Author Topic: Fjodor Dostojewski - der Idiot  (Read 22527 times)

Offline dora

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Fjodor Dostojewski - der Idiot
« on: 16. Juli 2009, 00.47 Uhr »
Hallo zusammen !
Ich hoffe die Kapitel sind in den verschiedenen Übersetzungen/Ausgaben gleich verteilt.
Bei wunderschönem Wetter habe ich die ersten sechs Kapitel im Garten lesen können.
Nun, die ersten 100 Seiten sind regelrechte „Pageturner“, das gekünstelte Getue der Petersburger Damen bringt mich zum Schmunzeln und das ganze Auftreten sämtlicher bisher erschienener Figuren ist dermaßen gestelzt, dass es operettenhaft auf mich wirkt.
Gefallen fand ich an den Gedanken Myschkins über die Todesstrafe, für so fortschrittlich habe ich Dostojewski bis jetzt nicht gehalten. Die Geschichte mit den Kindern –naja- eine „schöne“ Geschichte, aber vollkommen unglaubwürdig, irgendwie märchenhaft-mystisch. Der gute Myschkin ist ein Kind und die bösen Kinder werden durch ihn gut…das ist mir zu simpel. Grinsen musste ich dennoch, würde heute jemand eine solche Geschichte schreiben, er würde der Pädophilie bezichtigt werden…

liebe Grüße
dora
« Last Edit: 20. Juli 2009, 11.42 Uhr by dora »
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Offline dumbler

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Re:Fjodor Dostojewski - der Idiot
« Reply #1 on: 16. Juli 2009, 05.04 Uhr »
Hallo zusammen,
ich lese eine Übersetzung von Hermann Röhl aus dem Anaconda-Verlag. Ich bin in etwa so weit wie Dora, ebenfalls im Garten gelesen. Brauchte allerdings mehrere Sessions, was hingegen meinem Teint keinen Abbruch tut.
Auffällig ist der Drang dieser Gesellschaft, seriös zu wirken, ansonsten wird man als infantil und idiotisch abgestempelt. (Neben Myschkin wird Lisaweta und General Iwolgin als kindisch bezeichnet) Stell ich mir sehr anstrengend vor. Gut, ich hätte jetzt auch vor einer fremden Gesellschaft nicht mit der Eselsgeschichte angefangen, doch mir kommt Myschkin keineswegs dumm vor. Unüberlegt vielleicht, wenn er Dinge ausplaudert, die ihn nichts angehen, doch vertritt er eine Meinung, wie die zur Todesstrafe.
Die Kindergeschichte finde ich so unglaubwürdig nicht. Myschkin fühlt sich nach eigenen Angaben am wohlsten unter Kindern, da er wohl auch deren Eigenschaften besitzt, zeichnet sich als fesselnder Erzähler aus und kann die Kinder, weil er so denkt und fühlt, zu seinen Gunsten beeinflussen - als "Kindesältester" avanciert er zu deren Führer.
Gefallen haben mir die Frauen im Roman. Einmal nicht dieser unbeholfene Typus , den man sonst vorfindet: die einen Mann benötigen, um sich eine Meinung zu bilden, sondern charakteristische Persönlichkeiten, die zu denken in der Lage sind. Das freut mich.

Gruß,
dumbler

Offline wolves

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Re:Fjodor Dostojewski - der Idiot
« Reply #2 on: 16. Juli 2009, 13.05 Uhr »
Hallo zusammen,

ich lese die Fischer Taschenbuchausgabe in der Übersetzung von Swetlana Geier.

Gestern war wohl der große "im Garten-lese-Tag" Allerdings habe ich es gerade mal bis zum Anfang des zweiten Kapitels geschafft. Im Grunde noch zu wenig um sich einen wirklichen ersten Eindruck zu verschaffen. Interessant die Vorstellung von Myschkin, Rogoschin und Lebedjew.
Ich musste schon arg schmunzeln, als Rogoschin trotz angeblicher heimlicher Abreise bereits von mehreren Personen im Bahnhof erwartet wurde. Das lässt schon einen gewissen Rückschluss auf seinen Charakter zu.

Bei der Geier-Übersetzung ist die Sprache von Rogoschin ziemlich "derb" (meinen noch müden Gehirnzellen fällt gerade kein besseres Wort dafür ein). Er verkürzt ständig Worte und man bekommt schon einen Eindruck von seiner Wesensart.
Z.B. hier ein Satz: "Vor fünf Wochen bin ich genauso wie Sie", er wandte sich an den Fürsten,"mit 'nem kleinen Bündel vorm Vater nach Pskow getürmt, zur Tante: un' dort hat mich's hitzige Fieber umgehauen, der aber is' ohne mich gestorben. (...)"
Myschkin drückt sich im Vergleich dagegen sehr gewählt aus. Wobei er ziemlich vertrauensselig und offen in seiner Art ist.

@Dumbler: Wie ist das eigentlich bei der Übersetzung von Hermann Röhl, kürzt er da auch ab?

Ich hoffe heute Abend im Buch etwas weiterzukommen.

Liebe Grüße
wolves

Offline dumbler

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Re:Fjodor Dostojewski - der Idiot
« Reply #3 on: 16. Juli 2009, 19.25 Uhr »
Hallo wolves,
nein, er kürzt nicht ab. Dein Beispiel wird bei Röhl so formuliert:
"Vor fünf Wochen befand ich mich in demselben Zustand wie Sie jetzt", wandte er sich an den Fürsten, "mit einem einzigen Bündelchen entfloh ich vor meinem Vater nach Pskow zu einer Tante; und dort habe ich am Fieber krank gelegen, und er ist in meiner Abwesenheit gestorben."

Da Geier aber sorgfältiger übersetzt hat, gehe ich davon aus, dass auch Dostojewski abgekürzt hat.
Der Charakter ist trotzdem ersichtlich, insofern er sich vom Besserwisser demonstrativ abwendet.

Gelungen hingegen finde ich die Kommentare des Übersetzers, der uns Leser über Verkleinerungsformen bestimmter Namen unterrichtet und uns russische Ausdrücke und Eigenheiten in Fußnoten "übersetzt", Bibelverse markiert und sogar einen zweideutigen Ausspruch erklärt. Über letzteres kann man gespaltener Meinung sein, aber mir sind jede Hilfsmittel sehr willkommen. Letzten Endes bleibt es jedem selbst überlassen, ob er sie "mitnimmt" oder liegen lässt.

Gruß,
dumbler

Offline orzifar

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Re:Fjodor Dostojewski - der Idiot
« Reply #4 on: 17. Juli 2009, 01.09 Uhr »
Hallo!

Ich bin noch nicht ganz so weit gekommen wie ihr, da es mir nicht vergönnt war, mit dem Liegestuhl im Garten zu liegen. Ansonsten habe ich überraschend gut ins Buch gefunden, die letzte Lektüre liegt knapp 20(?) Jahre zurück, allerdings war anderen Dostojewski-Versuchen (etwa mit den Brüdern Karamassov) wenig Erfolg beschieden, ich hab die Zweit- oder Drittlektüre (in meiner Jugend hab ich die ganzen Romane verschlungen) nach der Hälfte abgebrochen.

Zu den Übersetzungen: Obwohl S. Geier einen guten Ruf hat, bin ich nun doch froh, die Ausgabe von Röhl zu haben. Die zitierten Passagen, die einer zweifelhaften Authentizität wegen "berlinern", würden mich unruhig machen, ein solches Übertragen eines spezifischen Idioms in eine andere Sprache ist meist zum Scheitern verurteilt (außerdem: Warum nicht auf Wienerisch, Kölsch, Bayrisch etc.? Hier also ist mir die Hochsprache Röhls lieber.)

Zu den Ausführungen über die Todesstrafe: Ähnliche Stellen findet man bei Dostojewski in fast allen Romanen (sicher in den "Dämonen" und den "Brüdern Karamassov"), was damit zu tun hat, dass er einst zum Tode verurteilt und erst kurz vor der Exekution begnadigt wurde (1849). Diese "Scheinhinrichtung" wurde in vierjährigen Sibirienaufenthalt umgewandelt (Aufzeichnungen aus einem "Toten Haus", ein Buch, das ich in sehr guter Erinnerung habe).

Mein Eindruck bisher: Es ist eine einzige Gesellschaftspersiflage. Die Figuren sind ein wenig lächerlich (etwa die gesamte Familie Jepantschin), das selbstgefällige Verhalten Tozkis wird ebenfalls einer solchen Art ironischer Kritik unterzogen. Der - auktoriale - Erzähler nimmt scheinbar den "verstehenden" Standpunkt ein, es scheint aber unzweifelhaft, dass diese gesamte höhere Gesellschaft in seiner auf Etikette und Gesichtswahrung bedachten Eigenart ihm verwerflich erscheinen, die selbstverständliche Art, in der die Erziehung, das Heranwachsen Nastassja Filipownas (N. P.) beschrieben wird, kann kaum darüber hinwegtäuschen, dass da ein alter Gutsbesitzer beim Anblick einer hübschen 12jährigen beschließt, diese noch ein wenig älter werden zu lassen, um sie dann als gefälliges (eingesperrtes) Liebesspielzeug zu missbrauchen (4 Jahre in einem abgelegenen Ort, in dem der gute Tozki dann Wochen und Monate zu seiner Belustigung verbringt).

Nun geht's darum, das Gesicht zu wahren (moralische Bedenken ob seines Verhaltens kommen weder Tozki selbst noch etwa dem General Jepantschin, wäre N. P. nicht renitent geworden, "unberechenbar", sie würde keine 75 000 Rubel erhalten oder eine entsprechende Heirat offeriert bekommen, der ursprüngliche Plan war ja, sie "nach Gebrauch" an einen Beamten zu verheiraten). Leid tut Tozki sein Verhalten einzig der Konsequenzen wegen (keineswegs die Tat selbst), die sich aus einem möglicherweise entstehenden Skandal ergeben könnten.

Gesellschaftskritik ist für Dostojewski hier aber immer auch eine Kritik jener höheren Schichten, die bedenkenlos das Verhalten der Westeuropäer imitieren. Gegen diesen dekadenten Einfluss hat er sich in den letzten 20 Lebensjahren immer stärker gewandt, er predigte eine neue Orthodoxie, eine Ursprünglichkeit, die ihm in Russland immer verloren zu gehen schien. Myschkin repräsentiert das genaue Gegenteil dieser berechnenden, nur auf den Schein bedachten Welt: Ein Art "tumber Tor", unschuldiger Parzifal und halbe Jesusgestalt. Er entspricht dem Bibelwort, dass man werden solle wie die Kinder, ist ein Mittelding zwischen Einfalt, Offenheit und Herzensgüte. Das Schicksal eines solchen Menschen in der damaligen russischen Gesellschaft darzustellen war wohl eines der Hauptanliegen Dostojewskis.

Nach dem für mich ganz erträglichen Beginn habe ich die Hoffnung, die ganzen 1000 Seiten durchzuhalten.

Liebe Grüße

orzifar
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Re:Fjodor Dostojewski - der Idiot
« Reply #5 on: 17. Juli 2009, 05.42 Uhr »
Hallo zusammen,
Ich weiß noch nicht, ob ich diese Erzählung als Persiflage auslegen soll. Mir kommt es so vor, als stellen diese höher gestellten Leute was dar, was sie nicht sind. Versuchen sich elegant und elitär zu geben, sind m. E. aber allesamt unreif. Ein bäuerlicher Haufen.

Doras Einwurf, die Szenerie sei operettenhaft, stimme ich insofern zu, als dass sie wie durch Stichwort die Bühne betreten. Aufbrausend, beleidigt, wütend, ... mit armwedelnden Gesten Ausdruck verschaffend. Immer ein klein wenig übertrieben, kommt mir vor. Unterhaltsames Theater.

Nochmal zurück zur Kindergeschichte. Mir gefällt Myschkins moderne "Erziehungsmethode", Kinder wie Erwachsene zu behandeln, ihnen keine Lügen und ausweichende Antworten zu liefern. Ein sehr fortschrittlicher Gedanke. Vielleicht liegt es an seinem Umgang mit ihnen, dass er Einfluss auf sie ausübt?

Gruß,
dumbler

Offline wolves

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Re:Fjodor Dostojewski - der Idiot
« Reply #6 on: 17. Juli 2009, 09.37 Uhr »
Hallo zusammen!

dumbler>Ich weiß noch nicht, ob ich diese Erzählung als Persiflage auslegen soll. Mir kommt es so vor, als stellen diese höher gestellten Leute was dar, was sie nicht sind. Versuchen sich elegant und elitär zu geben, sind m. E. aber allesamt unreif. Ein bäuerlicher Haufen.

So etwas kennt man doch auch vom "richtigen" Leben her. Erst gestern haben sich mein Mann und ich köstlichst über die Selbstdarstellung von Damen der sogenannten oberen Gesellschaft im Fernsehen amüsiert. Interessant dass mir beim anschauen dieses "Theaters der höheren Gesellschaft" dabei ähnliche Gedanken, wie die oben zitierten, durch den Kopf gingen.

Ich selbst bin im Buch leider noch nicht viel weiter gekommen.

Liebe Grüße
wolves

Offline orzifar

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Re:Fjodor Dostojewski - der Idiot
« Reply #7 on: 17. Juli 2009, 13.53 Uhr »
Hallo!

Hoffe nun in den nächsten Tagen mehr Lesestunden einlegen zu können. - Zu der Kindergeschichte: Ob sich derlei in der Realität auch nur ansatzweise zutragen könnte, wage ich zu bezweifeln. Der Einfluss der Eltern, Umgebung etc. ist üblicherweise sehr viel größer als der eines - noch dazu scheel angesehen - Außenseiters; dass sich sämtliche Kinder eines Dorfes aufgrund des Einflusses eines Einzelnen für Unterprivilegierte einsetzen, ist wohl romantischer Traum. Viel wahrscheinlich ist das Verfolgen der Außenseiter (wie zu Beginn beschrieben). Diese Geschichte soll wohl illustrieren, dass der Mensch einen ursprünglich guten Charakter hat, aber sukzessive durch die Gesellschaft verdorben wird, der Fürst als einer, der dieses Ursprüngliche noch nicht verloren hat.

Kinder wie Erwachsene zu behandeln mag oft funktionieren, teilweise richtig sein. Andererseits pflegt man Kinder aber auch dadurch zu überfordern, sie _sind_ eben noch nicht erwachsen und haben auch das Recht, nicht immer diesen Ansprüchen gerecht werden zu müssen. Ich persönlich (bei Personen ab 10 bis 50 +) mit Erziehungs-, Unterrichtsaufgaben betraut gewesen, habe die Erfahrung gemacht, dass allzu viel Ernstnehmen, frei Entscheiden lassen etc. oft gar nicht gern gesehen wird (jedoch kurioserweise: Je älter, je weniger), weil sich eben daraus auch Verantwortung ergibt. (Einer der Sätze, ich ich am häufigsten hörte war "Bitte, sagen Sie, was wir machen sollen"; am liebsten sind den Menschen vollkommen klare, wohl definierte Abgrenzungen, Aufgaben der Art: Wenn ich in diesem Buch diese 50 Seiten auswendig lerne, bekomme ich die entsprechende Note oder Zeugenis. Ob dies nun angeborene oder erlernte Faulheit ist, vermag ich nicht zu sagen. Allerdings funktioniert ein Unterricht, der auf Verstehen - und nicht auswendig lernen - ausgelegt ist, tatsächlich bei Jüngeren wesentlich besser (insofern gebe ich dumbler vollkomen Recht, was das Ernstnehmen betrifft), Ältere, Erwachsene wollen oft gar nicht mehr verstehen, sondern ihr Pensum erfüllen, ohne sich mit Sinn und Gehalt auseinandersetzen zu müssen. So sind also Kinder teilweise leichter "wie Erwachsene zu behandeln" als diese selbst.)

@wolves: Da hast du sicherlich Recht, dass sich die heutige "höhere Gesellschaft" wohl noch um Länger dämlicher benimmt als die dargestellte russische Oberschicht. Überhaupt verliert sich dieser Persiflagecharakter ein wenig, allerdings fand ich den Auftritt des Fürsten bei der Generalin Jepantschina mit diesen irrwitzigen Verweisen auf den "Abt Pafnuti" schon einigermaßen grotesk, hat mich ein wenig an Gogol (etwa "Die Nase") erinnert. (Das wäre doch ein schöner Nick für's nächste Forum: "Der Abt Pafnuti", der noch dazu das alles "eigenhändig" geschrieben hat ;-)).

Und nun kehre ich zu den verzweifelt, fanatisch Liebenden, Verliebten zurück, die schon mit einigem Pathos Zettelchen verschicken (das erinnert auch ein wenig an jugendliche Allüren, allerdings garantiert Verliebtheit auch in höherem Alter - wie man meist aus eigener Erfahrung weiß - für Verhaltensweisen von beachtlicher Blödheit).

Der Abt Pafnuti - äh - orzifar
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Re:Fjodor Dostojewski - der Idiot
« Reply #8 on: 17. Juli 2009, 16.15 Uhr »
Hallo!

Ich habe nun den ersten Teil abgeschlossen mit allen mehr-weniger großen Katastrophen. Die Kurzcharakterisierungen mancher Säufer gefallen mir (Ferdystschenko, der den Fürsten gleich zur Begrüßung auffordert, ihm keinesfalls Geld zu borgen, er werde unfehlbar darum einkommen oder der alte General Iwolgin, Großmeister des Geschichtenerzählens und -erfindens). Diese Darstellungen sind durchaus treffend, ich habe nicht wenige solcher Leute gekannt, auch solche vom Typus Rogoshin, die zu Geld gekommen, gleich einmal die ganze Welt zu Saufgelagen einladen mit allen entsprechenden Wirrnissen (eine femme fatale ist bald gefunden ;-)).

Trotzdem ergeht es mir ein bisschen wie bei Hesse: Das sind Geschichten, Schicksale, Verrückte, denen man im jugendlichen Alter mehr Sympathie und Begeisterung entgegenbringt, das Schaurig-Schöne und Verzweifelt-Romantische dieser Affären verliert sich ein wenig, verliert sich auch bei den Protagonisten, sofern sie ihrem Lebensstil treu bleiben (ein tatsächlich reicher Erbe, der auf die Weise Rogoshins verfuhr, ist heute bloß versoffen, verarmt, Sozialhilfeempfänger, andere wieder schwärmen leicht verfettet auf der Couch von ihrer revolutionären Jugendzeit, die das einzig abenteuerliche Moment ihres Lebens bildete ...) Ich kannte nicht wenig Alkoholiker, die ihren Drang zum Alkohol und Drogen mit Figuren wie J. Roth, Dostojewski (Spieler waren natürlich auch dabei), E. A. Poe, Hemingway oder Bukowski umwoben und beschönigten; allerdings ohne außer der Kunst des Besaufens (Bekiffens etc.) zu irgendwelchen Dingen fähig zu sein.

Liest noch wer außer dem armen Abt Pafnuti?

orzifar
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Offline dumbler

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Re:Fjodor Dostojewski - der Idiot
« Reply #9 on: 17. Juli 2009, 19.06 Uhr »
Hallo orzifar (ich belasse Dich vorerst bei diesem Namen  )
auch ich habe gestern den ersten Teil beendet. Bislang kannte ich von D.s' Schwergewichten nur Schuld und Sühne. In diesem Roman fehlt mir ein wenig die psychologische Finesse, die ich an S.&S. geschätzt hatte. Hier geht es wahrlich turbulent zu, mit von Statisten vollbesetzte Räume, die vom Wesentlichen abzulenken versuchen. Eine Gesellschaft, die bestrebt ist, den Tag herum zu bekommen, sich doch eigentlich langweilen und sich sinnlose Spiele ausdenkt. Sie nehmen sogar eine Einladung einer Frau in Kauf, die sie abstoßend finden. Und auch ich weiß noch nicht recht, was mit ihr anfangen. Traumatisch wegen der bewegten Vergangenheit, die mit friedlichen Artgenossen à la Myschkin nicht zurechtkommt oder das Abenteuer sucht? Der Begriff einer "femme fatale" trifft es wohl.
Mal schauen, wie sich alles entwickelt ...

Gruß,
dumbler

Offline dora

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Re:Fjodor Dostojewski - der Idiot
« Reply #10 on: 17. Juli 2009, 22.58 Uhr »
Hallo zusammen!

Ja, ich lese auch noch mit, noch 30 Seiten bis zum Ende des 1. Kapitel.(ich bin so müde, schlafe beim Lesen dauernd ein :-( )

Kurz zu der Kindergeschichte: Ich habe ja mit einem eigenen aber hauptsächlich mit fremden Kindern zu tun... Kinder sollen nicht wie Erwachsene gehandelt werden, da gebe ich Orzifar recht, denn sie sind es eben nicht und haben auch das Recht Kinder zu sein. Ernst nehmen, respektieren: selbstverständlich. Ob Kinder (Menschen) von Natur aus gut sind, wie Rousseau es meinte, kann ich nicht sagen, aber dass Kinder im Durchschnitt im Grundschulalter in bestimmten Situationen viel lieber grausam, egoistisch und rücksichtslos sind, das kann ich bestätigen. Deshalb war mir Myschkins Geschichte zu märchenhaft.

Meine Ausgabe enthält überhaupt keine Kommentare, nur eine Auflistung der vollen Namen (was doch manchmal hilfreich ist ;-) )

Quote
orzifar>Gesellschaftskritik ist für Dostojewski hier aber immer auch eine Kritik jener höheren Schichten, die bedenkenlos das Verhalten der Westeuropäer imitieren. Gegen diesen dekadenten Einfluss hat er sich in den letzten 20 Lebensjahren immer stärker gewandt, er predigte eine neue Orthodoxie, eine Ursprünglichkeit, die ihm in Russland immer verloren zu gehen schien. Myschkin repräsentiert das genaue Gegenteil dieser berechnenden, nur auf den Schein bedachten Welt.

In Leonid Zypkins "Ein Sommer in Baden-Baden" wird Dostojewskis Verachtung für alles Westliche ganz ausgeprägt dargestellt. Turgenjews Unterhaltung mit Bekannten über das Liebesleben einer Fürstin kommentiert D.: „sie, diese, mit Verlaub gesagt, fortschrittlichen Geister, Literaten!“
Sein Aufenthalt in Baden-Baden ist ein einziger Alptraum wegen dem amoralischen Benehmen der "Ausländer": Betrüger, Egoisten, Gottlosen,....

Nastassja Filippowna finde ich interessant als Figur. Sie scheint als einzige den Durchblick zu haben und weiß die Herren der Schöpfung zum Narren zu halten. Trotzdem finde ich die ganze Geschichte eher trivial. Welcher wird der Mann sein, der sie wirklich liebt?

Quote
dumbler>Sie nehmen sogar eine Einladung einer Frau in Kauf, die sie abstoßend finden.

Meinst du das wirklich?  ;)

liebe Grüße
dora (ich werde am Wochenende wohl ganz offline sein, hoffe aber ein bisschen schneller mit dem Lesen voran zu kommen)
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Offline orzifar

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Re:Fjodor Dostojewski - der Idiot
« Reply #11 on: 18. Juli 2009, 00.25 Uhr »
Hallo!

Rousseau fiel mir bei Myschkins Kindergeschichte auch sofort ein. Aber dessen Theorie vom "guten Wilden" darf denn doch als widerlegt gelten.

Im übrigen scheint mir der Fürst gar nicht so sehr ein von "Natur aus" guter Mensch zu sein, zumindest scheint er die Abgründe zu kennen und vermag auch andere Personen sehr gut einzuschätzen. Vielmehr spricht er oft Dinge aus, die man in der Gesellschaft sich zu verschweigen angewöhnt hat und unterscheidet sich dadurch von den anderen. Aber seine Äußerungen lassen darauf schließen, dass er die Abgründe eines Gawrila oder Rogoshin nachvollziehen kann, dass sie ihm nicht völlig fremd sind. (Im Unterschied dazu gibt es auch Menschen, denen solches nicht einmal theoretisch vorstellbar ist. Das sind häufig Personen, die irgendwie schutzbedürftig erscheinen, verletzlich, weil sie ohne Bedenken ihr Innerstes nach außen kehren. Vielleicht aber gerade dadurch _nicht_ verletzlich sind. Erinnerung an ein Mädchen, das von einer solchen Herzenseinfalt war: Bei einem Würfelspiel, dessen Regeln das Lügen über bestimmte Werte verlangte, musste sie passen: Jedesmal, wenn sie lügen sollte, wurde sie verlegen und rot bis in die Haarspitzen. Das war zwar einerseits rührend, andererseits haben solch "gute" Menschen (aber nicht gut im Kantschen Sinne) für mich auch einen gewissen Langweiligkeitseffekt.)

Quote from: dora
Nastassja Filippowna finde ich interessant als Figur. Sie scheint als einzige den Durchblick zu haben und weiß die Herren der Schöpfung zum Narren zu halten. Trotzdem finde ich die ganze Geschichte eher trivial. Welcher wird der Mann sein, der sie wirklich liebt?

Hält sie die Herren wirklich zum Narren? Oder nicht vielmehr sich selbst? Sie scheint mir eher ein selbstquälerischer Typ zu sein, jemand, der sich selbst verachtet aufgrund ihrer Vergangenheit, wenngleich sie nichts für diese Vergangenheit kann. Der Typus Frau, der sie ständig prügelnde, saufende Männer sucht (und dieselben unfehlbar findet), weil sie sich selbst unwert fühlt, andererseits auch solche Männer häufig zu bessern sucht.

Liebt sie irgendeiner der Verehrer? Gawrila, Rogoshin scheinen sie besitzen zu wollen, auf diese übt sie - kraft ihrer Schönheit und sexuellen Anziehungskraft, deren Grund - auch - in der Verruchtheit ihrer Person liegt - Macht aus; der Fürst will sie "retten", aber liebt er sie? (Ich glaube, wenn der Fürst, der einen irgendwie asexuellen (impotenten?) Eindruck macht, jemanden liebt, dann ist das Aglaja.)

lg

orzifar
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Re:Fjodor Dostojewski - der Idiot
« Reply #12 on: 19. Juli 2009, 17.00 Uhr »
Hallo zusammen,

ich bin leider in den letzten Tagen überhaupt nicht mehr zum lesen gekommen. Ich hoffe, dass es an diesem Wochenende ruhiger wird und ich wenigstens etwas Zeit zum lesen finden werde.

Liebe Grüße
wolves

Offline dumbler

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Re:Fjodor Dostojewski - der Idiot
« Reply #13 on: 19. Juli 2009, 23.02 Uhr »
Auffällig, welche Harmonie der Fürst jedesmal entgegen nimmt, wenn er ein Gespräch beginnt. Das muss an seiner butterweichen, zutraulichen Stimme liegen oder an den ruhigen Gesichtszügen. Er scheint Zutrauen zu wecken.

Quote
der Fürst will sie "retten", aber liebt er sie? (Ich glaube, wenn der Fürst, der einen irgendwie asexuellen (impotenten?) Eindruck macht, jemanden liebt, dann ist das Aglaja.)
Er sagt, er liebe sie aus Mitleid und m.E. unterliegt er auch ihren Reizen. Wie ließe sich sonst erklären, dass er nach der ersten Begegnung wie vom Schlag getroffen das Gleichgewicht verliert? Eine Faszination übt sie bei den Männern aus.

Quote
Meinst du das wirklich?
Ja, sie ist unberechenbar und das ist dieser kalkulierten Gesellschaft nicht geheuer.

Quote
In diesem Roman fehlt mir ein wenig die psychologische Finesse, die ich an S.&S. geschätzt hatte.
Sie entfaltet sich nun doch im 2. Teil und zeigt wohl auch hier ein Kampf mit dem Gewissen. Würde er so viele Gedanken verschwenden, wenn da kein Verlangen zu N. vorhanden wäre? Rogoschins Verfolgung, ein Hirngespinst, hervorgerufen durch den epileptischen Anfall und Konsequenz eines schlechten Gewissens oder wirklich ein manisch Eifersüchtiger, der vor einem Mord nicht zurückschreckt? Ist die "Kreuzbruderschaft" die Vorbereitung einer Falle?

Quote
Kurz zu der Kindergeschichte: Ich habe ja mit einem eigenen aber hauptsächlich mit fremden Kindern zu tun... Kinder sollen nicht wie Erwachsene gehandelt werden, da gebe ich Orzifar recht, denn sie sind es eben nicht und haben auch das Recht Kinder zu sein. Ernst nehmen, respektieren
Genau letzteres meinte ich damit - und Dostojewski wohl auch. Erwachsene machen es sich oftmals einfach, indem sie auf Kinderfragen mit einem "das geht dich nichts an" oder " dafür bist du noch zu jung, das verstehst du nicht" zu antworten. Sie geben sich keine Mühe, dem Kind zuzuhören oder es zu verstehen, werden mit einem "jaja..." abserviert.

Quote
Ich hoffe, dass es an diesem Wochenende ruhiger wird und ich wenigstens etwas Zeit zum lesen finden werde.
Das hoffe ich aber auch ... ;)

Gruß,
dumbler

Offline orzifar

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Re:Fjodor Dostojewski - der Idiot
« Reply #14 on: 20. Juli 2009, 00.38 Uhr »
Hallo!

Quote from: orzifar
der Fürst will sie "retten", aber liebt er sie? (Ich glaube, wenn der Fürst, der einen irgendwie asexuellen (impotenten?) Eindruck macht, jemanden liebt, dann ist das Aglaja.)
Er sagt, er liebe sie aus Mitleid und m.E. unterliegt er auch ihren Reizen. Wie ließe sich sonst erklären, dass er nach der ersten Begegnung wie vom Schlag getroffen das Gleichgewicht verliert? Eine Faszination übt sie bei den Männern aus.

Naja, der Fürst ist ein Weichei und Warmduscher - der verliert schon mal das Gleichgewicht. - Kann man jemand aus Mitleid lieben? Und was wäre das für eine Liebe? Ich jedenfalls würde nicht "aus Mitleid" geliebt werden wollen, auf eine solch "gnädige" Liebe würde ich verzichten. An die Stelle mit dem Mitleid bin ich erst kurz nach meinem letzten Posting gekommen, habe aber die Gefühle des Fürsten offenbar gut antizipiert

Der Fürst weist in dem Gespräch mit Rogoshin auch darauf hin, dass dieser N. P. "grimmig hassen wird für diese seine jetzige Liebe und für all die Qual". Er hasst (und liebt und begehrt) sie eigentlich schon jetzt dafür, er will sie besitzen, um sich für seine Erniedrigung zu rächen. Und bei N. P. ist es ähnlich: Sie meint diese Qual zu verdienen und trennt sich gerade deshalb nicht endgültig von ihrem Verehrer. Grausam das Ganze und mich daran erinnernd, dass ich derart verquere Beziehungen erlebt oder mitangesehen habe (mutatis mutandis).

lg

orzifar
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