Gestern früh das Buch zugeschlagen. Es war ein zäher Kampf, und ich frage mich rückblickend, womit er die doch fast 1000 Seiten gefüllt hat. Hatte die Geschichte eigentlich einen roten Faden oder waren es nicht vielmehr kleine Episoden zur Vervollständigung eines Charakters dienen.
Die Eigenschaften des Myschkin sind der Bergpredigt entnommen. In der Wiki steht:
"Jesus verknüpft sie mit geistlicher Armut, Trauer, Sanftmut, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, reinem Herzen, Pazifismus und Leidensbereitschaft." Das hat er doch gut umgesetzt. Ob's dem heutigen Leser gefällt, ist eine andere Frage. Auch zur Definition des Mitleids habe ich nachgeschlagen und herausgefunden, dass zu D. Zeit, Mitleid als das höchste soziale Gefühl galt:
"Der mitleidigste Mensch ist der beste Mensch, zu allen gesellschaftlichen Tugenden, zu allen Arten der Großmuth der aufgelegteste. Wer uns also mitleidig macht, macht uns besser und tugendhafter." Somit blieb ihm nichts anderes übrig, als diese Tugend einzubauen. (Ihr seht, ich versuche wirklich, dem Roman einen positiven Anstrich zu verpassen.

)
@Anita: Myschkin kommt als Außenseiter in die Gesellschaft, in der es gilt, gewisse Regeln einzuhalten. Die Regeln sind meist ganz banal, wie vor einer roten Ampel anzuhalten. Myschkin, der zuvor isoliert lebte und kaum Kontakt zur Gesellschaft hatte, versteht die Zeichen nicht, die Ironie, die Lüge, den Profit ... Er findet keinen Eingang in diese Welt. Wir sagen, er verfügt über keinen gesunden Menschenverstand, aber wer gibt vor, was "gesund" ist und was nicht? Selbst die 10 Gebote, die Moral, die Ethik sind das Diktat einer Gesellschaft. Er handelt nach seinem besten Wissen und Gewissen, kennt das Negative, das Aggressive nicht, weil er aufwuchs ohne die Beeinflussung, den Eingriff der Gesellschaft. Seine Handlungen gehen nicht konform mit den auferlegten Regeln und deshalb muss er, wie bei einem Brettspiel, austreten. Wer nicht mitspielt, ist asozial. "Idiot" deshalb, weil diese Wertung die soziale Haltung, den "Wert", das kleingeistige Verhalten und Denken der Gesellschaft aufzeigt. Die Schwestern Jepantschin bilden diese Gesellschaft, die ihn auslachen, verspotten, die ratlos sind, sich unverständig zeigen. Sie behandeln ihn wie ein Ausstellungsstück, wie eine Attraktion, eine Zirkusnummer. Nastassia hingegen ist selbst eine Außenseiterin, die gegen die Regeln verstößt und passt deshalb besser zu ihm. Die Einschränkung und Korrumpierung seines Denkens und Handelns und das eintretende Gift seiner Umgebung führen dazu, dass er innerlich zerbricht. Er wusste, länger dort und er verliert alles, er musste also weg und zwar dahin, wo es begonnen hat, um wieder von vorne anzufangen, was aber nicht funktionieren wird...
Doch trotz der Ausführungen gelingt es mir nicht, den Roman als unterhaltsam und gelungen zu betrachten. Zu viel Theater, zu viele leere Seiten, zu viele Übertreibungen bei allen Figuren, zu hektisch, zu überlaufen, ... Ein zähes Buch.
Gruß,
dumbler