, gelebt, leicht gestorben" vielmehr (über Grillparzer), weil so ein Vergleich zwischen einem ergreifenden Abschied von einer Welt (Grillparzer: Der arme Spielmann) mit der Welt des alten Wiens für mich viel eingängiger ist, als so ein kommunistischer Philosoph. Im Übrigen gehört Grillparzer nun zu den Autoren, die ich gerne lesen möchte. Die Literaturhinweise, die Magris immer wieder einstreut finde ich bereichernd und machen mich neugierig auf neuen Lesaestoff.

Andererseits begreife ich nicht, warum Magris Arthur Schnitzler, Gustav Mahler und Gustav Klimt ignoriert, stattdessen lieber ins Kriminalmuseum geht oder ins Heeresgeschichtliche Museum um sich die Durchschüsse und Blutflecken von Erzherzog Franz Ferdinand anzusehen. Etwas Morbidität kann man Herrn Magris nicht absprechen. Der Selbstmord Egon Fridells auf einer halben Buchseite, und er zeigt uns in einem 11zeiligen Kapitelchen noch das Haus, in dem sich Weininger erschossen hat.

Ein ernstes tiefgründiges Kapitel über Kaiserin Elisabeth erwartet uns, jenseits der anmutigen Sissi-Figur, die Romy Schneider verkörperte. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob Romy Schneider im Film Gedichte schrieb. Kaiserin Elisabeth schrieb Gedichte um „ihre Unbefriedigtheit in Poesie umzugestalten“. Elisabeth, eine tragische Gestalt, die Sexualität verabscheut „und nur in Sublimierung und in der Abwesentheit lieben kann.“ Wenn man diese Tragik in den Sissi-Filmen berücksichtigt hätte, wäre weniger Kitsch daraus geworden. Vielleicht ziehlte man nur auf Publikumswirksamkeit ab. Regisseur Ernst Marischka war halt meist leichte Muse. Der Kaiserin Gedichte sind Gedichte „der Sehnsucht nach dem, was das Leben nicht ist, aber sein sollte....“ Ihr widerstrebte das Leben als Kaiserin. Sie lebte ein Leben, was gegen ihre eigenen Lebensvorstellungen gerichtet war, darum war sie unglücklich, entfremdete sich von allem und von sich selbst. Wen es interessiert: Brigitte Hamann, die auch eine Biographie über die Kaiserin schrieb, gab ihre Gedichte unter dem Titel „Kaiserin Elisabeth. Das poetische Tagebuch“ heraus.

Liebe Grüße
mombour

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Re:Claudio Magris: Donau
« Reply #31 on: 01. September 2009, 01.45 Uhr »
Hallo mombour,

über solchen Kapiteln wie "Lukács in Wien" lese ich hinweg und dann Schwamm darüber. Hier wird über György Lukács geschrieben, und nach der Lektüre dieses Kapitels wissen wir immer noch nicht wer das war. Ich kenne ihn nur als Naphta im Zauberberg. Da gefallen mir Kapitel wie "Froh, gelebt, leicht gestorben" vielmehr (über Grillparzer), weil so ein Vergleich zwischen einem ergreifenden Abschied von einer Welt (Grillparzer: Der arme Spielmann) mit der Welt des alten Wiens für mich viel eingängiger ist, als so ein kommunistischer Philosoph. Im Übrigen gehört Grillparzer nun zu den Autoren, die ich gerne lesen möchte. Die Literaturhinweise, die Magris immer wieder einstreut finde ich bereichernd und machen mich neugierig auf neuen Lesaestoff.

Letzteres kann ich nur unterstreichen, dass ist das Schöne (aber auch "Bedenkliche") solcher Bücher, dass die Leselisten ins Unermessliche wachsen. - Ich wende mich bei dem Lukács Kapitel nur gegen die Darstellung, nicht gegen die Auswahl.

Andererseits begreife ich nicht, warum Magris Arthur Schnitzler, Gustav Mahler und Gustav Klimt ignoriert, stattdessen lieber ins Kriminalmuseum geht oder ins Heeresgeschichtliche Museum um sich die Durchschüsse und Blutflecken von Erzherzog Franz Ferdinand anzusehen. Etwas Morbidität kann man Herrn Magris nicht absprechen. Der Selbstmord Egon Fridells auf einer halben Buchseite, und er zeigt uns in einem 11zeiligen Kapitelchen noch das Haus, in dem sich Weininger erschossen hat.

Naja, du musst es dem guten Magris schon selbst überlassen, über wen er schreibt ;). Sowohl Blutflecken als auch Kriminalmusuem waren lesenswert - und die gesamten Wiener Schriftsteller zu erwähnen, wäre wohl etwas viel verlangt (es fehlen ja noch zahlreiche des Jungen Wien, außerdem eine Unzahl Philosophen etc.). Da hätte er noch ein paar tausend Seiten anfügen können. Wobei die Kapitel über das Kriminalmuseum oder etwa die Jagd auf dem Zentralfriedhof ohnehin nur den Anlass bieten für weitergehende Betrachtungen. Gerade die sind es, die mir beim Lesen Genuss bereiten.

Dass Magris außerdem Maler weitgehend außen vor lässt, stört mich gar nicht - im Gegenteil: Die Beschreibung von Bildern gehört für mich häufig zum Langweiligsten und Furchtbarsten in Büchern, ebenso von Reliefen, Statuen, Architektur. Ohne Bilder im Buch selbst ist da meistens wenig auszurichten, das sind hilflose Schilderungen über ein wunderbares Erdbeeraroma, das beim Lesen bestenfalls nach altem Kohlrabi schmeckt.

Ein ernstes tiefgründiges Kapitel über Kaiserin Elisabeth erwartet uns, jenseits der anmutigen Sissi-Figur, die Romy Schneider verkörperte. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob Romy Schneider im Film Gedichte schrieb. Kaiserin Elisabeth schrieb Gedichte um „ihre Unbefriedigtheit in Poesie umzugestalten“. Elisabeth, eine tragische Gestalt, die Sexualität verabscheut „und nur in Sublimierung und in der Abwesentheit lieben kann.“ Wenn man diese Tragik in den Sissi-Filmen berücksichtigt hätte, wäre weniger Kitsch daraus geworden. Vielleicht ziehlte man nur auf Publikumswirksamkeit ab. Regisseur Ernst Marischka war halt meist leichte Muse. Der Kaiserin Gedichte sind Gedichte „der Sehnsucht nach dem, was das Leben nicht ist, aber sein sollte....“ Ihr widerstrebte das Leben als Kaiserin. Sie lebte ein Leben, was gegen ihre eigenen Lebensvorstellungen gerichtet war, darum war sie unglücklich, entfremdete sich von allem und von sich selbst. Wen es interessiert: Brigitte Hamann, die auch eine Biographie über die Kaiserin schrieb, gab ihre Gedichte unter dem Titel „Kaiserin Elisabeth. Das poetische Tagebuch“ heraus. "

Hamanns Sachen sind durchaus lesbar, auch wenn sie sich gerne ein wenig nach kommerziellen Überlegungen zu orientieren scheint (aber das muss ja nichts Schlechtes sein). Dass aber Marischka irgendetwas mit der historischen Sissy am Hut hatte, dass ihm auch nur irgendwie an einer kritischen Darstellung gelegen war, wage ich stark zu bezweifeln. Das war unreflektierter Kitsch mit garantiertem Verkaufserfolg im Nachkriegsösterreich und -deutschland, die nach solcher Herz-Schmerz-Romantik nach dem etwas ungustiösen und wenig heiteren 1000jährigen Reich lechzten. Und historisch in einer politisch absolut unbedenklichen Zeit angesiedelt. - Ich bin übrigens erst beim Grillparzerkapitel.

Grüß mir die Walhalla nebst der versammelten geistigen Elite

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Re:Claudio Magris: Donau
« Reply #32 on: 04. September 2009, 10.12 Uhr »
Dass aber Marischka irgendetwas mit der historischen Sissy am Hut hatte, dass ihm auch nur irgendwie an einer kritischen Darstellung gelegen war, wage ich stark zu bezweifeln.
orzifar

Das habe ich ja so auch nicht (schluck) behauptet, habe nur mir dem Gedanken gespielt, was wäre wenn:

Wenn man diese Tragik in den Sissi-Filmen berücksichtigt hätte, wäre weniger Kitsch daraus geworden.

Naja, du musst es dem guten Magris schon selbst überlassen, über wen er schreibt ;). Sowohl Blutflecken als auch Kriminalmusuem waren lesenswert - und die gesamten Wiener Schriftsteller zu erwähnen, wäre wohl etwas viel verlangt (es fehlen ja noch zahlreiche des Jungen Wien, außerdem eine Unzahl Philosophen etc.).

 ;D Ich habe ja nur drei Koryphäen ihres Faches genannt. Übrigens war ich vor Jahren in Wien und habe mir die Ausstellung "Klimt und die Frauen" angesehen, insofern bin ich entschädigt. Für uns als Literatenfreunde ist es natürlich sehr bereichernd, wenn Magris sich über die Literaturen ergießt. :) Wahrlich kann natürlich Magris nicht über alles und jeden reden, sonst ginge es ihm wie Neweklowsky.

Ich wage mal weiter in der Lektüre:

Der Philosoph auf den Cäsarenthron – Marc Aurel. Für den ersten Mann im Staate ist Rom die Vaterstadt, für den Menschen Marc Aurel ist es aber das All. Was für eine Demut jenseits des politischen Machtwahnsinns, er, der Imperator, indem er sich dem All unterstellt, fühlt keinen Unterschied zu den anderen Menschen. Seine „Selbstbetrachtungen“ gehören zur großen Weisheitsliteratur der Menschheit. Kurioserweise, oder ist es Ausdruck seiner Demut, hielt er sich nicht für einen großen Schriftsteller, denn, so sagt uns Magris, er habe sich bei den Göttern bedankt, daß er sich nicht zu den Schriftstellern verirrte.

Eine Burg nach dem anderen auf Hügeln und Bergeshöhen in der Slowakei – sie gehören meist nicht zur slowakischen Geschichte, meist herrschten von den Hüheln herab die Ungarn. Die slowakischen Bauern unterhalb der Hügel lebten in bescheidenen Hütten oder in kleinen Häusern aus Brettern, „die mit Stroh und getrocknetem Mist verputzt wurden". Diese Wohneinrichtungen werden drevenice genannt. Sándor Petöfi (1823-1849), ungarische Nationaldichter, umschreibt den Slowaken in einem Gedicht „als ein Kesselflicker mit roter Nase und verschlissenem Mund.“ Die Slowaken haben eine bedrückende Geschichte, sie waren Verlierer, durch militärische oder politischen Niederlagen ihrer Herrschaftsklasse beraubt. Dass sie Verlierer waren, zeigen auch die Umstände um die 1848er Revolution in Europa. Die Slowaken erbaten bei den herrschenden Ungarn nach mehr grundlegenden Rechten, ungarische Behörden reagierten aber „mit Verhaftungen und harten Repressionsmaßnahmen.“ Mit Gründung der Doppelmonarchie im Jahre 1867 wurden die Slowaken noch mehr unterdrückt, da sie nur „als eine folkloristische Gruppierung innerhalb des ungarischen Volkes“ angesehen wurden. Was für eine Farce. Die Ungarn, die selbst von Fremdherrschaften unterdrückt wurden, hatten die Slowaken unter ihren Fittichen. Man muss Magris dankbar sein, dass er den Lesern der „Donau“ auf diese politischen Verhältnisse bewusst gemacht hat. Welcher durchschnittliche Mitteleuropäer wie ich, kennt schon die Geschichte der Slowakei. Ein vergessenes Land?

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mombour
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Re:Claudio Magris: Donau
« Reply #33 on: 05. September 2009, 21.10 Uhr »
Hallo!

Mittlerweile bin ich in Budapest - und diese Kapitel gehören zum Belanglosesten des bislang Gelesenen. Die Frage nach einem "wechselseitigen Bezug zwischen Seele und Formen" zu stellen hat zwangsläufig tiefsinniges Wortgeklingel zur Folge. In diesen Absätzen voller sinnentleerter Floskeln beginnt Magris immer irgendwelche Varianten der Transzendenz zu entdecken - etwa: "Die Neigung zum Essayismus, die  [...] wenn auch indirekt, nach jener Transzendenz der Bedeutung strebt, die in der Realität zwar unerreichbar bleibt, aber im Bewußtsein ihrer Abwesenheit, in der Sehnsucht nach ihr wieder aufleuchten." Solche Passagen unterlaufen Magris immer dann, wenn er irgendwelche obskuren und willkürlichen Beziehungen zwischen Geistesleben und/oder Landschaft und Architektur zu entdecken sich anschickt, eine Art explodierender Kulturhistoriker, der in seinem Bildungsfundus keine rechte Ordnung zu schaffen vermag und die ganzen Trümmer seines Wissen wild durcheinandermischt.

Anders dort, wo Magris sich an Menschen, Begebenheiten erinnert, z. B. an seinen Lehrer Trani (im Kapitel "Jedem seine Stunde"), der die Dummheit einer Argumentation der Art "ich bin halt so, das ist meine Natur" auf eindrucksvolle Weise ad absurdum führt. In diesen Erinnerungen, den Schlussfolgerungen, Vergleichen gelingt dem Autor eingebettet in seine Donaureise Großartiges. Was ihm jedoch häufig misslingt ist die Verquickung von Bildungsgut und Erlebnis - ganz im Gegenteil etwa zu Sebald, dem bei seinen Reiseberichten niemals derart grausame Passagen wie die oben zitierte unterlaufen. Ich glaube es schon mal erwähnt zu haben: Das eben ist der Unterschied zwischen Schriftsteller und gebildetem Kulturhistoriker.

Zur Figur der Sissy: Ja, tragisch, natürlich. Eine mehr-weniger durchschnittliche Person, die sich nur schwer mit den damals durchaus für viele Frauen typischen beengenden Umständen nicht zurecht gefunden hat. Solche Schicksale wird es sehr viele gegeben haben (nur hat man von ebenso unglücklichen, in Lyrik dilettierenden Bankiersfrauen weniger gehört) - und Freuds "Entdeckung" hysterischer Persönlichkeiten fällt nicht zufällig genau diese Zeit. Genau so viel Freiheit, um sich des gesellschaftlichen Zwangs bewusst zu werden - aber zu wenig, um die eigene Persönlichkeit entfalten zu können.

lg

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Re:Claudio Magris: Donau
« Reply #34 on: 05. September 2009, 22.28 Uhr »
Hallo orzifar,

Die Kapitel über Ungarn zeigen, wie es aus meiner Sicht auch auf das ganze Buch zutrifft, manche Kapitel sind wunderbar herrlich und interesssant, und andere Kapitel wenig -oder nichtssagend. Die Kapitel über Budapest sind leider verzichtbar. Ich habe über vieles hinweggelesen, nichts hat mich ergriffen, ein seltsames, sorry Herr Magris, Geschwafel.

Diese Kapitel sind so schmerzhaft tragisch wie manche Ereignisse der ungarischen Geschichte ;D

Spaß beiseite, woran liegt es? Ich war dreimal in Budapest und verstehe nicht, warum man so gedehnt nichtssagend sagen kann. Ich muss ja inzwischen akzeptieren, dass magris die Malerei weglässt, aber warum er den Literatenkreis Nyugat ignoriert, ist nicht zu begreifen. So ein schönes Café wie das Café New York in Budapest, habe ich selbst in Wien nicht gesehen. Dort trafen sich die großen Budapester Literaten, Thomas Mann war auch mal dort. Was die Künste in Ungarn betrifft, so sind die Ungarn besonders in der Literatur stark. Sicher vieles dieser Literatur kennen wir in Deutschland nicht. In den letzten Jahren ist aber wieder einiges in Deutschland erschienen (nicht nur Márai), aber längst nicht alles. Antiquarisch findet man gewöhnlich ältere DDR-Ausgaben.

Die Kapitel "Im pannonischen Schlamm", über den kroatischen Schriftsteller Miroslav Krleža und das Kapitel "Auf traurige Weise magyarisch" (hier wird, und das ist versöhnlich, auf einige ungarische Schriftsteller und Dichter eingegangen) fand ich am interesssantesten. Hier meine Eindrücke:

Der große ungarische Romancier Mór Jókai (1825-1904) ist geographisch in der heutigen Slowakei geboren. Sein Geburtsort Komárom wird von der Donau geteilt. Der nördliche größere Teil des Ortes liegt in der heutigen Slowakei. Sein Roman – und erzählerisches Werk, dass möchte ich ergänzend erwähnen, umfasste in einer Ausgabe um 1900 120 Bände, Sándor Márai hat eine solche Ausgabe besessen. Als sein Haus 1944 durch den Einmarsch der Nazis in Budapest zerstört wurde, ging auch seine Bibliothek zugrunde. Claudio Magris hat seinen populären Roman „Der Goldmensch“ gelesen. Viele Werke des Autors sind in deutscher Sprache noch antiquarisch zu bekommen. In „Der Goldmensch“ erzählt Mór Jókai eine Donau-Robinsonade, Mihály Timár, reichgeworden und „enttäuscht über seinen zweifelhaften gesellschaftlichen Aufstieg“ findet auf einer unbekannten Donauinsel sein Glück.

In der ungarischen Dichtung wird nicht der „Glanz eines heroischen Ungarn“ gefeiert, sondern sie „denunziert das Elend und das Dunkel des magyarischen Schicksals.“ Petöfi erhebt sich schreibend gegen den Egoismus der Adligen, Endre Ady (1877-1919) schreibt Verse über die „düstere magyarische Erde“. In seinem Gedicht „Die ungarischen Erlöser“, welches Magris auch gelesen hat, spricht er von Tränen, die hier (in Ungarn) salziger sind und die Schmerzen größer als woanders, „da sie sterben würden, ohne jemanden erlöst zu haben“(eine Auswahl Adys Gedichte findet der Interessierte in Endre Ady: Gedichte, Ausgewählt und eingeleitet von László Bóka, Verlag Volk und Welt, Berlin 1965). Der Lyriker Attila Jószef fühlt sich „an den Rand des Universums“ versetzt. Die Dichtung spricht vom Leid des Volkes, von der Schlacht bei Mohacs (1526) bis hin zur Revolution 1956. Die Ungarn fühlen sich als Verlierer, in der Geschichte wurden sie geschlagen, mussten Fremdherrschaften überstehen (Osmanen, Habsburger Monarchie, Verlust von zwei Drittel ihres Staatsgebietes durch den „Friedensvertrag von Trianon“, 1920 u.a.). Trotz der historischen Tragödien sieht Magris in Ungarn nicht eine vergessene Provinz. Die Ungarn haben, wie wir gesehen haben, die Slawen unterworfen, auch die Rumänen. Sie traten also durchaus auch beherrschend auf.

Wer wirklich einen Einblick in die Historie Ungarns gewinnen will, dem empfehle ich das gut lesbare Standardwerk von Paul Lendvai: Die Ungarn, eine tausendjährige Geschichte, Goldmann-Taschenbuch. Ich habe mich in Magris' Ungarnkapiteln oft genug geärgert über schwerlastende Ausdrucksweise des Literaturwissenschaftlers, ohne gewisse Vorkenntnisse wird vieles schwer fassbar. Darum meine Empfehlung der Lektüre von Paul Lendvai.

Doch, doch, einige Kapitel im Donaubuch glänzen, so auch das über kroatischen Schriftsteller Miroslav Krleža (1893-1981). Krleža schildert in seinen Werken die pannonische Welt, über die Volker und Kulturen zwischen Budapest und Zagreb. Das Zentrum seines umpfangreichen Werkes beschäftigt sich mit dem Verfall der Welt des 19. Jahrhunderts. Dieses Kapitel hat mich sehr neugierig auf den Autoren gemacht. Einige Werke sind ja in deutscher Sprache erhältlich. Sein Drama „Die Glembays“ erzählt vom versinken des österreichisch-ungarischen Adels im pannonischen Schlamm. Der Roman „Die Rückkehr des Filip Latinovicz“ wurde von Sartre geschätzt, „der darin eine Parabel auf die Krise der individuellen Identität erkannte...“

Liebe Grüße
mombour

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Re:Claudio Magris: Donau
« Reply #35 on: 12. September 2009, 08.52 Uhr »
Hallo,

"Eine Violine in Mohács", hier spielt sie nicht lustige Zigeunerweisen, sondern melancholiert über das Trauma Ungarns, über die verlorene Schlacht gegen die Türken (1526). Für 400 Jahre ging der souveräne ungarische Staat zugrunde, er wurde ein Spielball zwischen Türken und Habsburgen, Ungarn ein Tummelplatz für Kriegsschlachten. Das nur als kleine Vorstellung, warum Magris hier zu melancholischen Tiefen gereift. Doch noch ein würdiger Abschluss des Ungarnteils. Hier ist Magris den Ungarn quasi zu Leibe gerückt.

Jetzt geht es in den Balkan:

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts retuschierte man auf Bulgariens Karten weiße Flecken. Als der Forschungsreisende Guillaume Lejean, der auch den Blauen und Weißen Nil befuhr, im Jahre 1875 Bulgarien bereiste, waren auf seinem Kartenmaterial „in den Gebieten an der Donau imaginäre Orte“ verzeichnet. Die Orte, die wirklich existierten, wurden weggelassen. Es gab auch Kartographen, die Städte an andere Standorte versetzten, und den Verlauf von Flüssen willkürlich änderten.

Im Kapitel „Unter Lenaus Büste“ schafft es Magris, diverse Autoren sehr liebevoll unter einen Hut zu bringen. In Vršac, z.Zt. als Magris dieses Buch geschrieben hat, war dieser der bedeutendste Ort im jugoslawischen Banat. Heute ist es Serbien. Heute kann man sich nicht mehr im Stadtpark von Vršac auf einer Bank unter Nikolaus Lenaus Büste küssen, wie es in einem Gedicht von Vasko Popa heißt, denn diese Büste befindet sich heute im dortigen Museum. In Vršac ist der ungarische Schriftsteller Ferenc Herczeg geboren, den Magris „ebenso brilliant wie oberflächlich" bezeichnet. Brilliant war er vielleicht, weil z.B in seinem Roman „Die Heiden“ den Kampf verschiedener Völker und Religionen in dieser Gegend aufzeigt, und damit zukunftsweisensend das Problem auch des heutigen Balkan benennt, das Zusammenleben verschiedenster Völkergruppen in einem Land und ihr Bestreben und Mühen, wie man unter solchen Umständen friedlich zusammenleben kann, und wir erinnern uns aus jüngster Geschichte, wie dort das Blut geflossen ist. Schon immer ein explosiver Herd . Herczeg erzählt vom Kampf „zwischen Magyaren und Petschenegen, zwischen dem Kreuz und der heiligen Eiche der Awaren während der Morgendämmerung der ungarischen Geschichte.“ Vasko Popas schrieb zu anfangs auf rumänisch, dann auf serbokratisch.In der jugoslawischen Wojwodina (heute Nordserbien, vor 1920 noch zu Ungarn gehörig), so legte man, 1974 in der Verfassung fest, leben fünf große Völkergruppen zusammen: Serben, Ungarn, Slowaken, Rumänen und Ruthenen, doch, so ergänzt Magris, es gibt dort auch Deutsche, Bulgaren Zigeuner, Bunjewatzen und Schokatzen....und gerade hier zeigt sich, wie kompliziert die Geschichte des Balkans ist. Wo kommen die verschiedenen Völker her, wie und warum wurden Staatsgrenzen geändert? Diese Fragen kann uns nur eine Geschichte des Balkans beantworten. Doch kommen wir nun zu Lenau zurück, dem österreichischen Dichter, der im rumänischen Banat bei Timişoara geboren und „ungarische und slowakische Vorfahren besaß.“ Um ihn ein mikriger Kleinkrieg: Magris schreibt über Adam Müller-Guttenbrunn, dem Verfechter der deutschen Kultur im Banat, der sich im Jahre 1911 dagegen wehrte, als sich die Ungarn den Lenau vereinnamen wollten, ihn Miklós Lenau nennen wollten, einen ungarischen Dichter, der deutsch schreibt. Im Lenau Kapitel streifen wir auch Milo Dor, der in seinem Roman „Nichts als Erinnerung“ eine melancholische Trägheit beschreibt, die der Melancholie Lenaus sehr nahe kommt, dem Lyriker der Einsamkeit, des seelischen Leidens und des Weltschmerzes.

Dein gedenkend irr' ich einsam
Diesen Strom entlang;
Könnten lauschen wir gemeinsam
Seinen Wellenklang!

(Nikolaus Lenau, aus „Das Mondlicht“ )

Liebe Grüße
mombour

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Re:Claudio Magris: Donau
« Reply #36 on: 16. September 2009, 15.18 Uhr »
Hallo,

ich kann mich den von mombour geschilderten Eindrücken fast überall anschließen. Vielleicht bringen es die Kapitel, die sich abermals mit Lukacs beschäftigen, auf den Punkt: Überall dort, wo sein Denken, seine Theorien behandelt werden, wird der Text sperrig und bricht den Lesefluss, während jene Passagen, die vom persönlichen Lukacs berichten, sehr viel spannender, eingängiger sind.

Über einen Satz bin ich gestolpert: Lukacs "ist bereit, seine Seele der Sache zu opfern und dabei alle Schuld, die dadurch entsteht, auf sich zu nehmen." Die "Sache" ist die des real existierenden Kommunismus, aber auch des Stalinismus. Und ich halte es für befremdlich, dass da ein Intellektueller "Schuld auf sich nimmt", sie trägt und leidet in seinem Stübchen, während diese intellektuelle Unterstützung unzählige Leben kostet. Mag sein, dass es Dinge gibt, welche Wert sind, dass man sein Leben dafür hingibt, sehr fragwürdig aber immer, wenn man das Leben anderer für etwas opfert, noch dazu, wenn es sich um eine derart verquaste Idee handelt. Diese intellektuelle Arroganz, die mit Hekatomben rechnet eines vermeintlich besseren Zieles wegen, vergisst, dass auch jedes der so anonym gebrachten Opfer nur eine einzige Chance hatte, einmalig war, ein Opfer, das sogar dann noch seine Fragwürdigkeit behält, wenn es sich um eine sehr viel bessere Sache als den Traum vom proletarischen Paradies handelt.

Dass die Kapitel über die Slowakei, Ungarn mir weniger interessant erschienen liegt auch an der simplen Tatsache, dass ich viele der dort beschriebenen Künstler und Intellektuellen nicht kenne, mir daher der Bezugspunkt fehlt. --- Angesichts der bald darauf stattfindenden Ereignisse wirkt das teilweise idealisierte Bild über das Zusammenleben verschiedener ethnischer Gruppen in der Vojvodina wie ein verquerer Traum. Andererseits ist die für den gesamten Abschnitt namengebende "Großmutter Anka" bereits beispielhaft für die späteren Auseinandersetzungen; sie, mit serbischen Vorfahren, würde sie keinen Serben heiraten, schimpft über Rumänen, Banat-Deutsche, Ungarn und Zigeuner und lobt dieselben wenig später, setzt in seltsamer Beliebigkeit eine Volksgruppe über die andere. Dieses Sammelsurium von Vorurteilen, eingebettet in eine - nur scheinbare - Idylle, verweist prophetisch auf das später über die Region hereinbrechende Unheil.

lg

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Re:Claudio Magris: Donau
« Reply #37 on: 19. September 2009, 07.47 Uhr »

Dass die Kapitel über die Slowakei, Ungarn mir weniger interessant erschienen liegt auch an der simplen Tatsache, dass ich viele der dort beschriebenen Künstler und Intellektuellen nicht kenne, mir daher der Bezugspunkt fehlt.

Ja, das verstehe ich. Mir geht es so mit chinesischer  und afrikanischer Literatur(abgesehen natürlich von Coetzee oder نجيب محفوظ, ach so Mahfuz). Kurz und gut. In Mittel- oder Westeuropa chinesische , afrikanische oder ungarische, rumänische Literatur zu lesen, ist schon speziell. Vielleicht wird das ja aufgelockert, durch den Schwerpunkt China auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Es gab ja schon mal einen Schwerpunkt Ungarn. In den letzten Jahren sind wirklich einige ungarische Autoren in Deutschland ans Tageslicht gekommen oder wurden für den deutschen Sprachraum wiederentdeckt, z.B. Milán Füst, "Die Geschichte meiner Frau"; Géza Ottlik, "Die Schule an der Grenze", Szilárd Rubin, "Kurze Geschichte von der ewigen Liebe" u.a. Schon lange etabliert haben sich Péter Nádas, Imre Kértesz und Peter Esterházy. Trotzdem glaube ich, das ungarische Literatur in Deutschland noch recht speziell ist. Franzosen werden mehr gelesen. Ich bin nur auf ungarische Literatur gekommen, weil mein angetrautes Eheweib ungarisch spricht und ich nichts verstehe, wenn sie ungarisch spricht. Also lese ich hin und wieder ungarische Literatur in deutscher Übersetzung. Wenn jemand mit mir mal einen Magyaren lesen will, stehe ich gerne zur Verfügung.

Dieser Exkurs hat zwar mit dem Buch von Magris direkt nichts zu tun, indirekt aber schon, weil eben die Magyaren - und Balkanliteraten für uns/ für viele Exoten sind (abgesehen  natürlich von Aleksandar Tišma). Magris aber mit seinen Literaturempfehlungen, könnte so manchen Leser diese Literatur schmackhaft machen.

sie, mit serbischen Vorfahren, würde sie keinen Serben heiraten, schimpft über Rumänen, Banat-Deutsche, Ungarn und Zigeuner und lobt dieselben wenig später, setzt in seltsamer Beliebigkeit eine Volksgruppe über die andere. Dieses Sammelsurium von Vorurteilen, eingebettet in eine - nur scheinbare - Idylle, verweist prophetisch auf das später über die Region hereinbrechende Unheil.

Solche Vorurteile gibt es sicher noch.  Ich kenne das aus meinem Familienkreise, dass Banater Schwaben, bzw. Deutschstämmige einen Haß/ bzw. eine Haßliebe gegenüber Rumänien empfinden (..aber nicht das jemand denkt...in meinen vier Wänden wäre das so, gelle)?

Ich gege mal weiter im Buch:

Auf den bulgarischen Erzähler Jordan Raditschkow wirft Claudio Magris einen so herzlichen Blick, dass ich mich schon umgeschaut habe, welche Werke es in deutscher Übersetzung gibt. Raditschkow, „der Sänger von Tscherkaski“, der die in Bulgarien aussterbende Dorfkultur in seinen Erzählungen erhalten hat. Auf den ersten Blick ist der Bulgare ein Pendant zum ungarischen Schriftsteller Zsigmond Móricz (1879-1942), der auf wirklichkeitsnahe Weise vom ungarischen Dorfleben erzählt (ein repräsentativer Erzählband ist „Die Engel von Kiserdö“, Aufbau-Verlag, 1971). Nach dem zu urteilen, was Magris schreibt, scheint Raditschkow aber kein Realist zu sein. Raditschkows mythenbeladene Erzählungen enthalten groteske Szenerien. Aber er hat wohl sie Seele des Dorflebens in seinen Geschichten festgehalten:

"Geschichten, die von Mund zu Mund gehen, die man erfindet, um sich weitschweifig über das Leben zu ergehen...Lügen, die jeder seinen Gevattern erzählt, bis er schließlich selbst Stein und Bein schwört, daß es die reine Wahrheit sei."

In Ruse, was einmal Rutschuk hieß, ist Elias Canetti geboren, eine Stadt mit ockergelben Handelshäusern aus dem 19. Jahrhundert, herschaftlichen Parkanlagen und Häusern aus dem Fin de siècle. Zwischen den zwei Weltkriegen war Ruse die reichste Stadt Bulgariens. Claudio Magris führt uns in Canettis Geburthaus, Canetti „der mit unvergleichlicher Kraft den Wahnsinn unserer Epoche – der jeden Blick auf diese Welt trübt, blendet oder entstellt – erfassen und darstellen sollte.“

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« Last Edit: 19. September 2009, 12.05 Uhr by mombour »
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Re:Claudio Magris: Donau
« Reply #38 on: 28. September 2009, 14.38 Uhr »
Hallo!

Wenig Zeit zum Lesen, noch weniger zum Schreiben. Den Magris habe ich nun beendet, ein durchwachsenes Vergnügen.

Die schon erwähnte teilweise Unkenntnis ungarischer, slowakischer, bulgarischer, serbischer, rumänischer Literatur mag einiges zum Missfallen beigetragen haben. Unabhängig davon häufen sich aber Kapitel, die jenen kritisierten über Lukacs vergleichbar sind. Bzw. man hat den Eindruck, mit einem belesenen Museumsführer durch eine Ausstellung von Büchern und Kunstgegenständen zu wandern, der von allem etwas zu erzählen weiß, dies aber in trocken-akademischer Weise tut und so nur selten zu fesseln vermag. Umso weniger, je größer die Unkenntnis des Beschriebenen ist. Das liest sich häufig wie ein Ausstellungskatalog - und die anfangs positiv erwähnten allgemeinen Betrachtungen verschwinden im Laufe des Erzählens fast ganz.

Das Buch wurde viel gelobt, aber ich habe zum einen meine Zweifel, ob es ein solch hohes Lob verdient, zum anderen vermute ich hinter diesem Lob ein eher psychologisches Phänomen: Man lobt das Dunkle, teilweise Unverständliche, um nicht des Unverständnisses geziehen werden zu können. Wer da kritisiert könnte allzu leicht in den Verdacht kommen, dass es ihm an intellektueller Potenz fehlte, dass der Mangel an kulturhistorischem Wissen zu diesem wenig begeisterten Urteil führt. Weshalb man über die verstiegen-hermetischen Passagen hinweggeht und diese trotz oder wegen ihrer Dunkelheit mit Sinn füllt, wenngleich es auch ein Sinn ist, der nie recht greifbar wird.

Sebald, den ich in diesem Zusammenhang schon mehrfach erwähnt habe, hat ähnliche Literatur verfasst (etwa mit den "Ringen des Saturn"): Und siehe, nirgendwo hat man dort den Eindruck, dass man die Absätze wieder und wieder lesen müsste, um auf ihren (verborgenen?) Sinn zu stoßen, nirgendwo das Gefühl, dass die Klarheit seiner Prosa korrespondieren würde mit mangelndem Tiefgang: Im Gegenteil. Schönheit und Klarheit in der Sprache schließen sich mitnichten aus - und letztere zu erzielen ist sehr viel schwieriger als dem Textfluss einfach seinen Lauf zu lassen. Verschachtelte Satzgefüge (wenn sie nicht Mannscher Provenienz sind) unterlaufen dem Schreibenden, sie aufzulösen, zu glätten, verständlich zu machen und dennoch in keinen platten Schulaufsatzstil zu verfallen ist eine sehr viel größere Kunst als die Sprachungetüme gewähren zu lassen.

Und so ist das pure Vergnügen, das Sebalds Prosa begleitet, hier mehr als getrübt durch Sprache und dem Eindruck, dass Magris auch noch jedes kleinste Bildungsversatzstück an den Mann und Leser zu bringen sucht. Dieses kulturhistorische Wissen wird dann zu einem Erlebnis, wenn es unaufdringlich und still zwischen den Zeilen erscheint, wenn ganz bescheiden die eigenen Gedanken mit einem solchen Hintergrund versehen werden. Vielleicht war Magris um eine solche Bescheidenheit bemüht, gelungen ist ihm dies nur teilweise. Und so gibt es neben Anregendem noch mehr Langweilendes, ein enzyklopädisches Sich-Verbreiten, das mit wachsender Seitenzahl die Ungeduld nährt.

@mombour: Ich mag Abschweifungen und bitte inständig darum, die Zügel schießen zu lassen ;). Und ich habe mich immer wieder (weil mit halbem Fuß in Ungarn lebend) an ungarischer Literatur versucht, allerdings mit geringer Begeisterung. Immer ein wenig zu pathetisch, zu sentimental. Ein Urteil, das aufgrund der Zahl der gelesenen Bücher natürlich keineswegs Anspruch auf Gültigkeit erheben kann, wie denn überhaupt eine Subsumption a la "ungarische" Literatur problematisch sein dürfte. Denn ich zweifle, ob zwei Ungarn so viel mehr (außer der Sprache) miteinander gemein haben wie ein Ungar und ein Österreicher (bzw. Deutscher, Franzose, Serbe, Italiener ...).

Liebe Grüße

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline mombour

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Re:Claudio Magris: Donau
« Reply #39 on: 25. Oktober 2009, 17.01 Uhr »
Sehr geehrter Herr Magris,

am 22. Oktober, einen Tag vor den Gedenkfeiern zur Revolution 1956, Besuch in Móhacs. Der Ticketverkäufer hält uns ein Schwarzweißfoto unter die Nase. Ein Berg von Menschenknochen gefallener Soldaten. Da wird uns mulmig und betroffen gehen wir über das Schlachtfeld. Holzstehlen mit Speerspitzen, dem Tod entgegenwieherne Pferde, eine Todesglocke. Das Hadestor, der Eingang der Gedenkstätte, dieses Eisentor ist den Menschenknochen nachgebildet.

Das heutige Móhacs hat etwa 30 000 Einwohner, das Schlachtfeld liegt zwei Kilometer vor der Grenze zu Serbien. Am Hauptplatz des Ortes eine riesige Kirche, sie hat die Form der Moschee Gazi Khassim in Pécs, die zur chrtistlichen Kirche umbebaut worden ist. Auf der Kuppel der Gazi Khassim Moschee sind Kreuz und Sichel vereint. Das Rathaus von Móhacs sieht mit seinen Kuppeln aus wie ein Sultanpalast. Ungarn heute bestrebt, Frieden zu bewahren, dass sollen die Architektursymbole erzählen. Unser Hotel in Pécs neben der Synagoge. Gegenüber des heiligen jüdischen Hauses, am anderen Ende des Platzes, eine Gyrosbude. Die Kolbászpizza in Móhacs liegt schwer im Magen. Der Magen ein Schlachtfeld.

Mit freundlichen Grüßen
mombour
« Last Edit: 25. Oktober 2009, 17.15 Uhr by mombour »
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe