Hallo!
Ich habe soeben den vierten und letzten Teil begonnen. - Ippolits Testament hat sich als weniger schlimm erwiesen als befürchtet, vor allem aber gefällt mir der Typus Ippolit: Ein Mensch, der ständig das Schauspiel seines eigenen Lebens spielt, eine dramatische Abschiedsvorlesung hält und plötzlich mit den Folgen seines eigenen Spielens konfrontiert wird: Und so sich selbst zu Handlungen zwingt, die er eigentlich nicht vornehmen will, die ihm bloß in der Vorstellung romantisch erscheinen. Dann aber findet er nicht mehr den Ausweg aus diesem Flirt mit dem Morbiden - und muss Selbstmord begehen. Was denn auch - damit's nicht übertrieben wird mit der Dramatik - scheitert.
Schlimm das Ende des dritten Buches, auch die verschiedene Liebesschwüre, Stelldicheins im Morgenrot etc. Und Romantik allüberall, Verzeihen, Vergeben, Herzensergüsse ein ganzer Bottich voll, sodass ich für die nächsten Jahre gehörigen Vorrat angehäuft habe. Wer ernsthaft von "unreinen Gedanken" in "unschuldigen Herzen" schreibt, verdirbt es sich mit mir nachhaltig. Und immer wieder Briefe und Zettel, die jeder an jeden schreibt und jeder jeden lesen lässt (das, so nebenbei, werf ich auch dem "guten" Fürsten vor: Sonst können die ganzen Figuren vor lauter Ehre und Stolz kaum gehen, aber selbst der Fürst findet nichts dabei, Briefe zu lesen, die ihn eigentlich gar nichts angehen. Überhaupt ist er ein Plappermaul: Bereitwillig erteilt er Mama Lisaweta Auskunft über das Treffen mit Aglaja, ohne - das für mich Selbstverständlichste - die gute Mama darauf hinzuweisen, dass sie sich an die Tochter halten soll, wenn sie es so sehr interessiert). Ganz arg aber die Briefe N. P. an Aglaja am Ende des dritten Buches: N. P. hat sich - wenigstens bei mir - alle Sympathien verscherzt, wenigstens ein klein bisschen verruchter und bösartiger hätte sie sich gerieren können. Aber diese Herzensergießungen, die Liebe zum Fürsten und - noch schlimmer - zu der unschuldigen Aglaja, welche so erhaben ist, dass selbst Beleidigungen sie nicht erreichen können usf. - sind kaum erträglich.
Der Beginn des vierten Buches interessant: Dostojewski beschreibt, warum er ein schlechterer Schriftsteller als Gogol ist, er schildert genau seine - mich langweilende - Haltung bei der Auswahl der Figuren: Das Besondere, Außergewöhnlich schickt er sich an darzustellen, das Genie, den Verrückten, über alle Maßen Leidenschaftlichen (eine Unart, die sich auch in der Gegenwartsliteratur hoher Beliebtheit erfreut: Nicht zufällig wählte sich Kehlmann für die Vermessung der Welt Euler und Humboldt). Diese exaltierte, hysterische, "besondere" Personnage nervt, sie wirkt gestelzt, unglaubwürdig. - Dann aber eine schöne theoretische Skizzierung des "durchschnittlichen Menschen", bei dem zwei Fälle unterschieden werden: Der des wenig begabten, der - weil in Unkenntnis seiner mangelnden Fähigkeiten, recht glücklich zu existieren vermag und des "klügeren" Durchschnittsmenschen, der sich ständig mit dem Wunsche nach Originalität plagt, aber dann doch immer wieder scheitert und die Erkenntnis seines mediokren Daseins nicht zu verdrängen vermag. Anschließend eine sehr schöne Darstellung Gawrila Ardalionowitsch Iwolgins (Typus II) - und seiner Versuche, "ein bedeutender Mensch zu werden". Diese Charakterisierung mag mich sehr viel stärker zu überzeugen als etwa die des Fürsten, der unschuldigen Aglaja (oder Koljas, der das gleiche Muster darstellt) oder die missbrauchte N. P. in ihrem Selbsthass nebst gutem Herzen.
Hitzegeplagte Grüße
orzifar