Nur ganz kurz und provisorisch - noch kein abschliessendes Résumée: Am Nachwort kaue ich noch herum. Nicht weil ich es so schlecht fände (so begeistert wie Du bin ich allerdings nicht, der Trick kommt mir ein bisschen zu plötzlich, als ob der Autor die Lust am Spiel verloren hätte), sondern weil es für mich die Fiktionsfrage nicht nur verdoppelt sondern gleich verdreifacht.
Perutz macht nach dem Fast- und Ganzgeständnis Ende des 8. Kapitels eine sanfte Wendung Richtung Phantastik, er beginnt eine andere Variation des Themas und der Ich-Erzähler kann sein Kompensationsstück beginnen. _Dass_ es ein solches ist, wird erst aus diesem Nachwort ersichtlich, wodurch das Unbehagen (das mich bei der Darstellung manchmal befiel) nicht als ein Konstrukt erscheint, sondern als plausible psychologische Finte.
Der Herausgeber nennt Yoschens Werk einen "Roman". Das ist er ja auf Yoschens Ebene nicht. Für ihn sind es Erinnerungen (echt oder falsche, das bleibe mal dahingestellt).
Diese letzte Frage ist wohl nicht zu beantworten, das ist selbst im wirklichen Leben eine Gratwanderung (und ich kenne Personen, die sich in genau diesem Graubereich zu bewegen scheinen, wenngleich ich wegen mangelnder Innenansicht nicht feststellen kann, inwieweit sie ihren Konstrukten tatsächlich glauben. Alle Indizien deuten aber darauf hin, dass sie es teilweise wirklich tun.)
Für den Herausgeber ist es ein Roman, aber im Sinne einer von Yosch erdachten Geschichte, nicht im literarischen Sinne. Für mich als Leser nun ist es aber ein Roman im literarischen Sinn. Nur ist dessen Autor nicht Yosch (der sinnigerweise die Vornamen Gottfried und Adalbert trägt), sondern Perutz. Der also auch in seinen Roman hineinguckt, oder?
Hm, ganz vermag ich dein Problem (wenn es denn ein solches sein sollte) nicht nachzuvollziehen. Natürlich sind Herausgeber und Yosch in der Hand von Perutz - und der Herausgeber wird von Perutz genauso zu bestimmten Zwecken instrumentalisiert wie der Baron. (Eine ähnliche, dort aber aufgesetzte, weil eigentlich sinnlose Konstruktion findet man in L_olita: Humbert schreibt, stirbt und ein Herausgeber macht diese Schrift dann der Öffentlichkeit zugängig. Da aber dort kein Spiel mit den Möglichkeiten, Wirklichkeiten betrieben wird, da dort nirgends Zweifel am Stattgehabten angebracht sind - da die Elemente selbstverständlich alle von Nabokov erzählt und verwendet werden, finde ich diese Rahmenhandlung überflüssig.)
Perutz hingegen spielt auf doppelter Ebene: Schon im ersten Absatz stutzt der Leser, denn der Ich-Erzähler gibt vor "nichts zu unterdrücken. Wozu auch?" Aber wer die Wahrheit derart mit Anlauf und plakativ preiszugeben die Absicht kundtut, ist schon mit Vorsicht zu genießen. Dann das Ende des 8. Kapitels: Die - recht triviale - Auflösung des Todes des Schauspielers wird dem Leser angeboten, indem der Erzähler sich kurz zu erinnern glaubt an genau jene Dinge, die der Herausgeber im Nachwort als zutreffend und richtig beschreibt. Und ab Kapitel 9 beginnt das doppelte Spiel: Zum einen ist dem geübten Leser klar, dass alles so einfach nicht gewesen sein kann (er sieht auch am Umfang des Buches, dass da noch etwas kömmt) - und Perutz beginnt einem die zu Beginn etwas sehr seltsam anmutende Geschichte vom "Meister des Jüngsten Tages" unterzujubeln. Zuerst skeptisch, dann - durch die zwar abenteuerliche, aber in sich geschlossene Konstruktion - ist man von all den Abenteuerlichkeiten schließlich überzeugt.
Und im Nachwort des Herausgebers streckt einem Perutz die Zunge heraus: Bäääh, hast du das wirklich alles geglaubt? Diese ganzen Abstrusitäten, Drogenexzesse, irrwitzigen Selbstmorde? Und stellt er nicht gleichzeitig auch diese Auflösung in Frage, treibt er nicht einfach sein Spiel weiter? Könnte es nicht weitergetrieben werden? Ein zusätzlicher Herausgeber berichtet neue Wahrheiten - und dann noch einer und noch einer ... Wann erfahren wir die Wahrheit, ist das nicht wie bei den russischen Babuschkas, dass da immer eine neue auftaucht? (Als Kind hat mich immer die Frage fasziniert, was denn nun sei, wenn ich im Traum einschlafe und abermals träume usf. Wann weiß ich, dass ich in der endgültigen Wirklichkeit angekommen bin, dass ich nicht gerade auf Stufe 4 oder 6 des Träumens eines Traums eines Traums usf. bin?)
Das ist der Grund, weshalb mir die Konstruktion mit dem Herausgeber - ausnahmsweise - gefällt. Denn dies ist kein Kunstgriff eines gefundenen Manuskriptes, die gerade in der Literaturgeschichte in derartigen Mengen und Massen die Schließfächer, Schreibtischschubladen oder geräumigen Manteltaschen bevölkern, das mir manchmal das kalte Grausen (auch ob der Einfallslosigkeit der Dichterlinge) kommt. Dieser Herausgeber ist für die Geschichte wichtig, ohne ihn läge eine bloß spannende Story vor, so aber steckt noch - wie oben beschrieben - sehr viel mehr dahinter. Wir werden mit der Fragwürdigkeit einer Wirklichkeit konfrontiert, von der wir niemals etwas mit Gewissheit sagen können, mit psychologischen Verdrängungsmechanismen, mit unserer eigenen Gutgläubigkeit. Denn - hat des Barons Yosch phantastische Ausgestaltung nicht gerade dadurch Plausibilität erlangt, weil ihm der Leser zu glauben geneigt ist? Bis zum Donnerschlag des Herausgebers? Das ist schon sehr gut gemacht.
lg
orzifar