Hallo!
Ich bin noch nicht ganz so weit gekommen wie ihr, da es mir nicht vergönnt war, mit dem Liegestuhl im Garten zu liegen. Ansonsten habe ich überraschend gut ins Buch gefunden, die letzte Lektüre liegt knapp 20(?) Jahre zurück, allerdings war anderen Dostojewski-Versuchen (etwa mit den Brüdern Karamassov) wenig Erfolg beschieden, ich hab die Zweit- oder Drittlektüre (in meiner Jugend hab ich die ganzen Romane verschlungen) nach der Hälfte abgebrochen.
Zu den Übersetzungen: Obwohl S. Geier einen guten Ruf hat, bin ich nun doch froh, die Ausgabe von Röhl zu haben. Die zitierten Passagen, die einer zweifelhaften Authentizität wegen "berlinern", würden mich unruhig machen, ein solches Übertragen eines spezifischen Idioms in eine andere Sprache ist meist zum Scheitern verurteilt (außerdem: Warum nicht auf Wienerisch, Kölsch, Bayrisch etc.? Hier also ist mir die Hochsprache Röhls lieber.)
Zu den Ausführungen über die Todesstrafe: Ähnliche Stellen findet man bei Dostojewski in fast allen Romanen (sicher in den "Dämonen" und den "Brüdern Karamassov"), was damit zu tun hat, dass er einst zum Tode verurteilt und erst kurz vor der Exekution begnadigt wurde (1849). Diese "Scheinhinrichtung" wurde in vierjährigen Sibirienaufenthalt umgewandelt (Aufzeichnungen aus einem "Toten Haus", ein Buch, das ich in sehr guter Erinnerung habe).
Mein Eindruck bisher: Es ist eine einzige Gesellschaftspersiflage. Die Figuren sind ein wenig lächerlich (etwa die gesamte Familie Jepantschin), das selbstgefällige Verhalten Tozkis wird ebenfalls einer solchen Art ironischer Kritik unterzogen. Der - auktoriale - Erzähler nimmt scheinbar den "verstehenden" Standpunkt ein, es scheint aber unzweifelhaft, dass diese gesamte höhere Gesellschaft in seiner auf Etikette und Gesichtswahrung bedachten Eigenart ihm verwerflich erscheinen, die selbstverständliche Art, in der die Erziehung, das Heranwachsen Nastassja Filipownas (N. P.) beschrieben wird, kann kaum darüber hinwegtäuschen, dass da ein alter Gutsbesitzer beim Anblick einer hübschen 12jährigen beschließt, diese noch ein wenig älter werden zu lassen, um sie dann als gefälliges (eingesperrtes) Liebesspielzeug zu missbrauchen (4 Jahre in einem abgelegenen Ort, in dem der gute Tozki dann Wochen und Monate zu seiner Belustigung verbringt).
Nun geht's darum, das Gesicht zu wahren (moralische Bedenken ob seines Verhaltens kommen weder Tozki selbst noch etwa dem General Jepantschin, wäre N. P. nicht renitent geworden, "unberechenbar", sie würde keine 75 000 Rubel erhalten oder eine entsprechende Heirat offeriert bekommen, der ursprüngliche Plan war ja, sie "nach Gebrauch" an einen Beamten zu verheiraten). Leid tut Tozki sein Verhalten einzig der Konsequenzen wegen (keineswegs die Tat selbst), die sich aus einem möglicherweise entstehenden Skandal ergeben könnten.
Gesellschaftskritik ist für Dostojewski hier aber immer auch eine Kritik jener höheren Schichten, die bedenkenlos das Verhalten der Westeuropäer imitieren. Gegen diesen dekadenten Einfluss hat er sich in den letzten 20 Lebensjahren immer stärker gewandt, er predigte eine neue Orthodoxie, eine Ursprünglichkeit, die ihm in Russland immer verloren zu gehen schien. Myschkin repräsentiert das genaue Gegenteil dieser berechnenden, nur auf den Schein bedachten Welt: Ein Art "tumber Tor", unschuldiger Parzifal und halbe Jesusgestalt. Er entspricht dem Bibelwort, dass man werden solle wie die Kinder, ist ein Mittelding zwischen Einfalt, Offenheit und Herzensgüte. Das Schicksal eines solchen Menschen in der damaligen russischen Gesellschaft darzustellen war wohl eines der Hauptanliegen Dostojewskis.
Nach dem für mich ganz erträglichen Beginn habe ich die Hoffnung, die ganzen 1000 Seiten durchzuhalten.
Liebe Grüße
orzifar