Hallo orzifar,
Die Kapitel über Ungarn zeigen, wie es aus meiner Sicht auch auf das ganze Buch zutrifft, manche Kapitel sind wunderbar herrlich und interesssant, und andere Kapitel wenig -oder nichtssagend. Die Kapitel über Budapest sind leider verzichtbar. Ich habe über vieles hinweggelesen, nichts hat mich ergriffen, ein seltsames, sorry Herr Magris, Geschwafel.
Diese Kapitel sind so schmerzhaft tragisch wie manche Ereignisse der ungarischen Geschichte

Spaß beiseite, woran liegt es? Ich war dreimal in Budapest und verstehe nicht, warum man so gedehnt nichtssagend sagen kann. Ich muss ja inzwischen akzeptieren, dass magris die Malerei weglässt, aber warum er den Literatenkreis
Nyugat ignoriert, ist nicht zu begreifen. So ein schönes Café wie das
Café New York in Budapest, habe ich selbst in Wien nicht gesehen. Dort trafen sich die großen Budapester Literaten, Thomas Mann war auch mal dort. Was die Künste in Ungarn betrifft, so sind die Ungarn besonders in der Literatur stark. Sicher vieles dieser Literatur kennen wir in Deutschland nicht. In den letzten Jahren ist aber wieder einiges in Deutschland erschienen (nicht nur Márai), aber längst nicht alles. Antiquarisch findet man gewöhnlich ältere DDR-Ausgaben.
Die Kapitel "Im pannonischen Schlamm", über den kroatischen Schriftsteller Miroslav Krleža und das Kapitel
"Auf traurige Weise magyarisch" (hier wird, und das ist versöhnlich, auf einige ungarische Schriftsteller und Dichter eingegangen) fand ich am interesssantesten. Hier meine Eindrücke:
Der große ungarische Romancier Mór Jókai (1825-1904) ist geographisch in der heutigen Slowakei geboren. Sein Geburtsort Komárom wird von der Donau geteilt. Der nördliche größere Teil des Ortes liegt in der heutigen Slowakei. Sein Roman – und erzählerisches Werk, dass möchte ich ergänzend erwähnen, umfasste in einer Ausgabe um 1900 120 Bände, Sándor Márai hat eine solche Ausgabe besessen. Als sein Haus 1944 durch den Einmarsch der Nazis in Budapest zerstört wurde, ging auch seine Bibliothek zugrunde. Claudio Magris hat seinen populären Roman
„Der Goldmensch“ gelesen. Viele Werke des Autors sind in deutscher Sprache noch antiquarisch zu bekommen. In
„Der Goldmensch“ erzählt Mór Jókai eine Donau-Robinsonade, Mihály Timár, reichgeworden und
„enttäuscht über seinen zweifelhaften gesellschaftlichen Aufstieg“ findet auf einer unbekannten Donauinsel sein Glück.
In der ungarischen Dichtung wird nicht der
„Glanz eines heroischen Ungarn“ gefeiert, sondern sie
„denunziert das Elend und das Dunkel des magyarischen Schicksals.“ Petöfi erhebt sich schreibend gegen den Egoismus der Adligen, Endre Ady (1877-1919) schreibt Verse über die
„düstere magyarische Erde“. In seinem Gedicht
„Die ungarischen Erlöser“, welches Magris auch gelesen hat, spricht er von Tränen, die hier (in Ungarn) salziger sind und die Schmerzen größer als woanders,
„da sie sterben würden, ohne jemanden erlöst zu haben“(eine Auswahl Adys Gedichte findet der Interessierte in Endre Ady: Gedichte, Ausgewählt und eingeleitet von László Bóka, Verlag Volk und Welt, Berlin 1965). Der Lyriker Attila Jószef fühlt sich „an den Rand des Universums“ versetzt. Die Dichtung spricht vom Leid des Volkes, von der Schlacht bei Mohacs (1526) bis hin zur Revolution 1956. Die Ungarn fühlen sich als Verlierer, in der Geschichte wurden sie geschlagen, mussten Fremdherrschaften überstehen (Osmanen, Habsburger Monarchie, Verlust von zwei Drittel ihres Staatsgebietes durch den
„Friedensvertrag von Trianon“, 1920 u.a.). Trotz der historischen Tragödien sieht Magris in Ungarn nicht eine vergessene Provinz. Die Ungarn haben, wie wir gesehen haben, die Slawen unterworfen, auch die Rumänen. Sie traten also durchaus auch beherrschend auf.
Wer wirklich einen Einblick in die Historie Ungarns gewinnen will, dem empfehle ich das gut lesbare Standardwerk von Paul Lendvai: Die Ungarn, eine tausendjährige Geschichte, Goldmann-Taschenbuch. Ich habe mich in Magris' Ungarnkapiteln oft genug geärgert über schwerlastende Ausdrucksweise des Literaturwissenschaftlers, ohne gewisse Vorkenntnisse wird vieles schwer fassbar. Darum meine Empfehlung der Lektüre von Paul Lendvai.
Doch, doch, einige Kapitel im Donaubuch glänzen, so auch das über kroatischen Schriftsteller Miroslav Krleža (1893-1981). Krleža schildert in seinen Werken die pannonische Welt, über die Volker und Kulturen zwischen Budapest und Zagreb. Das Zentrum seines umpfangreichen Werkes beschäftigt sich mit dem Verfall der Welt des 19. Jahrhunderts. Dieses Kapitel hat mich sehr neugierig auf den Autoren gemacht. Einige Werke sind ja in deutscher Sprache erhältlich. Sein Drama
„Die Glembays“ erzählt vom versinken des österreichisch-ungarischen Adels im pannonischen Schlamm. Der Roman „Die Rückkehr des Filip Latinovicz“ wurde von Sartre geschätzt,
„der darin eine Parabel auf die Krise der individuellen Identität erkannte...“Liebe Grüße
mombour